13:12
Sebastian Lauk versuchte verwirrt, Lena Bölls Worte in den Strom seiner Gedanken einzuordnen, doch das, was sie gesagt hatte, erschien ihm derart bizarr, dass es ihm einfach nicht gelingen wollte. Er war wie erstarrt, und als er den Mund öffnete, war er nicht dazu in der Lage, einen Satz zu formulieren. Also presste er die Lippen aufeinander und schwieg.
»Das heißt, Carola ist mit Sicherheit tot?«, durchbrach Anna die Stille.
Lena Böll nickte. Ihren zerknitterten Leinenblazer hatte sie nachlässig über die Stuhllehne gelegt. Sie trug ein hellblaues T-Shirt, unter dem sich die Konturen ihrer Brüste deutlich abzeichneten. Lauk registrierte verwirrt, dass er trotz seiner Verzweiflung noch immer in der Lage war, dies wahrzunehmen. Sie war in Begleitung von Richard Merken gekommen, dem Polizeipsychologen, der im Unterschied zu ihr keine Waffe trug und der im Unterschied zu ihr nicht rauchte. Wenn Merken auftauchte, hatte er stets schlechte Neuigkeiten im Gepäck, und anschließend versuchte er, die Betroffenen zu trösten und vom Selbstmord abzuhalten.
»Ja, daran bestehen leider kaum noch Zweifel. Die widerwärtige Nachricht, die Ihnen der Täter zukommen ließ, lässt sich nicht anders deuten.« Sie beobachtete ihn aufmerksam, und einen Moment lang war er sich sicher, dass ihr sein Blick auf ihr T-Shirt nicht entgangen war. Er schluckte so laut, dass es deutlich zu hören war. »Als diese SMS abgeschickt wurde, hatte er den Körper Ihrer Tochter bereits irgendwo abgelegt. Bedauerlicherweise wissen wir bis heute nicht, wo.«
Anna Lauk schüttelte ungläubig den Kopf. »Und Sie denken, es kam jemand vorbei und hat mein … mein Mädchen …« Sie rang nach Luft. »… einfach mitgenommen?« Dicke Tränen quollen aus ihren Augen und flossen wie in Zeitlupe durch ihr blasses Gesicht. »Aber wieso? Wer um alles in der Welt würde so etwas tun?«
Wer wohl, dachte Sebastian Lauk, wieso wohl, und dass es eine Gnade wäre, auf der Stelle tot umzufallen, nur um sich dies alles nicht mehr anhören und es sich nicht bis ins Detail ausmalen zu müssen. Und um Anna nicht länger leiden zu sehen. Er hielt das alles nicht mehr aus. Tagelang hatte er sich dem Gedanken stellen müssen, dass sein eigenes Kind brutal gequält und missbraucht wurde, ohne dass er etwas tun oder eingreifen konnte. Dann irgendwann folgte die Phase der Resignation. Die Erkenntnis, dass es zu spät war und dass er Carola nie mehr lebend wiedersehen würde. Sich das einzugestehen, war ein quälender Prozess gewesen. Mit nichts zu vergleichen, was er in seinem bisherigen Leben hatte aushalten müssen. Erstaunlicherweise war er dennoch nicht zerbrochen. Seltsam. Was ein Mensch alles aushalten konnte, ohne daran zugrunde zu gehen, war wirklich bemerkenswert. Die äußerliche Hülle zumindest, welche auch weiterhin artig ihre Aufgaben erledigte, während im Inneren alles abzusterben drohte. Ein schlagendes Herz, atmende Lungen, sich kontrahierende Darmsegmente, ein Knochenmark, das weiterhin Abwehrzellen produzierte, doch Abwehr wogegen? Und wozu?
»Das wissen wir leider nicht«, sagte Lena Böll. »So etwas ist meines Wissens noch nie zuvor passiert. Bis gestern hätten auch wir uns eine derartige Situation nicht ausmalen können. Hätte sich der Mörder nicht persönlich bei uns gemeldet, würden wir es noch immer für unvorstellbar halten, dass so etwas tatsächlich geschehen könnte. Aber die Wut des Mörders wirkt völlig authentisch. Vermutlich hat er Carolas Körper bereits am Sonntag abgelegt, aber die Leiche wurde noch immer nicht gefunden. Ich denke nicht, dass er blufft.«
Der Polizeipsychologe beließ es bei einem zustimmenden Nicken. Wahrscheinlich war er genauso hilflos wie sie alle. Er durfte es sich bloß nicht anmerken lassen.
»Und wenn doch?«, mischte Sebastian Lauk sich ein. »Wenn er Carola noch immer gefangen hält? Wenn er sie noch immer vergewaltigt und quält und uns mit alldem nur auf eine falsche Fährte locken will?«
»Das würde er niemals tun«, antwortete sie sanft.
»Warum sind Sie sich so sicher? Können Sie seine Gedanken lesen? Ich glaube kaum. Falls ja, dann wären Ihre Fahndungserfolge in der Tat enttäuschend.«
Sie wehrte sich nicht. »Es passt nicht zu seinem Profil. Sein Verhalten folgt einem Muster. Er will es uns allen zeigen. Seine Klugheit und seine Macht. Seine Unantastbarkeit. Carolas Verschwinden muss ihm daher in höchstem Maße peinlich sein, denn es macht ihn zum Verlierer. Daher auch seine Wut.« Sie schaute ihm in die Augen und ließ seinen Blick nicht wieder los. »Es tut mir sehr leid, Herr Lauk. Für Sie und Ihre Frau. Aber Carola ist tot. Verstehen Sie? Sie hat Furchtbares mitmachen müssen, aber jetzt ist sie tot. Das ist natürlich furchtbar, ein entsetzlicher Verlust, aber es ist vorbei.«
Hinter ihm begann Anna verzweifelt zu schluchzen, doch Sebastian Lauk hielt seinen Blick weiterhin starr auf die Polizistin gerichtet. Der Druck hinter seinen Augen stieg derart an, dass er fürchtete, sie könnten wie Sektkorken knallend aus den Höhlen getrieben werden.
»Und wenn sie ihm entkommen ist?«
»Natürlich haben wir diese Möglichkeit ebenfalls in Erwägung gezogen. Aber es spricht zu viel dagegen.«
Ob sie wohl jemals den Überblick verliert, dachte er. Ob es auch für sie Situationen gibt, in welchen ihr analytischer Verstand versagt und sie nur noch weint und schreit und am liebsten sterben möchte?
»Es tut mir leid«, fügte sie nochmals hinzu.
Anna sprang wie ein Springball von ihrem Stuhl auf und begann, im Zimmer umherzulaufen. »Sie müssen sie finden, verstehen Sie? Sie müssen sie finden. Den Gedanken, Carola niemals wiederzusehen, kann ich einfach nicht ertragen.«
»Ich weiß.«
Gibt es auch etwas, was du noch nicht weißt, dachte er. Irgendetwas, was dich völlig unerwartet trifft und deine Gedanken zum Stolpern bringen kann?
»Halten Sie das für möglich?«, brach es aus ihm heraus. »Dass wir niemals herausfinden werden, was mit ihr geschehen ist? Dass sie auf Dauer verschwunden bleiben wird?«
Ihm entging nicht, wie Richard Merken sie hilfesuchend anschaute.
Sterben können. Nur noch sterben können. Sein Kopf – wie in einen Schraubstock eingespannt. Die Wirklichkeit – nur noch ein Film.
Lena Böll schüttelte energisch den Kopf. »So weit sind wir noch lange nicht. Natürlich kann ich keine Wunder vollbringen, aber glauben Sie mir: Ich werde alles versuchen, um genau das zu verhindern. Dafür bin ich aber auch weiterhin auf Ihre Mitarbeit angewiesen.«
Nur noch ein Film. Sterben können.
Vergessen können.
Niemals da gewesen sein.
»Und was genau sollen wir tun?«, fragte seine Außenhülle kühl. Immer noch funktionstüchtig. Ein Wunder der Natur.
»Genaugenommen nichts und doch das Schwierigste überhaupt. Sie müssten weiterhin schweigen und so tun, als bestünde noch keine Gewissheit und als wäre Ihre Tochter vielleicht noch immer am Leben.«
»Aber wieso?«, kam ihm die Außenhülle zuvor.
Sie zögerte kurz. »Ich stehe mit ihm in Kontakt.«
Der Satz ließ ihn innerlich zusammenzucken und hinterließ dennoch kein Gefühl. »Mit dem Täter?«
»Ja. Mit dem Täter. Und ich hoffe, dass er sich auch weiterhin mit uns in Verbindung setzen wird.«
»Und? Wie ist er denn so? Ist er nett?«, fragte Sebastian Lauk, bedauerte die Frage aber im gleichen Moment, in dem er sie ausgesprochen hatte. »Tut mir leid«, fügte er kleinlaut hinzu. »Ich nehme an, Sie erhoffen sich davon, ihn aus der Reserve locken zu können?«
»Ja. Aber wenn die Sache öffentlich wird, wird er den Kontakt eventuell abbrechen. Daher möchte ich Sie bitten, mit niemandem darüber zu sprechen.«
»Haben Sie eine Ahnung, was Sie da von uns verlangen?«
»Ja, das ist mir durchaus klar.«
»Das mit der SMS war wirklich schon schlimm genug. Dass wir Carolas Großeltern anlügen mussten, und auch die anderen Verwandten und alle unsere Freunde. Mit niemandem darüber reden zu können und sich stattdessen bewusst verstellen zu müssen, war schier unerträglich. Aber das war nichts gegen das, was Sie jetzt von uns verlangen. Sie verlangen einfach zu viel.«
Anna, die die gesamte Zeit im Raum herumgelaufen war wie ein hospitalisiertes Tier, blieb unvermittelt stehen. »Glauben Sie wirklich, das würde Ihre Chancen erhöhen, diese Ratte zu fassen?«
Einen Moment lang war er verwirrt, welche Ratte sie meinte, den Mörder oder den zweiten Unbekannten, der die Situation ausgenutzt hatte, um Carola zu verschleppen.
»Ja, ich denke schon. Momentan versuchen wir, ihn davon zu überzeugen, uns den Ort preiszugeben, wo er Carola zurückgelassen hat. Wir wissen noch nicht, ob es klappt, aber sollten wir Glück haben, würde uns das womöglich zu dem zweiten Täter und somit auch zu Carola führen.«
Wie schön sie war! Wie unglaublich schön sie war! Und dabei doch eiskalt.
»Für Sie ist Carola doch schon längst abgehakt.« Seine eigene Stimme klang merkwürdig fremd und gedämpft, so als tauchte er in einem Schwimmbecken und jemand von außerhalb des Wassers riefe ihm vom Beckenrand etwas zu. »Sie denken nur noch an die nächsten Opfer und an die Jagd nach dem Täter. Ist es nicht so?«
Auftauchen können. Endlich wieder auftauchen können.
»Sie erledigt nur ihren Job«, fuhr Anna ihn an. »Sie kann nicht das Geringste dafür.«
»Tut mir leid«, lenkte er betreten ein. »Aber ich kann es kaum ertragen, wie sie Carola als Köder benutzt. Dieser zweite Kerl, was glauben Sie, was er will?«
»Ich weiß es nicht«, versicherte sie ihm erneut. »Aber wenn wir Glück haben, wird er den Mörder aus der Reserve locken, und wenn wir den Mörder finden, dann wissen wir, wo er Carola abgelegt hat, und dann finden wir auch Nummer Zwei.«
»Nummer Zwei?«
»Ja, den zweiten Täter. In der SOKO nennen wir ihn derzeit so. Weil wir ansonsten den Überblick verlieren.«
Sie schaute ihm direkt in die Augen. Alles an ihr wirkte freundlich und offen. So als käme es ihr erst gar nicht in den Sinn, etwas vor ihm zu verbergen. So als sei sie gänzlich auf seiner Seite. Er schaute hinüber zu Anna. In ihrem Blick lag etwas Feindseliges. Merkwürdig, dass er sich von einer Fremden mehr verstanden fühlte als von seiner eigenen Frau.
Nichts würde jemals wieder so sein wie früher. Nichts.
»Wie viele Tage sollen wir noch stillhalten?«, fragte er heiser.
»Bis zur Entführung des nächsten Opfers.«
»Und wann wird das sein?«
»Ich nehme an, am kommenden Wochenende. Wenn die Sache mit Nummer Zwei an die Presse geht, vielleicht auch schon früher.«
»Glauben Sie, für ihn steht das nächste Opfer jetzt schon fest?«
»Gut möglich.«
»Am kommenden Wochenende. Das heißt, irgendwo da draußen steht jemand unmittelbar davor, die gleichen Qualen wie Carola durchleben zu müssen.«
»Ja. Ich fürchte, in diesem Punkt haben Sie recht.«
»Und auch sie wird Eltern haben, die hoffen und leiden und sich am Ende entfremden und hassen und trennen werden.«
Anna starrte ihn fassungslos an.
»Okay«, sagte er. Seine Worte klangen so leise, als stünde nunmehr er am Beckenrand und hörte seine eigene Stimme von weit unten aus dem Wasser dringen. »Wenn es auch für Anna in Ordnung geht, bin ich einverstanden.«
Sebastian Lauk sah, wie Merkens Hand wie beiläufig über sein rechtes Auge wischte. Er schien tatsächlich zu weinen.