22

Die Ballonreifen von Falcons Träger-Infrastruktur rollten lautlos über den dicken Teppich der Galileo Lounge. Polstergruppen und Privatnischen unterteilten den Raum, und ihm war bewusst, dass sich hübsche Köpfe zu ihm umdrehten, als er vorbeifuhr. Promis gucken war hier ein beliebter Zeitvertreib. Er ignorierte sie alle hartnäckig.

Außerdem bot der Himmel über der durchsichtigen Plexiglasdecke einen spektakuläreren Anblick als jeder Mensch oder Posthumane. Die Galileo Lounge, ein Anbau an ein neues Hotel unmittelbar außerhalb der ältesten Druckkuppeln von Anubis City, war bereits das berühmteste Wahrzeichen dieser zweihundert Jahre alten Siedlung, der größten Stadt auf Ganymed. Das Alleinstellungsmerkmal der Lounge bestand darin, dass ihr Licht ausschließlich vom Himmel kam: von den imposanten Laternen der Sonne, des Jupiters und der inneren Monde.

Er fand Hope Dhoni auf einem von zwei beieinander stehenden Sofas, wo sie es sich gemütlich gemacht hatte. Sie drehte sich um und lächelte ihn an, als er näher kam. »Ich habe Ihnen das Übliche bestellt.« Auf dem Tisch zwischen den Sofas standen zwei Gläser.

Falcon ließ sich neben ihr nieder und nahm vorsichtig ein Glas. Seine Finger schlossen sich mit einem Klicken. Eistee − ihr Ritual, einmal alle paar Jahrzehnte. »Ein junger Marsianer hat mich gewarnt, dass Sie hier wären.«

»›Gewarnt‹? Schön, Sie zu sehen, Howard.« Dhoni musterte ihn abwägend. Auf den ersten Blick hätte er sie für jung halten können – vielleicht vierzig, aber nicht älter. Doch eine gewisse Glätte ihrer Haut und eine eigentümliche, fast reptilienhafte Reglosigkeit verrieten die Wahrheit. Wie er selbst war Hope jetzt über zweihundert Jahre alt.

»Ich weiß, was Sie denken«, sagte sie.

»Ach wirklich?«

»›Eine alte Spinatwachtel, die auf jung macht.‹«

»Es gibt bestimmt nicht mehr viele, die sich noch an solche Ausdrücke erinnern. ›Spinatwachtel‹ …?«

»Ach, das ist wahrscheinlich eine Einstellung bei einer der älteren Nahrungsmittelsynthese-Maschinen.«

»In Wirklichkeit dachte ich, dass Sie sehr gut aussehen, Hope. Jedenfalls besser als im anderen Fall, der wäre nämlich ein Sarg, oder – nun ja, ein Sarg wie meiner.«

»Sie hatten schon immer eine morbide Ader, Howard, und die mochte ich nie. Genau deshalb bestehe ich darauf, Sie mindestens alle fünfzig Jahre mal persönlich zu sehen – obwohl ich Sie ständig überwache, das wissen Sie. Und bevor Sie es sagen, nein, Ihre glamouröse Karriere zu verfolgen ist nicht das Einzige, was mich am Leben erhält.«

»Was gibt es denn noch?«

»Unter anderem« – sie zeigte zum Himmel – »solche Ausblicke.«

Falcon drehte sich um und schaute durch die Kuppel hinaus. Von hier aus konnte er etwas von Ganymeds Terrain sehen: eine Landschaft aus Wassereis, das so hart gefroren war wie Granit, ramponiert von gewaltigen urzeitlichen Einschlägen, zerknautscht und rissig vom äonenlangen Kneten der Gezeiteneffekte. Anubis City war in relativ flachem Gelände errichtet worden, ein gutes Stück nördlich von Ganymeds subjovianischem Punkt.

Aber nicht Ganymeds Boden zog jene wohlhabenden Touristen an, die Stammkunden in der Lounge waren, sondern sein Himmel.

Das Prunkstück war Jupiter selbst. Dieser Mond, der in gebundener Rotation mit dem Planeten stand, hielt dem Muttergestirn auf seiner siebentägigen Umlaufbahn immer dieselbe Seite zugekehrt, und die riesige, von diesem Breitengrad aus in einem angenehmen Blickwinkel zu betrachtende Welt war am Himmel fixiert. Wie der Erdmond hatte auch Jupiter seine Phasen, und an diesem Morgen zeigte er sich als markante Sichel.

Auf dem hell erleuchteten Antlitz des Planeten konnte Falcon die vertrauten Bänder zählen, Produkte der Konvektion und der heftigen Winde, die sich um den ganzen Planeten zogen. Die Farben, Braun-, Beige- und Grauweißtöne, stammten von einem Schuss komplexer Kohlenwasserstoffmoleküle, die von der fernen Sonne erzeugt wurden – jene organische Chemie, die den Ozean des Lebens nährte, der ihm so vertraut geworden war. Die dunkle Seite des Planeten, eine geisterhafte, aus dem gestirnten Hintergrund ausgeschnittene halbe Scheibe, wurde unterdessen sporadisch von Blitzen erhellt; sie überspannten Gebiete, die größer waren als die gesamte Erdoberfläche.

Und dann waren da natürlich die Monde.

Von Ganymeds drei galileischen Geschwisterwelten war Io, die innerste, leicht zu erkennen, ein rötlicher Punkt in der Nähe der hellen Jupitersichel – eine Welt, die von unablässigem Vulkanismus gequält wurde. Europa, die nächste weiter draußen, musste fast ihre größte Annäherung an Ganymed erreicht haben; sie war eine sonnenbeschienene Sichel, die an diesem Tag so aussah wie der Mond von der Erdoberfläche aus. Falcon wusste, dass momentan ein Wissenschaftlerteam dort oben war, um die eigentümliche Plattentektonik von Europas glatter, einem gesprungenen Spiegel ähnelnder Oberfläche zu erforschen; eine Eiskruste über einem kalten Meer, in dem primitive Lebensformen gediehen. Kallisto, jenseits von Ganymed, war an diesem Tag nicht zu sehen.

All dies wäre schon als statisches Bild ein imposanter Anblick gewesen, dachte Falcon – aber am Jupitersystem war nichts statisch. Der Planet selbst drehte sich in nur zehn Stunden um seine Achse, und Falcon sah, wie Regionen der gebänderten Oberfläche vor seinen Augen über den sichtbaren Teil der Scheibe glitten. Und man brauchte nicht viel Geduld, um zu erkennen, dass sich auch die Monde bewegten. Die kleine Io umkreiste Jupiter in lediglich dreiundvierzig Stunden, und selbst die prachtvolle Europa durcheilte ihren Phasenzyklus in weniger als vier Tagen.

Tausendmeilenschatten, die sich sichtbar verschoben.

»Es ist, als wäre man in Galileos Kopf«, sagte Falcon.

»Ja, und all das sehen zu können, das ist doch schon ein ausreichend guter Grund, um am Leben zu bleiben, nicht wahr? Obwohl auch meine Arbeit dafür sorgt, dass mir nicht langweilig wird. Aber seit dem Tod meiner Enkelin – habe ich Ihnen davon erzählt? – besitze ich keine näheren Angehörigen mehr.«

Falcon grunzte. Er war bei der Beerdigung von Hopes Tochter gewesen; vom Tod der Enkelin hatte er nichts gewusst. »Tut mir leid. Nein, ich habe auch keine Angehörigen. Ein entfernter Neffe, ein Nachkomme meines Vetters, ist vor ein paar Jahren kinderlos verstorben. Von den Nachfahren meiner Großeltern ist also außer mir keiner mehr übrig.«

Das war nicht ungewöhnlich in einer Zeit, in der die Weltregierung noch immer versuchte, die Bevölkerungszahlen nach ihrem Höchststand Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu senken. Obwohl es Medikamente zur Lebensverlängerung gab, schienen die meisten Menschen mit einem Leben zufrieden zu sein, das nicht viel länger dauerte als etwa ein Jahrhundert; was ihr Alter betraf, waren Falcon und Dhoni Sonderfälle. Es kam also durchaus vor, dass Eltern ihre Kinder oder sogar Enkel überlebten – und viele ältere Familien als die von Falcon oder Dhoni waren ausgestorben.

Falcon wurde von einem Nebel abgelenkt, der von Ganymeds Oberfläche emporstieg und die südliche Hemisphäre des Jupiters seinen Blicken entzog. »Was ist das? Irgendein Bauprojekt?«

Sie schnitt eine Grimasse. »Eine neue militärische Anlage in der Nähe des Äquators. Höchste Geheimhaltung, aber ich bin seit einem Monat hier, die Meder sind noch immer eine sehr kleine Gemeinschaft, und es ist erstaunlich, wie viel man aufschnappen kann, wenn man nur herumsitzt und zuhört und die Leute im Glauben lässt, man wäre alt und harmlos … Noch vor diesem Kernprojekt, bei dem Sie törichterweise mitmachen, sind viele Besucher von der Erde gekommen, von den Sekretariaten für Sicherheit und Militär wie auch aus dem Wirtschaftssektor. Unternehmer. Ich sehe die Schiffe kommen und gehen, mit den grellen Fackeln ihrer Fusionstriebwerke …«

»Ich weiß, dass sich die Erde ungemein dafür interessiert, was hier vorgeht«, sagte Falcon. »Der Jupiter ist zu einem Knotenpunkt des Kontakts zwischen den Parteien geworden: Erde, Marsianer, Maschinen. Weshalb wohl auch ich dabei bin. Ich soll mich mit einer Vertreterin des Amts für Interplanetarische Beziehungen auf Amalthea treffen, bevor wir mit der Tauchfahrt beginnen. Vielleicht erfahre ich dort mehr.«

»Fragen Sie bei Gelegenheit doch mal nach New Nantucket.«

Ein rätselhafter Name, den Falcon noch nie gehört hatte.

»Und was Sie betrifft, Howard, natürlich haben Sie vor, Ihren ältlichen Kadaver in diesen Mahlstrom interner politischer Machtkämpfe und physischer Gefahren zu stürzen. Ich wünschte, Sie würden mir erlauben, Sie zunächst einmal zu einer gründlichen Überholung mitzunehmen. Selbst Ihre exoskelettalen Komponenten brauchen ein Upgrade. Aber größere Sorgen bereiten mir wie immer Ihre menschlichen Überreste.«

»›Überreste‹?«

»Nun stellen Sie sich mal nicht so an, Howard.« Sie hob ihre Hand und betrachtete sie im Jupiterlicht. »Selbst ich bin vergleichsweise ein Relikt der Vergangenheit – ein Museum der Antiseneszenz-Technologie. Wir haben so viel gelernt, seit ich mit meiner Behandlung begonnen habe. Die jungen Leute, die jetzt mit ihren Programmen starten, haben viel bessere Gesundheitsaussichten und eine höhere Lebenserwartung. Und es gibt neue Techniken, die Ihnen helfen könnten, Howard. Bluteiweiß-Optimierungen. Selbst die Regeneration von Gliedmaßen und anderen Organen zeichnet sich am Horizont ab – in der Natur gibt es das alles. Wenn einem Hirsch jedes Jahr ein neues Geweih wachsen kann, warum mir dann nicht eine neue Hand oder Niere? Ja, ich weiß, Sie finden es immer unangenehm, wenn ich auftauche. Sie haben Großes geleistet, Commander Falcon, und trotzdem schleife ich Sie in Ihr Krankenhausbett zurück und mache Sie wieder zum Invaliden. Nun, das ist mein Job. Versprechen Sie mir, dass Sie mich besuchen kommen, wenn dieses neue Abenteuer vorbei ist. Sie könnten zum Pasteur kommen; dann müssten Sie nicht näher als sechstausend Kilometer an die Erde heran. Tun Sie’s für mich. Bitte.«

Er nickte kurz.

»Und jetzt«, sagte sie und lehnte sich zurück, »haben wir doch gewiss noch ein wenig Zeit, uns Galileos Planetarium anzusehen. Noch etwas Tee?«

Er dachte daran, was für den Rest des Tages vor ihm lag: eine Reise nach Amalthea in einem ramponierten Intrasystem-Schlepper, an deren Ende dann eine grimmig dreinblickende Beamtin der Weltregierung … »Ach, was soll’s.«

Bei seiner Ankunft stellte Falcon fest, dass er sich noch sehr gut an Amalthea erinnerte.

Vor langer Zeit hatte dieser kleine Mond, der nah beim Jupiter um seine Umlaufbahn eilte, als Kontrollzentrum für seinen ersten Abstieg mit der Kon-Tiki in die Jupiterwolken gedient – oder vielmehr, das Mutterschiff hatte im Strahlungsschatten des damals noch unbewohnten Satelliten Schutz gefunden. Als er nun mit Thera Springer, seiner Gastgeberin von der WR, dahinschlenderte, sagte er: »Nie werde ich Carl Brenners Klagen über die störende Schwerelosigkeit beim Studium der biologischen Proben vergessen, die ich mitgebracht hatte. Obwohl ihm der Zustand seines Magens am meisten zu schaffen machte. Und natürlich haben wir den Mond in jenen Tagen noch Jupiter V genannt …«

Die offenbar gewohnheitsmäßig schweigsame Springer antwortete nicht.

Colonel Thera Springer von der World Army, jetzt dem berüchtigten Amt für Interplanetarische Beziehungen zugeteilt, war ganz anders als ihr entfernter marsianischer Verwandter Trayne mit all seiner Offenheit und Neugier. Thera wirkte mindestens fünfzehn Jahre älter; eine kurz angebundene, allem Anschein nach toughe Frau, die ihre Uniform wie eine zweite Haut trug. Aber sie war auch eine Springer. Auf der Brust trug sie neben irgendeinem Kriegsorden ein Emblem mit dem Springbock der Familie. Und diese neueste Angehörige der Springers, jener großen Dynastie, die dank der astronautischen Heldentaten ihrer Vorfahren Seth und Matt ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten war, interessierte sich nicht für Anekdoten. Sie war hier, um über interplanetarische Politik zu reden.

Trotzdem war Falcon fasziniert davon gewesen, was er auf diesem heutigen Jupiter V schon gesehen hatte: die in Krater mit Namen wie Pan und Gaea hineingebauten neuen Überwachungsstationen und den zur Abschirmung vor der grimmigen Strahlungsumgebung des Jupiters tief unter der Oberfläche liegenden Kontrollraum für den Jupiterabstieg. Und er hatte den Kernpionier selbst gesehen, eine Maschine, die auf eigenen Wunsch von den Menschen »Orpheus« genannt wurde und, wie sich herausstellte, auch nicht andeutungsweise die übliche quasi-menschliche Gestalt besaß, mit deren Hilfe die Maschinen in der heutigen Zeit in Kontakt mit der Menschheit traten. Für das bloße Auge war Orpheus eine Blackbox, ein Würfel von etwa einem Meter Seitenlänge, dem selbst im Vergleich zu Falcon alles Menschliche fehlte – auch wenn er irgendeinem Witzbold erlaubt hatte, »Howard Falcon junior« auf das Gehäuse zu kritzeln.

Zu seinem Treffen mit Thera Springer hatte man Falcon zur spektakulärsten Stätte auf Amalthea gebracht, einer Aussichtsgalerie an der Oberfläche der Barnard-Basis, genau am subjovianischen Punkt: eine Art Billigversion der Galileo Lounge, dachte Falcon belustigt. Amalthea, ein ramponiertes Ovoid von rund zweihundert Kilometern Länge, das nur anderthalb planetarische Radien über den obersten Wolkenschichten des Jupiters dahinsegelte – seine Orbitalperiode betrug lediglich zwölf Stunden –, war ein etwas kümmerlicher Jupitermond, wenngleich der erste in der Neuzeit entdeckte Satellit. Doch als Falcon jetzt von dieser Galerie in der Barnard-Basis aus nach oben schaute, überspannte der Jupiter volle fünfundvierzig Grad seines Blickfelds: eine riesige, zornige, beunruhigende Präsenz, unablässig aktiv, und seine Phase veränderte sich fast sichtbar, während der kleine Mond wie eine Rakete um sein Muttergestirn schoss.

Endlich sagte Springer etwas. »Furcht einflößender Anblick, was? Wie ein Ozean am Himmel.«

»Das ist ein verblüffend poetischer Gedanke, Colonel.«

»Poesie? Nicht dass ich wüsste. Für mich ist der Jupiter eine tiefe, dunkle Grube, in der sich Marsianer und Maschinen verstecken und dort im Verborgenen weiß der Teufel was aushecken. Selbst die verdammten Simps sind mit dabei.«

Das überraschte Falcon. »Was ist mit den Simps?«

»Oh, die großartige Unabhängige Pan-Nation hat ebenfalls die Finger im Spiel. Oder eine Pfote, was auch immer. Wie sich herausstellt, kommen ausreichend fit gemachte Simps ziemlich gut mit der Schwerkraft des Jupiters zurecht, und sie sind nützliche Arbeiter. Aber sie verfolgen wie immer ihre eigenen Ziele und beißen die WR-Hand, die sie füttert. Ham, der Präsident, bestreitet das alles. Nun, zumindest haben wir da gewisse Einflussmöglichkeiten. Wie sich herausstellt, haben die Pan ein Problem mit der Gendrift. Ihre kostbare Intelligenz ist, anders als unsere, nicht durch eine Million Jahre der Evolution und des Steineklopfens fest verankert. Sie können zurückfallen. Wie ich höre, ist es ein herzzerreißender Anblick, wenn ein Baby ohne diesen Funken in den Augen geboren wird.« Es klang ganz und gar nicht so, als wäre ihr Herz zerrissen. »Deshalb brauchen sie unsere Unterstützung und die Forschungsergebnisse aus unseren Labors – nicht einmal die Marsianer können dieses Bedürfnis bisher stillen. Da haben wir also einen Hebel. Bei den anderen allerdings …«

Falcon fand die Vorstellung entsetzlich, dass eine Regierung in Erwägung ziehen könnte, das intellektuelle Überleben einer Spezies als Waffe einzusetzen. Er fragte sich, welchen langfristigen Schaden solche Manöver wohl den Beziehungen zwischen Menschen und Pan zufügen würden.

Springer war sich solcher Implikationen offenkundig gar nicht bewusst.

»Es ist sehr nützlich, dass Sie bei diesem Abstieg mit von der Partie sind, Commander Falcon«, sagte sie nun. »Mehr als nützlich, und wir sind dem Brenner-Institut dankbar dafür, dass es Ihre Beteiligung an dem Projekt von vornherein gesponsert hat – und ich bin meinem Vetter dankbar, dass er bei diesem Testabstieg das Bewusstsein verloren und dadurch bewiesen hat, dass ein auf der Erde geborener Mensch – Sie – immer noch mit Dingen fertigwerden kann, die über die Fähigkeiten eines Marsianers in einem Exposit hinausgehen. Ha! Das ist in Port Lowell bestimmt gut angekommen. Außerdem haben Sie durch das Geschöpf, das wir als Adam kennen, eine persönliche Beziehung zu den Maschinen.«

»Sie meinen, ›durch die Rechtsperson (nichtmenschlicher Art), die wir als Adam kennen‹. Es hat eine Menge Diskussionen gekostet, bis ihm diese Ehrenbezeichnung zuerkannt wurde.«

»Ja, ja.« Springer schaute erneut kurz und fast schon verbittert zum Jupiter hinauf. »Die Wahrheit ist, dass wir momentan keine der WR gegenüber loyalen Beobachter haben, die überprüfen könnten, was wirklich auf dem Jupiter vorgeht – und dies ist unsere Chance, dort einen zu platzieren, eine goldene Gelegenheit, die sich im Fahrwasser dieser Aktion bietet, dieses Abstiegs in die unteren Schichten. Weder die Marsianer noch die Maschinen können Einwände dagegen erheben, dass Sie dabei sind, in Anbetracht Ihrer physischen Fähigkeiten und Ihrer früheren Heldentaten.«

Dies ging weit über die Vorgespräche hinaus, die Falcon hierher gebracht hatten. »Platzieren? Soll ich jetzt etwa den Spion für das Amt für Interplanetarische Beziehungen spielen? Ich dachte, bei diesem Projekt ginge es um Entdeckungen. Um Wissenschaft. Nicht um Spionage und Politik.«

Springer seufzte. »Sie sind viel älter als ich, Commander, und bestimmt nicht naiv. Aber ich frage mich, ob Ihnen klar ist, was uns solch große Sorgen bereitet. Stimmt es, dass Sie geboren wurden, bevor die erste Weltpräsidentin ihr Amt antrat?«

Falcon lächelte. »Ich war allerdings noch nicht alt genug, um für Banderanaike zu stimmen.«

»Seit jener Zeit haben wir auf der Erde einen erfolgreichen wissenschaftlichen Weltstaat errichtet, Falcon. Ein jahrhundertealter Traum. Man könnte es als ein Utopia bezeichnen … wären da nicht die bösen Träume, die vom Himmel kommen.«

Noch mehr verblüffende Poesie.

»Auf lange Sicht sind unsere Strategen zutiefst besorgt über die Entwicklung der Maschinen-Zivilisation – falls sie denn vereint und hoch genug entwickelt ist, dass man sie so bezeichnen kann – und deren mögliche Auswirkungen auf uns. Aber fürs Erste gibt es genug Turbulenzen mit unseren eigenen Kolonien. Vom Merkur bis zum Triton haben die Koloniewelten schon seit dem Moment, als der Mensch zum ersten Mal den Fuß auf sie gesetzt hat, ihre eigenen politischen und kulturellen Wege eingeschlagen.

Aber der Mars hat immer eine Schlüsselrolle gespielt. Schon ein halbes Jahrhundert vor Banderanaikes Amtsantritt gab es dort eine autarke Basis. Und die Weltregierung hat unablässig die Zusammenarbeit mit dem Mars gesucht – hat ihm um des lieben Friedens willen sogar Zugeständnisse gemacht, wenn man so will, praktisch von ihrer Entstehung an, als der Mars zur Föderalen Zone mit vollen Stimmrechten im Weltrat erklärt wurde. Wir finden Wege, Geld dorthin zu leiten: die Verlegung der Spaceguard-Zentrale nach Hellas schon in den 2120er-Jahren, die Gründung der Raumschiff-Konstruktionswerften von Port Deimos in den 2170ern. Zur Jahrhundertwende hat das Amt für Interplanetarische Beziehungen sogar die Anschubfinanzierung für das Eos-Programm, ihr langfristiges Terraformierungsprojekt, auf die Beine gestellt. In jüngerer Zeit haben wir versucht, den Mond als Brücke zu benutzen. Marsianer und andere Extraterrestrier können ans Aristarchus Tech kommen, um ohne Hochschwerkraftausrüstung zu studieren … Wussten Sie, dass wir auf dem Mond sogar Maschinen arbeiten lassen? Das ist ein weiteres diplomatisches Experiment. Sicher, der Zutritt zum Heimatplaneten ist ihnen verwehrt, aber wir setzen sie bei der Verarbeitung von lunarem Erz und in anderen Programmen ein. Eine Geste des Vertrauens, nicht wahr?«

»Ich weiß, Sie haben auch der Planetenföderation erlaubt, ihr Hauptquartier auf dem Mond zu errichten.«

»Ja, nach der Crawford-Deklaration, die sie 2186 unterschrieben hat.«

»Ich war dabei …«

»In den Augen der Weltregierung hat die Föderation immer noch keinerlei Rechtsgültigkeit, aber wir behandeln sie trotzdem so, als wäre es anders.«

Falcon stellte sich vor, wie eine solch herablassende Geringschätzung auf Phobos oder in Lowell, Vulcanopolis und Oasis aufgenommen wurde – ja sogar auf der Clavius-Basis. »Wissen Sie, Colonel, ich bin bei alledem so was wie ein Außenseiter. Ich passe weder in die eine Welt noch in die andere. Zum Teufel, ich bin älter als die meisten dieser Menschenwelten. Aber in meinen Augen schränkt die andauernde ökonomische und politische Vorherrschaft der Erde im Sonnensystem das Wachstum ein. Die Marsianer, die ich treffe, beklagen sich, dass sie erheblich schneller expandieren, ja sogar das Eos-Programm beschleunigen könnten, wenn sie nur mehr von den notwendigen Ressourcen geliefert bekämen. Vielleicht ist die Zeit reif für eine politische Veränderung. Werfen Sie einen Blick auf die Geschichte. Von 1492 – Kolumbus’ ersten Landungen – bis zur amerikanischen Revolution waren es … wie viel, nicht ganz dreihundert Jahre? Und die Zeitspanne von den ersten Schritten John Youngs, des Kolumbus des Mars, bis heute ist ungefähr genauso lang …«

»Wir sind hier weder im britischen Empire noch im kolonialen Amerika, Falcon«, wies ihn Springer streng zurecht. »Man merkt Ihnen Ihr Alter an. Die Geschichte, die Sie gelernt haben, ist unter Jahrhunderten begraben. Jetzt haben wir andere Zeiten. Andere Technologien. Lassen Sie mich den Eckpfeiler der Regierungspolitik erklären. Was die Weltregierung mehr fürchtet als alles andere, ist ein interplanetarischer Krieg. Denken Sie darüber nach. Trotz Ihres Alters werden selbst Sie sich wahrscheinlich nicht mehr an die lokal begrenzten Kriege in den letzten Jahren der Nationalstaaten erinnern … Es gab eine Reihe von Zwischenfällen, bei denen Flugzeuge – schwerfällige, nur von chemischen Brennstoffen angetriebene Kähne – in Gebäude gelenkt wurden. Akte des Krieges und des Terrors.«

»Ich bin mit diesen Bildern aufgewachsen.« Für Falcons junges geistiges Auge waren solche Zwischenfälle so etwas wie absichtlich herbeigeführte Hindenburg-Katastrophen gewesen.

»Und nun denken Sie über Folgendes nach. Ein voll aufgetanktes ziviles Flugzeug des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts hatte die Sprengkraft von ein paar Hundert Tonnen TNT. Ein moderner interplanetarischer Kreuzer der Goliath-Klasse wie das Schiff, das Sie hierher gebracht hat, würde, in eine Großstadt auf der Erde gelenkt, so viel Energie freisetzen wie ein totaler Atomkrieg zur Zeit meines Vorfahren Seth. Nur ein einziges Schiff – und ich rede hier bloß von der dabei freigesetzten kinetischen Energie, auch ohne die Explosion von Fusionsreaktoren oder den Einsatz speziell dafür konstruierter Waffensysteme.«

Falcon blickte zu der zerbrechlichen Kuppel über ihm hinauf. »Weltraumkolonien sind auch ziemlich verwundbar.«

»Stimmt. Und darum ist der Weltrat auf Empfehlung des Sekretariats für Strategische Entwicklung zu der Einschätzung gelangt, dass ein interplanetarischer Krieg anders als jeder vorherige Konflikt in der menschlichen Geschichte wäre. Er wäre ein potenzielles Aussterbeereignis für die Menschheit. Für uns alle, auf der Erde wie auch im Weltraum.«

»Das kann ich nachvollziehen. Ein Krieg muss um jeden Preis vermieden werden. Und so wollt ihr das erreichen? Die Marsianer streben nach Unabhängigkeit, und eure Antwort besteht darin, den Deckel noch fester draufzuschrauben?«

»Was sollten wir denn Ihrer Meinung nach tun, Falcon? Auf diese Weise behalten wir zumindest die Kontrolle und können die unbekannten Faktoren ausschließen – und eine Autonomie der Weltraumsiedlungen wäre ein gravierender unbekannter Faktor. Selbst wenn man den Einfluss der Maschinen bei alldem beiseite lässt, der einen weiteren erheblichen Unsicherheitsfaktor darstellt.«

Falcon nickte. »Deshalb haben Sie solche Angst vor dem Jupiter. Sie wissen nicht, was da unten vorgeht. Und was Sie nicht wissen, können Sie nicht kontrollieren.« Falcon musterte Springer. Ihre angespannte Stimme, ihre Zielstrebigkeit, eine entschlossene, klar denkende Person – und unter alldem mit einem Hauch Poesie in einer rebellischen Seele. Und er dachte an die weit entfernte Erde, die sich eng an ihre Sonne schmiegte, eine Welt, die erst vor kurzer Zeit auf so tragische Weise zu Frieden und Einheit gefunden hatte – und doch war hier eine ihrer Bürgerinnen, draußen in der Dunkelheit und der Kälte, und rang im Interesse der gesamten Menschheit mit existenziellen Gefahren. Er empfand eine seltsame Bewunderung für sie. Aber er ließ sich nichts anmerken.

So wie er sie musterte, musterte sie auch ihn. Dann brach sie das Schweigen. »Also, werden Sie mir helfen?«

»Was können Sie mir über New Nantucket erzählen?«

Springer sagte nichts, sondern erwiderte nur hartnäckig seinen Blick.

»Oder über die Waffenstellungen, die ihr am subjovianischen Punkt auf Ganymed errichtet?«

»Machen Sie es zur Vorbedingung Ihrer Zusammenarbeit mit uns, dass ich Geheimnisse preisgebe?«

Falcon gab nach. »Was, ich soll die Reise von Falcon junior zum Herzen des Jupiters verpassen? Nein, zum Teufel. Okay, Colonel, ich werde tun, was Sie sagen. Ich werde – die Augen offen halten.«

»Ach, übrigens, mein Vetter Trayne wird Ihnen Gesellschaft leisten.«

Das überraschte ihn. »Trayne? Er ist ein helles Bürschchen, aber …«

»Bei diesem Ausflug muss ein Marsianer dabei sein. Nur um Port Lowell zu zeigen, dass wir die Marsianer von nichts ausschließen.«

Falcon lächelte. »Und wer könnte diese Rolle besser spielen als Trayne? Er gehört zu Ihrer Familie, und er weiß offenkundig rein gar nichts über die politischen Hintergründe …«

»Ganz so zynisch bin ich auch wieder nicht. Ich glaube nun einmal, dass Trayne ein gutes Mitglied der Crew sein wird.«

»Da bin ich sicher«, sagte Falcon trocken. »Er ist schließlich ein Springer.«

Ein knappes Nicken, ebenfalls ein Lächeln. »Selbstverständlich werde ich euch auf dem ganzen Weg nach unten überwachen. Aber Sie erstatten mir persönlich Bericht, wenn Sie zurückkommen.« Und dann schaute Thera Springer auf einen Handgelenks-Minisec. Ihr Job hier war erledigt, sie hatte Falcon rekrutiert und war mit den Gedanken offenkundig schon bei ihrer nächsten Besprechung.

Und Howard Falcons Gedanken wanderten wieder einmal zum Jupiter.

Die Medusa-Chroniken
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