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Ein letztes Mal lenkte Tem ihre Schritte durch die leeren Flure, die dunklen Stationen. Die Maschine im Herzen von Io war jetzt dauerhaft in Betrieb, und das seismische Dröhnen, das von den Fundamenten des Gebäudes emporstieg, beunruhigte sie in zunehmendem Maße – ebenso wie das Gefühl, dass ihre gesamte Welt in Schieflage geraten war, wie ein kenterndes Boot.
Im medizinischen Komplex ging allmählich der Strom zur Neige. Selbst jetzt war die Anlage nicht vollständig verlassen; sie wusste, dass ihre Leute noch immer durch die Stationen patrouillierten. Tem konnte sich die Gespräche vorstellen, schließlich hatte sie selbst einige führen müssen: »Wir wissen nicht, wie es am Ende sein wird. Aber wenn Sie möchten, dass Ihnen das erspart bleibt, können wir Sie jetzt schlafen legen …«
Schlafen legen. Was für ein hübscher, tröstlicher Euphemismus. Und was für eine Krönung von Tems medizinischer Karriere. Wenn sie nur in anderen Zeiten geboren wäre, dachte sie – wenn, wenn.
Aber ihre Karriere, sofern man denn von einer solchen reden konnte – oder ihre Karrieren, nicht nur in ihrem offiziellen Beruf als Ärztin, sondern auch im Hinblick auf ihre geheimeren Aktivitäten –, ihre Karrieren waren noch nicht beendet.
In ihrem Dienstzimmer taumelte Tem zu ihrem Schreibtisch. Es war tröstlich, sich hinsetzen zu können, nicht mehr in der sich ständig ändernden Schwerebeschleunigung die Balance wahren zu müssen.
Sie fand eine Mail vor, die auf sie wartete: diese angebliche Anfrage zu einer Fallaufzeichnung. Sie vergewisserte sich, dass die Nachricht tatsächlich von Surgeon-Adjutant Purvis auf Ganymed stammte. Und folglich gar keine Anfrage zu einer Fallaufzeichnung war.
Im Versuch, ihre Rolle weiterzuspielen, blaffte sie: »Anruf annehmen.«
Das Gesicht des Surgeon-Adjutants erschien auf einer Wandfläche, müde und grau, um den Hals den noch immer zugeknöpften Kragen eines sterilen Krankenhauskittels. »Surgeon-Commander Tem. Tut mir leid, wenn ich störe, aber ich müsste einen Fall mit Ihnen besprechen. Ich weiß, es ist kein guter Zeitpunkt.«
Das war ein vorbereiteter Text; sie machte sich einen Moment lang Sorgen, »kein guter Zeitpunkt« könnte zu offensichtlich sein, eine ziemlich absurde Untertreibung angesichts der Umstände, aber das ließ sich jetzt nicht ändern. Sie gab ihre ebenso vorbereitete Antwort. »Es ist nie ein guter Zeitpunkt, Surgeon-Adjutant. Aber wir müssen nun einmal unseren Pflichten nachkommen, nicht wahr? Bitte zeigen Sie mir, was Sie haben.«
»Einen Moment.«
Purvis hielt ein Bild in die Kamera, die sein Gesicht aufzeichnete. Es war ein medizinischer Scan, und er hielt die Aufnahme näher an die Kamera, sodass sie das gesamte Blickfeld ausfüllte. Der Scan zeigte den filigranen Umriss eines Schädels, Knochenwände so dünn wie die Gasfalten um einen Sternennebel.
»Das ist der Patient«, sagte Purvis und folgte damit erneut einem Wort für Wort festgelegten Gesprächsverlauf.
»Ich verstehe«, antwortete sie sorgfältig.
Diese Kanäle hinter den Kulissen dienten zur Übertragung von medizinischen Daten, die angeblich der ärztlichen Schweigepflicht unterlagen – und noch wichtiger, von Daten, die zu alltäglich und zu fachspezifisch waren, als dass die Springer-Soames-Aufpasser sie angezapft hätten. Aber sie wurden jetzt, und nicht zum ersten Mal, für andere Dinge zweckentfremdet.
Das Bild begann sich zu verändern. Der Schädel-Scan wurde dichter, gewann an Tiefe und Textur. Knochen verbanden sich miteinander und überzogen sich dann mit Fleisch und Nerven, Muskeln und Gewebe.
Ein Gesicht blickte sie an. Es grinste, und nun bewegte es sich auch.
Aber es war kein menschliches Gesicht.
Es war ein Pan-Gesicht.
Es war Boss.