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Wenn seine Genesung nach dem Absturz der Queen Elizabeth IV vor zwölf Jahren für Howard Falcon traumatisch gewesen war, so galt das ebenso für Hope Dhoni, damals eine einundzwanzigjährige Schwesternschülerin am alten USAF-Krankenhaus in Arizona, in das man Falcon in aller Eile gebracht hatte. Sie war bei Weitem das rangniedrigste Mitglied des Teams gewesen.
Bei seiner Einlieferung hatte Falcon – zerschmettert und verbrannt, auf den blassgrünen Decken des Bettes liegend – nicht einmal menschlich ausgesehen. Hope hatte in den Notaufnahmen innerstädtischer Krankenhäuser und auf militärischen Traumatologiestationen gearbeitet und dachte, sie wäre abgehärtet. Sie war es nicht. Nicht dagegen.
Aber Doktor Bignall, der stellvertretende Leiter des Teams, hatte ihr geholfen, es durchzustehen. »Erstens einmal lebt er. Vergessen Sie das nicht. Wenn auch kaum noch: Sein Herz macht’s nicht mehr lange – das sieht man an den Linien auf dem Monitor. Zweitens, denken Sie nicht daran, was er verloren hat, sondern daran, was er noch besitzt. Seine Kopfverletzungen sehen so aus, als ließe sich mit ihnen fertigwerden …«
Sie konnte den Kopf unter den Überresten von Falcons rechtem Arm kaum noch erkennen.
»Und dieser erhobene Arm, mit dem er seinen Kopf schützen wollte, hat ihm vielleicht sogar das Gesicht gerettet. Zumindest zum Teil.«
Sie sah dem Team bei der Arbeit zu, Menschen und Maschinen. Schläuche schlängelten sich in Falcons Körper. »Und was hat oberste Priorität?«
»Ihn am Leben zu erhalten. Schauen Sie ihn an, er hat weit mehr als fünfzig Prozent seines Blutes verloren, seine Brust ist weit offen. Wir ersetzen das gesamte Blut durch eine kalte Kochsalzlösung. Das stoppt die Gehirntätigkeit, die Zellaktivität …«
»Künstliches Koma.«
»Wenn Sie so wollen. Dann haben wir eine Chance, mit dem strukturellen Kram weiterzukommen. Eine Chance … Oje, Herzstillstand. Crashteam …!«
Der strukturelle Kram. Nachdem Falcon stabilisiert worden war, hauptsächlich indem man ihn in einen Raum voller Maschinen schob, die die Funktionen seines zerschmetterten Körpers nachahmten, stellte sich heraus, dass nur noch wenig von ihm übrig und zu retten war außer Gehirn und Rückgrat – und einigen Teilen seines Gesichts, die er sich durch den davorgehaltenen Arm bewahrt hatte. Die gute Nachricht war, dass man damit schon eine ganze Menge hatte, worauf sich aufbauen ließ. Monitore zeigten bereits dauerhafte Gehirntätigkeit. Hope würde bald lernen, woran sie erkennen konnte, ob Falcon schlief oder wach war, und sie fragte sich, welcher Zustand schlimmer für ihn war.
Für Hope folgte ein Crashkurs in Neuroinformatik. Während die Stunden zu Tagen wurden, arbeitete das Team so schnell, wie es konnte. Es musste eine Verbindung zwischen dem, was von Falcon übrig war, und den Geräten herstellen, auf die er für den Rest seines Lebens angewiesen sein würde. Und das bedeutete, Informationen aus den Überresten seines zerstörten Nervensystems auszulesen und Informationen hineinzuschreiben.
Sensoren an prothetischen Fortsätzen von Falcons verbliebenem Armstumpf waren in der Lage, mittels seines eigenen Nervensystems mit dem Gehirn zu kommunizieren – aber für den Rest seines Körpers war das keine Option, dazu hatte die Wirbelsäule zu schwere Schäden davongetragen. Neue Kommunikationswege mussten konstruiert werden. Also setzte man Mikroelektroden in Falcons Gehirn ein – im Gebiet des Motorcortex, der für körperliche Bewegung zuständig war, und im somatosensorischen Cortex, der die haptische Wahrnehmung bestimmte. Die meisten Sensoren wurden im Lumbosakralbereich seines Rückgrats eingesetzt, mit einer Steuerzentrale, die das Gehirn mit den unteren Extremitäten verband. Sobald die Übertragung digitaler Informationen von und zu seinem zerrissenen Nervensystem möglich war, probierte man einen Satz prothetischer Körperteile aus, einen nach dem anderen. Jeder wimmelte von Mikrosensoren, die fortwährend mit den im Gehirn und im Rückgrat verankerten Geräten kommunizierten.
Obwohl das alles unter großem Zeitdruck improvisiert wurde, war es eine beeindruckende Leistung.
Hope konnte auf dem medizinischen Sektor helfen. Während die Genesung voranschritt, leuchtete sie in Augen aus Metall und Gel und kniff in sensorenbestückte Kunststoffhaut, um deren Wahrnehmungsfähigkeit zu testen. Später erfuhr sie, dass Falcon dies im Verlauf der Tage und Wochen des Schweigens in seinem Kopf langsam merkte: Lichtfunken, dumpfe Druckgefühle. Aber der erste äußere Stimulus, der wirklich zu ihm durchdrang, war ein Geräusch, ein metronomisches Pochen; er glaubte, dass es von seinem eigenen Herzen stammte, aber in Wahrheit war es der kombinierte Rhythmus eines Raumes voller Maschinen.
Das Team war hoch motiviert gewesen. Sie retteten nicht nur ein Leben, sondern sie taten es mithilfe der neuesten Techniken und Technologien. Tatsächlich, sagten die Ärzte, treibe dieser Fall die Entwicklung neuer Techniken generell voran.
Manchmal waren sie übereifrig. Ein jüngerer Arzt prahlte in der Kantine: »Wisst ihr, das muss der interessanteste Traumafall sein, seit es keine Kriege mehr gibt …« Doktor Bignall verpasste dem Mann einen Schlag auf den Mund. Hätte er es nicht getan, dann Hope Dhoni.
Und jetzt, ein Dutzend Jahre später, stand Falcon hier, wiederhergestellt.
Ein goldener Turm.
Einige Leute sagten, in dieser Ausgabe seines Lebenserhaltungssystems sähe Falcon ein wenig wie die alte Oscar-Statuette aus. Wenn er aufrecht stand, meinte man, die Abstraktion eines menschlichen Körpers statt dessen realer Gestalt vor sich zu sehen: einen goldenen, keilförmigen Rumpf, Hals und Schultern wohlgeformt, einen Kopf ohne jegliche Merkmale – außer der Öffnung, durch die ein partielles Gesicht spähte, ledrige, der Luft ausgesetzte menschliche Haut. Künstliche Augen, natürlich. Seine untere Körperhälfte war ein kompaktes Gebilde mit angedeuteten Beinen; es sah massiv aus, war jedoch segmentiert, sodass Falcon sich einigermaßen glaubwürdig bücken, ja sogar »hinsetzen« konnte. Und unter den »Füßen« befand sich eine Art Transportwagen mit Ballonreifen. Im Ruhezustand hielt Falcon die Arme vor der Brust verschränkt, um Leute, die ihn ansahen, nicht zu beunruhigen. Wenn er die Arme bewegte, hörte man das mechanische Surren der Hydraulik; die Bewegungen waren steif und unmenschlich, die Hände wirkten wie zugreifende Klauen.
Dies war nicht das erste Modell, in das Falcon eingesetzt worden war. Er beklagte sich gern, dass er als Junge Schneemänner gebaut hatte, die menschlicher aussahen …
Dhoni erinnerte sich daran, wie es gewesen war, als Falcon wieder angefangen hatte, Schmerzen zu spüren.
Falcon konnte ihnen damals nicht sagen, dass er Schmerzen hatte. Er konnte nur mit einem Augenlid zucken. Er besaß keinen Mund. Seine Tränenkanäle funktionierten nicht mehr. Aber die Maschinen erzählten von den Schmerzen. Und Hope wusste es.
Es dauerte zwei Jahre, bis er ohne fremde Hilfe eine Buchseite umblättern konnte, mit surrenden Servomotoren in dem einzelnen exoskelettalen Arm, der an seinem Körper befestigt war. In diesen zwei Jahren hatte Hope Dhoni ihm jede Nacht das Gesicht gewaschen und die Stirn abgewischt.