Prolog

Falcon würde den Tag, an dem er angefangen hatte, von der Flucht in den Himmel zu träumen, für immer in Erinnerung behalten.

Commander Howard Falcon, World Navy, war damals nur Howard gewesen, elf Jahre alt, zu Hause in Yorkshire, England, einer Region, die zu einer föderalen Zone der neuerdings vereinigten Welt gehörte. Und während der Nacht hatte es geschneit.

Mit dem Ärmel seines Bademantels fuhr er über mehrere Scheiben des Fensters und wischte den Beschlag weg. Auf der Außenseite jedes kleinen Glasquadrats hatte sich am unteren Rand und in einer Ecke ein präziser L-förmiger Schneebelag angesammelt. In den Tagen zuvor hatte es häufiger geschneit, aber nie so stark wie in dieser Nacht. Und der Schnee war genau zur richtigen Zeit gekommen, ein Weihnachtsgeschenk des Globalen Wettersekretariats.

Der Garten, den Howard kannte, hatte sich verwandelt. Er wirkte breiter und länger, von den Hecken zu beiden Seiten bis zu dem Zaun mit dem Zickzackmuster am Ende der sanft abfallenden Rasenfläche, auf dem ein Grat aus Schnee lag, hübsch wie die Verzierung eines Geburtstagskuchens. Es sah alles so kalt und still aus, so einladend und geheimnisvoll.

Und der Himmel über dem Zaun und den Hecken war klar, wolkenlos und zu dieser noch frühen Stunde von einem zarten blassrosa Pink durchzogen. Howard schaute lange zum Himmel hinauf und fragte sich, wie es wohl wäre, über der Erde zu sein, von nichts als Luft umgeben. Es würde kalt sein da oben, aber für die Freiheit des Fliegens nähme er das in Kauf.

Hier, im Wohnzimmer des Landhauses, war es jedoch warm und behaglich. Als Howard aus seinem Zimmer heruntergekommen war, hatte er festgestellt, dass seine Mutter schon auf war und Brot backte. Sie hatte ein Faible fürs Traditionelle. Sein Vater hatte Feuer im Kamin gemacht, und jetzt knisterte und zischte es. Auf dem Kaminsims prangte eine Sammlung von Nippes und Souvenirs, darunter ein unbeholfen zusammengebasteltes Modell auf einem durchsichtigen Kunststoffständer: ein Heißluftballon mit offener Gondel und einer Plastikhülle darüber.

Howard suchte sich sein Lieblingsspielzeug und stellte es aufs Fensterbrett, damit es den Schnee ebenfalls sehen konnte. Der goldglänzende Roboter war ein kompliziertes Ding, auch wenn er wie eine Antiquität aus dem Radiozeitalter aussah. Howard hatte ihn erst vor ein paar Monaten bekommen, zu seinem elften Geburtstag. Er wusste, dass seine Eltern viel Geld dafür bezahlt hatten.

»Es hat geschneit«, sagte Howard zu dem Spielzeug.

Der Roboter summte und ratterte zum Zeichen, dass er überlegte. Irgendwo in seinem Labyrinth aus Schaltkreisen und Prozessoren gab es einen Spracherkennungs-Algorithmus.

»Wir könnten einen Schneemann bauen«, sagte das Spielzeug.

»Ja«, stimmte Howard mit einem leisen Anflug von Enttäuschung zu. Auf ein bestimmtes Stichwort reagierte der Roboter fast immer mit derselben Antwort; wenn man Schnee erwähnte, schlug er vor, einen Schneemann zu bauen. Keinen Schnee-Engel. Er schlug auch nie eine Schneeballschlacht oder eine Schlittenfahrt vor. Eigentlich überlegte er gar nicht, dachte Howard ein wenig betrübt. Trotzdem liebte er ihn.

»Komm, Adam«, sagte er schließlich. Er nahm den Roboter vom Fensterbrett und klemmte ihn sich unter den Arm.

Leise, damit seine Mutter ihm nicht damit in den Ohren lag, dass er wärmere Sachen anziehen sollte, bevor er das Cottage verließ, ging er zum Schrank unter der Treppe, um seinen Schal zu holen. Dann fiel ihm ein, dass er versprochen hatte, etwas zu erledigen. Mit dem Schal um den Hals kehrte er ins Wohnzimmer zurück und stocherte mit dem Schürhaken in den Kohlen, um die Glut anzufachen. Einen Moment lang starrte Howard wie gebannt in die Tiefen des Feuers; er sah Gestalten und Phantome im Tanz der Flammen.

»Howard!«, rief seine Mutter aus der Küche. »Zieh deine Stiefel an, wenn du rausgehst …«

Howard tat so, als hätte er nichts gehört, und schlich sich hinaus; leise schloss er die Tür hinter sich. Er überquerte das makellose Weiß des schneebedeckten Rasens. Seine Hausschuhe hinterließen Abdrücke im Schnee. Die Luft war ohnehin kühl, aber durch die Schuhsohlen drang bereits eine feuchtere, entschlossenere Kälte an seine Füße. Er stellte Adam auf den Steinsockel eines Vogelhäuschens, von wo aus er die Geschehnisse überwachen konnte.

Howard begann, Schnee aufzuhäufen.

»Das ist ein guter Anfang«, sagte Adam.

»Ja, es geht voran.«

»Du wirst eine Möhre für die Nase und ein paar Knöpfe für die Augen brauchen.«

Er arbeitete weiter. Nach einer Weile spornte ihn Adam erneut an. »Ein sehr guter Schneemann, Howard.«

In Wahrheit war der Schneemann ein klobiges, missgestaltetes Gebilde, das eher einem Ameisenhaufen als einem Menschen ähnelte. Howard brach ein paar Zweige ab und steckte sie in die zusammengesackte weiße Masse. Er trat zurück, die Hände in den Hüften, als würde sich sein halbherziger Versuch gleich in etwas verwandeln, was Anerkennung verdiente.

Aber mit den Zweigen sah der Schneemann noch trauriger aus.

»Schau«, sagte Adam. Er hob einen starren Arm und zeigte zum Himmel.

Howard kniff die Augen zusammen. Zunächst sah er nichts. Aber da war es. Eine winzige, nach unten hin verlängerte Kugel bewegte sich durch die Luft; unter ihr hing ein noch winzigerer Korb. Aus dem Apparat über dem Korb züngelte immer wieder eine Flamme empor, ein kurzes Aufblitzen vor dem heller werdenden Himmel. Die Sonne musste über den Horizont gekrochen sein, zumindest auf der Höhe des Ballons, denn eine Seite seiner Hülle zeichnete sich als goldene Sichel ab.

Howard konnte den Blick einfach nicht abwenden. Er liebte Ballons. Er hatte sie in Büchern und Spielfilmen gesehen. Er hatte Modelle gebaut. Er verstand sogar einigermaßen, wie sie funktionierten. Aber jetzt sah er zum ersten Mal einen mit eigenen Augen.

Der Ballon verschwand hinter dem Cottage außer Sicht. Howard musste ihn weiter beobachten. Fast ohne den Blick zu senken, schnappte er sich Adam und rannte los, mitten durch den missratenen Schneemann, sodass dieser umkippte und zu Boden stürzte.

»Ich will da oben sein«, rief Howard.

»Ja, Howard«, sagte Adam geduldig, während sein Kopf immer wieder auf den Boden schlug.

»Da oben!«

Die Medusa-Chroniken
titlepage.xhtml
116C999F5D5D4F2D8D640F7EFB3408AA.xhtml
7BC7720C11E5416ABFF684B7B9126140.xhtml
87C104AA432F435D82255F3397BB1E74.xhtml
306325171B994F5B87D270DACF1CA0BA.xhtml
C6C02E4F34514F2094A4BAB24277A495.xhtml
D3A6BC2A40FF4175878201DC24D3D168.xhtml
6EB1C869E1434710928DD9CE1376D0CA.xhtml
0FAD1F4D179643A691B411C5437FAECD.xhtml
4F6DB246174C4A9E81115FCB7902FAC4.xhtml
078748868F904126AAEC5FCCDDD210FA.xhtml
7CD89E3618774CDBAC7178D62887FA11.xhtml
F376C852C1BC4525B4367D4335AD1EA8.xhtml
395673EA8CC842048999256DD062BB1A.xhtml
9C837AAB87844FF69A6578D3D1104588.xhtml
88B268FF05C349F98DD454E667CA0806.xhtml
6585CE5F44A34F578CFCD46398C145C9.xhtml
5775F5D556A24117B665083F7EC3341C.xhtml
E4B6D576552C4FBAAB8D1329BD9E1A64.xhtml
FDBD2EDA886A4E6791013E3A430C16AE.xhtml
C0126ECBD0554104B9EE48D402C58EE0.xhtml
06AF258915014C60BD3A1014C83B41EE.xhtml
B9DA5C4498404A589EC2C6A13DC8BB96.xhtml
66CB7B2477B048698ECD3AB9CE889C77.xhtml
A0453AAB324D4C409868AB286B30BBA2.xhtml
9A63A446F15D42A4AC415045B9603E98.xhtml
86DBA372C66C4862ACCB9642A41B5D5F.xhtml
67129CCA92AF483DBF654AE994A4D780.xhtml
60AD266DFFBB4DC7BD2062024382B52B.xhtml
0D435C0025644C1D9FC488E8ED91CB2B.xhtml
0E5AC4FB6CEE4CC6A7A19A965BAADF1B.xhtml
1FB5036E466D46C48ABCCBF47A0E7EF2.xhtml
D804B7FF5BDA45A5A77EB001A6AA452A.xhtml
1F3B9CDDC2C04CA49070B30F0F792A38.xhtml
D5A9FC93501E4593B657168AD2C8A590.xhtml
CB981A853CEB4F4CB059D6194B367C59.xhtml
5C536FA2014D4A1E9AD95971D78E78E3.xhtml
8C4505AB43B644E9956E3FC44932323B.xhtml
0CDA0F84A6FF47BAB05F478F2B5AFFCD.xhtml
6EC73188445E4F578CA841547E0E0ED8.xhtml
81D06D431C5D4DE7925CE2F4835CB832.xhtml
B353AA8FD6384EB2A725E5EE173927D8.xhtml
4D1A35839ECE47439CE3B982BB84F661.xhtml
1D3DCF787DA6464EA0216EED92C3C43A.xhtml
07AC4C08E89F42AD8FD00FBD8BF41EFB.xhtml
D82A04014C5044EE9FDD052E24B292D7.xhtml
B2CDF7C017A24DE8A52E901BB44180B6.xhtml
9649D7C8529A4B8696534C54DF98B6A1.xhtml
50F86E4C5AA7411C8D0D818C84EF74B7.xhtml
FD0BE4C21F4A47ED8A37128108277F00.xhtml
D64B9B0BB6BB428D888A6AED399C8E81.xhtml
3DD8F615F00D4AFE90AA6A0134B0E1BA.xhtml
81C55CA7E45A427688A1ADFCC0E52993.xhtml
CFDFFA6D35A84C5EBF84BC6CD07BDE6D.xhtml
E5827406F6D74836BEDCBAD7C392F15C.xhtml
3E78CC5181704B0EA8A7949BE7F29B3E.xhtml
00823BCA29B04C5AAAC8662E59720243.xhtml
C9756F4EC4CA4716BBBBF45932237985.xhtml
33CE42BDED694D66B1A1FBB61DCC0402.xhtml
CE7B8860B70B463F8ACF708C3ED725C7.xhtml
D60805A24363463FBC63A2BC440A840A.xhtml
FDB1BDA07C6B4D4CA05AD88A54935C08.xhtml
4094FE2F85FB4691BFB065E5AA3BB934.xhtml
23BF6402C4174AF2B4D5D22F5E94E68E.xhtml
04992F8948EE4C319997EA262C328945.xhtml
78D9194A9BED4381AB4354808D37A615.xhtml
FFBE766B03754CBC9B177911722273BE.xhtml
6FF48B7FF5064312A084CAA667B98779.xhtml
3868E30DE30C4F4690B52DB8390231AE.xhtml
A1945BB7D899476390AB56E14CD3277C.xhtml
F366C1072798433E80DC200F1DC36B10.xhtml
B4C3F63B9C2746ECB1EC8F20C793D698.xhtml
7F597D02D9594D5797B266659E490005.xhtml
39D568AA050F42CDBC9DE01E335E0EDB.xhtml
68430BBB18C246EF85EE7981A2655241.xhtml
B864BCEF938646EDB2F0F0E5D59EF74D.xhtml
4B7C0E957B2B49ABB3758F249DF43243.xhtml
EE64635BEEEA4ED9808BB96A8B1CD4B1.xhtml
F259EC4D1577433C9646F6EEC1189B30.xhtml
504723D0C98747C88AB62031AB3C1EC7.xhtml
D62F4138306C4B57A45D91141067DEA3.xhtml
3CD9CDEDC43044379054A7C8DFABEAC4.xhtml
F41188206C2E4D779E2ED34B52FD590E.xhtml
6401248DDF934B9CADBDDF493DAA655C.xhtml
BCF2C3327B2944A2B76E9F1A45CB746D.xhtml
E2452E05650A44E8B02C6C74BCD9D16F.xhtml
C4067327FBBD4C9DBD77998487289E70.xhtml
EA967CDD5FE04D2C8CE05287DC34983A.xhtml
0D2A9571B25A4BCFA1DB08A5C7BEF457.xhtml
EB1773A0ED394B5B91FC80DF90E00CD5.xhtml
B692F92AE7C84126BAC7475DEE980F66.xhtml
3D0F1563A1F14FE782495F4613A3FC94.xhtml
BA59CD8F083544918D1BD08B904342D3.xhtml
78779E86B5614328ABAEA6CF91F92FB9.xhtml
4B350653E6CF4F90B889211177946A88.xhtml
6C6875C233934CCC80D81A0895919B48.xhtml
AA5526E075C64F0EAD18A7133F1C1516.xhtml