15
1983
Der Junge war gut in der Schule, machte seine Hausaufgaben vorbildlich, gab nichts Republikfeindliches von sich. Er nahm brav an den Treffen der jungen Pioniere teil, obwohl das seine freie Zeit noch mehr einschränkte. Er fiel nicht weiter auf, obwohl er keine Freunde hatte, nicht einmal lose Bekannte, mit denen er ab und zu etwas unternahm: Er erfüllte alle formalen Rahmenbedingungen, die der Staat seinen Bürgern abverlangte, und mehr interessierte den Staat nicht. Das Gesicht des Jungen war hager geworden und hatte die frühere Lieblichkeit verloren. Seine Haare waren nicht mehr fein gelockt, sondern dick und strohig, seine Augen blickten ständig in eine andere Richtung. In sich trug er Wünsche und Begierden, Träume und Vorstellungen, die er mit niemandem teilen konnte: Jemanden ins Vertrauen zu ziehen, um auf diese Weise vielleicht einen Gefährten zu finden, war einfach zu riskant.
Der Junge war alt genug, um zu verstehen, dass es in seiner engeren Umgebung niemanden gab, der so war wie er. Was er dachte und fühlte fanden andere entsetzlich und abstoßend, das wusste er. Aber für ihn waren seine Gefühle in Ordnung, er kannte ja keine anderen. Sie verängstigten ihn manchmal wegen ihrer Kraft und Vehemenz, die oft etwas Befehlendes an sich hatte. Aber er wäre nie auf die Idee gekommen, ihnen nicht Folge zu leisten: Was sein musste, musste sein.
An den freien Wochenenden streifte er durch die Natur und beobachtete die Reiher, die im Schilf des Sees nisteten. (Sollte er eines Tages zur Volksarmee gehen, würde er ein Gewehr bekommen, das er heimlich mitgehen lassen konnte. Dann könnte er die Reiher abschießen; er freute sich auf diesen Moment.) Es gab so viele Tiere in dieser Gegend, aber sie waren so schwer zu fangen und zu töten. Nur Mäuse und Ratten hatte er bisher erwischt und einmal einen jungen Hund. Die Nachbarn hatten ihn ihrer kleinen Tochter geschenkt, die bitterlich weinte, als der Hund, den sie Dago getauft hatte, nicht mehr aufzufinden war. Dem Jungen gefiel die Vorstellung, dass all die Aufregung seinetwegen stattfand. Er hatte den Hund beziehungsweise dessen Überreste im Wald an einer schwer zugänglichen Stelle begraben und die Stelle danach sorgfältig mit altem feuchtem Laub, Moos und Tannennadeln bedeckt, bis man nichts mehr sah. Danach hatte er sein Messer im nahen See gesäubert und war nach Hause geschlendert. Er war zufrieden mit sich: Er hatte sich zusammengenommen, die Leiche des Hundes nicht wild und unbeherrscht zerstört, sondern nach allen Regeln der Kunst – seiner Kunst – seziert und damit die Befriedigung erlangt, die er suchte.
Manchmal gab er sich Namen, die er aus dem Westfernsehen oder aus Büchern aufschnappte. Werwolf zum Beispiel. Er sah einen Film, in dem sich ein normaler Mann eines Nachts bei Vollmond in eine reißende Bestie verwandelte, die nur von einer schönen Frau gezähmt werden konnte, und so gefiel sich der Junge eine Zeit lang als blutrünstiges Monster, das sich in einem Jungen versteckte und auf Ausbruch sann. Schließlich bevorzugte er aber eine neue Rolle: die eines Auftragskillers der Mafia, der jedes seiner Opfer mit einem kleinen Mal kennzeichnete – als Indiz für seine Kunden, dass er einen guten Job geleistet hatte, den niemand so perfekt erledigen konnte wie er. Er wollte es sauber und sorgfältig tun, nicht brutal und chaotisch. Er wollte kein Opfer seiner Triebe sein, sondern die Kontrolle behalten.
Aber so konkret waren seine Fantasien nicht immer. Jedes Tier, das er tötete, untersuchte und anschließend ausweidete, öffnete gleichsam die Tür zu einer neuen Bilderwelt, die manchmal nur aus sich langsam verändernden Farben und Formen bestand, manchmal aber auch aus seltsam authentisch wirkenden Erinnerungsfetzen an ein früheres, anderes Leben, das er in bewusstem Zustand nicht kannte.
Sobald er aus dieser somnambulen Verfassung erwachte, fühlte er sich gleichzeitig leer und beschmutzt, so wie es ihm in manchen Nächten ging, wenn ihm übel war und er sich übergeben musste. Manchmal – immer noch zu oft! – lag vor ihm ein totes Lebewesen, das fürchterlich zugerichtet war, ohne dass der Junge wusste, wie genau das passiert war. Dieser Anblick ekelte ihn jedes Mal aufs Neue, und er begann sich selbst zu hassen: Weil er sich wieder nicht hatte beherrschen können. An solchen Tagen wirkte er auf seine Umgebung schlecht gelaunt, aggressiv und verwirrt. Aber niemand dachte sich viel dabei.
Ein Jahr nach dem Tod seines Vaters begann sich seine Mutter sporadisch mit Männern zu treffen. Seine Schwester war zu diesem Zeitpunkt von einem Jungen aus der Nachbarschaft schwanger und hielt sich mehr bei dessen Familie auf als bei ihrer eigenen. Seine Mutter hörte endgültig auf, ihn zu beobachten, und konzentrierte ihre Energie stattdessen darauf, wieder Spaß am Leben zu haben, wie sie sich ausdrückte. Spaß: das waren wechselnde Partner, mit denen sie nach dem Abendessen im Bett verschwand. Der Junge konnte sie nachts manchmal hören; dann hielt er sich die Ohren zu, krümmte sich wie ein Embryo in seinem Bett und tauchte ab in sein Universum der Grausamkeit, in dem er sich mittlerweile mehr zu Hause fühlte als dort, wo sich sein reales Leben abspielte.
Damals warst du still
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