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Dienstag, 15.7., 14.03 Uhr
»Serientäter«, sagte Berghammer, Chef vom Dezernat
11, eine Stunde später. »Darauf läuft’s doch hinaus, oder?« Mit
seinen schwerlidrigen Augen sah er sie der Reihe nach an, als hätte
er diesen Blick geübt: Schmidt, Forster, Bauer, Fischer, Mona.
Jeden Einzelnen.
»Also, noch wissen wir zu wenig«, sagte Mona. Der
Konferenzraum war wie eine Sauna, noch schlimmer als ihr Büro; sie
spürte, wie ihr Nacken unter den schweren dunklen Haaren feucht
wurde. »Das ist jetzt mal ein einziges Tötungsdelikt, und
vielleicht wollte jemand mit dem ganzen – äh – Zeug nur eine
falsche Spur legen.«
»Sollen wir die OFA…?«, fragte Patrick Bauer.
»Noch nicht«, sagte Mona rasch, und Berghammer
stimmte ihr ebenso rasch zu. Die Operative Fallanalyse zur
Ermittlung von Serientätern war sein Lieblingskind, da er
maßgeblich zur Gründung dieser Abteilung beigetragen hatte, aber
ein einziges Tötungsdelikt war noch keine Serientat, auch wenn es
den für Serientaten typischen Ritualcharakter hatte. Aber das
konnte auch eine Finte sein. Mona dachte an den geplanten Urlaub
mit Anton und Lukas in zwei Wochen. Serientaten aufzuklären, das
dauerte.
Schweigen. Zigarettenrauch hing wie Nebel im Raum,
weil auch das Konferenzzimmer auf den Hauptbahnhof hinausging und
man deshalb die Fenster lieber geschlossen ließ. In dieser Gegend
und bei dieser Hitze gab es ohnehin keine frische Luft, sondern nur
Gerüche – nach geschmolzenem Teer, Benzindämpfen und
Kebab-Buden.
»Und die Eltern?«, fragte Berghammer schließlich.
Sein Gesicht sah rot aus, und er atmete schwer. Er war ein großer,
übergewichtiger Mann, sein blaues Hemd spannte über dem Bauch und
war unter den Armen schweißnass; das Klima machte ihm sichtlich zu
schaffen. Dessen ungeachtet zündete sich Forster die dritte
Zigarette an, und niemand sagte etwas: Es gab Gewohnheiten, die
sich sozusagen von Natur aus jedem Änderungsversuch widersetzten.
Und dazu gehörte, dass es nicht einmal dem Nichtraucher Berghammer
geglückt war, wenigstens diesen einen Raum zur rauchfreien Zone zu
erklären.
»Beide Eltern sind völlig am Ende«, sagte Mona. Sie
nahm ihre Notizen zu Hilfe, froh, dass es wenigstens etwas gab, an
das man sich halten konnte. »Samuel Plessen, genannt Sam.
Vorgestern, am Samstag, hat er mit Roswitha Plessen gefrühstückt,
keine besonderen Vorkommnisse.«
»Worüber haben sie gesprochen?«
»Nichts Wichtiges. Schulkram. Er hat sowieso nie
viel erzählt, sagt sie.«
»Wie war das Verhältnis?«
»So weit wohl ganz okay, sagt sie. Er hatte seine
Freunde, er ist viel ausgegangen, er hat wenig erzählt... Ich
meine, das ist in dem Alter ja ganz normal.«
»Und daran hat sich im Lauf der letzten Wochen
nichts verändert?«
»Nein. Sie hat jedenfalls nichts bemerkt.«
»Sie wusste nicht mal, dass ihr Sohn drückt«, warf
Fischer ein. »Supertolle Mutter.«
»Genau wie deine«, sagte Berghammer, Vater zweier
erwachsener Söhne. »Deiner Mami hast du bestimmt auch immer alles
haarklein berichtet, was in deinem Leben so abging. Mit sechzehn.
Oder?«
»Die hätte gemerkt, wenn ich...«
»So! Woran denn, wenn du ihr was vorlügst? Was du,
schätze ich mal, doch wohl getan hättest, im Fall des Falles.
Damals mit sechzehn. Oder?«
Fischer schwieg, fürs Erste matt gesetzt.
»Die Plessen wusste jedenfalls nichts davon«, fuhr
Mona fort, als hätte sie nichts von diesem Geplänkel mitbekommen.
»Er auch nicht. Beide fielen aus allen Wolken, waren völlig
entsetzt. Also, sie und Sam frühstückten gegen zehn Uhr zu zweit
und dann ging er aus dem Haus, zu einem Freund. Bei dem war er
ihren Nachfragen zufolge bis ungefähr zwölf. Dann ging er
schwimmen. Sagte jedenfalls der Freund zu ihr, müssen wir natürlich
noch checken. Ab da keine Spur mehr.«
»Wo ging er schwimmen?«
»An einen Baggersee in der Nähe von Gersting.
Notfalls müssen wir...«
»Wir lassen das über die Medien laufen, morgen bei
der PK«, sagte Berghammer. »Vielleicht hat ihn jemand an diesem See
gesehen.«
»Die Eltern haben uns eine Liste mit all seinen
Freunden gegeben, die sie kennen. Die müssten wir noch abklappern,
wie gesagt. Aber da die Mutter das schon getan hat...«
»Die wussten alle nichts?«
»Sagt die Plessen. Keiner hätte ihn gesehen, keiner
mit ihm geredet.«
»Vielleicht ist einer von denen der Täter.
Vielleicht ist es so was wie eine Eifersuchtsgeschichte. Hatte er
eine Freundin?«
»Nichts Festes. Eher Affären.«
»Kannte sie die Namen?«
»Bestimmt nicht alle. Einige hat sie uns
gegeben.«
»Eifersuchtsdelikt«, sagte Berghammer versonnen.
Sein voluminöser Schnauzbart zitterte leicht. »Solche Täter neigen
auch zu Verschleierungsmaßnahmen. Nachträglich.«
»Die Zunge rauszuschneiden ist aber eine ziemlich
drastische Verschleierungsmaßnahme. Kann ich mir bei einer
Affekthandlung nicht vorstellen. Wenn es wirklich eine war.«
Wahrscheinlich war es keine. Dann konnte sie den Urlaub in den Wind
schreiben.
»Eifersucht ist oft Affekt.«
»Eben. Und in diesem Fall...«
»Moment, Mona. Jemanden mit einer Überdosis
umzubringen, das ist keine Überwindungsleistung. Das Opfer gibt
sich ja selber den Goldenen Schuss. Man braucht nur den Stoff. Es
muss also einer seiner Dealer gewesen sein. Und das Ganze war
geplant. Kein Affekt.«
»Also, Martin...«
»Hatte er eine Brieftasche dabei?«, unterbrach sie
Berghammer.
»Wahrscheinlich, im Haus ist sie laut den Plessens
nicht. Also wird sie ihm der Täter abgenommen haben. Aber reiner
Raubmord...«
»Scheidet aus.«
»Kann auch gar nicht sein«, warf Forster ein.
»Fundort war nicht Tatort. Tatort muss ein Garten oder so was sein.
Vielleicht auch irgendwo in der Natur. Das Opfer hat winzige
Grasflecken und Erdreste auf dem T-Shirt.«
»Sagt Herzog?«, wollte Berghammer wissen.
»Genau«, sagte Forster. »Und das bedeutet: Der
Täter hat ihn also nach der Tat vor diesem Club abgeladen. So viel
Umstände macht sich kein Raubmörder, wenn er das Opfer dann nicht
mal versteckt. Muss einer gewesen sein, der wusste, wann das
Dings...«
»Babylon«, sagte Fischer.
»... wann das geschlossen hat. An welchem
Wochentag.«
»Tatzeit?«, fragte Berghammer.
»Gestern Abend zwischen acht und zehn«, sagte
Herzog.
»Dieser Undercovermann, David Gerulaitis...«, sagte
Mona
»War das der, der die Leiche gefunden hat?«, fragte
Berghammer.
»Ja. Also, dieser Gerulaitis war da schon öfter, um
die Kundschaft auf Drogen zu checken, und er sagt, die hatten
eigentlich nie Ruhetag. Wir müssen das bei dem Besitzer noch
abfragen.«
»Vielleicht war er es«, sagte Schmidt, der
eigentlich nie etwas sagte, weil er zu langsam war, und immer
sofort unterbrochen wurde.
»Der Besitzer? Macht sich verdächtig, indem er’ne
Leiche vor seinem eigenen Laden deponiert? Blödsinn!«
»Okay«, sagte Berghammer. »Ihr checkt das mit dem
Besitzer. Und den Freunden.«
»Lucia macht das gerade«, sagte Mona. Lucia war
Berghammers Sekretärin. »Sie ruft Sams Freunde an und lädt sie vor,
einen nach dem anderen. Wir teilen uns die Vernehmungen dann auf.
Ich denke, heute Abend haben wir sie alle durch.«
»Dann sehen wir uns gegen sieben noch mal hier. Ist
das okay?«
»Sicher«, sagte Mona. Wenn nichts Wichtiges
passierte, würde sie doch nicht erst gegen zehn, sondern schon um
acht, halb neun bei Anton und Lukas sein. Das war keine schlechte
Zeit.