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Mein Name ist Orpheus.
Ich nähere mich dem Mittelpunkt der Welt – dieser mächtigen Welt, der mächtigsten im Sonnensystem.
Und wie ich sehe, liegt eine weitere Welt in ihrem Innern.
Die Existenz eines festen Kerns im Innern des Jupiters war lange Gegenstand theoretischer Diskussionen. Der Gasriese besteht größtenteils aus Wasserstoff und Helium – aber tief im Innern muss er einen massiven Kern aus komplexeren Stoffen haben, einen Kern aus Gestein und Eis, um den sich im Verlauf der chaotischen Entstehung des Sonnensystems der riesige, aufgeblähte Tropfen gebildet hat, der Jupiter ist. Auf Grundlage von Beobachtungen geringfügiger Abweichungen der Umlaufbahnen der Jupitermonde und der Flugbahnen vorbeifliegender Raumschiffe haben spätere Theoretiker die Masse des Kerns und seine anderen Eigenschaften stärker eingegrenzt.
All dies haben andere aus indirekten Indizien abgeleitet.
Ich sehe es mit eigenen Augen.
Der Innere Jupiter ist eine eigene Welt. Ein Konglomerat aus Stein und Eis von der zwanzigfachen Masse der Erde. Er ist an sich schon massereicher als jeder andere Planet im Sonnensystem außer Saturn, massereicher als Uranus und Neptun. Sein Radius beträgt rund vierzehntausend Kilometer und ist damit deutlich geringer als der des Neptuns oder des Uranus, was eine Vorstellung von seiner relativen Dichte vermittelt. Bei solchen Bedingungen, wie ich sie jetzt erlebe – der Druck beträgt mehr als dreißig Millionen Erdatmosphären –, zeigen Stoffe ein Verhalten, wie es Menschen, ja sogar Maschinen bisher nur flüchtig in den Labors zu sehen bekamen. Früher hat man vermutet, der Jupiterkern wäre ein gewaltiger Diamant. Was ich sehe, während ich in die Tiefe sinke, scheint weitaus komplexer zu sein …
Meine Beobachtungen sind selbstverständlich rein passiver Natur. Ich kann keine Proben sammeln und analysieren: Mit meinen Sensoren kann ich Dinge wahrnehmen, aber nichts berühren. Und was ich sehe …
Hier gibt es Berge.
Hatten wir eine glatte, von den schrecklichen Drücken zur Einförmigkeit zerquetschte Kugel erwartet? Wenn ja, dann haben wir uns geirrt. Berge: So nenne ich sie; sie ähneln vielleicht riesigen Quarzkristallen, die in verschiedenen Winkeln aus der sie umgebenden Ebene ragen. Möglicherweise folgen sie den Linien lokaler Magnetfelder; im Erdkern gibt es kilometerlange Eisenkristalle, die derart in die Länge gestreckt sind. Das hier könnte jedoch auch etwas noch Fremdartigeres sein. Ich kann nicht einmal Vermutungen darüber anstellen, woraus sie bestehen.
Am Fuß der Berge: eine Art Landschaft. Sogar Seen oder Ozeane. Vielleicht gibt es hier Diamantmeere, Flüsse aus Buckminsterfullerenen …
Vielleicht gibt es hier künstliche Dinge.
Vielleicht gibt es Konnektivität.
Alles nur flüchtige Eindrücke. Die Kernwinde treiben mich auf den Gipfel eines Kristallbergs zu …«
In den kommenden Monaten und Jahren würde Falcon die wilden Debatten über diese Worte aus dem tiefsten Innern des Jupiters verfolgen.
Künstliche Dinge? Vielleicht. Vorher würde man allerdings die Nullhypothese verwerfen müssen, dass jede etwaige Struktur, die Orpheus gesehen hatte, nur ein Produkt natürlicher Kräfte war. Hatte die Regelmäßigkeit des Inneren Jupiters nicht mehr zu besagen als die Sechsersymmetrie einer Schneeflocke?
Konnektivität? Das war noch mysteriöser. Bezog sich Orpheus damit auf eine allumfassende Einheitlichkeit jener Merkmale, die er auf der planetengroßen Oberfläche des Inneren Jupiters wahrgenommen hatte? Aber Orpheus war auch mit Beschleunigungsmessern und Schwerkraftsensoren ausgestattet. Manche nahmen an, dass er eine tiefere Konnektivität gespürt hatte; vielleicht einen Raumzeitriss im gequälten Herzen des Inneren Jupiters, wo die Temperaturen auf knapp siebzehntausend Grad Celsius und die Drücke auf siebzig Millionen Erdatmosphären stiegen – ein Ort, wo so etwas wie ein natürliches Wurmloch entstehen mochte oder eine Vielzahl von Wurmlöchern, die den Inneren Jupiter vielleicht sogar mit ähnlich gearteten inneren Welten verbanden …
In Falcons Augen waren das wilde Spekulationen, ein Berg von Theorien auf einem Faktenkörnchen. Dennoch, dachte er, warfen solche Spekulationen vielleicht ein wenig Licht auf die Bedeutung von Orpheus’ rätselhaften letzten Worten.
Worte, die keiner von denen, die sie hörten, in den Jupiterwolken, auf Amalthea und Ganymed, auf der Erde und dem Mars, auf allen Welten der Menschheit, jemals vergessen würde.
»Die Strömungen spülen mich jetzt die Flanke eines Berges hinauf. Der Gipfel ist offenbar vollkommen eben – wie bei einem zerbrochenen Kristall. Die Oberfläche wirkt völlig glatt, ohne jegliche Spuren von Erosion oder anderen Schäden. Ich frage mich, wie alt diese Formationen sind; die Energien sind hier so beschaffen, dass sogar ein solches Gebirgssystem so vergänglich sein kann wie Eisblumen auf der Erde.
Ich treibe nach unten. Abwärts, zum Gipfelplateau. Im Herzen des Jupiters bin ich jetzt nicht mehr als eine Hand voll Diamantschnee …
Das ist seltsam …
Das ist seltsam …
Das das das ist seltsam …
Mein Name ist Orpheus. Diese Telemetriedaten werden mittels …
Meine Tiefenwahrnehmung ist möglicherweise fehlerhaft. Es gibt eine Störung in den Instrumenten. Möglicherweise. Die Gipfelfläche war nahe. Jetzt scheint sie weit weg zu sein.
Als ob die Formation hohl wäre.
Als ob die Formation kein Berg, sondern ein Schacht wäre.
Mein Name mein mein …
Mein Name ist Orpheus.
Ich bin nicht allein.«