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Als sich die postoperative Verwirrung legte, kam Falcon zu dem Schluss, dass er sich weder besser noch schlechter fühlte als vor der Prozedur. Das war wohl nicht anders zu erwarten. Tem hatte die schlimmsten Defekte behoben, aber eine gründlichere Überholung würde warten müssen – falls ihm überhaupt noch jemals eine zuteilwerden würde.
Nach vierundzwanzig Stunden rief man ihn zu einer Einsatzbesprechung.
Die Springer-Soames warteten in demselben Behandlungszimmer auf ihn, in dem er die Bekanntschaft des Surgeon-Commanders gemacht hatte. Falcon wurde leicht zurückgelehnt hineingefahren, auf einem Stützgestell. Abgesehen vom Gesicht und den Armen war er bewegungsunfähig, an das Gestell gefesselt wie ein Häftling im Hochsicherheitsgefängnis.
Bruder und Schwester saßen ihm auf Klappstühlen gegenüber. Zwischen ihnen stand ein niedriger Tisch. Ein Stück weiter rechts von Falcon schaute der Surgeon-Commander prüfend auf eine Schriftrolle.
Auf dem Wandbildschirm war noch immer der Jupiter zu sehen.
»Na«, fragte Falcon, »wer hat die Weintrauben mitgebracht?«
Die Springer-Soames starrten ihn bloß an. »Sind Sie im Delirium, Falcon?«, fragte Valentina und trank einen kleinen Schluck aus einem Becherglas auf dem Tisch zwischen ihr und ihrem Bruder.
»Um seine geistige Gesundheit ist es nicht schlechter bestellt als zuvor«, sagte der Surgeon-Commander. »Ich scanne seine Stirn- und Schläfenlappen, während wir miteinander reden. Normaler neuronaler Funkverkehr, über alle Knotenpunkte hinweg. Er ist absolut compos mentis. Stimmt’s, Commander Falcon?«
»Wenn Sie es sagen, Surgeon-Commander Tem.«
»Sehr erfreulich, dass Sie die Arbeit in der vereinbarten Zeit erledigt haben«, meinte Valentina Atlanta. »Diese Tage waren anstrengend für uns alle. Surgeon-Commander, wir danken Ihnen für Ihre Loyalität und Ihr Engagement.«
»Ich habe getan, was getan werden musste. Commander Falcon gehört jetzt Ihnen. Ziehen Sie ihn auf wie eine Spielzeugmaus und schicken Sie ihn in den Jupiter …«
»Lassen Sie uns jetzt allein«, sagte Bodan.
Surgeon-Commander Tem ließ die Rolle zuschnappen. Mit einer knappen, seltsam respektlosen Verbeugung verließ sie den Raum.
»Ich mag sie«, sagte Falcon. »An ihrem Umgang mit Kranken könnte sie noch ein bisschen arbeiten, aber sonst …«
»Der Krieg stumpft selbst die Besten von uns ab«, sagte Valentina. »Aber mit Ihrer Hilfe liegt das alles bald hinter uns.«
»Falls eure Superwaffe wirklich funktioniert.«
»Oh, das wird sie«, sagte Bodan. »Sie werden alle erforderlichen Beweise schon in Kürze bekommen.« Er hob ein Handgelenk, um einen Blick auf eine kunstvoll gearbeitete Uhr mit mehreren Zifferblättern zu werfen. »Wie sich herausstellt, könnte das Timing nicht besser sein. Die Maschine ist gerade auf volle Leistung hochgefahren worden. Wir sollten die Auswirkungen binnen ein paar Sekunden erleben …«
Falcon spürte es. Ein immer lauter werdendes tektonisches Grollen, eine Veränderung im lokalen Gravitationsfeld, eine winzige, aber merkliche Neigung des Beschleunigungsvektors … Obwohl er gerade erst aus dem OP kam, hatten ihn seine alten Orientierungsfähigkeiten nicht verlassen.
Auf dem Tisch erzitterte das Wasser in den beiden Gläsern; die Oberfläche begann aus der Waagerechten zu kippen. Es war ein geringfügiger Effekt, aber er genügte, um die Sache deutlich zu machen. Der Mond bewegte sich wirklich.
Valentina grinste. »Der Test ist auf dreißig Sekunden begrenzt. Er sollte ungefähr …«
»… jetzt vorbei sein«, sagte Bodan triumphierend, als die Erschütterungen aufhörten und das Wasser in seinen vorherigen Gleichgewichtszustand zurückkehrte.
»Ihr habt Io bewegt.« Falcon war unwillkürlich beeindruckt.
Bodan wirkte ungerührt. »Natürlich. Aber Sie müssen verstehen, wie wir Io bewegt haben. Verständnis ist die Basis des Glaubens. Haben Sie mal Wirtschaftswissenschaften studiert?«
Falcon zuckte die Achseln. »In den mittleren Rängen der World Navy gab es dafür keine große Nachfrage.«
»Ich erwähne es nur im Sinne einer Analogie. Sie haben die Maschine im Kern von Io gesehen. Haben Sie eine Ahnung, wie sie funktioniert?«
»Bahnbrechende Physik? Keine Angeberei bitte. Erklärt es mir einfach.«
»Bahnbrechende Physik … Ja, vermutlich. Unsere Maschine ist ein reaktionsloser Antrieb«, sagte Bodan. »Das Grundkonzept ist Ihnen doch sicher vertraut?«
»Ein Zauberkasten, der Beschleunigung ohne Rückstoß erzeugt?«
»So ungefähr«, erwiderte der Bruder.
»So viel zum dritten Newtonschen Gesetz.«
»Mein Bruder hat die Wirtschaftswissenschaften erwähnt«, sagte Valentina mit spürbar strapazierter Geduld, »weil wir eine Art Buchhaltungstrick benutzen, damit unsere Maschine funktioniert. Mit dieser Analogie erklären es uns die Physiker zumindest. Die Maschine – die Impulspumpe – ›erschwindelt‹ sich eine verschwindend geringe Menge überschüssigen Schwungs von jedem anderen Teilchen im Universum. Irgendein Quanteneffekt, heißt es. Die Maschine akkumuliert all diesen Schwung wie aus dem Nichts. Dabei versetzt sie Io einen Stoß – ein reaktionsloser Impuls! Newtons Gesetze werden allerdings nicht verletzt. Der Rest des Universums zuckt gerade genug, um die Unantastbarkeit der Impulserhaltung zu bewahren, und Sir Isaac ruht friedlich in seinem Grab. Aber wir bewegen uns!«
»Trotzdem habt ihr irgendwoher kinetische Energie bekommen«, sagte Falcon.
»Ja«, sagte der Bruder, »die IP braucht nach wie vor Energie, um zu funktionieren – sogar gewaltige Mengen. Dafür zapfen wir den Kern von Io an. Es ist der Schwung, der Impuls, den wir … nun ja, stehlen. Noch einmal, die Bilanz ist ausgeglichen – lokal und global.«
»Lokale und globale Ursachen.« Bei Falcon wurden Erinnerungen wach, wenn auch verspätet.
»Wie bitte?«, fragte Valentina.
»Vergesst diesen Mist mit den Wirtschaftswissenschaften. Davon redet ihr, nicht wahr? Das Verhalten jedes Teilchens ist mit der Gesamtstruktur des Universums verbunden. Das Lokale hängt vom Globalen ab … Ist hier irgendein Machsches Prinzip im Quantenbereich am Werk?«
Die Springer-Soames wechselten einen Blick. »Warum fragen Sie?«
»Damals im zweiundzwanzigsten Jahrhundert gab es eine Maschine, die auf den KGO-Flingern gearbeitet hat. Sie erfand da draußen im Dunkeln eine Neufassung der Physik, die ihre Aufseher pflichtgetreu der Kontrollinstanz gemeldet haben. Soweit ich mich erinnere, bekam sie nie eine Antwort. Und ist das hier nun das Ergebnis? Basiert eure Wunderwaffe auf Maschinen-Wissenschaft?« Er lachte. »Was für eine Ironie, wenn es so wäre.«
»Eine Maschine kann kein Physiker sein«, sagte Bodan abfällig. »Eine Maschine ist ein Abakus, und ihre Gedanken sind nicht mehr als das Klackern von Perlen auf einem Draht. Was sie hervorbringt, gehört qua definitionem uns: weil wir sie geschaffen haben.«
»Ihr Name war 90«, sagte Falcon verbittert. »Und ihr Leben wurde sinnlos weggeworfen.«
Bodans Gesicht zeigte nichts als Verachtung.
Die Schwester sah ihn eindringlich an. »Sie zweifeln ja wohl nicht daran, dass das, was Sie gerade erlebt haben, wahr ist. Selbst bei dieser kurzen Demonstration haben wir Ios Umlaufbahn schon verändert. Jetzt steht nichts mehr zwischen uns und …«
»Wenn ihr die Umlaufbahn eines Mondes verändert habt, werden die Maschinen es bemerkt haben.«
»Und wenn schon«, sagte der Bruder mit einer abschätzigen Handbewegung. »Sollen sie doch Vermutungen anstellen. Sollen sie unsere Fähigkeiten fürchten. Sie können denen so viel oder so wenig erzählen, wie Sie wollen. Es wird Ihrem Ultimatum nur Glaubwürdigkeit verleihen, Falcon.«
»Ein Ultimatum? Ich dachte, das sollte ein Friedensangebot sein.«
»Wie immer Sie’s nennen wollen«, sagte Valentina. »Der Text des Abkommens wird gerade ein letztes Mal überarbeitet. Sie werden ihn mitnehmen.«
Bei Falcon klingelten die Alarmglocken. »Ich soll etwas Physisches mitnehmen? Könnt ihr ihnen den Text nicht einfach als komprimiertes Datenpaket schicken?«
»Nein«, antwortete sie. »Die Maschinen würden jeder komplexen elektronischen Übertragung misstrauen. Sie würden davon ausgehen, dass wir – Bomben in ihre Struktur eingebettet haben – rekursive Schleifen, Zerstörungs-Codes. Ein physisches Dokument wirkt transparenter und erzeugt größeres Vertrauen.«
»Und das Risiko, dass ich als Brieftaube irgendwelche hässliche Nanotechnik bei ihnen einschleuse?«
Bodan setzte eine Miene des Abscheus auf. »Was für ein Zynismus, Falcon.«
»Auch das würde nicht funktionieren«, sagte Valentina kühl. »Im Lauf der Jahre haben wir auf vielen Ebenen Krieg geführt. Die Maschinen haben jedes Mal Gegenmaßnahmen entwickelt – und umgekehrt. Nein, über solche Manöver sind wir hinaus. Unser Angebot ist aufrichtig gemeint. Das Dokument ist ein physisches Objekt, ein massiver Wolframkern, in den unsere Bedingungen eingraviert sind.«
»Und darf ich einen Blick auf dieses geheiligte Objekt werfen, bevor ich es abliefere?«
»Sie könnten nicht einmal einen winzigen Bruchteil des Inhalts überfliegen«, wehrte sie ab. »Der Text ist ziemlich lang. Man verhandelt nicht über die Macht im Sonnensystem, ohne sicherzustellen, dass die Kapitulationsbedingungen wasserdicht sind, bis ins kleinste Detail.«
»Klingt nach einer spannenden Lektüre. Aber die Bedingungen spielen im Grunde gar keine Rolle, nicht wahr? Ihr haltet ihnen eine geladene Waffe an den Kopf, ganz gleich, wie die Details des Angebots aussehen.«
Bodan lächelte. »Es steht ihnen frei, unsere Bedingungen anzunehmen oder abzulehnen. Wenn sie annehmen, werden sie unterworfen und unserer Aufsicht unterstellt. Wenn sie ablehnen, werden sie ausgelöscht. Zumindest das ist klar – meinen Sie nicht?«
Selbst wenn die Maschinen eine Wahl haben mochten, er selbst hatte keine, erkannte Falcon. »Wann fliege ich los?«
Valentina lächelte. »In zwei Tagen.«