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Mittwoch, 16. 7., 20.51 Uhr
»Frau Martinez«, sagte Mona, als sie mit Plessen
allein war.
»Ja?«
»Bei der waren wir gerade. Sie haben sie nicht
behandelt, aber mit ihr die -, die Wurzel ihrer Probleme gesucht.
Wie ging das vor sich?«
»Jeder Erfolg beruht auf Erkenntnis«, sagte
Plessen. Mona merkte verwundert, dass er sich von einer Sekunde auf
die andere überhaupt keine Gedanken mehr über seine Frau zu machen
schien. Vielmehr wirkte er plötzlich, als sei er in seinem
tatsächlichen Element. Er sah auf einen Punkt hinter Mona, sein
Gesicht hatte etwas schwärmerisch Beseeltes angenommen.
»Welche Erkenntnis?«, fragte Mona.
»Wir glauben, wir seien autonom, aber wir sind
alles andere als das«, sagte Plessen, und gerade als Mona das
Gefühl hatte, dass er sie kaum noch wahrnahm, fasste er sie wieder
ins Auge. Sein Blick schien sich in ihre Pupillen zu bohren, als
wollte er bis in ihr Inneres sehen. Ein Trick, dachte Mona, und
trotzdem wurde ihr leicht schwindlig, als begebe sie sich auf eine
Reise, von der sie nicht wusste, wohin sie gehen würde.
»Wir sind nicht autonom«, sagte Plessen, als würde
er eine Ballade anstimmen. »Wir sind Mitglieder eines umfangreichen
Netzwerks. Wir kommen auf die Welt und gehören bereits dazu.«
»Welches Netzwerk?«
Wieder lächelte Plessen, und einen Moment lang
wünschte sich Mona, Bauer nicht weggeschickt zu haben. Dann nahm
sie sich zusammen.
»Unsere Familie natürlich«, sagte Plessen. »Vater,
Mutter, Großeltern, Geschwister, Tanten, Onkel, Cousins, Cousinen.
Wir gehören alle dazu. Die Familie drückt uns ihren Stempel
auf.«
»Und?«, fragte Mona.
»Jeder von uns hat eine Rolle in diesem komplexen
Geflecht«, sagte Plessen. »Auf jedem von uns lastet ein Bündel an
Erwartungen, häufig unbewusster Natur. Jeder von uns hat einen
Auftrag zu erledigen, den ihm die Familie als unpersönliches Ganzes
aufgibt. Es ist an uns zu begreifen, worin dieser Auftrag
liegt.«
»Aha«, sagte Mona ratlos. Sie hatte eine Schwester,
Lin, mit zwei Kindern, die sich in der Vergangenheit häufig um
Lukas gekümmert hatte, wenn Mona wieder einmal Überstunden schieben
musste. Dann war da eine Mutter, die ihr restliches Leben in der
Psychiatrie verdämmerte, und ein Vater, der vor mehreren Jahren
gestorben war. Welcher Auftrag sollte da von woher kommen? Sie
fokussierte ihre Gedanken wieder auf den Fall, aber es war gar
nicht so einfach. »Warum sollte das so sein? Ich meine, wie kommen
Sie darauf? Ist das Ihre Theorie, oder...«
»Es ist keine Theorie«, sagte Plessen sanft. »Es
ist einfach die Wahrheit. Ich bin auch nicht derjenige, der sie
entdeckt hat. Ich vertrete sie radikaler als so mancher andere.
Aber viele haben sie bereits erkannt. Psychologen, große
Schriftsteller, Künstler. Sie alle spüren diese Wahrheit.«
»Und dann? Was passiert, wenn man diese Wahrheit
spürt?«
Diesmal lachte Plessen laut heraus, aber es klang
nicht hämisch oder unfreundlich, eher liebevoll. Sein Gesicht war
alt, aber die Art, wie er sich gab, war jugendlich und weise
zugleich. Mona erkannte, dass sie noch nie einen Menschen wie ihn
getroffen hatte. Der Gedanke verunsicherte sie.
»Wenn man die Wahrheit spürt«, sagte Plessen, »ist
man schon einen sehr großen Schritt weiter. Wenn man sie in Worte
fassen, also sie sich bewusst machen kann, ist das der nächste
große Schritt hin zur Erlösung. Dabei helfe ich den Menschen: ihre
eigene Wahrheit auszudrücken, sodass sie jeder verstehen und
nachvollziehen kann. Darin sehe ich meine Aufgabe.«
»Und das passiert in welchem Rahmen?«
»Im Rahmen und im Schutz einer Gruppe von Menschen,
die ebenfalls auf der Suche nach ihrer eigenen Wahrheit sind. Sie
helfen, indem sie andere mit der Wahrheit konfrontieren.«
»So?«
»Ja.«
Eine Pause entstand. Schließlich sagte Mona:
»Zurück zu Frau Martinez.«
»Sonja. Sie war so ein liebenswerter Mensch, aber
auf dem falschen Weg.«
»Was heißt das, der falsche Weg. Dass sie bei ihrer
Familie bleiben wollte? Dass sie ihren Mann und ihre Tochter nicht
verlassen wollte?« Langsam fand Mona zu sich selbst zurück, zu
ihrem eigenen Wertesystem, ihrer eigenen Art, die Dinge anzugehen.
Sie zündete sich eine Zigarette an, absichtlich, ohne um Erlaubnis
zu fragen. Plessen sagte nichts dazu. Ein paar Momente schwiegen
sie. Aus den offenen Terrassentüren wehte ein kühles, erfrischendes
Lüftchen, die Tannen schienen in der leichten Brise zu rauschen,
und zum ersten Mal fiel Mona auf, wie still es hier war: ohne jene
typischen Stadtgeräusche, die selbst in der ruhigsten Zeit zwischen
drei und vier Uhr morgens wahrzunehmen waren.
»Sonja Martinez«, sagte Mona. »Sie haben Ihr
geraten wegzugehen. Ihre Familie zu verlassen.«
»Das war ihre Bestimmung, ja. Sie stammt von ihrer
Familie.«
»Wie bitte? Ihre Familie wollte von ihr, dass sie
geht? Das ist doch... Entschuldigen Sie, aber...«
»Sonja hätte niemals heiraten dürfen. Sie war die
älteste Tochter und dazu bestimmt, die Firma ihres Vaters zu
übernehmen.«
»Was?«
»Das werden auch Ihre Ermittlungen ergeben, warten
Sie nur ab. Sonjas Vater hatte eine Fabrik zu vererben und nur
Töchter. Also hätte Sonja als die Älteste diese Fabrik übernehmen
müssen. Ihr Vater hat sie daraufhin erzogen, so war es gedacht. So
wollte es die Tradition.«
»Also...«
»Sie verstehen das jetzt nicht. Aber hören Sie mir
einfach nur zu. Sonja hätte eigentlich die Firma übernehmen müssen,
aber sie hat sich dagegen gewehrt. Sie hätte die Aufgabe des
ältesten Sohns übernehmen müssen. Das war das geltende
Familiengesetz.«
»Herr Plessen. Wer hat diese Gesetze gemacht und
wozu?«
»Gleich. Darauf komme ich gleich. Sonja hat ihre
Bestimmung nicht annehmen wollen, und Sie wissen bestimmt, wie
schlecht es ihr damit ging. Sie hat nicht Betriebswirtschaft
studiert, sie hat nicht...«
»Hören Sie auf! Das ist doch...«
»Deshalb hätte sie ihre Familie verlassen müssen.
Die Firma ist längst verkauft, aber es gibt einen Ausweg für Sonja
– also, es hätte einen gegeben. Sie hätte allein leben und
versuchen müssen, sich aus eigener Kraft etwas aufzubauen. Etwas,
das sie zurückgeben kann an ihre Familie. An das unpersönliche
Ganze, das ihre Familie ausmacht.«
»Aber deshalb hätte sie ihre Familie doch nicht
verlassen müssen!«
»Ich rede nicht von Sonjas Tochter und ihrem Mann.
Die gehören nicht wirklich zu ihr. Ich rede von ihrer
Ursprungsfamilie, die nun zersplittert ist, weil Sonja ihre
Bestimmung nicht angenommen hat. Verstehen Sie: Sonja hat geweint,
sie hat gesagt, sie sei eine schlechte Mutter. Aber das war gar
nicht der Punkt. Sie hätte nie Kinder haben dürfen – es sei denn
mit einem Mann, der die Erzieherrolle übernimmt. Sie war nicht
dafür gemacht, das selbst zu tun.«
»Das glauben Sie?«
»Reden Sie mit Sonjas Mann, wenn Sie es nicht schon
längst getan haben. Er wird ihnen sagen, dass sie als Mutter
versagt hat. Ich habe keine Schuld daran, dass sie depressiv war.
Sie war es, bevor sie zu uns kam, sie war es danach. Ich habe ihr
den Weg heraus aufgezeigt, aber sie wollte ihn nicht einschlagen.
Das ist ihr gutes Recht, aber die Folgen sind oft verheerend. Ich
gebe das vorher all meinen Klienten schriftlich: Wenn sie die
Wahrheit, die sie während des Seminars erkennen, nicht anschließend
leben, kann das gefährlich für ihr Wohlbefinden sein.«
»Diese Familiengesetze...«
»Es gibt allgemeine Gesetze, die für alle Familien
gelten. Und es gibt individuelle Traditionen, denen Folge geleistet
werden muss. Diese Wahrheit ist hart in einer Zeit, wo jeder auf
sein Ego pocht und seine individuelle Erfüllung einklagt. Aber es
lässt sich nicht ändern. Wir können nicht alles beeinflussen. Wir
sind nicht völlig frei.«
»Herr Plessen...«
»Natürlich gibt es auch Aufträge, die man als
Familienmitglied ablehnen kann und soll. Da muss man sehr
sorgfältig unterscheiden. Das ist meine Bestimmung, jenes nicht:
diese Unterscheidung ist wichtig.«
»Also...«
»Sonja war eine schlechte Mutter, weil die
Tradition ihrer Familie ihr nicht erlaubt hat, eine gute zu sein.
Es war ihr nicht mitgegeben. Wie gesagt: Sie hätte niemals Mutter
werden sollen.«
Und genau Letzteres hatte ihnen Martinez gesagt,
nur nicht mit diesen harten Worten.
»Woher wussten Sie das so genau? Wie kommen Sie
dazu...«
»Ich wusste es natürlich vorher nicht. Wir haben es
im Verlauf der vier Tage herausgefunden.«
»Welcher vier Tage?«
»Jeder Seminarzyklus dauert vier Tage, von Dienstag
bis Freitag. Die Teilnehmer kommen morgens um neun und gehen abends
um sechs. Sie sind gehalten, während dieser Zeit abends nicht
auszugehen und mit niemandem über den Inhalt des Seminars zu
sprechen.«
»Sonja Martinez ist umgebracht worden. Gibt es
jemanden, dem Sie das zutrauen?«
Falls Plessen über den abrupten Themenwechsel
überrascht war, ließ er es sich nicht anmerken. »Nein«, sagte
er.
»Der Mörder von Sonja Martinez war wahrscheinlich
auch der Mörder Ihres Sohnes.«
Zum zweiten Mal während der Vernehmung war es Mona
gelungen, Plessen aus der Reserve zu locken. Er wirkte plötzlich
unruhig, auf seiner Stirn erschien eine feine, kaum sichtbare
Schweißschicht, obwohl sich der Raum mittlerweile angenehm
abgekühlt hatte. Mona war erstaunt. Wollte er ausgerechnet diese
Wahrheit – denn eigentlich waren sie über Vermutungen doch längst
hinaus – nicht sehen? Und wenn nicht, warum nicht?
»Ich möchte Ihnen etwas zeigen«, sagte Mona
langsam. Ohne Plessens Antwort abzuwarten, kramte sie in ihrer
Tasche nach den Fotos von der Leiche. Als sie sie gefunden hatte,
legte sie sie vor Plessen hin und zündete sich erneut eine
Zigarette an. Plessen nahm die Polaroids in die Hand, aber er
reagierte vollkommen anders als Heitzmann von der Abendzeitung. Er
sah sich jedes einzelne der Bilder genau an, und auf seinem Gesicht
erschien ein seltsamer Ausdruck: kein Ekel, nicht die Spur davon.
Es sah eher wie Mitleid aus. Mona rauchte und beobachtete ihn
schweigend. Schließlich legte er die Bilder ordentlich zusammen und
schob den kleinen Stapel über den Glastisch zu Mona zurück. Mona
ließ sie liegen, wo sie waren. »Jemand hat Ihren Sohn und Sonja
Martinez umgebracht. Wir vermuten, diese beiden Morde waren nicht
die letzten dieser Art. Bitte helfen Sie uns.«
»Ich kann Ihnen nicht helfen«, sagte Plessen. Seine
Stimme war rauer als vorhin, aber das konnte auch an dem Kummer
liegen, den diese Bilder wieder in ihm ausgelöst hatten. Es konnte
ganz normale Trauer sein. »Ihr Kollege... Als er mir das mit den
Buchstaben gesagt hat...«
»Und die Zunge«, sagte Mona, »die war
herausgeschnitten. Wie bei Ihrem Sohn.«
»Ja. Ach so. Ich meine, ich wollte sagen, ich habe
wirklich nachgedacht über..., darüber. Ich habe einfach keine
Ahnung, wer mir das antun will. Ich weiß, da muss mich jemand
hassen. Aber ich weiß nicht, wer das ist. Verstehen Sie? Ich kenne
solche Menschen einfach nicht. Ich hätte nie gedacht, dass ich
jemals … Nie.«
Ein alter Mann, kein Verführer mehr. Mona dachte
nach. Schließlich drückte sie ihre Zigarette aus und sah auf die
Uhr. »Wir brauchen die Listen all Ihrer – Klienten. Die aus den
letzten drei vier Jahren, und die, die sich neu angemeldet haben.
Alle.«
»Das ist vertraulich.«
»Nein. Bei Mord ist überhaupt nichts
vertraulich.«