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Donnerstag, 17.7., 8.00 bis 14.40 Uhr
Am Donnerstag war der Himmel bedeckt, aber die
Luft eher noch heißer. Schon gegen neun Uhr morgens ballten sich im
Westen Gewitterwolken, ab und zu hörte man ein leichtes
Donnergrollen. Mona und die restliche MK 1 setzten ihren
Vernehmungsmarathon fort. Um eins trafen sie sich, um die
Ergebnisse abzugleichen. Das Protokoll der Konferenz ergab folgende
Fakten und Vermutungen:
1. Beide Morde hatten etwas mit Fabian Plessen zu
tun. Ein Zusammenhang mit seinen Seminaren schien wahrscheinlich,
denn:
2. Forster und Schmidt hatten Plessens
umfangreiche Klientenliste durchtelefoniert. Sie erreichten in vier
Stunden achtunddreißig Personen. Die meisten schwärmten von
Plessens Seminaren. Viele gaben an, dass ihnen Plessen ein ganz
neues, selbstbestimmtes Leben geschenkt hatte; hierbei handelte es
sich meist um Leute, die bereits drei, vier Zyklen bei ihm
absolviert hatten. Einige aber zogen vollkommen andere Resumees.
Forster und Schmidt erfuhren, dass mindestens ein ehemaliger Klient
Selbstmord begangen hatte. Ein weiterer befand sich seit der
Therapie in psychiatrischer Behandlung; seine Frau gab Plessen die
Schuld. Sie wurde vorgeladen.
3. Auch Sonja Martinez war vermutlich an einer
Überdosis Drogen gestorben. Ob es Heroin war, ließ sich nicht mehr
feststellen, zumindest aber gab es keine äußerlichen Verletzungen,
keine Anzeichen für Gewaltanwendung. Ein natürlicher Tod hätte im
Bereich des Möglichen gelegen, wären nicht die postmortal
zugefügten Verletzungen am Unterleib gewesen.
4. Sonja Martinez hatte ihrem Mörder freiwillig
die Tür geöffnet, Anzeichen für einen Einbruch gab es nicht. Das
bedeutete: Sie hatte ihn entweder gekannt oder ihm vertraut.
5. Die Nachbarin von Sonja Martinez hatte einen
Mann beobachtet, der möglicherweise der Täter war. Er war
etwa 1,80 Meter groß, er trug vielleicht Jeans und ein
T-Shirt mit Kapuze. Gesicht und Haare hatte die Nachbarin nicht
sehen können, und auch zum Alter konnte sie keine Angaben machen.
Sie glaubte, dass er »relativ schlank« war, wollte es aber nicht
beschwören. Seine Stimme hatte sie nicht gehört. Sie wusste nicht
einmal, ob Sonja Martinez ihn in ihre Wohnung gelassen hatte:
Vielleicht war dieser Mann der Täter, vielleicht aber auch nur der
Vertreter einer Drückerkolonne, der ein paar Zeitschriftenabos
verkaufen wollte. Dagegen sprach allerdings, dass der Mann bei
niemand anderem aus dem Haus geklingelt hatte.
6. Sonja Martinez’ Mädchenname lautete Nordmann.
Fischer hatte nach einigen Telefonaten mit unterschiedlichen
Meldestellen eine unverheiratete Schwester namens Lydia Nordmann
ausfindig gemacht, die in Freiburg lebte. Tatsächlich schien die
Familie so zerrüttet zu sein, wie Plessen es angedeutet hatte.
Sonjas Schwester mit ihren drei Kindern hätte den Betrieb nicht
leiten können, und da Sonja, die Älteste, den Textilbetrieb des
Vaters nicht übernehmen wollte, hatte das mittelständische
Unternehmen mit Verlust verkauft werden müssen. Der hart
erarbeitete Wohlstand war schnell dahin gewesen. Sonja Martinez’
Vater war bald darauf an einem Herzinfarkt gestorben, die Mutter
lebte schwer rheumakrank in einem Pflegeheim. Lydia Nordmann
berichtete, vor sieben oder acht Jahren den Kontakt zu ihrer
Schwester abgebrochen zu haben. Auch mit ihrer Mutter und ihrem
Bruder habe Sonja Martinez nichts mehr zu tun gehabt. Somit
stimmten die Angaben auf sehr erstaunliche Weise mit Plessens
Interpretation überein.
7. Aufgrund des enormen Medienechos hatten sich
schon am Vormittag mehrere Menschen gemeldet, die glaubten, Samuel
Plessen vor seinem Tod gesehen zu haben. Sie waren allesamt
vorgeladen worden, damit ihre Aussagen protokolliert werden
konnten. Folgendes schien bereits sicher zu sein: Samuel Plessen
hatte sich tatsächlich gegen zwölf Uhr am letzten Tag seines Lebens
mehrere Stunden an einem Baggersee aufgehalten. Dort hatten ihn
mindestens zwei Personen anhand der Fotos, die in Fernsehen und
Zeitungen erschienen waren, identifiziert. Danach wurde er in einem
Biergarten unweit Gerstings gesehen. Bei beiden Gelegenheiten
schien er allein gewesen zu sein. Zumindest konnte sich niemand der
Zeugen an eine Begleitperson erinnern (was nichts zu sagen hatte;
das Gedächtnis der meisten Menschen war selektiv). Ab etwa 16.00,
17.00 Uhr desselben Tages verlor sich jede Spur. Aber vielleicht
würden sich im Lauf des Tages noch mehr Zeugen melden.
8. All das bedeutete: enttäuschte Journalisten,
die sich in wilden Spekulationen ergingen, weil es auf der PK um
elf so wenig Neues zu berichten gegeben hatte. Nur die Abendzeitung
konnte sich über den Scoop des Jahres freuen, denn die Story über
eine Frau, die sich bei der Zeitung über einen zweifelhaften
Therapeuten beschwerte und kurze Zeit später ermordet aufgefunden
wurde, wurde einem nicht alle Tage beschert. Entsprechend war der
Artikel aufgemacht. Eine Reihe von Klienten würde Plessen nun
verlieren, so viel schien jetzt schon sicher.
»Hat jemand Hunger?«, fragte Berghammer am Ende
der Konferenz. Mona hätte am liebsten nicht reagiert, aber sie
wusste, dass das nicht ging. Berghammers Frage bedeutete nicht nur,
dass der Chef Hunger hatte und keine Lust, allein zu essen. Sie war
vielmehr ein verklausulierter Befehl, der sich an Mona und Hans
Fischer richtete und ein Gespräch unter sechs Augen beinhaltete.
Mona und Fischer nickten also, obwohl sich die Arbeit stapelte und
es eigentlich nichts zu besprechen gab, was nicht schon in der
Konferenz Thema gewesen wäre.
»Pizza?«, fragte Berghammer und sah Mona an. Sein
Gesicht war schweißbedeckt, der Schnurrbart hing traurig nach
unten. Der Rest der MK 1 verdrückte sich nach draußen.
»Mir egal«, sagte Mona ergeben und nahm ihre
Tasche. »Und du, Hans?«
»Pizza ist okay«, murmelte Fischer und stand
ebenfalls auf. Nach Berghammers zufriedenem Gesicht zu urteilen war
das die richtige Wahl gewesen. Die Aussicht auf eine Mahlzeit und
ein Bier schienen seine Lebensgeister wieder anzufachen; er wirkte
beinahe gut gelaunt. »Wir nehmen mein Auto«, sagte er und
dirigierte Mona und Fischer zum Lift in die Tiefgarage.
Sie fuhren zu Berghammers Stammpizzeria nicht weit
vom Hauptbahnhof, wo es einen Parkplatz extra für Berghammer gab,
der nur dann zu Fuß ging, wenn es sich absolut nicht vermeiden
ließ. »Ich hab eine Überraschung für euch«, sagte er, als sie
ausstiegen. Mona wandte ihren Blick zum Himmel, der sich noch
weiter verdüstert hatte. Die heiße, abgasgesättigte Luft wirkte wie
zusammengeballt.
»Was für eine Überraschung?«, fragte sie, den
Straßenlärm übertönend.
»Warte nur ab.«
Sie gingen in das Lokal. Mona mochte den Laden
nicht mit seiner holzgetäfelten Rustikaleinrichtung und seinen
funzligen Lampen unter hässlich bestickten Stoffschirmen, aber ab
und zu musste Berghammer dieser Gefallen getan werden. Berghammer
begrüßte derweil jovial den Kellner, der die Dreiergruppe zu einem
Tisch geleitete, an dem bereits ein Mann saß. Mona erkannte
überrascht, dass es Kern war, ein Mitglied der OFA, der es seit
einem Kindermord im Umland, der mit seiner Hilfe aufgeklärt werden
konnte, zu einer gewissen Berühmtheit gebracht hatte. In den Medien
wurde er grundsätzlich »Profiler« genannt, was Kern sich stets
erfolglos mit dem Hinweis verbat, er sehe sich als Fallanalytiker.
Aber Fallanalytiker las sich wahrscheinlich nicht sexy genug.
»Ist das hier ein konspiratives Treffen?«, fragte
Mona und setzte sich auf die Holzbank gegenüber von Kern, einem
dünnen Mann Mitte dreißig mit ernstem schmalem Gesicht, das nur
lebhafter wirkte, wenn Fachliches erörtert wurde. Berghammer schob
seinen voluminösen Leib neben sie. Selbst bei dieser schlechten
Beleuchtung sah man die Schweißflecken auf seinem blauen Hemd, und
der Geruch war auch nicht gerade appetitanregend. Eigentlich mochte
und schätzte Mona Berghammer. Aber er gab sich wie alle Männer der
Mordkommission außer Fischer und Bauer: so uneitel, dass es schon
beinahe eine Zumutung war.
»Das ist doch kein Zufall«, sagte Mona und rückte
ein wenig von Berghammer ab. »Dass er auch hier ist. Oder?«
Berghammer sagte nichts, Kern schwieg
ebenfalls.
»Martin! Was soll das? Wieso...«
Der Kellner brachte die Speisekarten, und Mona
verstummte genervt. Warum war Kern, wenn Berghammer ihn dabeihaben
wollte, nicht einfach in die Konferenz geladen worden? Warum saßen
sie hier herum und vertaten wertvolle Zeit? Warum...
Als der Kellner zurückkam, bestellte sie blind eine
Pizza Margherita und eine Cola. Berghammer nahm Calzone und ein
Bier, Fischer dasselbe wie Mona und Kern entschied sich für Penne
all’arrabbiata.
Dann schwiegen sie, bis ihre Getränke kamen.
Nachdem Berghammer einen großen Schluck genommen
und seinen Mund abgewischt hatte, schien er endlich willens zu
sein, den Sinn der Zusammenkunft zu erklären.
»Ihr kennt euch?«, fragte er mit Blick auf Mona und
Kern. Beide nickten irritiert, Fischer ebenfalls, obwohl Berghammer
ihn gar nicht beachtete.
»Lasst uns nicht mehr drumherum reden«, sagte
Berghammer und fixierte abwechselnd Mona und Kern. »Das hier ist
ein astreiner Serientäter. Der macht weiter, wenn wir ihn nicht
stoppen. Deshalb hab ich Clemens dazugeholt.«
»Klar«, sagte Mona. Warum diese Präliminarien? Sie
hatte mit Kern bereits gearbeitet, es hatte keine Probleme
gegeben.
»Dir ist das recht?« Berghammer sah erstaunt und
erleichtert aus.
»Sicher. Wieso nicht?« Langsam ging Mona ein Licht
auf. Berghammer hatte geglaubt, sie würde glauben, er ziehe ihre
Kompetenz in Zweifel, wenn er schon zu Anfang der Ermittlungen
Hilfe von außen holte. Typisch Mann, dachte sie. »Wir machen das
doch immer bei Serientätern«, sagte sie. »Genau dafür gibt’s doch
diese Abteilung, oder nicht?«
»Äh ja«, sagte Berghammer. »Genau. Ganz genau.« Er
sah aus, als sei ihm ein Stein vom Herzen gefallen. Die Pizza kam,
und Berghammers Gesicht entspannte sich, bis er beinahe aussah wie
der kleine dicke Junge, der er mal gewesen war. Mona dachte an den
Urlaub. In dreizehn Tagen würde sie im Flugzeug Richtung
Griechenland sitzen. Wenn alles glatt ging. Im Moment sah es nicht
so aus.