14
– 19:40 Uhr
»Nichts. Keine Ahnung, wo die anderen sind. Ich hatte keine Lust mehr, sie zu suchen. Wir machen das anders.«
Torsten blieb neben Frank vor der Werkbank stehen und wühlte mit einer Hand in dem Durcheinander herum, während er mit der anderen das Handy so in die Höhe hielt, dass er etwas sehen konnte. »Da ist sie ja«, sagte er schließlich. »Ich wusste doch, dass ich eben so was gesehen hatte.«
Er hielt Frank seinen Fund auf der ausgestreckten Hand entgegen, doch es dauerte einen Moment, bis er erkannte, dass es sich um ein Stück dunkle Wachskreide handelte. Ohne weitere Erklärung ging Torsten damit in Richtung Wendeltreppe, bückte sich umständlich und schrieb in großen Buchstaben auf den Betonboden: Sind oben! Dann erhob er sich wieder, warf die Kreide achtlos auf die Werkbank zurück und stieg die enge Treppe hinauf. Frank folgte ihm. Als sie oben angekommen waren, fragte er: »Wo hast du eigentlich den Schraubenschlüssel gelassen?«
Torsten sah ihn eine Weile von der Seite an, bevor er antwortete: »Ich hab ihn irgendwo abgelegt. Das Ding war scheißschwer, und wenn mich da unten jemand hätte umnieten wollen, der sich auskennt, hätte der Schlüssel mir sowieso nichts genützt.«
Frank nickte und deutete in den Gang zu ihrer Rechten. »Na dann, lass uns mal losgehen.« Torstens Antwort ließ in ihm ein ungutes Gefühl zurück, aber er schob den Gedanken schnell zur Seite und konzentrierte sich darauf, in der Dunkelheit nicht gegen irgendetwas zu stoßen.
Selbst die Flure, durch die sie zuvor schon gegangen waren, kamen Frank nun unbekannt vor, denn ohne das grüne Leuchten, das mittlerweile fast vollständig verschwunden war, sah alles ganz anders aus. Die Tür, hinter der Frank die Ratten eingeschlossen hatte, erkannten sie nur, weil sie fiepende und schabende Geräusche hörten.
»Scheiße, bald ist es hier stockdunkel«, fluchte Torsten und drehte sich zu Frank um. »Dann sind wir auf die Handys angewiesen. Ich hab keine Lust, dass mein Akku gleich leer ist, weil ich die ganze Zeit meine Beleuchtung benutze. Jetzt gehst du mal vor und schaltest deine ein.«
Frank dachte daran, dass der Akku seines iPhones sowieso nicht furchtbar lange hielt und die Displaybeleuchtung ihn wahrscheinlich rasend schnell leersaugen würde, aber er schaltete es trotzdem ein und ging an Torsten vorbei.
Frank leuchtete in den Gang vor sich. Eine Abbiegung weiter kamen sie an mehreren Türen vorbei, neben denen Schilder mit den Bezeichnungen der Räume angebracht waren. Alle begannen mit dem Wort Referat. Es gab Referate für Ernährung, Kultur, Wirtschaft, Justiz und noch einige mehr. Die Räume dahinter waren in etwa gleich groß und weitestgehend leer. Auf der anderen Seite lagen wieder Schlafräume, in denen allerdings nur jeweils ein Hochbett stand. Dieser Gang stellte sich als Sackgasse heraus, und sie mussten umkehren. Auch in den restlichen Räumen, in die sie hineinsahen, fanden sie nichts, was sie mit der Aufgabe in Verbindung bringen konnten. Sie entdeckten auch ein Arzt-und ein Behandlungszimmer, in dem sich neben einem Bett noch einige veraltete medizinische Gerätschaften befanden. Einige Meter dahinter endete der schmale Gang in einem etwas größeren Raum, an dessen hinterer Wand Frank sofort ein Schild auffiel, auf dem in noch schwach phosphoreszierenden Buchstaben das Wort NOTAUSGANG stand. Franks Herzschlag beschleunigte sich, während Torsten sich an ihm vorbeidrängte. »Na also, das ist doch mal was.«
Frank folgte ihm quer durch den Raum zu einem Durchgang auf der rechten Seite, auf den das Schild zeigte.
Dort angekommen, schaltete Torsten sein Telefon ein und leuchtete damit in einen engen, etwa fünf Meter langen Gang, der nach links abging und in einer schmaleren Version der Eingangstür endete. Mehrere dicke schwarze Schläuche führten an der Wand entlang zu ihr hin, dem Aussehen nach gehörten sie zu einer Hydraulikanlage.
Torsten rüttelte an dem übergroßen, vertikal an der Tür angebrachten Metallbügel. Nichts. Er tastete die Ränder der Tür ab, drückte dagegen, zog erneut, doch sie bewegte sich keinen Millimeter. »Scheiße.« Er drehte sich zu Frank um. »Wäre ja auch zu einfach gewesen.«
Frank deutete auf die schwarzen Schläuche. »Ich denke, der Öffnungsmechanismus funktioniert hydraulisch.«
»Das sehe ich auch«, bellte Torsten. »Na und?«
»Wenn das stimmt, dann muss es hier irgendwo etwas geben, das die Hydraulik steuert.« Frank wandte sich ab und ging in den Raum zurück. Torsten kam hinter ihm her.
Die Vorrichtung war einige Meter neben dem Durchgang an der Wand angebracht. Sie war so auffällig, dass Frank sich fragte, warum sie ihm nicht sofort ins Auge gesprungen war, als er einen ersten Blick in den Raum geworfen hatte.
Eine etwa einen Quadratmeter große eiserne Platte war an der Wand verschraubt. Auf ihr befestigt waren unterschiedlich große Kästchen, unter denen sich wahrscheinlich Ventile befanden. Sie waren über dünne Leitungen miteinander verbunden. Sechs dieser Leitungen liefen parallel zum oberen Ende der Metallplatte und mündeten dort in Kupplungen, auf deren Gegenseiten die schwarzen Hydraulikschläuche abgingen, die an der Wand entlang zur Notausgangstür verliefen. Die gesamte Vorrichtung war in einer Farbe gestrichen, einem dunklen Grau, soweit Frank in der spärlichen Displaybeleuchtung sehen konnte.
Am unteren Ende der Platte war eine etwa 50 Zentimeter lange Eisenstange auf einem weiteren Kasten angebracht. Auf ihr äußeres Ende war ein runder Plastikaufsatz gestülpt, der an eine etwas kleinere Billardkugel erinnerte.
»Das ist es.« Frank sah Torsten an, der neben ihm stand und ebenfalls die Apparatur betrachtete. »Ich denke, es ist ei…«
»Eine manuelle Hydraulikpumpe. Tu nicht so superschlau. Ich habe Kfz-Mechaniker gelernt, mit diesen Sachen kenne ich mich aus. Der Hebel da ist der Pumpmechanismus, mit dem die Tür geöffnet wird. Also: Nicht reden, sondern machen.« Ohne Zögern trat Torsten seitlich an die Apparatur heran und ging etwas in die Knie. Dann legte er beide Hände um den Hebel und begann damit, ihn in einer Pumpbewegung vor und zurück zu drücken. Schon bei der zweiten Wiederholung hörte Frank ein zischendes Geräusch über ihnen. Im nächsten Moment spürte er feine Tropfen auf dem Gesicht, wie Sprühregen, und machte einen großen Schritt zurück. Torsten stieß einen Fluch aus und hörte mit den Pumpbewegungen auf. Er richtete sich auf und fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht. »Was ist das denn für ein verdammter Mist?«
Frank richtete das Display seines Telefons von der Apparatur aus an der Wand entlang nach oben und sah gleich, woher die Flüssigkeit gekommen war. Alle sechs Schläuche, die von der Pumpe abgingen, waren wenige Zentimeter unterhalb der Decke, kurz bevor sie in der Wand verschwanden, durchgeschnitten worden. Aus den unteren Enden tropfte noch immer Öl und lief in zähen, dünnen Rinnsalen die Wand herab. »Dieses Schwein«, sagte Torsten und wischte sich erneut über die Stirn, dieses Mal mit dem Ärmel des Kittels.
»Denkst du, wir können das reparieren?«, fragte Frank. Torsten schüttelte den Kopf. »Vergiss es. Der Öldruck muss hoch sein, um die schwere Tür zu entriegeln. Der drückt beim Pumpen jede reparierte Stelle sofort wieder durch. Da müssten komplett neue Schläuche rein. Keine Chance.«
Frank wollte sich damit nicht zufriedengeben. Hier hatten sie die vielleicht einzige Chance, diesem Wahnsinn zu entkommen und sich und ihre Familien zu retten. Beate. Laura. »Sollen wir es nicht wenigstens mal versuchen?«
»Nein.« Es klang bestimmt. »Wenn du deine Zeit damit vertrödeln möchtest, an diesen Schläuchen rumzubasteln, bitteschön. Aber ohne mich.«
Frank überlegte, dass er ohne Torstens Hilfe nichts würde ausrichten können. Er war ein guter Programmierer und Geschäftsmann, aber seine technischen Fähigkeiten waren eher theoretischer als praktischer Natur.
»Also gut«, gab er es schließlich auf. »Schauen wir uns noch mal um und gehen dann zurück.«
Nachdem sie festgestellt hatten, dass der Raum bis auf die Hydraulikpumpe und ein paar Stühle leer war, beschlossen sie, an den Ausgangspunkt ihrer Erkundungstour zurückzukehren.
Schon vor der letzten Abbiegung sahen sie den schwachen Lichtschein. Als sie den Quergang schließlich erreicht hatten, kamen ihnen Jens und Manuela entgegen.
»Gott sei Dank, da seid ihr ja«, stieß Manuela erleichtert aus und zog Jens am Ärmel seiner dünnen Jacke weiter. Frank fiel auf, dass er sich seltsam ungelenk bewegte. »Wir warten schon eine ganze Weile auf euch und wollten gerade nachsehen, wo ihr steckt.«
Sie erreichten fast gleichzeitig den Eingang zum Aufenthaltsraum, und nun konnte Frank auch erkennen, was mit Jens los war. Er hielt den Kopf gesenkt und presste sich eine Hand gegen die Stirn. Manuela hob ihr Telefon und leuchtete damit sein Gesicht an. Es war blutüberströmt.
»Verdammt, was ist passiert?« Frank ging einen Schritt näher an Jens heran. »Hast du dich gestoßen? Zeig mal her.«
»Ist ’ne Platzwunde.« Jens ließ die Hand sinken, und Manuela hielt ihr Telefon noch dichter vor sein Gesicht, aber Frank konnte nicht viel erkennen, solange alles mit Blut verschmiert war. Er zog ein noch unbenutztes Papiertaschentuch aus der Hose und hielt es Jens hin. »Hier, drück das auf die Wunde. Und dann erzähl, was passiert ist.«
»Ich weiß es nicht genau.« Jens verzog vor Schmerz das Gesicht, als er das Taschentuch gegen die Stirn presste. »Wir waren irgendwo da unten, in einem dieser Räume, in denen überall dicke Rohre verlaufen und in irgendwelche seltsamen großen Metallbehälter münden.«
»Eine Filteranlage, denke ich«, ergänzte Manuela.
»Ja, so was in der Art. Jedenfalls ist da ja mittlerweile alles stockdunkel, wenn man das Telefon ausschaltet.« Er sah kurz zu Manuela und hob die Schultern. »Ich war die ganze Zeit mit meinem Handy vorgegangen und fand, dass Manu auch mal ihres benutzen konnte, weil sonst mein Akku bald leer gewesen wäre.« Aus den Augenwinkeln konnte Frank erkennen, dass Torsten heftig mit dem Kopf nickte, als wolle er damit sagen: Siehst du, Kupfer sieht das genauso wie ich.
»Na ja, ich hab mein Handy ausgeschaltet, aber Manu hatte ihres noch nicht an. Es war einen Moment lang dunkel, und da hab ich was schräg hinter mir gehört, es klang, als ob sich jemand anschleicht. Als ich mich umdrehte, spürte ich eine Bewegung und duckte mich instinktiv zur Seite weg. Dann knallte etwas gegen meine Stirn, und ich bin zu Boden gegangen und hab Sternchen gesehen.«
»Da waren Schritte«, meldete sich jetzt Manuela zu Wort. »Das habe ich deutlich gehört. Aber … ich war so erschrocken, ich hatte Angst und habe total gezittert. Mein Telefon ist mir runtergefallen, und es hat einen Moment gedauert, bis ich es in der Dunkelheit gefunden habe.« Manuela hielt das Telefon so, dass die anderen den Riss sehen konnten, der sich diagonal über das Display zog. »Als ich es endlich angeschaltet hatte, war natürlich niemand mehr zu sehen.«
»Wenn der Schlag mich voll getroffen hätte …«
»Das war dieser Dreckskerl!« Torstens Wut war unüberhörbar.
»Lasst uns mal da reingehen, da können wir uns wenigstens setzen«, schlug Frank vor und griff Jens am Arm.
»Wir sind vorher an einer Krankenstation vorbeigekommen, hier auf der Etage. Vielleicht gibt es da in einem Schrank sogar noch Verbandsmaterial.«
»Eine Krankenstation?«, fragte Manuela und schien mit einem Mal aufgeregt zu sein. »Das … ist ja ein Ding. Ich komme mit, okay, Frank? Vier Augen sehen mehr als zwei, und außerdem ist es besser, wenn keiner hier allein herumläuft, denkst du nicht?«
Frank hatte nicht vorgehabt, allein zur Krankenstation zu gehen, allerdings wusste er nicht, ob es eine gute Idee war, Jens mit Torsten allein zurückzulassen. Er sah zu ihm hinüber. »Okay, Jens?«
Der nickte langsam, beinahe resigniert.
Manuela ging hinter Frank her, und sie sprachen nicht miteinander. Frank musste einmal falsch abgebogen sein und stand plötzlich vor einer Wand, also gingen sie wieder ein Stück zurück und nahmen eine andere Abzweigung. Nach etwa drei Minuten hatten sie die Krankenstation schließlich erreicht. Sie bestand aus einem Arztzimmer mit einem Behandlungsraum links daneben, den man über einen kleinen Durchgang betrat. Im Arztzimmer schloss Manuela hinter ihnen die Tür und lehnte sich dagegen. Sie hatte die Beleuchtung ihres Telefons nun auch angeschaltet, so dass es relativ hell in dem kleinen Raum war. Der ranzige Fettgeruch von Manuelas Kittel stieg Frank in die Nase. Bevor er sie fragen konnte, warum sie die Tür geschlossen hatte, sagte sie leise und beschwörend: »Ich glaube, hier könnten wir finden, was wir suchen.«
»Verbandsmaterial? Na ja, ich hoffe es, deshalb sind wir schließlich hier.«
Sie schüttelte den Kopf, es klang beinahe dramatisch, als sie flüsterte: »Nein, das meine ich nicht. Ich meine … den ersten Punkt.«
»Was? Aber wie kommst du denn darauf?«
Sie ließ ihren Blick von dem kleinen Schreibtisch in der Raummitte zu einem schmalen Regal dahinter und wieder zurück zu Frank wandern. »Das ist ein Arztzimmer, nicht wahr? Mit einem Behandlungsraum.«
»Ähm … ja, ich weiß.«
»Gut. Weißt du noch, wie die Aufgabe lautete?«
»Mir … Warte … Mir schwinden die Sinne. Und dann hieß es …« Mit einem Mal verstand er, was Manuela meinte. Sie sah wohl die Veränderung in seinem Gesicht und nickte. »Ja, ich habe sofort daran gedacht, als du das Krankenzimmer erwähnt hast. Wer kommt zum Einsatz, wenn dir die Sinne schwinden?«
»Ein Arzt«, gab Frank die Antwort, und er fragte sich, warum er vorher nicht selbst auf diese Idee gekommen war, als er zuvor mit Torsten die Räume entdeckt hatte.
»Genau. Und was tut der?«
Franks Gedanken rasten. »Er … na ja, er untersucht mich. Er misst mir den Blutdruck. Mit einem Blutdruckmessgerät …« Sofort ließ er den Lichtschein durch den Raum wandern.
»Warte.« Manuela klang wieder ruhiger. »Der zweite Teil der Aufgabe lautete: Nah am Herzen habe ich das Gesicht einer Ratte. Was ist nah am Herzen bei einer Untersuchung?«
Ohne auf die Antwort zu warten, wandte sie sich ab und begann, das Zimmer genauer in Augenschein zu nehmen. »Ein Stethoskop«, sagte Frank überflüssigerweise und half Manuela bei der Suche. Mit dem Arztzimmer waren sie schnell durch, dort gab es ein paar alte medizinische Fachbücher, Notizblöcke, Stifte und anderes veraltetes Büromaterial, aber keinerlei medizinische Geräte.
»Sehen wir mal nebenan nach.« Manuela ging hinüber ins Behandlungszimmer, das von einem Krankenhausbett und einem hohen weißen Schrank dominiert wurde. Im unteren Teil des Schrankes, der mit zwei flügelartigen Türen verschlossen war, fand Frank als Erstes eine Decke, die er erfreut herausnahm und sich um die Schulter hängte. Die Decke war schwer, sie fühlte sich kratzig an und roch furchtbar, aber das war ihm egal.
Kurz darauf hatte Frank gefunden, wonach sie gesucht hatten. Er zog ein Stethoskop aus einer der oberen Schubladen des Schrankes und hielt es demonstrativ in die Höhe. »Ich hab’s.« Der herunterbaumelnde graue Schlauch erinnerte ihn an den fleischig-dicken Schwanz einer Ratte. Aber es ging nicht um den Schwanz einer Ratte, sondern um das Gesicht.
Manuela ergriff die Membran, betrachtete sie kurz und drehte sie um. Ihr Gesicht veränderte sich, die Anspannung verschwand für einen kurzen Moment und machte einem erleichterten Lächeln Platz. Als sie Frank die Unterseite der Membran entgegenhielt, konnte auch er den Aufkleber darauf sehen, von dem ihm ein Comic-Rattengesicht entgegengrinste.