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1985
Als der Junge dreizehn Jahre alt wurde, fanden die
ersten körperlichen Veränderungen statt, die die Pubertät
einleiten. Seine Genitalien vergrößerten sich, sein Stimme wurde
brüchig, sein Gang plumper, er schoss in die Höhe und hatte ständig
Hunger. Eine Zeit lang ruhten seine merkwürdigen Aktivitäten im
Tierreich, und er fühlte sich fast erleichtert: Sein Körper machte
ihm stärker als je zu schaffen, und das lenkte ihn vorübergehend
ab. Im Rückblick betrachtet gab es damals eine zweite Chance für
ihn, sich der hellen, oberflächlichen, wirklichen Welt zuzuwenden,
in der es Spaß, Freundschaft und Liebe gab.
Wenn auch nicht in seinem direkten Umfeld.
Die Mutter des Jungen hatte sich nach mehreren
Männergeschichten, die enttäuschend, manchmal auch traumatisch
endeten, einen neuen zuverlässigeren Freund gesucht. Er war stumm,
aber voller Verständnis für ihre Bedürfnisse nach Wärme,
Entspannung und Genuss. Er war immer verfügbar und entzog sich nie
mit fadenscheinigen Begründungen. Er schrie nicht herum. Mehrere
Flaschen von ihm lagerten im Eisfach ihres Kühlschranks und wurden
Abend für Abend geköpft. Manchmal leistete ihr dabei ein anderer
Trinker Gesellschaft. Diese Beziehungen erwiesen sich als angenehm
unkompliziert, haltbar und berechenbar, weil körperlich und
seelisch Ausgebrannte in der Regel keine emotionalen Forderungen
mehr stellen.
Eine trügerische Ruhe stellte sich ein. In der
Klinik funktionierte sie weiterhin als gefürchtet penible
Oberärztin und niemand ahnte etwas von ihrem zweiten Leben im
permanenten Rauschzustand. Ihr Gesicht schien glatt und
unangreifbar, denn tagsüber blieb sie selbstverständlich
nüchtern.
Die Schwester des Jungen lebte nun ganz beim Vater
des gemeinsamen Kleinkinds und kam kaum noch in ihr altes Zuhause.
Dem Jungen war das lange Zeit egal gewesen, weil sie nie ein
besonderes Verhältnis zueinander hatten. Doch in letzter Zeit
registrierte er ein neues Gefühl – ausgerechnet er, der sich nie
für andere Menschen interessiert hatte: Einsamkeit. Er ertappte
sich bei dem Wunsch, auch außerhalb des starren Regelwerks der
Schule und der Jungen Pioniere wenigstens ab und zu Leute um sich
zu haben, mit denen man sich unterhalten und austauschen konnte: Er
war auf der Suche nach einem Menschen, der ihn verstand und
eventuell sogar teilnahm an seinem Hobby. Seine gesamte Kindheit
über war der Junge davon ausgegangen, dass es Menschen wie ihn kein
zweites Mal gab. Einerseits schmeichelte ihm die Überzeugung, eine
Art Genie zu sein mit einem einzigartigen Interessengebiet.
Andererseits hätte er gerne bestimmte Freuden mit jemand anderem
geteilt und sich auf diese Weise weniger abseitig gefühlt. Manchmal
träumte er von einem Mädchen, das er in seine Kunst einweihen
würde. Eine Schülerin, dessen Lehrer er sein würde, eine Gefährtin
in seinem Geiste: Diese Vorstellung erregte ihn manchmal so sehr,
dass er glaubte zu platzen.
Langsam begann er, seine Fühler nach dem anderen
Geschlecht auszustrecken. Sein sexueller Appetit wuchs, aber seine
Fähigkeiten, Kontakte zu knüpfen und sich beliebt zu machen,
hielten damit nicht Schritt. Er hatte nie gelernt, auf Menschen
zuzugehen; seine ersten Versuche waren wenig erfolgreich. Auf
andere wirkte er zerfahren und wenig liebenswürdig. Sein
strohblondes Haar war struppig, sein Gesichtsausdruck meistens
ernst mit herabgezogenen Mundwinkeln. Das alles machte keinen
besonders anziehenden Eindruck.
Der Junge war sich dessen allerdings nicht bewusst.
Er hatte nie Freunde gehabt, weil er sich für Gleichaltrige nicht
interessierte, schon gar nicht für Mädchen. Letzteres hatte sich
nun geändert, aber dem Rest der Welt war das egal. Kein Mädchen
reagierte auf seine Annäherungsversuche, keine wollte sich länger
als nötig mit ihm unterhalten. Der Junge verstand das nicht. Er
fragte sich, warum sie ihn nicht wollten. Was machte er falsch? Er
hätte gern jemanden um Rat gefragt, seine Mutter oder einen Lehrer,
aber er hätte nicht gewusst, wie. Er kannte keine Worte für sein
Problem, und es gab auch niemanden, der ihm seine innere Not
angesehen hätte. In dieser Gesellschaft sprach man nicht über so
etwas. Der Alltag war hier zu Lande ein Organisationsproblem, und
man hatte Wichtigeres zu tun, als sich mit Neurosen zu
beschäftigen. Selbst enge Freundschaften waren in vieler Hinsicht
Zweckgemeinschaften. Gibst du mir Schrauben, besorge ich dir
Muttern. Kaufst du Schnaps, kümmere ich mich um eine anständige
Mahlzeit.
Der Junge benahm sich weiterhin grenzenlos
ungeschickt, gefangen in seinem eigenen emotionalen Universum, das
Gefühle anderer nicht registrierte. Er fasste Mädchen an, einfach
so, und wunderte sich, dass sie ihn zurückstießen, manche voller
Zorn, andere mit einem Ausdruck von Angst in den Augen, der ihn so
erregte, dass er nicht aufhören konnte, es immer wieder zu
versuchen. Einige Mitschüler kriegten das spitz und stellten ihn
empört zur Rede. Einmal wurde er sogar verprügelt, aber der Junge
wehrte sich nicht. Es war, als würde er die Schläge nicht spüren.
An diesem Tag ging er nach Hause, den Körper voller Kratzer und
blauer Flecke, und die Verletzungen empfand er als viel weniger
schmerzhaft als die umfassende Ratlosigkeit. Früher hatte man ihn
gemieden und nicht weiter beachtet. Jetzt wurde er zum Sündenbock
der Klasse, das Opfer hämischer Scherze und dadurch unfreiwillig
zum verhassten Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Die Gründe dafür durchschaute er nicht. Doch sein
Überlebenswillen war geweckt: Er verstand, dass es nun in erster
Linie darum ging, erfolgreiches Verhalten von den anderen
abzuschauen. Seine beträchtlichen schulischen Erfolge – lernen fiel
ihm leicht – hatten ihn dieser Notwendigkeit bislang enthoben: Man
ließ ihn in Ruhe, weil er keinen Anlass gab, sich über ihn
aufzuregen. Doch nun hatte sich die Situation geändert. Er musste
erreichen, gemocht zu werden, um seine Bedürfnisse leben zu
können.
Wie ein Forscher beobachtete er das Verhalten
älterer Jungs, mit denen sich die Mädchen seiner Altersklasse
bevorzugt zusammentaten. Er stellte fest, dass die Jungen, die
Mädchen besonders gleichgültig und abschätzig behandelten,
seltsamerweise am meisten umschwärmt waren. Er versuchte, das zu
imitieren, aber der Erfolg war gleich null. Nachts fantasierte er
von der weichen, glatten, unversehrten Haut der Mädchen. Er stellte
sich die Spitze eines Messers vor, das vorsichtig eindrang, und die
purpurroten Blutstropfen, die aus der verletzten Haut tropften.
Jetzt musste ihm niemand mehr sagen, dass er sich auf gefährliches
Terrain begab. Er erschauerte. Tiere waren Tiere, Menschen etwas
ganz anderes. Er schloss die Augen und vollzog Nacht für Nacht den
Schritt, der ihn endgültig vom Rest der Welt trennte. Die Visionen
seiner Kindheit kehrten mit Macht zurück. Schwarze Flügelfiguren
suchten ihn heim und flüsterten ihm Versuchungen ein, in denen es
um Blut und Erkenntnis ging: um das, was sich hinter lächelnden
Masken, unter schimmernder Haut verbarg. Die Wahrheit. Er wehrte
sich nicht länger dagegen.
An den freien Wochenenden ging er wieder auf die
Jagd. So nannte er das mittlerweile für sich, obwohl es nie darum
ging, eine essbare Beute nach Hause zu bringen. Er freundete sich
mit einem alten Mann an, der ganz am Ende der Lagune in einem stets
feuchten und muffigen Haus direkt vor dem dichten Schilfgürtel des
Sees lebte. Der Mann besaß eine alte, aber funktionstüchtige
Schrotflinte und sogar noch Munition. Beides war
Vorkriegsproduktion, funktionierte aber erstklassig und so brachte
der Mann dem Jungen das Schießen bei. Privater Waffenbesitz war
zwar keineswegs erlaubt, aber es gab auf dem Land eine Menge Leute
wie den alten Mann – und kein Mensch regte sich über einen leckeren
Kaninchenbraten auf, solange er nicht wusste, woher er
stammte.
Der Junge erwies sich als geschickt, und der Alte,
dessen Augen immer schlechter wurden, überließ ihm schließlich
seine Waffe ganz. Der Junge begab sich auf die Pirsch und schoss
Rehe, Reiher, Kaninchen, Ratten. Bei jedem erlegten Tier erlebte er
aufs Neue die Lust, einen intakten Körper zu öffnen und zu
betrachten, was sich darin verbarg. Seine eigene wilde
Zerstörungswut, die ihn jedes Mal überfiel, sobald das Messer die
Haut geritzt hatte, bekam er im Lauf der Zeit ganz gut in den
Griff.
Nachts dachte er daran zurück, und die Erregung
ließ ihn aufstöhnen. Die Erinnerung an das Tier vermischte sich mit
den Bildern von weißer Menschenhaut. Tags darauf streifte er wieder
durch den Wald, um diese Bilder zu verscheuchen. Sie waren nicht
nur verboten, sondern durch ein so machtvolles Tabu belegt, dass es
nicht einmal ausgesprochen werden musste. Nachts war der Schritt
aus der Welt heraus leicht, am Tag stellte sich alles in anderem
Licht dar. In seinen wachen Momenten erfasste den Jungen eine Angst
von so elementarer Wucht, dass es ihn schüttelte. Er wusste, seine
Fantasien waren die Fantasien eines Aussätzigen, aber er konnte sie
nicht abstellen. Manchmal überfiel ihn die Furcht vor dem, was in
ihm war, auch nachts, dann stellte er sich um zwei Uhr morgens
unter die kalte Dusche, lief anschließend ins Freie und wälzte sich
im stachligen Gras bis sein ganzer Körper schmerzte. Manchmal lief
er auch die hundert Meter durchs Dorf ans Ufer des stillen
schwarzen Sees und stürzte sich in sein eisiges Wasser.
Aber er ertrank nicht. Er fand immer wieder zurück.
Tapste an Land über den modrigen Grund, der durchsetzt war mit
tückisch spitzen Steinen, aber der Schmerz war ihm willkommen, denn
er ließ ihn vergessen, zwang seine wilden, verführerischen Gedanken
wie Soldaten ins Glied zurück: Schlotternd vor Kälte und
Erleichterung rannte er zurück in sein dunkles Elternhaus,
trocknete sich mit hastigen Bewegungen ab und konnte danach endlich
tief und traumlos schlafen. Am nächsten Morgen fühlte er sich dann
in der Regel erholt und beinahe froh, wenn ihm auch mittlerweile
klar war, dass sich die Gefühle auf diese Weise nur vorübergehend
bändigen ließen. Irgendwann würden sie zurückkommen, und sie würden
wieder eine Nuance kraftvoller sein. Ein weißer Arm mit feinen
blonden Härchen, ein schlanker, wehrlos preisgegebener Hals,
kräftige nackte Beine unter engen Shorts – es brauchte so wenig, um
die schlafenden Hunde in ihm zu wecken. Sie würden ihre Reißzähne
fletschen, seinen Kopf ausfüllen mit ihrem gierigen Brummen und
Knurren. Sie würden sich seiner bemächtigen bis zu dem Augenblick,
wo er sich ihnen ergab, willenlos, weil sie ja doch stärker waren
als sein vernünftiges Ich.
Ein Morgen, einer unter vielen. Noch im Bett, wo er
sich einigermaßen sicher fühlte, schloss er die Augen vor der
Notwendigkeit aufzustehen. Er wusste, gleich würde er die Stimme
seiner Mutter hören, und dann würde ein neuer, harter Tag beginnen.
Er holte tief Luft und überlegte, wie es wäre, wenn er einfach
aufhören würde zu atmen. Er würde sterben. Es wäre ganz leicht. Er
müsste nur jetzt – oder jetzt – oder jetzt – die Luft anhalten.
Oder einfach ausatmen, und es dabei bewenden lassen.
Schritte kamen an sein Bett.
»Wach auf«, sagte seine Mutter. »Schule«. Er schlug
die Augen auf und atmete weiter. Sie stand vor seinem Bett und
bedachte ihn mit diesem müden Blick voller Abneigung, den er ihr
aus voller Seele zurückgab. Ihre Augen waren verquollen, ihr braun
gefärbtes Haar war an den Ansätzen beinahe weiß, ihre Haut war die
einer schweren Trinkerin: fahl, fleckig, alt. Selbst ihr Mund
wirkte eingefallen. Aber eine halbe Stunde später würde sie wieder
aussehen, wie man sie in der Klinik kannte: blitzwach und
unbarmherzig gegenüber jeder Schwäche, jeder Unachtsamkeit.
Nur ihn konnte sie nicht täuschen. Er wusste genau,
wie sie war. Langsam schlug er die Decke zurück – er wusste, dass
sie es hasste ihn nackt zu sehen -, langsam stand er auf und ging
auf sie zu, mittlerweile fast so groß wie sie. Der mit
dunkelbrauner Auslegeware bedeckte Holzboden knarrte unter seinen
Füßen. Seine Mutter senkte den Kopf wie besiegt und wich ihm bis
hinter das Fußende des Betts aus. Das lag an seiner Größe. Bald
würde er auf sie herunterschauen können, und was dann passieren
würde, falls sie ihn weiter so behandelte, würde er nicht sagen
können.
Er ging an ihr vorbei ins Bad. Sein Körper brannte
immer noch vom kalten Bad in der letzten Nacht. Er bekam eine
Erektion. Er schloss die Tür hinter sich ab, rieb ergeben seinen
Schwanz und wartete wie ein Verurteilter auf die schmerzhafte
Explosion, die ihm keine Erleichterung bringen würde.