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Es gab sogar die passende Musik. Die Musik passte zu den niedrigen Mauern aus grauen Mischbetonplatten, dem flachen Kiesdach und den großen Fenstern mit den rot lackierten Rahmen und Maschendrahtscheiben im Erdgeschoss. Sie passte zu der von sternförmigen Sprüngen durchzogenen Glastür am Eingang des Hauptgebäudes. Sie passte zu den Basketballkörben auf beiden Seiten des asphaltierten Hofs und den Haufen feuchten Laubs darunter. Aber am besten passte sie zu den Schülern, die sich auf dem windigen, nackten Asphaltplatz tummelten, allein, zu zweit oder in Trauben zusammengerottet wie Häftlinge beim Luftschnappen. Die Musik war Rap oder Hip-Hop oder Raj; sie schepperte aus iPod-Kopfhörern, stampfte aus Gettoblastern, plärrte aus Handys. Jeder schien etwas anderes zu hören, aber in allen Songs kam in regelmäßigen Abständen das Wort Killa oder Gangsta oder Motherfucka vor, sogar in den arabischen.

Der Commissaris konnte sich nicht erinnern, wie lange es her war, dass er einen Schulhof betreten hatte. Es kam ihm vor, als ginge er durch einen Videoclip oder eine Szene aus einer Fernsehserie, eine bunte, schnelle, laute Inszenierung. Ein paar Schüler lümmelten in Gruppen unter den Baseballkörben herum, andere lehnten an dem Drahtzaun, der den Platz umgab, oder rannten hinter einem Ball her. Wieder andere starrten auf ihre Handys oder Gameboys, unberührt vom Gelächter, den Schreien ringsumher. Mädchen warfen mit zusammengeknüllten Pappbechern, provozierten die Jungen mit schnippischen Gesten oder rempelten sich gegenseitig an.

Und trotzdem wirkte alles irgendwie gestellt, nicht ganz ernst gemeint, als müsste jeden Augenblick eine Stimme Action! rufen, bevor ein farbiger, mit den gesamten Goldvorräten eines afrikanischen Zwergstaats behängter Rapper sich seinen Weg durch die Menge bahnte und mit wiegendem Oberkörper und abgespreizten Fingern von Gangstas, Killas und Motherfuckas sang, das Ganze übertrieben hektisch und in grellen Farben an einem schönen, frischen Septembermorgen in Amsterdam.

Aber es gab keinen Rapper, nur das Durcheinander von ein paar Hundert Jugendlichen, die ausgestattet waren mit tief ins Gesicht gezogenen Wollmützen, Baseballkappen, Baretten oder Kapuzen, mit Sneakers und Jeans aller Marken, in baggy pants, Jogginghosen mit weißen oder roten Streifen an den Seiten, kurzen Lederröcken, T-Shirts, muscle shirts, karierten Windjacken, abgewetzten Lederblousons oder Westen aus bunter Seide: keine Unterrichtspause, eher eine Werbeunterbrechung.

Der Commissaris ging über den Platz und blickte den Schülern ins Gesicht. Manche sahen aus wie zornige Engel, bleich, das Haar gefärbt und verschnitten, mit blinkenden Piercings in den Augenbrauen oder Lippen und verschorften Kratzern im Gesicht. Andere wirkten unfertig, mit kleinen Inseln ersten Bartwuchses am Kinn und auf den Wangen. Es gab Jungen, die seinem Blick standhielten, und andere, die schnell wegsahen, sich abwandten, und wieder andere, die wegsahen, bevor ihr Blick neugierig und voller unausgesprochener Fragen zurückkehrte.

Van Leeuwen speicherte, was er sah. Es war die Technik, die von den Regisseuren und Kameramännern der Clips und Fernsehserien kopiert worden war: die Polizeiroutine. Man sah das Gesamtbild, holte das eine oder andere heraus – kleine Schlaglichter in der Sonne, ein Blitzen, einen Stoß, ein Lachen –, zoomte heran, schwenkte von hier nach da und zurück, die Aufmerksamkeit wechselte rasch, manchmal hektisch. Aber immer wieder sicherte man das Gesamtbild, versuchte die ganze Zeit, alles im Auge zu behalten, um jederzeit auf alles vorbereitet zu sein. Und die ganze Zeit musste man sich vor Überreaktionen hüten: Das ist nur ein Schulhof, es ist nicht der Innenhof von Sing Sing, und ihr geht auch nicht Patrouille in Bagdad.

Aber vielleicht gibt es einen Mörder an dieser Schule.

Hoofdinspecteur Gallo fragte einen Mann, der die Pausenaufsicht führte, nach Pieter Hoekstra. Der Mann überlegte einen Moment. »Der Sportlehrer, den finden Sie dahinten, in der Turnhalle.«

»Und das Lehrerzimmer?«

»Erster Stock.«

Der Commissaris trennte sich von seiner Mannschaft und ging zu der Turnhalle hinter dem Hauptgebäude. Er konnte sich auch nicht erinnern, wie lange er in keiner Turnhalle mehr gewesen war, doch den Geruch von Schweiß, Bohnerwachs und mit Kunstleder bezogenen Bodenmatten erkannte er sofort wieder.

Die Halle war leer bis auf einen Mann in einem dunkelblauen Trainingsanzug, der im Kreis herumlief und dabei mit klatschenden Schlägen einen Handball neben sich hertrieb. In der anderen Hand hielt er ein Klemmbrett. Aus seiner rechten Hosentasche hing die Kordel einer Stoppuhr, und wenn er in das schräg durch die Oberlichter einfallende Sonnenlicht geriet, blitzte seine Armbanduhr auf. Er trug keinen Ehering.

»Mijnheer Hoekstra?«, rief der Commissaris. »Pieter Hoekstra?«

Der Mann warf den Ball mit einer Hand in die Luft und achtete nicht mehr darauf, wo er niederfiel. »Ja, bitte?«

»Bruno van Leeuwen, Kriminalpolizei«, stellte der Commissaris sich vor, während er durch die Halle auf Hoekstra zuging. Die elastischen Bodenbretter federten unter seinen Schritten. Er wich einem der von den Decken herabhängenden Seile aus und blieb am Rand einer Matte stehen.

»Ach ja.« Der Turnlehrer griff nach einem Handtuch, das über den Holzsprossen eines Kletterrosts an der Wand hing. Hoekstra war groß und kräftig, er besaß den Oberkörper eines Athleten und die scharfen Gesichtszüge eines Asketen. Das blonde Haar war strubbelig, aber sorgfältig geschnitten, ebenso sauber wie der Schnurrbart und die getrimmten Augenbrauen. Die Hand mit dem Klemmbrett sank herab, schlug gegen seinen Oberschenkel. »Eine Tragödie«, sagte er und schüttelte den Kopf, den Blick auf Van Leeuwens Ausweis gerichtet. »Aber wahrscheinlich musste es eines Tages so kommen.«

»Warum?«, fragte der Commissaris.

»Weil Gerrit die Welt nicht ertrug«, antwortete Hoekstra, »nicht so, wie sie ist. Gerrit empfand alles so tief, dass er nie begriff, wie die Leute einfach so dahinleben können, als existierte das ganze Leid auf der Welt nicht. Wie wir einfach so dahinleben konnten. Für ihn bestand das Leben nur noch aus Schmerz, der nach und nach alle Freude in ihm abtötete. Das versuchte er auch im Unterricht – den Jungen die Augen für das Leid zu öffnen, sie zur Anteilnahme zu bewegen.«

Von draußen drang der Lärm des Pausenhofs gedämpft herein, das Geschrei und die Musik, die rhythmischen Gangstas und Killas und Motherfuckas.

»War er ein guter Lehrer?«

Hoekstra überlegte, sein Blick wanderte zu den Kappen seiner Reeboks. »Ja und nein. Er wollte ein guter Lehrer sein. Genau genommen war das alles, was er je sein wollte: ein guter Lehrer, von dem seine Schüler etwas lernten, über die Welt, das Leben. Was das anging, war er sogar ziemlich ehrgeizig. Ein Idealist, für den das Unterrichten fast etwas … etwas Religiöses hatte! Er war nicht wie viele andere bei uns, die einfach nur ihre Stunden runterreißen. Wir haben hier ziemlich viele Problemkinder, lernunwillig, geltungssüchtig und sogar gewalttätig. Mutwillige Jungen, die gern austesten, wie weit sie gehen können, wo ihre Grenzen liegen, ihre und die ihres Gegenübers; wie weit sie jemand treiben können. Er dachte, er könnte ihr Vertrauen gewinnen, sie zur Einsicht bringen und durch Vernunft erziehen, damit sie nicht den Rest ihres Lebens auf der Schwelle zum Knast stehen oder auf Stütze angewiesen sind. Bei manchen schaffte er es sogar, und vielleicht wären es im Lauf der Zeit mehr geworden, aber er wusste nie, wann er Schluss machen musste. Er überforderte seine Zuhörer manchmal einfach, und in letzter Zeit hat er auch ziemlich viel getrunken. Und dann tauchte dieser Film im Internet auf …«

»Was für ein Film?«

Hoekstra hob das Klemmbrett und ließ es wieder sinken, eine Geste der Resignation. »Jemand hatte Gerrit mit einem Handy gefilmt, als er betrunken war.«

»Wo?«

»In seiner Wohnung, zusammen mit Margriet, seiner Frau. Bei YouTube kann jeder ihn sich ansehen, er steht immer noch im Netz …«

»Was ist auf dem Film zu sehen?«

Hoekstra deutete auf die Umkleidekabinen. »Wenn Sie wollen, schauen wir schnell mal rein. Ich habe meinen Laptop da hinten in der Kabine.«

Van Leeuwen wollte nicht, aber er konnte es sich nicht aussuchen; er wusste, dass er den Film sehen musste, weil auch Margriet davon gesprochen hatte. Er folgte dem Turnlehrer zu den Umkleidekabinen. Der Raum mit den Kabinen lag im Halbdunkel, denn auch hier gab es nur ein winziges Oberlicht. In der Luft hing ein Geruch von Schimmel, und am Ende der Kabinenreihe tröpfelte eine Dusche unregelmäßig vor sich hin.

Hoekstra trat zu einer langen Holzbank ohne Lehne, auf der neben einem Frotteetuch ein Laptop stand. Er klappte den Deckel des Gerätes hoch, schaltete es an und ging online. »Die Segnungen des Internets«, sagte er. »Setzen Sie sich doch.«

»Ich stehe lieber«, sagte der Commissaris. Er sah zu, wie Hoekstra auf der Startseite von YouTube – Broadcast your own video im Suchfeld den Namen Zuiker eingab, und wenig später erschien ein schwarzes Feld, über dem in schwarzen Buchstaben Gerrit de dronkelap stand.

Hoekstra startete die Übertragung mit einem Click. »Das ist bei Gerrit zu Hause«, erklärte er.

Die Kamera wackelte unruhig, die Farben waren schlecht, und die Schärfe schwankte, aber man konnte noch genug erkennen, selbst in der Verkleinerung. Der Film war vom Hof des Fahrradverleihs aus gedreht worden, nach Anbruch der Dunkelheit. Van Leeuwen erkannte das schwach erleuchtete Wohnzimmer der Zuikers mit den vielen Blumen. Er konnte auch Margriet sehen und einen Mann, der betrunken hin und her schwankte, und das war Gerrit Zuiker, als er noch gelebt hatte. Zuiker torkelte mit einem Glas in der Hand durch den Raum, und Margriet ging neben ihm her und redete auf ihn ein. Aber man konnte nicht hören, was sie sagte, denn der Ton war ein einziges Rauschen. Dann fiel Gerrit hin und verschwand aus dem Bild. Sie stand nur da und sah auf ihn hinunter. Er rappelte sich wieder auf, und jetzt klangen einzelne verzerrte Worte aus dem Rauschen. »Einsam«, schrie Zuiker, und Margriet rief: »Was? Was?« Und er schrie wieder: »… einsam … ersticke …« Er schwenkte sein Glas, was dazu führte, dass er neuerlich das Gleichgewicht verlor und rückwärts in die Blumen stürzte. Die Kameralinse des Handys verlor den Focus, schwenkte zur Decke, und gleich darauf war der Film zu Ende.

»Noch mal von vorn?«, fragte Hoekstra.

»Nein«, sagte der Commissaris. »Ich habe genug gesehen. Wie hat Zuiker darauf reagiert?«

»Er war am Boden zerstört«, antwortete der Turnlehrer und blickte auf den gekachelten Boden des Umkleideraums, als könnte er dort noch Reste seines zerstörten Freundes erkennen. »Danach … danach hat er niemandem mehr vertraut. Er schämte sich, quälte sich unablässig.« Er hob den Kopf und sah Van Leeuwen an. »Und dann fühlte er sich natürlich verfolgt, von seinen Schülern – er dachte, sie würden ihn auf Schritt und Tritt filmen und über ihn reden. Er könnte sie reden hören, meinte er, selbst wenn sie gar nichts sagten: Da geht der Säufer, der Feigling, der sogar von seiner Frau verachtet wird … Er konnte ihre Gedanken hören, und er hatte nichts anderes mehr im Kopf. Sie fingen an, ihn zu beherrschen, diese Jungen. Ich habe ihm erklärt, dass er sich das nur einbildet, doch er war nicht davon abzubringen. Es machte ihn ganz verrückt, er wurde regelrecht krank, und mit der Zeit wurde er dadurch unerträglich für alle.«

»Waren es nur die Schüler, von denen er sich verfolgt fühlte?«, hakte der Commissaris nach.

»Reicht das nicht?«

»Hat er nie etwas von einem Mann gesagt – einem Mann, der vor seinem Haus stand?«

»Nein, an einen Mann kann ich mich nicht erinnern.«

Der Commissaris ging ein paar Schritte von Hoekstra weg, die Hände in den Taschen des Trenchcoats, dann kehrte er wieder um und blieb stehen, wo er vorher gestanden hatte. Es fiel ihm jetzt nicht mehr schwer, sich in Gerrit Zuiker hineinzuversetzen. Er verstand sein Fieber, seine rastlosen Gedanken. Sie begleiteten ihn auf Schritt und Tritt, am Lehrerpult, auf dem Schulhof, im Lehrerzimmer, auf dem Heimweg und beim Anblick seiner Frau. Es gab kein Entrinnen für ihn, und jeden Tag fragte er sich, ob es bis an sein Lebensende so weitergehen würde. Er konnte nachts nicht schlafen, weil die Stimmen der Schüler in seinem Kopf kreisten, die Stimmen und die Bilder. Sie tickten in seinem Kopf wie ein Zeitzünder, sie tickten und tickten, die ganze Nacht hindurch, bis es endlich Morgen wurde. Ich bin all dem nicht mehr gewachsen, ich gehe unter, ich ersticke!

»Weiß man, wer den Film ins Netz gestellt hat?«, fragte der Commissaris.

»Es gab einen Verdacht.« Mit gerunzelter Stirn konsultierte Hoekstra die Taucheruhr an seinem kräftigen Handgelenk, als hätte er noch eine Verabredung, zu der er nicht zu spät kommen wollte.

»Fällt Ihnen vielleicht ein Schüler ein, mit dem Mijnheer Zuiker es besonders schwer hatte?«

»Ruud«, antwortete der Turnlehrer, ohne zu zögern. »Ruud Meijer. Wir glauben, dass er es auch war, der den Film ins Netz gestellt hat. Gerrit hat sich besonders um den Jungen gekümmert, er war sein Sorgenkind, aber er sprach immer mit großer Zuneigung von ihm.«

»Ist es in letzter Zeit zu irgendwelchen Zwischenfällen gekommen? Etwas, das sich zwischen den beiden ereignet hat?«

»Ja, Freitagmorgen erst.« Hoekstra zog die Stoppuhr aus der Tasche und drückte einen der Knöpfe am Gehäuse, wie um zu überprüfen, ob sie funktionierte. Das Ticken des Chronometers erfüllte den Raum. Dann drückte er den Knopf ein zweites Mal und steckte die Uhr in die Tasche zurück. »Es gab einen Streit zwischen einem Afrikaner und einem Türken; sie stritten sich um ein Handy, und plötzlich hatte einer von beiden ein Messer in der Hand. Gerrit sah nur das Blitzen der Klinge und ging sofort dazwischen, obwohl er gar keine Pausenaufsicht hatte. Aber als er bei den beiden war, hatte sich das Messer auch schon wieder in Luft aufgelöst. Ruud stand dabei und mischte sich ein, nannte Gerrit einen Säufer, der Sachen sieht, die gar nicht da sind. Er machte eine unglückliche Handbewegung, sodass seine Uhr blitzte wie vorher das Messer, und Gerrit zuckte zurück, als hätte Ruud ihn geschlagen. Jedenfalls fiel seine Brille zu Boden und zerbrach, und die anderen Schüler fingen an zu lachen. Der ganze Hof fing an zu lachen …«

»Was hat Zuiker da gemacht?«

»Er ist weggelaufen. Er rannte vom Hof, ins Lehrerzimmer. Er war furchtbar aufgeregt, suchte nach seiner Aktentasche, sah hinein, keine Ahnung, was er darin hatte …«

Eine Walther P 38, dachte Van Leeuwen. »Was haben Sie danach unternommen?«

»Wer?«

»Sie, seine Kollegen.«

»Nichts.« Hoekstra ging zur Tür des Umkleideraums, und Van Leeuwen schloss sich ihm an. In der Mitte der sonnendurchfluteten Halle bückte sich der Turnlehrer nach dem Ball, hob ihn auf und klemmte ihn sich unter den Arm. »Wir haben es an unserer Schule mit einem ziemlich explosiven Gemisch zu tun, besonders wenn es auf dem Pausenhof zu so einem Vorfall gekommen ist. Viele der Jugendlichen hier sind Problemkinder, die schon die Grundschule nur mit Ach und Krach geschafft haben. Ich will sie nicht gerade als völlig verwildert bezeichnen, aber in ihrer Haut stecken möchte ich auch nicht. Drogen, Sex und Gewalt, das ist das Dreigestirn, unter dem sie aufgewachsen sind. Einige von denen haben schon mit acht, neun oder zehn die härtesten Gewaltpornos gesehen, Streifen, bei denen wir weggucken würden, und so was überspielen die sich gegenseitig auf ihre Handys. Das Schlimmste daran ist, dass die Kids irgendwann denken, so ist das mit dem Sex, so macht man das, wie in den Pornos. Und mit dem Bild von Mann und Frau wachsen sie auf, das spielen sie in ihrer Freizeit nach, so wie wir früher Cowboy und Indianer gespielt haben. Und wenn es so weit ist, erwarten die Jungs von den Mädchen ganz selbstverständlich Pornosex, und die Mädchen denken, sie müssten diesen Erwartungen auch genügen.«

»Traurig«, murmelte van Leeuwen.

»Ja.« Hoekstra nickte. »Gerrit hat das auch gesagt.«

»Wo kann ich diesen Ruud Meijer finden?«

Das durchdringende Klingeln einer Pausenglocke schrillte in die Halle. Der Turnlehrer schaute noch einmal auf seine Armbanduhr. »Ich lasse ihn ausrufen, wenn Sie wollen. Der Unterricht geht weiter, und die Klassenzimmer sind jetzt alle besetzt. Das Lehrerzimmer ist auch nicht frei. Falls es Ihnen nichts ausmacht, schicke ich ihn raus und Sie können sich draußen mit ihm unterhalten.« Durch die offene Tür der Halle strömte eine Horde Dreizehn- und Vierzehnjähriger mit Sportbeuteln in den Händen.

»Gut.« Der Commissaris wandte sich zum Gehen. »Ach, eine Frage noch: Wo waren Sie in der Nacht von Freitag auf Samstag?«

»Ich? Zu Hause. Wieso?«

»Reine Routine«, meinte der Commissaris. »Das ist eine der Fragen, die ich immer stellen muss. Gibt es jemand, der das bezeugen kann?«

Hoekstra zögerte einen winzigen Moment, dann rieb er sich die Stirn, und Van Leeuwen beobachtete ihn und wusste, dass er jetzt eine Lüge zu hören bekommen würde. »Nein, niemand.« Der Turnlehrer ließ den Ball mit beiden Händen auf den Boden klatschen und fing ihn wieder auf. »Ich war allein.«

»Gerrits Frau hat mir erzählt, dass er oft nächtelang telefoniert hat – waren Sie das, mit dem er telefoniert hat?«

»Nein.«

»Wissen Sie, mit wem er da nachts telefoniert haben könnte?«

»Nein.« Hoekstra schmetterte den Ball wieder auf den Boden und blickte zu den Schülern hinüber, die im Umkleideraum verschwanden. »Eine andere Frau vielleicht?« Er fing den Ball auf, ohne hinzusehen. »Vielleicht hatte er jemand gefunden, der ihm helfen konnte, wenn es ihm so ging, so schlecht, meine ich … Ich konnte es nicht, und Margriet konnte es auch nicht mehr …« Jetzt sah er Van Leeuwen wieder an, gespannt und betrübt. »Wie ich schon sagte, es musste so kommen. Er kam nicht klar mit dieser Welt. Ich glaube, er wollte nicht mehr.«

»Er ist aber nicht einfach gestorben«, entgegnete van Leeuwen, »und er hat sich auch nicht selbst umgebracht. Er ist ermordet worden.«