33

Der Commissaris ließ die Fensterscheibe auf der Beifahrerseite herunter und betrachtete das Haus, in dem Sara Scheffer sieben Kinder getötet hatte. Am Horizont schrumpfte das letzte Licht zu einem violetten Streifen dicht über den Feldern. Der Ostwind trieb graue Wolken vor sich her, die zum ersten Mal in diesem Jahr nach Schnee aussahen. Der Commissaris spürte, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief, der nicht von der Kälte herrührte.

»Soll ich mit ihr reden?«, fragte Hoofdinspecteur Gallo.

»Ja«, sagte Van Leeuwen, »rede du mit ihr.«

Der Hoofdinspecteur stieg aus und ging auf dem Feldweg, der zu dem Haus führte, bis zur nächsten Hofeinfahrt. Es gab nur fünf Häuser rechts und links des Feldwegs, und alle sahen gleich aus, vor allem bei Dunkelheit. Gallo ging zu dem, in dem Mevrouw Janneke Geers wohnte. In drei der Häuser brannte Licht hinter einigen Fenstern, und das von Janneke Geers gehörte dazu.

Die Felder zu beiden Seiten des Weges waren längst abgeerntet und umgepflügt. Von Regenschauern zu schwärzlichen Hügeln eingedickt, ragten Heuhaufen über den pfeilgeraden Furchen auf. Im Geäst der vereinzelten Bäume hockten Krähen und äugten auf den feuchtkalten Nebel hinab, der sich über den Äckern bildete. Der Mond war groß, und wenn die rasch treibenden Wolken ihn nicht verbargen, bedeckte er den Weg mit einem Licht wie feiner Kreidestaub.

»Es sieht wie ein ganz normales Haus aus«, bemerkte Inspecteur Vreeling hinter dem Commissaris.

»Wahrscheinlich sah auch Sara Scheffer wie eine ganz normale Frau aus«, sagte Van Leeuwen.

Brigadier Tambur fragte: »Finden Sie es nicht eigenartig, dass wir nach einem Serientäter suchen und auf eine Serientäterin stoßen?«

»Was ist eigentlich aus ihr geworden?«, wollte Inspecteur Vreeling wissen.

»Vor Gericht wurde sie der siebenfachen Kindstötung schuldig gesprochen«, sagte der Commissaris, »und zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, die sie in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Anstalt verbüßte. Laut Brandmeister De Boer ist sie da auch gestorben, mit neunundvierzig.«

Sie saßen im Dunkeln im Wagen und sahen zu, wie Gallo an der Tür des Nachbarhauses klingelte. Nachdem der alte Feuerwehrmann dem Commissaris alles gesagt hatte, was er über Conrad Mueller wusste, war Van Leeuwen hinaus auf den Hof gegangen, um Gallo zurückzurufen. Der Hoofdinspecteur, Vreeling und Julika Tambur hatten sich inzwischen in Steenwijk und Umgebung umgehört und ebenfalls von den toten Kindern erfahren. Der Krämer hatte den Namen Janneke Geers erwähnt, Mevrouw Geers, die Sara Scheffer am besten gekannt hatte, weil sie ihre Nachbarin gewesen war. Van Leeuwen hatte Gallo gebeten, ihn abzuholen und mit ihm zu Sara Scheffers Haus zu fahren, obwohl er nicht genau wusste, was er sich davon versprach.

Gallo klingelte noch einmal, dann klopfte er an die Haustür. Eine Frau öffnete ein Fenster im Erdgeschoss und beugte sich hinaus. Sie hatte schulterlange graue Haare, in denen ein Schildpattkamm steckte. Sie trug eine weiße Bluse und einen schwarzen Cardigan mit Reißverschluss, und in einer Hand hielt sie eine Taschenlampe, mit der sie Gallo ins Gesicht leuchtete. »Wer sind Sie?«, fragte sie mit einer Stimme, die jünger war als sie selbst und die über die Entfernung und sogar gegen den Wind trug.

Gallo hielt seinen Ausweis ins Licht. »Ich bin Hoofdinspecteur Ton Gallo von der Kriminalpolizei in Amsterdam, Mevrouw. Wir sind hier wegen …«

»Ich weiß, weswegen Sie hier sind.«

»Sind Sie Janneke Geers?«

»Ja, die bin ich!« Die Frau knipste die Taschenlampe aus. »Und Sie möchten mit mir über Sara Scheffer sprechen.«

»Können Sie mir sagen, woran Sie sich noch erinnern?«, erkundigte sich Gallo und trat näher an das Fenster heran.

»An alles erinnere ich mich! Was Sie hören wollen, ist zwar schon sehr lange her, über vierzig Jahre, aber ich war damals schließlich kein Kind mehr, immerhin habe ich die Feuerwehr gerufen, und danach habe ich alles weiter verfolgt, in der Zeitung, im Radio und im Fernsehen. Und Interviews habe ich gegeben, zahllose Interviews, und Fotografen waren hier, von allen großen Blättern!«

»Dann kannten Sie Sara Scheffer also gut …«

»Niemand kannte Sara Scheffer gut«, erklärte die Frau, »sonst wär das alles ja nicht passiert, oder? Dann hätte ja jemand gefragt, wo sind denn deine Kinder, Sara?, zum Beispiel. Du hast doch so viele Kinder gekriegt, Sara. Wo sind die denn alle? Bei dir sind sie nicht. Auf der Straße sieht man sie nicht. Sind die bei ihren Vätern oder in den Blumentöpfen auf deinem Balkon?«

»Woran erinnern Sie sich denn am deutlichsten?«

»An die Hunde.« Sie sah über Gallos Kopf hinweg in die Nacht. »Die Leichenhunde, mit denen sie die ganze Gegend rund um unsere Häuser abgesucht haben.«

Die Spürhunde kamen nach den Feuerwehrmännern und den Ambulanzfahrzeugen und nach den Polizeibeamten, die Sara Scheffer mit Handschellen und einer Decke über dem Kopf aus ihrem Haus zum Einsatzwagen geführt hatten. Sie kamen, nachdem auch die sieben kleinen Leichen unter weißen Tüchern auf tablettähnlichen Tragen weggebracht worden waren. Von überall her hatte es Schaulustige auf Fahrrädern und Motorrollern ins Dorf gezogen. Ein paar waren zu Fuß gekommen, einige in Autos. Sie drängten sich hinter den Absperrungen, und manche hatten Butterbrote mitgebracht und Kaffee in Thermoskannen. Sogar Kinder waren dabei. Die Schaulustigen hatten nur Augen für die Hunde, die an den Leinen ihrer Führer zerrten und mit den Schnauzen dicht am Boden herumschnüffelten, und wenn die Hunde anschlugen, zuckten alle zusammen, sogar die Polizisten, und die Paare unter den Zuschauern fassten sich bei den Händen, ohne die gebannten Blicke von den Hunden zu lösen. Haben sie schon wieder eins gefunden?

Die Hunde suchten den ganzen Abend und bis tief in die Nacht, und mehrmals schlugen sie an, fanden aber kein Skelett mehr, kein totes Kind.

Was ist das für eine Frau, murmelten die Zuschauer, die Mutter, diese Rabenmutter? Wer ist das, kennt jemand sie? Warum hat sie ihre Kinder getötet? Man kann doch verhüten, man kann doch vor der Geburt abtreiben. Warum hat sie gewartet bis nach der Entbindung, bis sie richtig lebten? Man kann sie doch abgeben, in einem Findelhaus, oder kamen sie schon tot zur Welt? Und wo waren die Väter?

»Religiös war sie, ist jeden Sonntag zur Kirche gegangen und hat immer freundlich gegrüßt«, erzählte Mevrouw Geers, jetzt mit den Unterarmen auf die Fensterbank gestützt und offenbar unempfindlich gegen die Kälte. »Aber sie hat getrunken! Doch egal, wie betrunken sie war, sie ist nie ausfallend geworden. Ihre Männer? Von denen sah und hörte man nichts, höchstens mal ein Auto, das vor dem Haus stand, oder ein Motorrad. Keine Ahnung, wie viele es im Lauf der Jahre waren oder wie sie hießen. Da müssen Sie in den Polizeiakten nachschauen, sie ist ja lange verhört worden. Und vor Gericht musste sie dann alles noch mal wiederholen. Ich weiß nicht, ob sie noch andere Kinder hatte, davor. Kinder, die sie am Leben ließ. Ich erinnere mich nur an einen der Männer, den sie im Fernsehen interviewt haben, weil Sara behauptet hatte, er wäre der Vater der letzten drei gewesen. Also, der letzten drei toten, nicht von dem, das überlebt hatte. Der sagte, er hätte überhaupt nichts davon bemerkt, dass sie schwanger gewesen war; sie hätte nichts gesagt, und man hätte ihr auch nichts angesehen. Sie hat ja meistens keine Arbeit gehabt oder immer nur Gelegenheitsjobs, deswegen gab es auch keine Kollegen, denen so eine Schwangerschaft vielleicht aufgefallen wäre. Sie fragen sich, wie sie die Kinder zur Welt gebracht hat? Das habe ich mich auch gefragt, und in der Zeitung stand – in der, die auch das Foto von mir gedruckt hat –, da stand, sie hätte die Babys allein zu Hause zur Welt gebracht, im Badezimmer, in der Küche, was weiß ich, wo. Nie im Krankenhaus oder mithilfe einer Hebamme. Und hinterher hat sie alles vergessen. Das hat sie gesagt: Immer wenn die Wehen einsetzten, habe ich zu trinken angefangen, Wodka und Genever, wegen der Schmerzen, und hinterher habe ich die Babys mit einer Decke zugedeckt, damit sie nicht frieren mussten, und wahrscheinlich bin ich dann eingeschlafen. Es kann sein, dass sie unter der Decke erstickt sind, hat sie gesagt, und ich habe sie dann in den Blumentöpfen begraben, weil ich wollte – sie sollten wissen, dass ich in ihrer Nähe bin. Ich wollte ihnen immer nahe sein. Ich bin doch ihre Mutter.«

Gallo hatte die Hände in die Taschen geschoben, und in den Taschen waren sie zu Fäusten geworden. Er stand im Licht, das aus dem Fenster fiel, mit gesenktem Kopf, als starrte er in einen Abgrund, von dem ihn nicht mal mehr ein kleiner Schritt trennte. Ohne aufzublicken, fragte er: »Was ist mit dem Vater des Neugeborenen, das der Feuerwehrmann noch lebend in dem Blumentopf gefunden hatte?«

»Sie sagte, den kennt sie nicht.« Janneke Geers stemmte sich mühsam hoch. »Da wüsste sie nicht mal den Namen, hat sie gesagt. Das wäre nur etwas für ein paar Nächte gewesen, im Urlaub.«

»Wissen Sie denn, was aus dem Kind geworden ist? War es ein Mädchen oder ein Junge?«

»Ein Junge, soweit ich weiß. Er kam in ein Heim oder zu entfernten Verwandten. Es ist gut für ihn, dass er weggebracht wurde. Ich glaube, woanders wäre das nicht passiert. Es ist dieser Ort.« Sie umarmte sich, als wäre ihr jetzt doch kalt. »Wissen Sie, das sieht hier alles nur so friedlich aus; das ist alles nur Schein. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass die Leute auf den Bänken vor ihren Häusern da hinten im Dorf nicht nur einfach so dasitzen, tagsüber in der Sonne. Sie brüten. Sie brüten vor sich hin. Das ist so, seit damals die Kinder gefunden wurden. Das hat hier alles verändert, alles und alle, mich auch. Seitdem … Seitdem fragen wir uns, ob wir auch wie sie sind, wie Sara Scheffer, ob das auch in uns liegt. Ich hatte ja nur wenig Kontakt zu ihr, niemand hatte Kontakt zu ihr. Sie war nie richtig da, und scheu, sie war sehr scheu. Und natürlich war sie immer betrunken, nicht so, dass sie lallte oder herumbrüllte, nur wie in einem Nebel. Wie soll ich sie beschreiben? Manche haben gesagt, sie wäre ein Tier gewesen und hätte auch so gelebt, aber das stimmt nicht. Es war eher so, dass ihr ein bisschen was zum Menschen fehlte. Wissen Sie, wie wenn in ihr nur so eine Ahnung gewesen wäre, dass sie ein Mensch war, dass es ein Leben für Menschen gab und dass es woanders stattfand, an einem Ort weit weg, den zu erreichen zu viel Mühe kostete. Und jetzt schauen Sie mal – schauen Sie sich mal die Menschen hier an. Jetzt ist es allen klar geworden, dass hier zu leben das Fegefeuer ist, in dem man zum Mörder werden kann. Alle wissen es. Und was tun sie? Warten.« Sie nickte mit einem Frösteln, das ihren Atem weiß einfärbte. »Jeder wartet darauf, dass es wieder passiert.«

»Ja«, sagte Gallo, »aber das ist nicht nur hier so. Danke, dass Sie mit mir geredet haben.« Er sah zu, wie Janneke Geers das Fenster wieder schloss und das Licht im Haus ausging, und auch danach rührte er sich nicht vom Fleck. Mit den Fäusten in den Taschen der Pilotenjacke stand er reglos da und sah hinaus auf die Felder, starrte in die Dunkelheit.

»Was macht er da?«, fragte Inspecteur Vreeling. »Warum kommt er nicht zurück?«

»Er kommt schon«, sagte Van Leeuwen.

»Er ist gerade wieder in Srebrenica«, sagte Julika.

»Srebrenica? Das verstehe ich nicht.«

Van Leeuwen erklärte: »Ton war während des Bosnienkrieges als Freiwilliger bei dem niederländischen Kontingent der SFOR-Truppen auf dem Balkan. Als der größte Teil des Blutvergießens vorbei war, sollten die Soldaten dort für Frieden zwischen den verfeindeten Bevölkerungsgruppen sorgen, zwischen bosnischen Serben und bosnischen Kroaten, zwischen Christen und Moslems. Während des Krieges war es zu sogenannten ethnischen Säuberungen der Serben gekommen, anders ausgedrückt: Zahllose Kroaten wurden abgeschlachtet und in Massengräbern verscharrt, Männer, Frauen und Kinder. Und auch als unsere Truppen schon da waren, kam es zu weiteren Massakern, denen sie einfach zusehen mussten, weil sie laut Mandat nicht eingreifen durften und auch nicht bewaffnet waren. Wenn nach dem Krieg so ein Grab gefunden und geöffnet wurde, spielten sich Szenen ab, für die es keine Worte gibt – bei den Identifizierungen der Leichen durch Ärzte und Forensiker und überlebende Familienmitglieder. Kinderleichen, verstümmelt und verscharrt. Frauen, vergewaltigt, getötet, in Gruben geworfen und zugeschüttet. Wir sehen uns bei den Identifizierungen, war eine stehende Redewendung in Srebrenica und Sarajewo und anderswo. Oder: Wir kennen uns von den Identifizierungen, erinnern Sie sich? Und Ton war dabei.«

»Scheiße«, murmelte Vreeling.

Sie sahen zu der großen, schlanken Gestalt am Rande des Feldwegs hinüber, und Van Leeuwen dachte an Cor de Boer und seinen beleuchteten Globus. Schauen Sie, das ist sie! Schauen Sie her!, und er schaute und dachte, dass es nicht die Erde war, sondern die Menschen. Menschen, die ihre eigenen Kinder töteten. Und Menschen, die seltsame, unheimliche Bilder malten, hinter denen sich mehr verbarg, als sie zu zeigen schienen.

»Day after day«, sang Vreeling leise, die Augen auf Gallo gerichtet, »alone on the hill, the man with the foolish grin is keeping perfectly still …«

»But nobody wants to know him, they can see that he’s just a fool«, fiel Julika ein. «And he never gives an answer …«

»But the fool on the hill sees the sun going down …«

»And the eyes in his head see the world spinning round …«

»Die Magical Mystery Tour ist zu Ende«, unterbrach der Commissaris sie. Er öffnete die Tür, stieg aus und rief: »Wir fahren zurück, Ton!« The Fool on the Hill, dachte er; vielleicht bin ich dieser Idiot auf dem Hügel, und vielleicht besteht der Hügel aus lauter Leichen, die im Lauf der Jahre immer größer geworden sind.