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Dienstag, 15. 7., ca. 16.00 bis ca. 19.00
Uhr
Die Vernehmungen des Clubbesitzers und von Samuels
Freunden brachten nicht viel. Einige hatten Alibis für die
ungefähre Tatzeit, andere nicht. Konkrete Verdachtsmomente ergaben
sich nicht. Der Besitzer des Babylon gab an, den
außerplanmäßigen Ruhetag in Szeneblättern angekündigt zu haben;
eine der Meldungen hatte er sogar dabei. »Konnte jeder wissen, der
wollte«, sagte er. Grund sei die Hochzeit seiner Schwester gewesen
und die Tatsache, dass zufälligerweise keiner seiner Vertretungen
Zeit gehabt hatte. Keine konkreten Verdachtsmomente gegen
ihn.
Gegen sieben Uhr sprachen Mona und Fischer mit der
letzten Vorgeladenen. Die frühabendliche Sonne tauchte den Vorplatz
des Hauptbahnhofs in goldenes Licht, und ein Schimmer davon fiel
auch in Monas schattiges Büro. Sie schaltete deshalb das Kunstlicht
absichtlich nicht ein. Fischer setzte bei seinen Vernehmungen auf
Nervosität und Angst, Mona darauf, dass selbst notorische Lügner in
einer angenehmen Atmosphäre unvorsichtig wurden (welche Strategie
die perfidere war, ihre oder Fischers, darüber machte sie sich
durchaus manchmal Gedanken, ohne zu einem Ergebnis zu
kommen).
Das blonde Mädchen, das in Sams Alter war und ein
hübsches, klares Gesicht hatte, sagte aus, dass sie früher einmal
in Sam verliebt gewesen sei, dass sie sich aber von ihm getrennt
habe, weil er anfing »H« zu nehmen. Pillen fand sie okay, Koks
auch, aber »H« nicht.
»Wann war das genau?«, fragte Mona. Kein anderer
seiner Freunde hatte das beantworten können, aber das Mädchen
antwortete, ohne zu zögern: »Anfang Juni ungefähr.«
»Das ist ja erst sechs Wochen her.«
»Ja.«
»Woher weißt du das so genau?«, schaltete sich
Fischer ein. Ab sechzehn wurden Zeugen vorschriftsmäßig gesiezt,
aber Fischer hielt sich ja nie an irgendwelche Regeln.
Das Mädchen senkte den Kopf. »Es war mein
Geburtstag. Ich hatte ihn eingeladen... Sie wissen schon..., ihn
allein.«
»Um Sex zu haben?«, fragte Fischer ungerührt.
»Ja. Aber es, äh...«
»Es ging nicht?«, fragte Mona, der etwas dämmerte.
»Er war zu stoned, und es klappte nicht?«
Das Mädchen nickte. »Er war total verändert. Hat
immer nur gelächelt. Und dann hat er es mir gezeigt.«
»Den Einstich?«
»Nein. Das Zeug. Zu dem Zeitpunkt hat er es noch
geschnupft.«
»Und Sie?«
»Er hat gesagt, er würde es wieder tun, und ich
müsste es auch versuchen, und es sei besser als jeder
Orgasmus.«
»Und dann?«
»Ich war total enttäuscht. Ich hab ihm gesagt, dass
ich mich trenne, wenn er nicht damit aufhört.«
»Haben Sie ihn gefragt, wo er das Heroin
herhat?«
»Interessiert mich doch nicht. Das kriegt man doch
überall.«
»Haben Sie ihn danach noch mal gesehen?«
»Ich hab gehofft, er hört auf. Aber er hat es immer
wieder gemacht. Ich wollte ihn dann nicht mehr sehen.«
»Wann war das? Wann haben Sie mit ihm Schluss
gemacht?«
»Ich weiß nicht genau. Vor zwei Wochen ungefähr.
Oder, nee. Zweieinhalb. Bestimmt schon zweieinhalb.«
»Okay«, sagte Mona. »Und Sie wissen bis heute
nicht, wer ihm das Heroin verkauft hat?«
»Nein. Ist mir auch total egal.«
»Das glaube ich dir nicht«, mischte sich Fischer
ein.
»Warum duzen Sie mich eigentlich? Ich bin schon
sechzehn, selbst die Lehrer sagen Sie zu mir.«
»Wir werden Sie ab jetzt siezen«, sagte Mona rasch,
ohne Fischer anzusehen. Aber sie spürte seine Wut darüber, dass sie
ihm in den Rücken fiel. Denn so sah er das: Wer nicht seiner
Meinung war, war gegen ihn. Wahrscheinlich fand er das Mädchen
hübsch und wertete ihre Bemerkung als Abfuhr, was ihn noch
zusätzlich aggressiv machte. Fischer war sehr gut im Vernehmen
trotziger und verlogener Zeugen, aber er merkte nicht, wann jemand
tatsächlich nicht mehr wusste, als er sagte. Mona versuchte es ein
letztes Mal. »Es ist wirklich wichtig, dass wir seinen Dealer
kennen. Denken Sie bitte noch mal nach.«
Das Mädchen runzelte gehorsam die Stirn und tat so,
als würde sie sich in die Frage vertiefen, aber es kam nichts dabei
heraus.
»Kennen Sie einen Club namens Babylon?«,
fragte Mona schließlich nach längerem Schweigen. Die Sonne
verschwand hinter dem Gebäude des Hauptbahnhofs, und Monas Büro
wurde innerhalb weniger Minuten so dämmerig, dass sie das Gesicht
des Mädchens nur noch als undeutliche helle Fläche wahrnahm. Als
Fischer schließlich das harte, nüchterne Deckenlicht einschaltete,
zuckte das Mädchen zusammen und schien aus einem langen Traum
aufzuwachen. Ihre Augen waren gerötet, und sie wirkte blass und
verschreckt. Vielleicht registrierte sie erst jetzt, was passiert
war: dass sie ihren ehemaligen Freund, in den sie möglicherweise
noch verliebt war, niemals wiedersehen würde. Nie, niemals. Die
meisten Angehörigen von Mordopfern begriffen erst spät, dass der
Tod endgültig war, irreversibel, und bar jeder tränentreibenden
Romantik.
»Schon mal gehört«, sagte das Mädchen schließlich.
»Aber da gehe ich doch nicht hin, das ist doch was für
Loser.«
»Aha«, sagte Mona. Auch die anderen Freunde von Sam
waren angeblich noch nie im Babylon gewesen. Das konnte
alles Mögliche bedeuten, im Moment half es jedenfalls nicht weiter.
Mona beendete die Vernehmung. Es war fast sieben Uhr, und sie hatte
leichte Kopfschmerzen.