Zwischenspiel: April 1968

Weihnachten 1967 war ebenso schnell gekommen und vergangen wie alles andere in diesem Jahr.

Das ganze Frühjahr 1968 hindurch hatte Seth Springer vor lauter Arbeit nicht gewusst, wo ihm der Kopf stand. Einmal hatte er sogar in »diplomatischer« Mission nach Kasachstan reisen müssen, tief im Herzen des Sowjetreichs, um dem Start einer der unbemannten Sonden beizuwohnen, die sie Monitore nannten: im Grunde amerikanische Mariner-Sonden, wie sie zum Mars und zur Venus geschickt worden waren, allerdings mit den robusten neuen Proton-Trägerraketen der Sowjets. An jedem der sechs Abfangpunkte – den Orten der sechs nuklearen Detonationen, durch die Icarus von seinem Rendezvous mit der Erde weggeschubst werden sollte – würde ein Monitor zugegen sein.

Seth vermutete jedoch, dass er von dieser Zeit – vorausgesetzt, er überlebte das Abenteuer – am meisten jene Stunden, Tage und Wochen in Erinnerung behalten würde, die er im Flugsimulator in Houston verbrachte.

Der Simulator hatte die Form und die Größe der Kabine eines kegelförmigen Kommandomoduls und war in ein Rattennest aus Kabeln, Drähten und riesigen, fest angebrachten Boxen eingebettet, die visuelle Nachbildungen von Missionsereignissen erzeugten. Der Steuercomputer schaute aus der klimatisierten Sicherheit seines eigenen Abteils hinter einer Glaswand blasiert auf die Astronauten herab, jene kleinen Sterblichen, die mitten in das Ding hineinkriechen mussten. Was kränkend war, wenn man sich ins Gedächtnis rief, dass Menschen lediglich deshalb für diese Ersatzmission ausgebildet wurden, weil niemand wirklich darauf vertraute, dass Computer die Sache alleine erledigen könnten. Seth fragte sich, ob es rational war, eine Beziehung zu einer Maschine zu haben, selbst wenn sie von Ärger und Groll geprägt war.

Seth und Mo wechselten sich im Simulator ab; als Hauptpilot beanspruchte Mo den Löwenanteil der Zeit. Aber derjenige von ihnen, der gerade nicht in der Blechdose war, saß im Mission Control Center und unterstützte den anderen. Hier erstellten sie zusammen mit den Flugleitern Pläne und Checklisten für alle entscheidenden Momente des sechsten Apollo-Icarus-Fluges, falls er sich als nötig erweisen sollte, bis hin zu jedem Schalter, der betätigt, und jedem Befehl, der in den Navigationscomputer eingegeben werden musste. Und dann begannen sie, an den Notfallplänen zu arbeiten: Wenn System A versagt, tu dies; wenn System B versagt, tu jenes. Das übten sie immer wieder, bis sie es im Schlaf beherrschten.

Seth war jederzeit bereit zuzugeben, dass Mo der bessere Pilot war und schneller begriff als er. Tatsächlich betrachtete Seth es schon als Erfolg, wenn er an einem Tag nicht so oft Mist baute, dass sich der überlastete Computer »verabschiedete«, wie es die Simulator-Kontrolleure ausdrückten. Aber wenn sie genug Zeit hatten, würden ihre Leistungen nicht mehr zu unterscheiden sein.

Das Problem war, sie hatten nie genug Zeit.

Und dann war es plötzlich April 1968, und das Programm begann.

Am Sonntag, dem 7. April, ganz pünktlich, wurde die erste Apollo-Icarus-Saturn V mit ihrer großen Atombombe an Bord erfolgreich gestartet. Seth und Mo waren ausnahmsweise einmal zusammen, um sich den Start anzusehen, der problemlos vonstattenging. Doch noch während die Saturn von der Startrampe A aus im Himmel verschwand, stand bereits eine zweite Saturn auf der Startrampe B, die für den zweiten Start am 22. April vorbereitet wurde, und Startrampe A wurde abgerissen, um für den Start der Apollo-Icarus 4 am 17. Mai präpariert zu werden.

Infolge des engen Zeitplans und der schnellen Annäherung des Asteroiden würden zu dem Zeitpunkt, an dem die erste Rakete Icarus erreichte – in der größtmöglichen Distanz von dreißig Millionen Kilometern –, schon drei weitere Raketen unterwegs sein. Trotzdem, diesen ersten Vogel pünktlich abheben zu sehen war ein wichtiger Meilenstein, eine große Motivation für alle.

Doch als der zweite Start näher rückte, änderte sich alles.

Am 21. April, eine Woche nach Ostersonntag, kam Seth ans Cape, um den für den folgenden Tag vorgesehenen Start mitzuerleben. Mo war von Huntsville aus ebenfalls auf dem Weg dorthin, mit seiner eigenen T-38.

Aber Mo war überfällig.

Am späten Nachmittag ließ George Lee Sheridan Seth in eine private Lounge im rückwärtigen Teil des Startkontrollbunkers kommen und reichte ihm ein Glas Bourbon.

»Wir wissen noch nicht, was passiert ist«, sagte Sheridan. »Beobachtern am Boden zufolge ist der verdammte Vogel einfach außer Kontrolle geraten – eine Rolle – und im Sturzflug runtergekommen. War beim Aufschlag immer noch überschallschnell, schätzt man. Zur Hölle mit diesen T-38. Ich weiß, ihr Jungs liebt eure Spielzeuge.«

Seth starrte auf den Bourbon und versuchte, das zu verdauen. »Wir sollten die Ausmaße des Kraters messen, den er gemacht hat.«

»Hmm?«

»Man hat uns zu einem Labor in Texas gebracht. Da haben sie mit Kanonen in den Boden geschossen und dadurch die Entstehung von Mondkratern simuliert. Um den Beckendurchmesser als Funktion der eintreffenden kinetischen Energie zu ermitteln.« Er rang sich ein Lächeln ab. »Mo fände es gut, als Datenpunkt in so einem Diagramm zu enden. Das brächte ihn zum Lachen.«

»Darauf trinke ich«, sagte Sheridan. Er musterte Seth. »Aber dadurch ändert sich alles. Die Wahrheit, die Existenz von Apollo-Icarus 6 – Mos wahrer Mission, und Ihrer – kam im selben Moment raus wie die Nachricht vom Absturz. Erstaunlich, dass es uns gelungen ist, alles so lange geheim zu halten, schätze ich. Aber eins nach dem anderen. Es wird eine Trauerfeier in Arlington geben. Ich muss Sie bitten, daran teilzunehmen. Wir werden Sie mit einer Gulfstream hinfliegen. Parade-Uniformen, Pferdekutschen und Salutsalven, und die ›Missing Man‹-Formation am Himmel. Angehörige – tja, wen immer wir für Mo finden können. Sie werden eine Rede halten müssen, neben RFK und vielleicht sogar dem Präsidenten.«

»Ich verstehe.«

»Dann verlegen wir Sie ins Crew-Gebäude auf Merritt Island. Pat und die Jungs auch. Wir werden weder die Presse noch sonst jemanden in eure Nähe lassen – was auch immer Sie wollen.«

»Das weiß ich zu schätzen.«

Sheridan trank erneut. »Es ist eine Tragödie, aber es ändert nichts an der Dringlichkeit der Mission. Selbst wenn Sie gar nicht fliegen müssen, sind Sie ein Symbol für die Anstrengung, die wir unternehmen. Es geht nicht nur um Icarus, wissen Sie. Schauen Sie sich die Offensive an, die der Vietcong im Januar gestartet hat …« Grausamkeiten auf beiden Seiten, als unterbesetzte amerikanische Stellungen überrannt worden waren. Sheridan schüttelte den Kopf. »Einige Sachen hätten sie wirklich nicht im Fernsehen zeigen sollen. Dann wird Martin Luther King erschossen, und das ganze Land geht in Flammen auf, wie bei einem verdammten Buschfeuer. Und mitten in all dem ist Icarus auf dem Weg, auch wenn man ihn noch nicht sehen kann. Wissen Sie, ich bin zu einer Voraufführung so einer neuen Weltraumoper gegangen, irgend so ein verdammter Science-Fiction-Streifen. Geht schon damit los, dass Affenmenschen einander mit Keulen aus Knochen das Gehirn rausprügeln. Mehr sind wir also nicht? Da denke ich doch lieber, dass wir’s besser können. Ich selber habe in den Dreißigern am New Deal mitgearbeitet, einem Krieg gegen die Armut, in den Vierzigern war ich an einem totalen Krieg gegen den Faschismus beteiligt, und in den Fünfzigern stand ich an der technologischen Front einer nuklearen Konfrontation. Und jetzt das. Ich glaube, dass wir zusammenarbeiten können, dass es möglich ist, eine technologisch hoch entwickelte Nation wie die Vereinigten Staaten auf ein würdiges Ziel auszurichten – wie zum Beispiel, Hitler zu besiegen, einen Mann auf den Mond zu schicken und, ja, Icarus von unserem Planeten abzulenken. Und wenn wir alle schon längst tot sind, wird das, was wir jetzt vollbringen, eine Inspiration für die gesamte Menschheit sein. In der Zukunft. Ihre Kinder und Enkelkinder, Seth. Die werden wissen, dass unsere Generation das getan hat.« Er streckte die Hand aus und packte Seth an der Schulter. »Hören Sie, mein Sohn, falls wir Sie wirklich brauchen, setze ich ebenso viel Vertrauen in Sie, wie ich es in Mo gesetzt hätte.«

Seth glaubte ihm. Aber er konnte in diesem Augenblick nur daran denken, was er in Arlington sagen müssen würde. Und wie er all dies den Jungs beibringen sollte.

Jedenfalls würde ihm der Flug aller Wahrscheinlichkeit nach trotzdem erspart bleiben.

Er hatte seinen Bourbon vergessen. Er leerte das Glas mit einem Schluck.

Die Medusa-Chroniken
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