21
Mittwoch, 16. 7., 20.35 Uhr
Plessen trug schwarze, leicht knittrig wirkende Leinenhosen und ein schwarzes Seidenhemd, das über der Hose hing. Auch seine Frau hatte weite, schwarze Kleidung an. Zu Monas Überraschung waren sie nicht allein: Fünf Menschen, drei Männer und zwei Frauen, erhoben sich, als Plessen und seine Frau Mona und Bauer ins Wohnzimmer brachten.
»Das sind Freunde«, sagte Plessen.
»Wir würden gern mit Ihnen beiden allein sprechen«, sagte Mona.
»Natürlich. Könntet ihr...«
»Sicher, Fabian«, sagte einer der beiden Männer. »Bitte sag Bescheid, wenn du uns brauchst.«
»Macht es euch einfach auf der Veranda gemütlich.«
»Kein Problem.« Sie verschwanden lautlos wie Erscheinungen.
Mona fiel auf, dass alle vorhandenen Lampen eingeschaltet waren, nicht nur im Wohnzimmer, auch in der Diele: Das Haus war so hell erleuchtet, als wollte es ein Signal setzen gegen die ewige Dunkelheit des Todes. Das Wohnzimmer war zur Terrasse hin verglast, und Mona überlegte unwillkürlich, wer von den Journalisten sie gerade beobachtete, daraus seine Schlüsse zog und vielleicht ein paar unscharfe Bilder schoss. Aber sie sagte nichts, um das Paar nicht noch mehr zu beunruhigen.
»Haben Sie mit jemand von den Medien gesprochen?«, fragte sie Plessen.
»Nein.«
»Das ist gut«, sagte Mona. »Ich meine, einige von denen bieten viel Geld für Exklusivgeschichten. Trotzdem wäre es besser...«
»Wir werden sehen«, sagte Plessen mit entschiedener Stimme, sichtlich bestrebt, das Thema zu beenden.
»Möchten Sie mit uns essen?«, fragte seine Frau, die noch dünner und blasser aussah als bei ihrer Vernehmung im Dezernat und nicht nur tieftraurig, sondern auch verunsichert wirkte. Was bot man Polizisten an, die ausgerechnet zur Abendessenszeit einen Besuch abstatteten?
»Nein danke«, sagte Mona höflich, obwohl sie großen Hunger hatte und sicher war, dass es Bauer genauso ging.
»Vielleicht einen Kaffee? Ich habe auch Cappuccino und...«
»Kaffee für mich, schwarz, danke«, sagte Mona.
»Für mich auch«, sagte Bauer eilig, sichtlich eingeschüchtert von dem Reichtum und dem Geschmack, den diese Umgebung ausstrahlte.
Frau Plessen zog sich daraufhin in die Küche zurück, Plessen selbst blieb bei Mona und Bauer im Wohnzimmer. Der Raum war sehr groß, es gab nur wenige Möbel darin, und jedes einzelne Stück wirkte, als sei es speziell für den Platz, an dem es stand, hergestellt worden. Mona und Bauer nahmen vorsichtig Platz auf einer voluminösen Couch aus rot changierendem Stoff, der aussah und sich anfühlte wie Seide. Plessen setzte sich gegenüber in einen schwarzen Sessel. Zwischen ihnen stand ein blank polierter Glastisch auf einem quadratischen Sockel aus grünlichem Metall. Mona stellte vorsichtig das Tonbandgerät auf den Tisch, schaltete es ein, und sprach die üblichen Präliminarien darauf.
Sie wusste nicht genau, was bei dieser Vernehmung herauskommen sollte, und das machte die Situation schwierig. Dass Plessen kein Verdächtiger war, stand für sie weiterhin fest. Auch seine Frau schied in ihren Augen aus. Was also konnten die beiden wissen, was sie wirklich weiterbrachte? Hatten sie bei der ersten Vernehmung etwas verschwiegen, und wenn ja, war das Absicht oder Versehen gewesen oder nur deshalb passiert, weil sie nicht die richtigen Fragen gestellt hatten?
»Sie haben erfahren, dass Frau Martinez umgebracht wurde?«
»Ja, das hat mir einer Ihrer Mitarbeiter gesagt. Herr...«
»Bauer. Patrick Bauer. Mein Kollege hier.«
»Oh, entschuldigen Sie, ich hab vorhin Ihren Namen nicht richtig verstanden.«
»Macht nichts«, sagte Bauer. Mona spürte mehr, als dass sie es sah: Bauer war nervös, verlagerte ständig seinen Schwerpunkt, rutschte hin und her und machte damit auch sie nervös. Als sie vor dem Haus der Plessens parkten, hatten sie vor dem Aussteigen noch kurz über die Strategie der Vernehmung gesprochen. Bauer, so wollte es Mona, sollte sich zurückhalten, aber genau zuhören, und sofort einhaken, falls ihm Widersprüche auffielen. Das zumindest konnte Bauer nämlich wesentlich besser als seine Kollegen, speziell Fischer: genau zuhören. Und dabei nicht dreinschauen, als würde er seinem Gegenüber am liebsten ins Gesicht springen.
»Frau Martinez ist wahrscheinlich auf ähnliche Weise umgekommen wie Ihr Sohn«, sagte Mona.
Plessen wurde noch blasser, als sei ihm bislang nicht klar gewesen, dass zwischen den beiden Morden ein Zusammenhang bestehen musste. Kunststück, dachte Mona, sie hatten ja selber nicht daran glauben wollen. Ein Mord aus Rache oder Habgier, begangen vom Ehemann, wäre so viel einfacher gewesen und hätte so viel weniger lästige Öffentlichkeit eingebracht. Fernsehen, Radio, Presse – alle hatten blitzschnell Bescheid gewusst und die entsprechenden Schlüsse gezogen, jeder wollte Interviews und Statements, niemand ließ sich mehr von der von Berghammer in Aussicht gestellten PK am nächsten Morgen beruhigen.
»Das steht zwar noch nicht fest«, fuhr Mona fort, »weil die Liegezeit des Opfers zu lang war, um Drogen im Körper isolieren zu können. Aber...«
»Die Buchstaben«, unterbrach sie Plessen. »Auf dem Bauch. Das hat mir Ihr Kollege schon gesagt.«
Mona warf Bauer einen Blick zu, er sah weg. Die Regel war, dass man Zeugen möglichst vage über die näheren Umstände ihrer Vernehmung informierte. Zeugen sollten berichten, was sie wussten, und keine Stories verbreiten, die sie sich vorab zurechtgelegt hatten. Aber jetzt war es zu spät.
»Was hat Ihnen Herr Bauer sonst noch gesagt?«
»Nichts. Nur das mit den Buchstaben.«
»Nichts über die Leiche?«
»Nein. Warum?«
Wenigstens das. Mona hatte ein paar Fotos dabei, für den Fall, dass die Plessens nicht kooperierten. Ein paar wirklich schlimme Bilder, jedenfalls für Laien. Manchmal machten Schockeffekte dieser Art gesprächig. Es war nicht ganz fair und sorgte oft für schlimme Träume, aber das Ziel war die Wahrheit, und die rechtfertigte in ihrem Job durchaus auch grobe Mittel.
»Was war mit der Leiche?«, fragte Plessen.
»Darüber sprechen wir noch. Jetzt brauche ich Informationen über Frau Martinez. Möglichst detailliert.«
»Ja. Fragen Sie.«
»Sie war Ihre Patientin?«
»Patientin? Nein. Ich bin kein Arzt.«
»Sondern? Was dann?«
»Klienten kommen zu mir, um zu erfahren, warum sie Probleme haben, die sie nun schon jahrelang, oft ihr ganzes Leben lang, begleiten.«
»Und die behandeln Sie dann?«
Plessen lächelte plötzlich und schaffte es auf mysteriöse Weise, dass Mona sich beinahe dumm vorkam, zumindest aber taktlos und ungeschickt. Als sei es albern, einem Mann wie Plessen solche Fragen zu stellen.
»Nein, so kann man das nicht nennen«, sagte er, und Mona musste wieder an die Fernsehsendung denken: Plessen hatte damals die Gesprächsführung ganz mühelos an sich genommen und dem Publikum auf diese Weise den Eindruck vermittelt, dass der Moderator gar nicht da war, oder jedenfalls in diesem Moment nicht wichtig.
»Ich behandle ›die‹ nicht«, sagte Plessen. »Wir versuchen gemeinsam, die Wurzel ihrer Probleme aufzuspüren.«
»Und das haben Sie auch bei Frau Martinez gemacht?«
»Ja. Gemeinsam mit den anderen.« Seine Stimme war so leise, dass Mona unwillkürlich das Tonbandgerät näher an ihn heranschob, aber sie verstand dennoch jedes Wort.
»Welche anderen?«, fragte sie.
Wieder lächelte Plessen, als sei Mona ein trotziges, aber doch viel versprechendes junges Ding, das nur noch etwas Feinschliff brauchte, um auf seiner Ebene kommunizieren zu können. Er beugte sich vor und sah ihr direkt in die Augen, und Mona verlor sich fast in diesem Blick, der keine Angst zu kennen schien, sondern ein beinahe hypnotisches Selbstbewusstsein ausstrahlte.
»Welche anderen?«, wiederholte sie.
Plessen senkte die Augen. Der Moment war vorüber, Mona sah wieder einen alten Mann vor sich, gramgebeugt von seinem Kummer. Aber seine Stimme blieb melodisch und sanft, gleichzeitig sicher und klar, wie die eines geübten Verführers.
»Ich mache keine Einzelsitzungen«, sagte er. »Wir arbeiten nur in der Gruppe. Das ist in erster Linie ein energetischer Prozess. Daran sind viele beteiligt, nicht nur der Klient und ich.« Seine Frau kam herein und brachte den Kaffee, schwarz und heiß, wie Mona ihn mochte. Bauer nahm seine Tasse und lächelte Frau Plessen an. Sie lächelte zurück, mechanisch und trotzdem charmant. In diesem Moment hatte Mona eine Idee. Es war ein Risiko, aber auch eine Chance: Vielleicht würde eine Frau wie Roswitha Plessen einem netten, vertrauenswürdigen jungen Mann mehr erzählen als jemandem wie Mona.
»Frau Plessen«, sagte Mona, »ich möchte, dass Sie sich mit meinem Kollegen unterhalten. Das spart uns allen Zeit.« Bauer starrte sie verblüfft an. Glücklicherweise sagte er nichts. Auch Plessens unerschütterliche Ruhe schien plötzlich einen kleinen Riss bekommen zu haben.
»Sie meinen – woanders als hier?«, fragte seine Frau. Sie schwankte leicht. Ob sie sich in der Küche einen genehmigt hatte? Wenn ja – umso besser.
»Ja«, sagte Mona. »Ist das ein Problem?«
»Äh, nein. Fabian...?«
Plessen machte ein Gesicht, als wollte er Protest einlegen, aber Mona kam ihm zuvor. »Bitte«, sagte sie. »Die Vernehmung ist auf die Weise einfach effizienter.«
Bauer stand langsam auf. Eine Vernehmung allein führen zu können, das war ein Vertrauensbeweis. Mona sah ihn nicht an, aber sie hoffte, dass er es packen würde. Dass er, auch ohne vorherige Absprache, wusste, was sie von ihm erwartete. Er kennt die Fakten, sagte sie sich. Er ist klug. Er weiß, worauf wir hinaus müssen.
»Wir könnten in die Küche gehen«, sagte schließlich Frau Plessen mit unsicherer Stimme. Wieder schien sie zu schwanken, Bauer nahm ganz zart und selbstverständlich ihren Ellbogen.
»Also...«, sagte Plessen. Er erhob sich halb, setzte sich dann aber wieder hin.
»Gute Idee, das mit der Küche«, sagte Mona, und nickte Bauer zu. Du kriegst das hin, Patrick. Und Bauer, als hätte er plötzlich einen optimistischen Schub, führte Frau Plessen langsam zur Tür, und er machte das gar nicht übel. Mona hoffte, dass er nicht vergaß, sein Band zu benutzen.
Damals warst du still
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