17
Falcon kehrte zur Srinagar zurück und nahm Funkkontakt mit Makemake auf.
»Erledigt«, erklärte er Kedar. »Hat alles bestens geklappt. Ich habe den Reset um zehn Millionen Sekunden durchgeführt. Adam ist wieder ganz der alte. Die alte Maschine, meine ich.« Verdammt, dachte er. Einer der wenigen Vorteile seines ledrigen, nahezu ausdruckslosen Gesichts und seiner künstlich erzeugten Stimme: Er konnte lügen, ohne befürchten zu müssen, dabei ertappt zu werden. Aber er konnte es sich nicht leisten, sich ungeschickt auszudrücken. »Jetzt möchten sie nur noch mit der Produktion der flüchtigen Stoffe weitermachen. Es wird eine Weile dauern, bis der Flinger wieder seine frühere Leistungsfähigkeit erreicht hat, aber ich zweifle nicht daran, dass es dazu kommen wird. Ich bleibe allerdings noch ein paar Wochen hier, um dafür zu sorgen, dass alles wieder seinen gewohnten Gang geht.«
Er erhielt eine Empfangsbestätigung, und während er anschließend darauf wartete, dass Kedar und ihr Team seinen Bericht analysierten, versuchte er sich ein wenig auszuruhen. In Anbetracht der Tatsache, dass er soeben seine Auftraggeber von der Weltregierung – und die Strippenzieher, die seine medizinische Versorgung kontrollierten – an der Nase herumgeführt hatte, war Falcon ziemlich entspannt. Es hatte nur einige wenige Situationen gegeben, in denen er gewusst hatte, dass er genau das Richtige tat. Als er dem Superschimp erklärte, wie er den Absturz der Queen Elizabeth überleben konnte, während er selbst nach unten stieg und sich dadurch fast mit Sicherheit in tödliche Gefahr begab. Als er den Ballon der Kon-Tiki abtrennte, obwohl er keinerlei Gewähr dafür hatte, dass ihn seine kleine Kapsel jemals wieder vom Jupiter wegbringen würde – doch sonst hätte er vielleicht das Leben einer allzu neugierigen Meduse gefährdet.
Jetzt hatte er Adam verschont – ein denkendes, mit Bewusstsein begabtes Wesen, das er selbst mit geprägt und erzogen hatte. Es hing von Adam ab, wie es nun weitergehen würde; Falcons Möglichkeiten waren begrenzt. Aber es war ein Anfang.
Er versuchte zu schlafen.
Er ging noch einmal hinaus, um sich persönlich mit Adam zu treffen.
»Bevor du wegfliegst«, sagte Adam und hob einen Arm, »erzähl mir ein letztes Mal von der Kon-Tiki.«
»Das hast du während deiner Ausbildung doch schon hundertmal gehört.«
»Tu mir den Gefallen. Sprich von den Winden des Jupiters. Von den Stimmen aus der Tiefe, von den Rädern des Poseidon, von den Lichtern am Himmel.«
»Biolumineszenz, mehr nicht …«
»Erzähl mir von den räuberischen Flügelrochen, den Mantas. Von deiner Begegnung mit den Medusen.«
»Weshalb interessierst du dich so für meine alten Abenteuer?«
»Wir haben keine eigenen Geschichten, Vater.«
Vater …?
»Keine Vergangenheit jenseits des ersten Moments unserer Aktivierung. Aber du schenkst uns Träume. Du schenkst uns Märchen.«
Also erzählte Falcon ihm die alte Geschichte noch einmal.
Vater.
Er?
Jahre vergingen.
Falcon sorgte dafür, dass er immer genügend zu tun hatte. Das war nicht schwer. Er besuchte die Erde – oder zumindest Port Van Allen –, die galileischen Monde, sogar den mächtigen Jupiter selbst. Neue Pläne, neue Projekte – und neue Unterstützer, neue Finanzierungsquellen. Er verfolgte die allgemeinen Entwicklungen, während die nunmehr interplanetarische menschliche Gesellschaft kleine Fortschritte machte. Er war sogar persönlich bei der Unterzeichnungszeremonie auf dem Mars zugegen, mit der eine neue Föderation der Planeten ins Leben gerufen wurde, ein Zeichen der (vorerst noch) sanften Auflehnung junger Welten gegen die erstickende Kontrolle der alten.
Hope Dhoni, die würdevoll alterte, unterstützte ihn weiterhin. Aber oh, wie er Geoff Webster vermisste.
Währenddessen hielten die Maschinen des Kuipergürtels ihre unablässige, unerbittliche Produktion flüchtiger Stoffe aufrecht. Auf den Kometen wurde Eisbergbau betrieben, die Flinger wurden beschickt, die eindrucksvollen Eisströme zu ihren Konvois zusammengestellt und auf den Weg zur Sonne geschickt. Hell leuchtende Züge eisigen Reichtums, die bereits tausendmal gekauft und verkauft worden waren, bevor sie den Asteroidengürtel durchquerten – und es gab genug schmutziges Eis dort draußen, um die Öfen der menschlichen Prosperität auf hunderttausend Jahre hinaus zu befeuern.
Aus den Jahren wurden Jahrzehnte.
Falcon begann, sich Gedanken zu machen. Was, wenn er sich geirrt hatte? Scheiterte Adam mit seinem Aufstiegsprojekt – konnte es sein, dass er zu echter Einmaligkeit verdammt war? Und wenn er durch einen Unfall zu Ichbewusstsein gelangt war, konnte das Gegenteil dann ebenso spontan eintreten?
Als der Kalender schließlich das Ende des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts erreichte – das zweite Ende eines Jahrhunderts, das Falcon miterlebte –, hatte er sich fast schon eingeredet, dass es dort draußen im Dunkeln nur ein kurzes Aufflackern von Bewusstsein gegeben hatte. Die Traurigkeit kam in langsamen Wellen, weniger wie bei einem schmerzlichen Verlust als vielmehr wie bei der allmählichen Akzeptanz eines Misserfolgs.
Doch im Jahr 2199 bekam Falcon seine Antwort. Und alle anderen ebenfalls.
Es war eine koordinierte Abwanderung aus sämtlichen Produktionszentren im Kuipergürtel.
Es gab keine Warnung, kein Ultimatum – keine großartige, aufmüpfige Botschaft der Maschinen. Sie legten einfach das Werkzeug nieder und verschwanden. Sie gingen zu Millionen, hinaus in die Dunkelheit des äußeren transneptunischen Raums, wie ein Exodus von Löwenzahnsamen, verstreut mit einem einzigen raschen Atemzug.
Nach all dieser Zeit kam niemand mehr auf die Idee, den Exodus mit Falcons Eingreifen in Verbindung zu bringen – zumindest interessierte sich niemand genug dafür, um ihn strafrechtlich zu verfolgen. Es war immerhin sechsundsechzig Jahre her. Und selbst wenn jemand eine Verbindung hergestellt hätte, war es ein absurder Gedanke, dass die Maschinen so lange auf den richtigen Augenblick gewartet hatten – dass alles, was sie seit Falcons Besuch getan hatten, ein Täuschungsmanöver gewesen war, mit dem Ziel, ihre gefühllosen Herren einzulullen …
Aber Falcon wusste Bescheid. Er brauchte sich nicht in Spekulationen über einen möglichen Zusammenhang zu ergehen. Den gab es, im Kalender, für jedermann offen sichtbar – zumindest für jeden, der klug genug war, ihn herzustellen. Der Maschinen-Exodus fand auf den Tag genau ein Jahrhundert nach Howard Falcons Begegnung mit einer außerirdischen Intelligenz in den Jupiterwolken statt.
Falls dies Adams Botschaft an ihn war, nahm Falcon sie voller Stolz zur Kenntnis.
Und er sollte sich an dieses Gefühl erinnern, als man ihn weitere Jahrzehnte später, nach der Rückkehr der Maschinen, mit einer neuen Aufgabe betraute, der Durchführung eines waghalsigen Unternehmens, das ihn noch einmal in die Arena seines größten Triumphes führen würde.
Anscheinend war Howard Falcon noch nicht fertig mit dem Jupiter – ebenso wenig wie der Jupiter mit Falcon.