33

Im Anschluss an den Jupiter kehrte Falcon nach Port Van Allen und in andere Refugien zurück.

Er schrieb, las, dachte nach. Manchmal reiste er, erkundete sogar neue Welten, neues Terrain. Und er begab sich in regelmäßigen Abständen in die schroffe Obhut von Hope Dhoni, Sprössling einer verschwundenen Dynastie wie er, so alterslos wie er und dennoch irgendwie weitaus beständiger in ihrer inneren Stärke und Entschlossenheit, so beständig wie in ihrer Treue zu Falcon.

Weitere Jahre, weitere Jahrzehnte rollten wie Gezeitenwellen über die Welten der Menschen und der Maschinen hinweg. Während das halbe Millennium der Maschinen langsam verstrich, wartete er darauf, erneut in den Kampf gerufen zu werden.

Und als der Ruf schließlich kam, mehr als ein Jahrhundert nach der Nantucket-Affäre, führte er ihn auf eine kleine, gefährliche, zornige Welt, die selbst er noch nie besucht hatte.

Chef-Administratorin Susan Borowski ging mit energischen Schritten voraus, als sie mit Falcon eine Luftschleuse in der Außenkuppel von Vulcanopolis, der Hauptstadt der Freien Merkur-Republik, durchquerte. Sie traten in eine nächtliche Landschaft voller Felstrümmer und Krater unter einem sternenübersäten Firmament hinaus. Einem schwarzen Himmel, obwohl der Merkur nicht einmal halb so weit von der Sonne entfernt war wie die Erde und der Mond. Der ewige Schatten der Wände eines polaren Kraters bewahrte Vulcanopolis und dessen Bewohner vor dem direkten Licht – hier ging die Sonne nie auf –, aber selbst von hier aus konnte Falcon den Strahlenkranz der Korona über den Felswänden sehen. In gewissem Sinn war er deshalb hier; deshalb war er in einem Kriegsschiff namens Acheron durchs Sonnensystem gerast. Mit der Merkursonne stimmte etwas nicht, und daran waren nur die Maschinen schuld. Auch mehr als ein Jahrhundert nach Adams Kriegserklärung war Howard Falcon noch immer der Einzige, der halbwegs als Botschafter der Menschheit bei den Maschinen auftreten konnte. Und nun war er hierher zu einer Audienz einbestellt worden, auf dem Merkur.

Er fühlte sich seltsam unbeteiligt, obwohl die Situation den Erklärungen zufolge, die er erhalten hatte, keinen Aufschub duldete. Das war in diesen Zeiten kein ungewöhnliches Gefühl für ihn. Seltsam unbeteiligt? Seltsam alt. Aber seine Geburt lag immerhin schon über dreihundert Jahre zurück; wie hätte er sich fühlen sollen? Jahre, sogar Jahrzehnte schienen einfach an ihm vorbeizugleiten und hinterließen kaum eine Spur in seinem ausgezeichneten, vollgestopften Gedächtnis. Ein Jahrhundert nach dem Jupiter-Ultimatum verlor Howard Falcon allmählich den Kontakt zur Realität; er schwebte wie ein Ballon in Wolken unstrukturierter Zeit.

Aber was ihn auch immer hierher gebracht hatte, hier war er nun und rollte eine Schotterpiste auf der Oberfläche einer weiteren neuen Welt entlang. Wie viele waren es jetzt? Die einzige Welt, auf die er sozusagen als Erster den Fuß gesetzt hatte, war der Jupiter, aber der John Young des mächtigsten Planeten der Welt zu sein war immerhin eine nicht zu unterschätzende Leistung …

Während er vor sich hinträumte, sah Falcon, wie Borowski ihn anlächelte. Ihr Gesicht hinter dem Helmvisier war beleuchtet. Er versuchte, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

»Tut mir leid, dass wir durch die Luke eines Frachtraums raus mussten«, sagte Borowski nun. »Sie ist als einzige groß genug. Sonst hätten wir Sie zerlegen müssen.«

So etwas galt bei den Merkuriern als Humor, wie Falcon allmählich herausfand. »Oh, ich möchte Ihnen keine Unannehmlichkeiten bereiten. Und die Piste ist komfortabel.«

»Komfortabel, Commander? Offenbar haben wir Ihnen nicht genug abverlangt. Kommen Sie.«

Sie schwenkte abrupt auf einen Weg ein, der von Bodenleuchten im körnigen Staub markiert wurde und zu den Bergen am Kraterrand führte, die die Sonne verdeckten. In deren Schatten machte Falcon eine Ansammlung von Lichtern aus: Das war eine der vielen Minen hier im Messenger-Krater, in denen der Schatz abgebaut wurde, dessentwegen Vulcanopolis überhaupt nur entstanden war – Wassereis.

Falcon folgte ihr vorsichtiger.

Wenn die Merkurier etwas sagten, dann meinten sie es auch so. Wie alle Bewohner von Welten mit niedriger Schwerkraft waren sie meist groß, spindeldürr und oftmals drahtig, aber auch zerbrechlich – dabei hielten sie sich für ganz besonders hart und erwarteten von Besuchern aus dem Weltraum, dass sie mithielten. Andererseits war dies vielleicht die raueste Umgebung, in der Menschen bisher zu überleben versucht hatten. Merkurs »Tag« von neunundfünfzig Erdtagen betrug zwei Drittel seines »Jahres« von achtundachtzig Tagen, eine von den Gezeiteneinflüssen der Sonne hervorgerufene Resonanz: eine Kombination, die bedeutete, dass jeder Punkt auf Merkurs Äquator zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang glühend heißen hundertsechsundsiebzig Erdtagen pausenlosen Sonnenlichts ausgesetzt war, in deren Verlauf die Oberflächentemperatur so hoch stieg, dass Blei und Zink schmolzen.

Doch ausnahmsweise einmal hatte die Natur der Menschheit eine Chance gegeben. Im Gegensatz zur Erde besaß der Merkur keine Achsneigung; seine Pole wiesen senkrecht aus der Bahnebene hinaus. Das hatte zur Folge, dass der Boden eines Kraters, der auf einem der beiden Pole lag – was für diesen Krater, Messenger, weitgehend zutraf –, niemals die Sonne sah. Und im unendlichen Schatten dieser Kraterwände konnten über Millionen von Jahren hinweg Wasser und andere sporadisch von einschlagenden Kometen gelieferte flüchtige Stoffe auskondensieren, sich sammeln und gefrieren. Das war die Grundlage der Vulcanopolis-Ökonomie. Das hier geförderte Kometeneiswasser wurde zu äquatorialen Städten wie Inferno und Prime gepumpt, die im Gegenzug von weitläufigen Solarfarmen aufgefangene Sonnenenergie lieferten.

»Hoffentlich hat Bill Ihnen einige Vorabinformationen zu dieser kleinen Expedition gegeben«, sagte Borowski jetzt.

»Bill? Oh, Jennings, Ihr … ähm … Vize-Chefadministrator. Auf jeder anderen Welt würde der arme Bill Jennings den Titel eines Vizepräsidenten genießen.«

Sie lachte. »Dafür können Sie meine Vorgänger verantwortlich machen. Als ’15 der Vertrag von Phobos unterzeichnet wurde, beschloss Jack Harker, dass er die Berufsbezeichnung aus seinem alten Amt für Interplanetarische Beziehungen behalten wollte. Ich denke, das fand er amüsant. Also blieb er ›Chefadministrator‹.«

Falcon brauchte einen Moment, um nachzurechnen; mit Daten hatte er in diesen Zeiten so seine Schwierigkeiten. Im Gefolge des Jupiter-Ultimatums der Maschinen hatte die Erde rasch die Koloniewelten als freie Staaten anerkannt: die Weltregierung war zu dem Schluss gelangt, dass sie eher stärkere Verbündete brauchte als grollende Kolonien. Das Phobos-Abkommen war im Jahr 2315 geschlossen worden – ein Datum, das man gewählt hatte, weil darin die Unterzeichnung der Magna Carta im Jahr 1215 nachhallte –, und nun prahlten marsianische Barone gern damit, dass sie einen terranischen König gefügig gemacht hätten. Und das heutige Datum, der 11. Mai 2391, war in Falcons Bewusstsein seit Langem eingraviert, weil darin ein anderes nachhallte: das Datum eines Merkurtransits, von der Erde aus gesehen. Also, von 2315 bis 2391 …

»Nun hören Sie aber auf! Das Phobos-Abkommen war vor sechsundsiebzig Jahren!«

»Wir Merkurier machen nicht viele Scherze. Wenn uns ein guter einfällt, bleiben wir dabei …« Der Weg wurde abrupt steiler. »Alles okay bei dieser Steigung? Bis die Maschinen kamen, haben wir eine Seilbahn für die Touristen betrieben: eines der sieben Wunder des Sonnensystems, so hieß es jedenfalls in unserer Werbung.«

»Ich komme schon zurecht.«

»Bald sind wir im Sonnenlicht. Überprüfen Sie Ihren Anzug.« Sie tippte etwas in ein Bedienungsfeld auf ihrer Brust ein. Die Vorderseite ihres Anzugs wurde silbern, die Rückseite dunkel, eine chamäleonartige Anpassung, die auf jede Positionsänderung reagieren würde, wie Falcon wusste, sodass ihre verspiegelte Seite immer dem grellen Sonnenschein zugewandt, die wärmeableitende dunkle Seite hingegen von ihm abgewandt blieb. Währenddessen entfalteten sich außergewöhnliche Schwingen aus einem Rucksack, sodass sie wie eine übergroße silbrige Fledermaus aussah. Die Schwingen waren Radiator-Paneele, ein weiteres Element der thermischen Regulierung.

Falcon inspizierte seine eigenen, plumperen Systeme. Es gab natürlich keinen für Menschen gedachten Anzug, der ihm passte. Aber die merkurianischen Ingenieure, die berühmt dafür waren, dass sie Herausforderungen liebten, waren um die letzte Iteration seines prothetischen Untergestells herumgewimmelt und hatten die Integrität seiner elementaren Lebenserhaltungssysteme überprüft. Dann hatten sie ihn in schützende Thermodecken gepackt und ihm einen auf ihn abgestimmten Satz von Radiator-Schwingen und anderen Systemen verpasst. Sein Anzug würde nie so elegant sein wie der von Borowski, das Produkt von mehr als dreihundert Jahren technologischer Evolution seit den ersten Landungen hier – aber, erklärten ihm die Ingenieure, er würde ihn lange genug am Leben erhalten, dass er irgendwo Schutz suchen konnte, falls etwas schiefging. Ein pragmatisches, wenn auch nicht gerade beruhigendes Versprechen.

Und während er noch davon abgelenkt wurde, wie sich seine Schwingen entfalteten, rollte Howard Falcon ins Sonnenlicht. Seine optischen Schilde schalteten sich sofort ein und reduzierten die gleißende Helligkeit zu einem bloßen grellen Schein. Die mächtige Sonne leuchtete über einen scharfrandigen, zerknitterten Horizont hinweg. Aus dieser Höhe schaute Falcon auf eine Ebene voller Gesteinstrümmer, über die sich lange Schatten streckten. Oberflächlich betrachtet, besaß diese Welt eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Mond; eine Welt, zernarbt von Kratern, den Überbleibseln von Einschlägen aus der Zeit der gewaltsamen Entstehung des Sonnensystems. Da Falcon jedoch schon mehrmals auf dem Mond gewesen war – zumindest vor der Invasion der Maschinen –, fielen ihm auch gewichtige Unterschiede auf. Die Kraterwände wirkten hier deutlich weniger steil, vielleicht eine Folge der höheren Schwerkraft des Merkurs und der Hitze seines größeren geschmolzenen Kerns. Und Falcon sah eine gewundene Linie von Felswänden, fast wie eine Falte in der Landschaft; sie warf ein Schattenband, in dem sich weitere künstliche Lichter zusammendrängten. Solche Landschaftsmerkmale, Rupes genannt, waren die Überbleibsel von Episoden, in denen der Merkur einen Teil seiner inneren Hitze verloren hatte und geschrumpft war, sodass seine Haut nun ein wenig der eines verschrumpelten Apfels glich.

Über alldem hing die Sonne, mehr als doppelt so groß wie von der Erde aus gesehen, aber mit etwa der siebenfachen Intensität. Falcon schien diese gewaltige Flut zu spüren, wenn er einfach nur hier stand. Es war unmöglich, die physische Gewalt der Präsenz des Sterns mit dem blassen Ding in Einklang zu bringen, an das er sich von den Wintervormittagen seiner Kindheit in England her erinnerte, als hätte die Sonne kaum die Energie aufgebracht, sich über den Horizont zu erheben. Dieser monströse Energiestrom hatte den Merkur zu einem wichtigen Ziel der Kolonisierung gemacht, zuerst für die Menschen – und in letzter Zeit für die Maschinen. Die Sonne: Stern der Menschheit und des Sonnensystems, und jetzt eine Kriegsbeute.

Er merkte, dass Borowski ihn beobachtete. »Wissen Sie, viele Menschen verstehen den Merkur einfach nicht«, sagte sie. »Und uns Merkurier genauso wenig. Obwohl wir so ein lustiger Haufen sind.«

Falcon lächelte. »Ich habe Nachforschungen über euch angestellt. Während der Phobos-Verhandlungen wurde die ›Reizbarkeit‹ eures Botschafters sogar im Protokoll erwähnt.«

Sie schaute über ihre Welt aus Gestein und roher Energie hinaus. »Die Erde ist ein ziemlich fremdartiger Ort für uns, wissen Sie. Aber mit dem Mars haben wir einiges gemein. Auch wir träumen von Terraformierung. Oder wir träumten davon. Überrascht Sie das? Es wäre eine große Aufgabe. Man müsste den Planeten gegen das Sonnenlicht abschirmen, seine Rotation beschleunigen, um einen vernünftigen Tag-und-Nacht-Zyklus zu schaffen, und flüchtige Stoffe für Meere und eine Atmosphäre importieren.«

»Ich dachte, den meisten Merkuriern gefiele es hier so, wie es ist.«

»Ja, zu denen gehöre ich auch, aber man muss an die Zukunft denken. Man braucht eine Lösung, wie der Planet auf lange Sicht bewohnbar bleiben kann, falls die Kinder vergessen, wie man die Luftmaschinen am Laufen hält. Das war jedenfalls das Ziel.«

Falcon nickte. »Aber jetzt sind die Maschinen hier und nehmen euch das alles weg.«

Borowski blinzelte zur Sonne hinauf, in deren grellem Licht die Ebenen ihres Gesichts flacher wirkten. »Der Schild ist mit bloßem Auge noch nicht sichtbar, aber man kann den Rückgang der Solarenergie, die den Planeten erreicht, schon messen. Und mit ein paar kleinen visuellen Hilfestellungen kann man ihn sogar sehen: eine Art Netz, das unmittelbar vor der Sonne hängt, ein wenig größer als der Durchmesser des Merkurs; ein riesiges Ding − und unseren Spionagesonden zufolge trotzdem hauchdünn. Es besteht größtenteils aus Aluminium – aus Merkur-Aluminium, und dieser Diebstahl macht mich echt stinksauer.«

»Ich verstehe nicht, wie der Schild da oben im Raum in Position gehalten wird. Da ist der Druck des Sonnenlichts, und die Schwerkraft des Merkurs zieht ihn zum Planeten herunter …«

Sie deutete über die Schulter nach hinten. »Dort ist eine sekundäre Struktur, noch größer als der Schild selbst. Es ist ein Spiegel, Commander – ein Ring, ein kreisrundes Band mit einem Loch, durch das man den Merkur schieben könnte, im wahrsten Sinne des Wortes.«

Falcon, der Ingenieur, blickte staunend nach oben. »Der Schild blockiert also das Licht, das zum Merkur gelangen würde. Aber das Sonnenlicht, das den Schild passiert, trifft auf diesen Spiegel, wird reflektiert und hält den Schild selbst an Ort und Stelle, indem es der Schwerkraft und dem direkten Sonnenlicht entgegenwirkt.«

»Sie haben’s erfasst. Das ganze Ding ist eine einzige riesige Maschine, mit der Schwerkraft und den Sonnenstrahlen als Trägern.«

»Ich wünschte, ich könnte es sehen.«

Sie lachte. »Jetzt klingen Sie wie ein Merkurier. Natürlich ist das noch nicht alles. Der Merkur hat eine stark elliptische Umlaufbahn, und die sich verändernden Gezeiten der Sonne und des Planeten stören die Konstruktion – es kostet eine Menge Aufwand, sie in Position zu halten. Aber wir wissen, dass sowohl der Schild als auch der Spiegel aus Maschinen bestehen, die schon für sich gesehen ziemlich intelligent sind; ein ganzer Schwarm von ihnen wird also umso intelligenter sein. Wenn sie massiert auftreten, können die Komponenten ihre Positionen wahrnehmen und die Veränderung im Gleichgewicht der widerstreitenden Kräfte kompensieren.

Momentan kommt der größte Teil des Sonnenlichts noch durch, aber so wird es nicht bleiben; die Löcher werden ausgefüllt. Meinen Ingenieuren zufolge wird die Endphase sehr schnell ablaufen – das liegt in der Natur des exponentiellen Wachstums. Wir werden sehen, wie sich die Sonne binnen eines Tages verdunkelt. Und uns das Sonnenlicht entzieht, auf das wir in jeder Hinsicht angewiesen sind.

Jedenfalls ist es schön zu wissen, dass wir Merkurier Freunde haben, die uns in dieser Krise den Rücken stärken.« Sie sah ihn missmutig an. »Freunde von der Erde. Ein Kriegsschiff. Und Sie

Er breitete die Hände aus. »Die Weltregierung ist ein schwerfälliges Ungetüm, das nur langsam auf Krisen reagiert. Aber die Menschen der Erde stehen hinter euch. Deshalb hat die Acheron ihren Flug zeitlich so gelegt, dass sie heute angekommen ist.«

Sie grunzte. »Wegen des Zusammentreffens mit dem Transit.«

»Nun, es ist nur ein partieller Transit, aber der Zeitpunkt ist gut gewählt.« Er drehte sich um und zeigte genau in die Gegenrichtung der Sonne. »Heute liegt der Merkur auf einer geraden Linie zwischen Sonne und Erde. Wenn man auf der Erde stünde, sähe man den Schatten des Planeten über die Oberfläche der Sonne wandern … Überall auf der Welt schauen die Menschen jetzt zum Merkur herauf, schauen uns an. Präsidentin Soames hat es sehr mit der Symbolik.«

»Großartig. Aber was werdet ihr Terraner tun

»Alles, was wir können.«

Was sich zugegebenermaßen bisher in engen Grenzen gehalten hatte.

Für einen alten Hasen wie Falcon war es eine Überraschung gewesen, als der hundertste Jahrestag des Ultimatums mit grimmigen Schlagzeilen und Analysen gekommen war.

Doch selbst in einer Zeit, in der extreme Langlebigkeit immer alltäglicher wurde, schien eine Drohung, die erst in fünfhundert Jahren in die Tat umgesetzt werden sollte – also etwa zwanzig altmodische menschliche Generationen später –, das Begriffsvermögen der meisten Menschen zu übersteigen. Dass die Maschinen anfangs scheinbar nichts Bedrohlicheres getan hatten, als Lieferungen von jovianischem Helium-3 und anderen Produkten an die Erde auszusetzen, trug nicht gerade dazu bei, die Gefahr stärker ins Bewusstsein zu rücken.

Die Behörden hatten jedoch reagiert. Der Saturn, der zweite Gasriese des Sonnensystems, war in aller Eile als alternative Quelle von Fusionsbrennstoff erschlossen worden. Und daheim waren große neue Projekte im Gange. Falcon war fasziniert gewesen von den Plänen, um den Äquator der Erde herum Weltraumfahrstühle zu errichten, Bohnenstangen, die in großem Maßstab schnellen und billigen Zugang zum Weltraum gewähren würden – und im Fall des Falles eine schnelle Massenevakuierung bewerkstelligen konnten.

Hinter den Kulissen hatten mehrere aufeinanderfolgende Regierungen jedoch subtilere Maßnahmen ergriffen, um auf das Ultimatum zu reagieren. Der Phobos-Vertrag war ein Schritt gewesen. Mittlerweile gab es auch ein neues Planetarisches Sicherheits-Sekretariat – eine typische bürokratische Reaktion, hatten die Leute damals gemurrt, aber das Sekretariat hatte einige nützliche Grundlagen geschaffen.

Trotz all der strategischen Überlegungen und Kriegsspiele hatte es dennoch jedermann überrascht, dachte Falcon, als die Maschinen mehr als ein Jahrhundert nach dem Ultimatum mit diesem Angriff auf den Merkur schließlich ihren ersten bedeutsamen Schachzug gemacht hatten. Und wie zu erwarten, waren darauf die Forderungen gefolgt, dass die Weltregierung etwas dagegen unternehmen müsse.

Falcon, selbst nicht mehr besonders eng mit der Menschheit verbunden, war wenig erbaut darüber, dass er als Reaktion darauf in die Geheimpläne der Planetarischen Sicherheit hineingezogen worden war. Trotzdem war er nun hier, im Sonnenlicht des Merkurs.

»Die Schiffe der Maschinen sind mit unglaublicher Geschwindigkeit hergekommen. Besser als alles, was wir haben. Selbst die Warnung von Spaceguard hat uns erst kurz vor dem Eintreffen der Vorhut erreicht. Einige unserer technischen Analysten sind der Ansicht, dass die Maschinen einen sogenannten ›asymptotischen Antrieb‹ haben. Kennen Sie die Theorie? Man wirft Materie in ein Schwarzes Mini-Loch, und wenn sie zu nichts zerquetscht wird, gibt es einen Energieimpuls, der ein Raumschiff antreiben kann. Aber man bräuchte eine Möglichkeit, Schwarze Mini-Löcher herzustellen, damit es funktioniert …«

Voller Unbehagen erinnerte sich Falcon an Adams Erzählung von der Maschine namens 90 und an die radikal neue Physik, die sie draußen im Dunkeln erträumt hatte, umgeben von einem rotierenden Himmel … Vielleicht war das der Ursprung von so etwas wie dem asymptotischen Antrieb gewesen.

Welchen Antrieb sie auch immer benutzten, nichts hatte die Maschinenschiffe aufhalten können.

»Sie sind bei Inferno gelandet«, sagte Borowski. »Der zweiten großen Stadt auf dem Merkur, mitten im Caloris-Becken.«

Falcon nickte. Caloris war ein gewaltiger Einschlagskrater, der sich über einen großen Teil einer Hemisphäre des Merkurs erstreckte. »Kein Wunder. Maschinen haben auch einen Sinn für Symbolik – oder zumindest für Symmetrie.«

»Gleich am ersten Tag haben sie mit ihren Konstruktionsarbeiten begonnen. Das haben uns die Überwachungssatelliten gezeigt. Ihre Schiffe haben sich einfach aufgelöst; sie sind in Subkomponenten zerschmolzen, die angefangen haben, das Gestein zu zerkleinern …«

»Assembler.«

»Ja.«

Falcon kannte diese Technik, zumindest in der Theorie. Assembler waren Von-Neumann-Replikatoren, eine Sorte spezialisierter Maschinen. Mithilfe des Sonnenlichts und der Rohstoffe des Merkurs hatten sie Kopien von sich selbst angefertigt: Maschinen, die sich von Planeten ernährten, wie fleischfressende Bakterien. Von Anfang an hatten die Assembler Material in den Raum geschossen, um ihr gewaltiges Weltraum-Konstruktionsprojekt in Angriff zu nehmen, den über dem Merkur schwebenden Sonnenschild. Außerdem schickten sie aus bisher noch unbekannten Gründen ganze Bündel von Sonden in den Weltraum – nicht zur Erde, sondern rätselhafterweise zur Venus.

Borowski deutete auf die Sonne. »Bei allem, was wir hier tun, sind wir auf die Sonnenenergie angewiesen. Und jetzt benutzen die Maschinen eben diese Energie, um den Schild zu errichten, ihre Waffe gegen uns.«

»Was, glauben Sie, ist ihr Endziel?«

Borowski zuckte die Achseln. »Liegt das nicht auf der Hand? Die Maschinen sind aus denselben Gründen hergekommen wie die Menschen. Der Merkur ist ein Füllhorn von Rohstoffen, und er liegt praktischerweise so nah am Kraftwerk des Sonnensystems wie nur irgend möglich. Meine Prognose wäre, dass wir bald eine groß angelegte Förderung von Bodenschätzen und vielleicht auch Fertigungsprozesse zu sehen bekommen werden.«

Falcon kannte die Maschinen; er bezweifelte, dass ihre Ambitionen derart begrenzt sein würden.

»Die Maschinen haben unseren Leuten in Inferno nichts zuleide getan. Sie haben die Evakuierung von Kindern, Familien und Kranken erlaubt und sogar lebenswichtige Versorgungsgüter durchgelassen. Aber das hier wird das Ende von Prime, Vulcanopolis und Inferno sein – unser aller Ende.«

Falcon hörte den Schmerz in ihrer Stimme und stellte sich vor, wie schwer es den harten, stets lautstark auf ihre Selbstständigkeit bedachten Merkuriern gefallen sein musste, die anderen Welten und erst recht die verabscheute Mutter Erde um Hilfe zu bitten. »Präsidentin Soames wird später eine Rede halten.« Noch während er das sagte, hörte er, wie lahm es klang.

Borowski lachte nur. »Wie gesagt, ich war auf der Erde. Ich sage Ihnen, was ich da gesehen habe, Commander: eine Welt wie einen Garten. Einen Park. All diese musealen Großstädte, die wieder zum Leben erweckten Tiere. Und alles ist kostenlos«, fügte sie voller Abscheu hinzu. »Ihr Terraner seid weich.«

Er seufzte. »Mag sein. Aber wir stehen hinter euch.«

»Das müsst ihr auch. Denn wenn sie an uns vorbeikommen, seid ihr als Nächste dran.« Sie schaute zur Sonne hinauf, die von einem Spinnennetz verdeckt wurde, das keiner von ihnen sehen konnte. »Wir sind hier fertig.« Sie machte auf dem Absatz kehrt und führte ihn wieder den Kraterbergpfad hinunter und in den Schatten.

Später an diesem Tag traf eine Nachricht für Falcon ein, gefolgt von dem Befehl, ihm einen Suborbital-Shuttle zur Verfügung zu stellen. Adam hatte sich bereit erklärt, sich im Caloris-Becken mit ihm zu treffen.

Die Medusa-Chroniken
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