24
– 00:41 Uhr
Der Schaft steckte eine Handbreit unter dem Nacken, etwa in der Mitte des Rückens.
»O Gott, Jens.« Manuela war um den reglosen Körper herumgegangen und blieb nun neben Frank stehen. Fassungslos starrte sie auf Jens’ Rücken.
»Er ist mit einem Schraubenzieher niedergestochen worden«, sagte Frank leise zu ihr.
»Ist er … tot?«
Frank legte Jens zwei Finger an den Hals, dort, wo er die Schlagader vermutete. Doch der Schmerz in der Brust zwang ihn, die Hand wieder zurückzuziehen und sich auf dem Boden abzustützen, um den Oberkörper zu entlasten. Im nächsten Moment spürte er etwas Zähes, Klebriges unter seiner Handfläche. Zunächst ignorierte er es, weil er sich ganz auf den Schmerz konzentrierte.
Dann aber, nach ein paar flachen Atemzügen, wurde ihm bewusst, was er da gespürt hatte. Sofort hob er die Hand, richtete sich ein wenig auf und hockte sich auf die Unterschenkel. Er hielt sich die Handfläche dicht vor die Augen. Sie war schwarz. Er spürte, wie etwas langsam über seinen Handballen lief, dann über das Handgelenk und zum Unterarm. Blut. Er hatte sich in einer Blutlache abgestützt. Jens’ Blut. Sofort wischte er hastig die Handfläche an der kratzigen Decke ab, was sich gleich mit einem erneuten Stich in der Brust rächte. Er wunderte sich, dass ihm bei dem Gedanken, was er da gerade an die Decke schmierte, nicht übel wurde. Vorsichtig rückte er ein Stück von Jens ab, darauf bedacht, der Blutlache auszuweichen. Sehen konnte er das Blut auf dem Boden nicht, alles um ihn herum war schwarz.
Frank versuchte erneut, den Puls an Jens’ Hals zu ertasten. Er hatte so etwas noch nie gemacht und war nicht sicher, ob er an der richtigen Stelle fühlte. Nachdem er die Position der Finger ein bisschen verändert hatte, spürte er plötzlich ein leichtes Pochen. »Er lebt«, sagte er.
»Gott sei Dank.« Frank hörte Manuela erleichtert aufatmen. »Glaubst du, das war Torsten?«, wollte sie dann von ihm wissen.
Diese Frage hätte sich Frank am liebsten nicht gestellt. Er sah zu Manuela hoch, in ihr Gesicht, das er nur erahnen konnte. »Ich möchte nicht glauben, dass er es war, aber andererseits haben wir ja selbst gesehen, wie schnell er gewalttätig wird.« Er horchte in sich hinein, auf das, was sein Gefühl ihm sagte. »Also, ja, gut möglich, dass Torsten das getan hat.«
»Und der Punkt? Jens sollte doch hier seinen Punkt bekommen?«
Frank nickte. »Den wird Torsten jetzt haben. Wenn wirklich er das war, dann für diesen Punkt. Dann hat er jetzt zwei Punkte und wird morgen früh hier rauskommen. Wie er es vorausgesagt hat.«
Wieder stöhnte Jens auf, und dieses Mal bewegte sich sein linker Arm. »Jens? Hörst du mich? Jens?« Frank legte ihm eine Hand auf den Arm und hielt ihn fest. »Jens, kannst du mich hören?«
Jens hob den Kopf ein kleines Stück und versuchte zu antworten, doch es waren nur unverständliche Laute, die Frank und Manuela nicht verstehen konnten.
»Jens, wir sind bei dir«, versuchte Frank es erneut. »Kannst du mich hören? Wer hat das getan?«
Doch Jens antwortete nicht mehr, er war wieder bewusstlos.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Manuela. »Wir können ihn doch nicht hier liegen lassen. Die Ratten …«
Manuela hatte recht, sie mussten Jens irgendwohin schaffen, wo er vor den Ratten sicher war. Frank dachte an die Schlafkammern. Aber da gab es auch noch etwas anderes, Dringenderes. »Kennst du dich ein bisschen in medizinischen Dingen aus?«, fragte er Manuela.
»Ein bisschen vielleicht. Weshalb?«
Frank versuchte die Wunde an Jens’ Rücken genauer in Augenschein zu nehmen, auch wenn er Mühe hatte, bei der Dunkelheit etwas zu erkennen. »Ich überlege, wie wir die Blutung am besten stoppen können. Jens hat schon viel Blut verloren.«
Manuela kniete sich nun neben Frank, sah sich vorher jedoch ängstlich nach allen Seiten um.
»Ich denke, wir müssen den Schraubenzieher herausziehen und die Wunde irgendwie verbinden. Der Schraubenzieher war sicher schmutzig, und es könnte gut sein, dass die Wunde sich entzündet. Ich weiß nicht, wie schnell so was geht, aber ich glaube, dann wird es richtig gefährlich für Jens.«
»Wir brauchen in jedem Fall etwas, womit wir ihn verbinden können.«
Frank schreckte hoch, als er hinter sich ein Geräusch hörte. Er ignorierte den stechenden Schmerz in der Brust, stand auf und sah sich um. Er glaubte, aus dem Gang, in dem die nur noch schwach leuchtende gelbe Linie verlief, Schritte zu hören. »Was war das?«, fragte Manuela nervös.
Frank antwortete nicht, versuchte sich voll und ganz auf die beinahe undurchdringliche Schwärze um ihn herum zu konzentrieren, doch es war nichts mehr zu hören.
»War das Torsten?« Manuela klang nun beinahe panisch.
»Ich weiß es doch auch nicht.« Frank hatte Mühe, nicht selbst in Panik zu verfallen. Er versuchte sich zusammenzureißen. Jens würde verbluten, wenn sie nicht bald etwas unternahmen. Irgendwo in den Gängen lief Torsten herum, und es konnte gut sein, dass er es auch auf sie beide abgesehen hatte. Aber Frank musste eine Entscheidung treffen. Jetzt sofort.
Genau wie damals. Als er entschieden hatte, nichts zu tun und wegzulaufen.
»Hast du ein Taschentuch?«, fragte er Manuela.
»Nein, ich … nur ein gebrauchtes Papiertaschentuch.«
Frank winkte ab. »Dann etwas anderes, hast du ein Unterhemd an?«
»Ja, aber …«
»Das ist gut. Ich ziehe gleich diesen Schraubenzieher aus Jens’ Rücken heraus, und wir brauchen etwas, das wir auf die Wunde pressen können. Etwas, das halbwegs sauber ist.«
»Aber sollen wir nicht zuerst nach etwas suchen, mit dem wir ihn richtig verbinden können?«
»Bis dahin ist er vielleicht verblutet.«
Manuela zögerte. Frank wusste, was sie dachte. Die Kälte. Jedes Kleidungsstück war ein Schutz dagegen.
»Es reicht, wenn wir einen Streifen abreißen. Dann ist es eben ein paar Zentimeter kürzer. Davon erfrierst du nicht gleich.«
Manuela zögerte noch einen Moment, dann nickte sie. »Okay.« Sie hob den langen, stinkenden Kittel hoch, dann den Pullover und das Polohemd, das sie darunter trug. Schließlich zog sie das Unterhemd aus der Hose heraus, hielt ihm den unteren Rand hin und sagte: »Hier.«
Es war schwieriger, ein Stück des dünnen Hemdchens abzureißen, als Frank gedacht hatte. Er musste den Stoff zwischen die Zähne nehmen, um ihn zu bearbeiten. Sein Gesicht war dabei nur noch wenige Zentimeter von Manuelas Haut entfernt. Trotz des stinkenden Kittels nahm er den Geruch ihres Körpers wahr und fühlte sich plötzlich zu ihr hingezogen. Er zerrte mit dem Mund an dem Stoff, was sein Gesicht Manuelas Bauch noch ein Stück näher brachte. Schließlich riss der Stoff etwas ein, und bevor Frank wusste, was er tat, berührte er mit dem Mund für einen kurzen Moment die Haut neben ihrem Nabel. Es war wie ein Stromstoß, der durch seinen Körper fuhr, und schnell zog er den Kopf wieder zurück, verwirrt und noch unter dem Eindruck dieses auf solch eigenartige Weise erotischen Momentes. Frank hoffte, dass Manuela nichts bemerkt hatte. Er war wohl verrückt geworden! Warum tat er das? Fühlte er sich etwa zu Manuela hingezogen? Oder war es ihrer Situation zwischen Hoffen und Verzweiflung geschuldet? Er fand auf die Schnelle keine Erklärung, deshalb versuchte er das Ganze so gut es ging zu überspielen.
»Jetzt sollte es gehen«, wandte er sich an Manuela, ohne ihr dabei ins Gesicht zu sehen. Er hätte ihre Konturen sowieso kaum erkannt und sie seine ebenso wenig. »Jetzt kannst du bestimmt einen Streifen abreißen.«
»Aber warum versuchst du es nicht selbst? Du hast doch schon angefangen.«
»Nein, mach du das bitte.« Frank ging neben Jens’ Kopf vorsichtig in die Hocke und tastete an Jens’ Hals herum, nur, um etwas zu tun. Ein ratschendes Geräusch war zu hören, dann hielt Manuela ihm einen etwa zehn Zentimeter breiten und halben Meter langen Stoffstreifen hin.
Frank nahm ihn und faltete ihn in mehreren Lagen übereinander, so dass eine Art Kompresse entstand. Dann legte er ihn auf Jens’ Rücken, unterhalb der Stelle, an der der Schraubenzieher steckte. Er kniete sich vorsichtig neben Jens, um besseren Halt zu haben.
»Am besten kniest du dich auf die andere Seite neben seinen Kopf«, wies er Manuela an. »Wenn ich den Schraubenzieher rausgezogen habe, presst du den Stoff sofort fest auf die Wunde. Okay?«
»Ja, alles klar.«
Frank tastete vorsichtig nach dem Kunststoffgriff und umfasste ihn mit beiden Händen. »Fertig?«
»Ja, fertig.«
Frank begann kräftig an dem Schraubenzieher zu ziehen, und Jens stöhnte laut auf, sein Körper zuckte. Der Schaft steckte fester, als Frank erwartet hatte, aber schließlich löste er sich mit einem schmatzenden Geräusch aus der Wunde und schnellte in Franks Händen nach oben. Der Schwung war so stark, dass Frank mit einem Schmerzensschrei nach hinten kippte und mit der Schulter auf dem Betonboden aufschlug. Bunte Punkte tanzten vor seinen Augen, und für einen Moment glaubte er, das Bewusstsein zu verlieren, doch nach ein paar Sekunden war es besser. Was blieb, was das Stechen in seiner Brust. Keuchend rappelte er sich auf. Als er wieder kniete, sah er, dass Manuela mit beiden Händen den Stoff auf die Wunde drückte.
»Er blutet ziemlich stark, ich hoffe, das wird bald besser. Wir brauchen dringend etwas, um ihn zu verbinden.«
Frank nickte. »Ich gehe jetzt los und suche etwas, das als Verband herhalten kann. Du musst hier bei ihm bleiben.« Frank befürchtete schon, Manuela würde protestieren oder sogar wieder zu schreien anfangen, wenn er sie allein ließ, aber sie sagte nur schwach: »Ja, ich weiß, ich kann die Hände jetzt nicht von der Wunde nehmen. Aber beeil dich bitte.«
»Ich werde noch mal zu dieser Krankenstation gehen«, erklärte Frank, während er damit begann Jens’ Jackentaschen zu durchsuchen. Als er dort nichts fand, schob er seine Hand in Höhe des Gürtels in Jens’ Hosentaschen. »Was tust du da?«, fragte Manuela.
»Sein Handy. Ich brauche sein Handy, wenn ich etwas sehen will.«
In der linken Hosentasche wurde er schließlich fündig. Er vermied es, Jens zu drehen, um besser an die Tasche heranzukommen, und so dauerte es eine Weile, bis er das Gerät aus der Tasche herausbefördert hatte.
Schließlich hielt er das Telefon in der Hand, drückte einen Knopf und stellte zufrieden fest, dass die Displaybeleuchtung noch funktionierte, auch wenn die Akku-Anzeige nur noch vier Prozent anzeigte. Lange würde also auch diese Lichtquelle nicht mehr mitmachen. Frank betrachtete kurz das Hintergrundfoto, ein kitschiger Sonnenuntergang über dem Meer, und schaltete das Telefon aus. Er nahm sich vor, es nur dann zu benutzen, wenn es gar nicht anders ging.
Dann rappelte er sich mühevoll auf. »Vielleicht gibt es in dem Behandlungszimmer doch noch Verbandsmaterial. So genau haben wir ja nicht mehr geschaut, nachdem wir das Stethoskop gefunden hatten.«
»Sei vorsichtig. Irgendwo da in diesen Gängen ist Torsten. Wer weiß, was dem noch alles einfällt.«
»Ich passe auf. Bis gleich.« Frank ging auf die kaum noch sichtbare gelb schimmernde Linie zu und folgte ihr dann in den Gang hinein. Jeder Schritt, den er machte, sorgte für einen Stich in seiner Brust. Selbst der Versuch, besonders vorsichtig aufzutreten, brachte kaum Besserung. Er überlegte, wie er auf dem schnellsten Weg zu der kleinen Krankenstation gelangen konnte, und versuchte, sich die Richtung vorzustellen, in der sie vom Aufenthaltsraum aus gegangen waren. Doch es fiel ihm schwer, sich zu orientieren. Das Einzige, was er sicher wusste, war, dass er nicht weiter der gelben Linie folgen durfte, denn dann würde er zu dem Raum mit dem Beamer kommen. Und von dort ging es nicht mehr weiter. Es half nichts, er würde suchen müssen. Als er den Beamer-Raum fast erreicht hatte und ein Gang nach links abzweigte, bog Frank kurz entschlossen ab und folgte nun dem schmaleren Weg. Mit jedem Schritt, den er nun machte, wurde es um ihn herum dunkler.
Etwa eine Minute später schaltete er das Handy ein. Zweimal endete sein Weg in einer Sackgasse, dann glaubte er, den richtigen Gang gefunden zu haben. Tatsächlich dauerte es nicht mehr lange, und er stand in dem Arztzimmer.
Frank ging jedoch direkt nach nebenan ins Behandlungszimmer, hier hatten sie vorhin noch nicht überall nachgesehen.
Er begann mit seiner Suche im Schrank, in den Fächern, in die sie noch nicht geschaut hatten.
Er wühlte sich durch Broschüren und Heftchen über Hautkrankheiten und Impfstoffe und dann durch übereinandergestapelte Nierenschalen aus verchromtem Blech. Schließlich wurde er tatsächlich fündig. Er würde es zwar nicht wagen, die drei schmutzigen Verbandsrollen, die er in einer kleinen Schublade fand, direkt auf Jens’ offene Wunde zu legen, aber um etwas anderes damit auf der Wunde zu fixieren, dafür waren sie sicher noch brauchbar.
Ein Geräusch hinter ihm ließ Frank herumfahren. Im nächsten Moment schoss etwas auf sein Gesicht zu, dann wurde es dunkel.