13
1988
Sie hatte lange, glatte, dunkle Haare. Ihre Zähne leuchteten, wenn sie lächelte und ihr Busen war groß und fest. Sie war neu in der zehnten Klasse, die der Junge nun besuchte. Sie trug enge Oberteile und West-Jeans, die sofort als solche zu erkennen waren. Die Blicke des Jungen sogen sich an dem Mädchen fest, wenn sie mit wippenden Brüsten, perfekten Schenkeln und diesem wunderschön gebräunten Gesicht, das immer ein Lächeln zeigte, das Klassenzimmer betrat (extra ihretwegen war er plötzlich überpünktlich). Wenn sie sich setzte und ihr Haar zurückwarf, mit immer derselben schnellen, dynamischen Bewegung, schob sich ihr T-Shirt nach oben und ein schmaler Streifen Haut kam zum Vorschein.
Der Junge registrierte nicht, dass er sich genau das Mädchen ausgesucht hatte, in das alle anderen Jungen in der Klasse ebenfalls verliebt waren. Der ganze Raum schien zu vibrieren, wenn sie anwesend war. So aufmerksam er sonst als Beobachter war, diese keinesfalls unwesentliche Kleinigkeit entging ihm: dass sie die Wahl hatte. Kein Mädchen, das die Wahl hatte, hatte sich je für ihn entschieden. Eine einfache, bittere Erfahrung, der sich der Junge bereits gestellt und aus der er seine Konsequenzen gezogen hatte. Mit der zweiten oder dritten Garnitur gab er sich nicht einmal in Gedanken ab. Das Thema Mädchen hatte er somit eigentlich abgeschlossen.
Aber diesmal überfielen ihn die Gefühle mit solcher Gewalt, dass seine ausgeklügelten Abwehrstrategien nicht mehr funktionierten. Er musste in Benas Nähe sein, ihre Stimme hören, sie ansehen, sich jedes ihrer Worte und jede ihrer Gesten gleichsam einverleiben, und es war ihm egal, ob die Schemen etwas merkten oder nicht: Sie war der erste Mensch, den er als lebendig empfand. Sie existierte in seinem Bewusstsein als reale Person. Er brauchte sie.
Schon in der zweiten Woche des neuen Schuljahres sprach er sie an. Sie reagierte freundlich, und es stellte sich heraus, dass sie nicht weit weg von ihm wohnte. Sie gingen also künftig zusammen nach Hause, und damit hatte sich der Junge einen nicht zu unterschätzenden strategischen Vorteil verschafft. Einige Wochen lang ging alles gut, und der Junge begann zu träumen: von ihren Schenkeln, die sich öffnen würden, von ihren Brüsten, in die er sich vergraben würde, von ihrer karamellfarbenen, vollkommenen Haut. Dabei traute er sich nicht einmal, sie zu küssen.
Bena schien ihm zu vertrauen, obwohl sie ihn kaum kannte – warum auch nicht? Sie erzählte, dass sie aus der Hauptstadt kam, dass sie umgezogen waren, weil ihr Vater, ein hoch dotierter Wissenschaftler, sich bei einem West-Besuch abgesetzt und sie, ihre Mutter und ihren jüngeren Bruder zurückgelassen hatte. Sie lud ihn zu sich ein; ein paar Mal aß er mit der kleinen, nun verstümmelt wirkenden Familie zu Abend. Die Mutter des Mädchens hatte in derselben Klinik wie seine Mutter eine Stelle als Ärztin gefunden. Sie war ein ganz anderer Typ als seine Mutter: Sie wirkte warmherzig, lustig, manchmal ein wenig chaotisch. Nur in zwei Dingen waren sich die beiden Frauen gleich: Beide tranken weit mehr, als gut für sie war, und beide neigten dazu, wenn der Stoff ihre Zungen gelockert hatte, ihr Leben und ihr Schicksal ausgiebig zu bejammern.
Wenn der Junge einschlief, dachte er an Bena, wenn er aufwachte, lag ihm ihr Name auf der Zunge. Benas Aura umhüllte ihn wie eine Decke, beherrschte sein Leben, seine Träume, selbst wenn sie gar nicht da war. Bena beruhigte ihn, und sie regte ihn gleichzeitig furchtbar auf. Seine Fantasien begannen erneut, ihm wüste Streiche zu spielen. Nächtelang wälzte er sich im Bett, und an den Wochenenden begab er sich wieder auf die Pirsch, obwohl er sich immer noch vor dem Mann fürchtete, der ihn vergewaltigt hatte. Aber die getöteten Tiere brachten sein kochendes Blut nicht zur Ruhe. In seinen Visionen spielten nun weibliche Schemen eine wichtige Rolle. Nackte, unbehaarte Haut, Brüste, Schenkel, Unterleiber. Diese Figuren hatten keine Gesichter, sie waren nur Körper und nur als solche faszinierend.
Um Bena, die diese Bilder in ihm ausgelöst hatte, nichts antun zu müssen, brauchte der Junge Ersatz. Diese Erkenntnis kam so natürlich und folgerichtig, dass sie ihn nicht einmal schockierte. Bena war die Frau, die zu ihm gehörte, seine Gefährtin für immer, mit der er alles teilen wollte. Die anderen aber waren sehr weit weg. Ihre Stimmen erreichten ihn kaum, ihre Gerüche stießen ihn ab, was sie sagten, dachten, fühlten, interessierte ihn nicht. Aber ihre Körper bargen, stellvertretend für Benas, der für ihn tabu war, Geheimnisse, die er ihnen entreißen musste. Er träumte davon, ein schlagendes Herz zu sehen, den kraftvollen Muskel, das Zentrum des Lebens in der Hand zu halten, seine Zuckungen zu spüren. Bei den Tieren war ihm das nie geglückt; sie waren immer viel zu schnell tot gewesen.
Im Arbeitszimmer seines Vaters, das seit dessen Tod fast unberührt geblieben war, fand er ein anatomisches Buch, das er in sein Zimmer mitnahm und in das er sich vertiefte, um nichts falsch zu machen. Denn er würde nicht unendlich viele Gelegenheiten bekommen, bestimmte Fähigkeiten zu üben. Er musste lernen, blitzschnell zu sein. Geschickt zu sein auch in Stress-Situationen. Und er durfte sich nicht von Gefühlen wie Gier und Euphorie überwältigen lassen. Er musste gelassen bleiben. Stark.
Ich bin stark, sagte er zu sich selbst.
Ich kann das.
Er hätte Bena gern in seine kühnen Pläne eingeweiht, aber es schien nie der richtige Zeitpunkt zu sein, und so ließ er es fürs Erste bleiben.
Damals warst du still
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