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Am Sonntag holte der Commissaris sein Fahrrad aus dem Hof, und als er es auf die Straße schob, wartete Doktor Menardi schon vor dem Haus. Sie trug ein roséfarbenes Kleid mit dunkelroten Lackknöpfen, dessen Saum sie mit schwarzen Samtbändern um die Beine geschnürt hatte, damit es nicht in die Kette ihres Rades geriet. Außerdem trug sie lila Knieschoner, weiße Turnschuhe und eine Sonnenbrille, die sie sich ins Haar geschoben hatte. Der Commissaris hatte gefüllte Gurken, eingelegten Stör, gebackene Hühnerschenkel, frisches Weißbrot, gekochte Eier, Obst und eine Flasche Wein in einen Korb gepackt und den Korb auf den Gepäckträger geschnallt.
Sie radelten durch die Stadt und über die Amstel. Auf den Straßen waren vereinzelte Kirchgänger zu sehen. Das Wasser glitzerte im hellen Morgenlicht wie Messing. Die Sonne stand noch nicht sehr hoch, aber es war ein warmer Tag für Oktober. »Wir haben Glück«, rief Doktor Menardi, die vorausfuhr, über die Schulter. »Lange wird es nicht mehr so bleiben.«
Van Leeuwen antwortete nicht, denn sein Atem ging kurz. Das Radfahren strengte ihn an, und er dachte, dass es ihm früher leichter gefallen war. Er hielt den Lenker nur mit einer Hand; den Gips hatte er vor zwei Tagen selbst abgenommen, mit einer Geflügelschere, aber ganz ohne Verband kam er noch nicht aus. Sie ließen die Stadt hinter sich, und nach einigen Kilometern bog Doktor Menardi von der Straße ab, und er folgte ihr. Über einen Feldweg fuhren sie an niedrigen Drahtzäunen entlang, hinter denen Schafe weideten. Der Weg wurde sandig, und sie mussten mit aller Kraft in die Pedale treten, um nicht stecken zu bleiben. Van Leeuwen keuchte; das Hemd klebte ihm am Rücken. Sie erreichten einen Pappelhain, wo sie abstiegen und die Wolldecke ausbreiteten, die der Commissaris zusammengerollt auf seinen Gepäckträger geklemmt hatte.
Am Rand des Hains lag ein kleiner Weiher, gesäumt von Schilf. An der Wasseroberfläche standen schwarzgraue Karpfen. Van Leeuwen und Doktor Menardi setzten sich unter die Pappeln, deren letzte Blätter silbergrün im Wind flirrten. Die fernen Türme, Kuppeln und Dächer Amsterdams waren in einen Dunstschleier gehüllt, der dünner wurde, als die Sonne höher stieg und sich schließlich ganz auflöste. Die Luft roch nach Gras und Rinde, und nur selten trug eine Brise den Geruch von Salz und Jod heran. Am Horizont zogen träge ein paar Wolken über den Himmel.
»Ist es nicht herrlich hier?«, fragte Doktor Menardi, als einige Zeit vergangen war. »An einem Ort wie diesem kann man sich gar nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die ihre Babys ersticken lassen und in Blumentöpfen verscharren.«
Van Leeuwen erwiderte nichts, denn er konnte sich an jedem Ort vorstellen, dass Menschen zu allem in der Lage waren.
»Hat Jacobszoon noch etwas gesagt, bevor er sich das Leben genommen hat?«, wollte Doktor Menardi wissen.
»Die Matthäus-Passion«, antwortete Van Leeuwen, »mit achtundsiebzig Umdrehungen abgespielt.«
Sie strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. »Ich bin sicher, das wirst du mir gleich erklären.«
»Bei allem, was er sagte, hatte ich das Gefühl, als drehte sich etwas in seinem Verstand zu schnell«, meinte Van Leeuwen. »Früher, als man noch Schallplatten gehört hat, gab es doch drei Geschwindigkeiten an den Plattenspielern – Singles, die man mit 45 Umdrehungen hören musste, LPs, für die 33 die richtige Einstellung war, und manche hatten noch 78. Das war die höchste Umdrehungszahl für ganz alte Schellacks. Jedenfalls, wenn man eine Langspielplatte, die man mit 33 hören sollte, mit 78 abspielte, hörte man nur ein quietschendes, hohes, rasend schnelles …«
»Ich bin alt genug, um zu wissen, wovon du sprichst«, warf Doktor Menardi ein.
»Gut, dann stell dir vor, du hörst die Matthäus-Passion mit 78 Umdrehungen statt mit 33 – es ist zwar immer noch Musik von Bach, aber niemand kann sie mehr verstehen. So klang das, was Jacobszoon gesagt hat. Du hast dauernd nach einem Knopf gesucht, mit dem man dafür sorgen konnte, dass es verständlich wurde. Kennst du Lovecraft?«
»Den Schriftsteller?«
»Ja, den hat er zitiert: Ein Fremder bin ich auf dieser Welt und unter denen, die Menschen sind. Bei Lovecraft hieß es, in diesem Jahrhundert, aber er hat daraus auf dieser Welt gemacht. Das war noch mit das Vernünftigste.«
»In der Zeitung haben Sie es so dargestellt, dass Van der Meer sein letztes Opfer war. Streng genommen stimmt das aber doch nicht, oder?«
»Nein, streng genommen sollte er selbst sein eigenes letztes Opfer werden – wenn es nach Van der Meer gegangen wäre. Dann hätte man ihn gefunden, erstickt mit einer Plastiktüte, und niemand hätte an einem Selbstmord gezweifelt. Die Tüte und das Klebeband, mit denen Van der Meer ihn töten wollte, lagen noch auf dem Boden. Ich glaube, Jacobszoon war unter anderem deswegen so verstört, als ich kam, weil er festgestellt hatte, dass erstickt zu werden, gar kein schöner Tod ist. Und dass er leben wollte! Dass er um sein Leben gekämpft hat, so heftig, dass Van der Meers Schädel bei diesem Kampf an seiner Bettkante zersprungen ist wie ein rohes Ei.«
Doktor Menardi sagte: »Jedes Jahr am sechsundzwanzigsten September und am dritten Oktober wurde demnach etwas in ihm, das auch die Matthäus-Passion schneller spielte, zu Maurits Scheffer. Im Grunde wollte er immer nur sich selbst töten, aber es waren die anderen, die sterben mussten …« Sie hielt inne und runzelte die Stirn. »Van der Meer hat das erkannt. Er war es, der den Knopf von 33 auf 78 gestellt hat.«
»Am Anfang«, pflichtete Van Leeuwen ihr bei. »Aber nachdem die Passion lang genug auf 78 gelaufen war, hielt Jacobszoons Verstand das für die richtige Umdrehungszahl.«
»Was für eine Verschwendung, was für ein schrecklicher Irrweg!«, murmelte sie leise. »Ich habe seine Sendung ein paar Mal gesehen. Es war ihm wirklich ernst mit seiner Anteilnahme, und oft hat er genau das Richtige gesagt, das, was ich auch geraten hätte.«
Van Leeuwen sagte: »Aber du hättest dich nicht außerhalb der Sendung oder deiner Kolumne mit den Anrufern und Briefeschreibern getroffen, um zu sehen, wie tief ihr Leid war. Und wenn du das getan hättest, dann, um sie zu therapieren, zu heilen. Du hättest sie nicht von morgens bis abends beobachtet, du wärst ihnen nicht nachgegangen, um ihr Leben genau unter die Lupe zu nehmen – ihr Haus, ihre Wohnung, ihre Familie –, um zu sehen, wie ernst es ihnen wirklich war, mit dem Wunsch zu sterben. Du hättest sie nicht erlöst, indem du sie tötest.«
»Ich wüsste gern, nach welchen Kriterien er seine Entscheidung letztendlich gefällt hat«, meinte Feline Menardi. »Stört es dich nicht, dass auch jetzt noch so vieles unklar bleibt, so viele Fragen offen sind, auf die wir wahrscheinlich nie eine Antwort erhalten werden?«
Wahrscheinlich gibt es noch mehr. Noch viel, viel mehr.
»Diese Fragen gibt es immer«, sagte Van Leeuwen. »Nach jedem Fall.«
Feline zog eine Augenbraue hoch, was ihr Gesicht in das eines entzückenden Kobolds verwandelte. »Du meinst, das ganze Leben ist ein Geheimnis, und Gott existiert wahrscheinlich gar nicht, so in der Art?«
»Ja«, antwortete Van Leeuwen. »So in der Art.«
Feline saß im Schneidersitz auf der Decke, und jetzt schloss sie die Augen und stützte sich nach hinten mit den Armen ab, den Kopf in den Nacken gelegt, das Gesicht nach oben gereckt. Ihre Haut wirkte in der Sonne heller. Nach ein paar Minuten öffnete sie den Knopf ihres Kleides. An ihren Schläfen und über dem Schlüsselbein erschienen kleine Schweißperlen. Nach einer weiteren Minute bemerkte sie: »Wer weiß, wie lange er noch so weitergemacht hätte … Wie lange er damit durchgekommen wäre, wenn du nicht Zuikers Leiche gefunden und eine Autopsie angeordnet hättest …«
Van Leeuwen krempelte die Ärmel seines Hemdes hoch. Er legte sich zurück und schloss die Augen. »Und wie viele ich so darum gebracht habe, wenigstens im Tod einen Moment des Glücks zu erleben«, fügte er hinzu.
Danach sagte er nichts mehr, und auch sie schwieg. Die summende Stille des Mittags verdrängte allmählich jeden Gedanken aus seinem Kopf. Er hatte das Gefühl zu schweben, und nur manchmal hörte er den Wind in den Blättern rauschen. Sonst gab es nichts mehr außer der Welt der Insekten unter und neben der Decke, ein ständiges Ticken wie von einem winzigen Zählwerk. Nach einiger Zeit vergaß er sogar seinen Körper; es war, als läge nur sein Kopf getrennt von allem auf der weichen Erde. Die Sonne schien auf seine Lider, die rot auf seinen Augen lagen. Ein Vogel sang ein kurzes, trauriges Lied, das nur aus zwei Tönen bestand, zwischen denen ungehört drei andere lagen. Er sang es immer wieder hinein in das eintönige Rauschen der Pappeln. »Was ist das für ein Vogel?«, fragte Van Leeuwen.
»Ein Grünfink, glaube ich«, antwortete Doktor Menardi. Sie zog den Korb aus dem Schatten unter einem Zipfel der Decke und wischte ein paar Ameisen von Griff und Rand. Sie breitete Papierservietten auf der Decke aus, holte das Brot unter einem Tuch hervor und schnitt mit einem Brotmesser zwei Scheiben ab. »Ein richtiges Picknick – das habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Man vergisst oft einfach die schönsten Dinge.« Sie packte die Hühnerschenkel aus und fing an, ein hartes Ei zu schälen. »Oder man weiß zwar, dass es sie gibt, hat aber immer was anderes zu tun, das gerade wichtiger ist.«
Van Leeuwen öffnete die Augen. Er blickte zu den Kronen der Pappeln hinauf, die den Himmel zu berühren schienen, und auf einmal fiel ihm Ailing Wu ein, ihre Briefe und ihre Aussage vor Gericht. Er verspürte ein Gefühl des Unbehagens, das seine Stimmung einzutrüben drohte. Rasch richtete er sich auf und sah zu, wie Feline das Ei schälte. Ihre Finger waren flink und geschickt.
»Aber das größte Unglück ist, glaube ich, wenn man überhaupt nichts mehr schön oder wichtig findet«, sagte sie. »Wenn man sich mit allem einfach arrangiert, dem Schlechten, dem Traurigen, der ganzen Ungerechtigkeit, und für das reine Überleben alles aufgibt, was das Leben lebenswert macht. Man tut nichts anderes mehr, als der Zeit bei der Arbeit zuzusehen. Das hat mir von Anfang an gefallen bei dir, dass du dich gegen alles Mögliche auflehnst. Mit so viel Zorn und Kraft.«
»Das tue ich nur«, erklärte er, »weil ich mit ziemlich vielen Dingen auf Kriegsfuß stehe, die das Leben mit einem anstellt, wenn man ihm einfach freie Hand lässt. Es benutzt die Zeit, um einen zu verändern, ohne dass man es merkt, und auf einmal hat man so viele Veränderungen am eigenen Leib erfahren, dass man sich vor jeder weiteren fürchtet.«
»Aber gehört Furcht nicht bei uns allen zum Leben?«, fragte sie und reichte ihm das geschälte Ei.
»Das weiß ich nicht«, sagte er. »Ich weiß nur, dass es bei mir so ist. Früher fürchtete ich mich vor nichts, und jetzt gibt es vieles, was mir Angst einjagt. Ich habe meine Unschuld verloren, dafür ist meine Vorstellungskraft gewachsen.«
Er aß das Ei und dann einen der gebratenen Hühnerschenkel, während Feline den Weißwein entkorkte, der ganz unten im Korb lag. Danach kam der Stör an die Reihe. Sie ließen jeden Bissen auf sich wirken, denn die Speisen schmeckten anders unter freiem Himmel, ihr Aroma entfaltete sich stärker. Dazu tranken sie den Weißwein, der ihnen schnell zu Kopf stieg, weil die Sonne ihn erwärmt hatte.
Es gefiel Van Leeuwen, wie Feline aß, mit bedächtigem Genuss. Er dachte darüber nach, was ihm noch alles an ihr gefiel. Sie war unabhängig, klug und schnell von Begriff. Er fand sie anziehend. Sie war eine freie Frau, und er fragte sich, ob sie etwas in ihm suchte und wenn ja, was es wohl war. »Als ihr euch habt scheiden lassen«, sagte er, für sich selbst überraschend, »von wem ging das aus?«
»Von ihm«, antwortete sie.
»Hast du ihn da noch geliebt?«
Feline sah ihn nachdenklich an; sie schien zu überlegen, warum er das wissen wollte. Sie trank den eben gefüllten Pappbecher aus, ohne ihn einmal abzusetzen. »Das ist unbefugtes Betreten«, bemerkte sie.
»Nein, ich würde es nur als Anklopfen bezeichnen«, sagte Van Leeuwen. »Etwas heftiges Anklopfen vielleicht.«
»Und es wird auch keine Hausdurchsuchung?«
»Nein.«
»Also gut … ja«, antwortete sie schließlich, die Lippen noch glänzend vom Wein. »Ich glaube, ich habe ihn noch geliebt, aber das war zu einer anderen Zeit. Ich war anders damals. Es ist so lange her.«
»Und nach deinem Mann? Gab es da noch jemand, einen nächsten?«
»Nein, nicht so, wie du es meinst. Wir reden doch gerade über Liebe, oder irre ich mich?«
»Ich weiß nicht«, entgegnete Van Leeuwen. »Glaubst du nicht mehr daran?«
»Doch, wenn ich an irgendetwas glaube, dann daran«, sagte sie ernsthaft. »Aber ich habe sie so lange nicht mehr gespürt, dass ich nicht weiß, ob ich noch dazu fähig wäre. Und du – nach deiner Frau? Ich weiß, dass du seitdem niemanden …« Sie hielt einen Moment inne. »Würdest du es überhaupt merken, wenn du jemandem begegnest, den du lieben könnest?«
»Keine Ahnung, vielleicht nicht«, gab er zu.
Feline nickte. »Ich weiß nur eins – man darf nicht zu zaghaft sein oder davor zurückschrecken, denn oft ist es nur ein Moment – ein Augenblick, in dem sich alles entscheidet, und was immer daraus werden könnte, wartet nicht, und es kommt auch nicht regelmäßig wieder wie eine Straßenbahn.«
Vielleicht lag es am Wein, überlegte Van Leeuwen, vielleicht auch an der Sonne und dem Wind, aber vor allem an dem Wein.
»Ich habe viel über dich nachgedacht«, bekannte Feline, »privat, nicht beruflich. Ich habe über deine Gesichter nachgedacht und über die Worte, die zu diesen Gesichtern gehören. Es gibt das zornige Gesicht und das traurige, und dann gibt es eins, das verschlossen ist, abweisend, und jedes spricht eine andere Sprache. Meistens sind es die Augen; wenn sie einen ansehen, dann weiß man, mit wem man es gerade zu tun hat. Es gibt einige sehr interessante Menschen in dir, Commissaris Bruno van Leeuwen.«
»Interessant für wen?«
»Interessant für Frauen. Für mich. Es gibt den einen Bruno van Leeuwen, und der verhält sich auf eine Weise, die mich berührt, aber dann ist dieser Mensch plötzlich weg – dienstlich unterwegs, nehme ich an –, und ein anderer tritt an seine Stelle, der etwas anderes sagt und tut, aber auch das lässt mich nicht gleichgültig. Es gibt vermutlich noch mehr, und offenbar bin ich für einige davon sehr empfänglich.« Sie sah ihn über den Rand ihres Bechers hinweg an, mit leicht geöffneten Lippen, wie überrascht von ihrer eigenen Kühnheit. »Ich habe mir sogar überlegt, ob es so weit gehen könnte, dass ich mit einem davon mehr Zeit verbringen könnte.«
»Privat, nicht beruflich«, sagte Van Leeuwen.
Sie nickte.
»Mein ganzes Leben.«
»So viel ist davon ja nicht mehr übrig«, bemerkte er brummig. »Bei mir übrigens auch nicht. Bei keinem von mir.«
Sie füllte ihren Becher nach, trank wieder, einen Schluck und noch einen, aber ihre Augen blieben klar. »Es hat den Anschein, als könnte keiner dieser Brunos besonders viel Nähe ertragen, und deshalb schiebt er einen Wachwechsel vor und verzieht sich bis zum nächsten Mal. Aber man weiß nicht, ob er wirklich wiederkommt. Kannst du dir vorstellen, dass einer von ihnen mal für länger bleibt – bei mir, meine ich?«
»Vorstellen …«, sagte er. »Ich habe schon so viel erlebt, das ich mir nicht vorstellen konnte. Du bist eine sehr schöne Frau, geschieden, und man hat mich zu dir geschickt, damit du mich begutachtest. Ich musste dir etwas von mir erzählen, damit ich weiterarbeiten konnte.«
»Ich nehme an, das heißt nein«, meinte sie, ohne in Verlegenheit zu geraten. Sie neigte sich ihm ein wenig zu, den Becher immer noch in der Hand. »Aber du magst mich? Du wärst vor ein paar Tagen beinahe umgebracht worden. Willst du dich nicht lebendig fühlen?«
»Ich fühle mich sehr lebendig«, erklärte Van Leeuwen.
»Ich fühle mich gerade auch sehr lebendig und als Frau«, bekannte sie. Sie neigte sich ihm noch weiter zu, und plötzlich stellte er fest, dass der Abstand zwischen ihnen kein Abstand mehr war. »Ich möchte gern, dass einer von den vielen Brunos mich in den Arm nimmt«, sagte sie. »Meinst du, dazu wärst du in der Lage?«
»Einer von uns bestimmt«, antwortete er, »wir müssen ihn nur erst finden.«
»Such nicht zu lange, denn eigentlich ist mir jeder recht«, erwiderte sie. »Ich möchte das Gefühl haben, dass wenigstens einer da ist, auf den ich anziehend wirke und der Lust hat, mit mir zu schlafen, denn genau danach ist mir gerade. Einer, der nicht dauernd grübelt oder zürnt oder trauert und der mit gutem Beispiel für die anderen vorangeht. Du musst aufhören, dir ununterbrochen Vorwürfe zu machen. Jeder von uns tut Dinge, für die er sich schämt, mancher sogar richtig schlimme, aber keiner von uns ist am Unglück der ganzen Welt schuld. Du bist ein guter, anständiger Mensch, und bestimmt bist du auch ein guter Liebhaber … es muss ja nicht ganz so anständig sein.«
»Redest du jetzt gerade von Liebe?«, wollte er wissen.
»Kommt es dir so vor? Ich weiß nicht genau – vielleicht rede ich von Liebe, doch auf keinen Fall rede ich davon, dass du etwas tun oder empfinden sollst, wonach dir nicht ist. Meinetwegen scheiß auf die Liebe, aber lass mich spüren, dass du scharf auf mich bist.«
»Ich kann das nicht, ohne diese Straßenbahn zu nehmen.«
»Dann lass sie uns zusammen nehmen, wenn wir sie noch einholen. Wir schnappen uns die Räder und treten auf Teufel komm raus in die Pedale!«
Als sie sich der Stadt näherten, dämmerte es schon. Der Wind war kühl geworden, aber ihre erhitzte Haut brannte von der Sonne. Ihre Schatten flogen groß und lang neben ihnen her über den sandigen Weg und die abgeernteten Felder. Der herbstfrühe Sonnenuntergang tauchte den Himmel in flammendes Rot. Die Schatten verschwanden, und die Seevögel legten sich im Schilf am Ufer der Amstel schlafen. Das Wasser des Flusses war erst golden, dann grün, und als die Straßenlaternen aufflammten, wurde es schwarz. Käuzchen schrien in den Bäumen. Der schwermütige Geruch des ausklingenden Herbstes wehte durch die Grachten, und als Van Leeuwen und Feline ihre Räder über die Magere Brug schoben, fühlten sie sich wie Rückkehrer aus einer anderen Zeit, vorübergehend fremd unter all den Menschen.
»Kommst du noch mit rauf?«, fragte Feline, als sie das Tor zu ihrem Garten erreicht hatten.
Van Leeuwen war jetzt wieder nüchtern, und er zögerte, weil er vorgehabt hatte, nach Hause zu fahren. Da traf ihn ein Regentropfen, dem sofort ein weiterer folgte. Plötzlich standen sie mitten in einem Platzregen, der heftig und laut herunterkam. Das Wasser drang ihnen schnell bis auf die Haut.
»Stell dich wenigstens bei mir unter«, sagte Feline, »mit deinem Verband und allem.«
Sie liefen durch den kleinen Vorgarten, trugen die Räder ins Treppenhaus und lehnten sie am Ende des Flurs gegen die Wand. Ein mit Teppichstangen befestigter Läufer aus handversponnener Wolle führte die schmale Treppe hinauf. Als sie nass und tropfend oben angelangt waren, fragte Feline: »Willst du aus den nassen Kleidern raus?«
Er hörte den Regen gegen die Fenster schlagen, und er roch die Feuchtigkeit in Felines Haar und sagte: »Ja.«
»Bist du dir sicher?«
»Nein«, sagte er.
»Dann komm nicht mit hinein.«
Aber er wusste, dass er nie mehr so sicher sein würde, wie er bei Simone sicher gewesen war, und dass es andere Türen mit anderen Frauen davor geben würde, und eines Tages oder eines Abends würde er durch eine dieser Türen gehen, in das Zimmer dahinter. Er würde es nicht müssen, aber er würde gehen, einfach weil sie da war und es eine Frau gab, die ihn hineinbat. Er würde also durch eine Tür gehen, in das Zimmer dahinter, und deswegen konnte er es auch jetzt tun, denn es war ein schöner Tag gewesen. Er musste bloß im Kopf behalten, dass es nicht nur eine Tür war und nicht nur ein Zimmer.
Sie sperrte auf und trat über die Schwelle. Im Dunkeln drehte sie sich um und küsste ihn, und er dachte, es ist nur ein Kuss. Durch die regenüberfluteten Fenster fiel der Schein der Brückenbeleuchtung und der Straßenlaternen auf die Zimmerdecke; er floss in bunten Schichten über die Wände, sodass es hell genug war, ohne dass sie Licht machen mussten. Feline nahm seine Hand und führte ihn durch den Wohnraum zu einer weiteren Tür, die sie öffnete, und dahinter lag das Schlafzimmer.
Schweigend kam Feline zu ihm, noch kühl und nass und auf der Haut den Geruch von Rinde und Gras. Sanft berührte sie ihn, so sanft wie schon lange keine Frau mehr, und es schien ihm, als würde seine Haut sich unter ihren streichelnden Händen glätten, bis er ihren Berührungen keinen Widerstand mehr entgegensetzte. Er öffnete die Augen, um sie anzuschauen, doch sie war so nah, er sah nur ihre Halsbeuge und dahinter das angelehnte Fenster, vor dem sich der Vorhang bauschte wie ein Segel. Später zwang er sich, nichts mehr zu sehen, indem er sein Gesicht gegen ihren Hals presste. Er wollte alles ausschließen, das Zimmer, die Gegenwart und die Vergangenheit und alle Gedanken. Er wollte, dass sie ihn schweigend liebte und mit jedem Kuss, jeder Zärtlichkeit das Dunkel um ihn veränderte, als wären es Pinselstriche, die auf einer alten Leinwand ein neues Bild schufen.
Nur das Geräusch des Regens sollte es geben.
Danach lagen sie nebeneinander, Auge in Auge und immer noch so dicht beieinander, dass sie sich nicht sehen konnten. Felines Kopf ruhte in Van Leeuwens Armbeuge, ihre Brüste berührten seine Brust, ihre Oberschenkel kreuzten sich. Ihre Haut schien der Erregung müde geworden zu sein, und der Commissaris hätte nicht sagen können, wo seine aufhörte und ihre begann. Wie wenig gehört einem Menschen doch sein Körper, dachte er. Feline tupfte zarte Küsse auf sein Gesicht, seinen Hals, und sie hätte völlig gefühllos sein müssen, wäre ihr verborgen geblieben, welche Trauer er in diesem Moment empfand.