13

Zheng Wu saß in seinem Rollstuhl und sagte kein Wort, und je länger er schwieg, desto chinesischer wirkte sein Gesicht. Seine Augen waren schwarz und schmal, die Lippen zusammengepresst und seine Gesichtszüge verschlossen. Wenn der Commissaris ihm eine Frage stellte, sah er den Commissaris an; stellte der Staatsanwalt ihm eine Frage, wanderte sein Blick zum Staatsanwalt. Aber er zog es vor, keine der Fragen zu beantworten, es sei denn, man wollte ein Muskelzucken um den Mund oder einen Lidschlag als Antwort deuten.

Sie saßen in einem der Verhörzimmer im obersten Stockwerk des Präsidiums an einem Tisch mit einem Tonbandgerät und einem Mikrofon darauf. Aber da der Chinese schwieg, drehten sich die großen Spulen des altmodischen Apparats nur, um ihr eigenes unregelmäßiges Quietschen aufzunehmen. Schließlich beugte der Commissaris sich vor und stellte das Gerät ab.

»So kommen wir nicht weiter, Mijnheer Wu, und das ist sehr bedauerlich«, bemerkte Procureur Caspar Piryns, der Staatsanwalt. »Verstehen Sie uns überhaupt? Oder möchten Sie, dass wir einen Dolmetscher holen?«

»Er versteht uns«, sagte der Commissaris, »und sein Englisch ist ausgezeichnet.«

»Ich bin hier, weil ich Ihnen helfen möchte«, erklärte der Staatsanwalt. Van Leeuwen arbeitete gern mit Procureur Piryns zusammen, weil er mit ihm nur gute Erfahrungen gemacht hatte. Der Staatsanwalt hörte lieber zu, als dass er redete. Wenn er sprach, waren seine Worte durchdacht, und sein Standpunkt hatte Hand und Fuß. Er brachte einen Fall erst vor Gericht, wenn er ihn wirklich vertreten konnte, und dann führte er die Anklage so, dass am Ende alle zufrieden sein konnten, oft sogar die Angeklagten und ihre Verteidiger.

Darüber hinaus war Caspar Piryns vom Openbaar Ministerie eine elegante Erscheinung. Er hatte volles, fast weißes Haar und strahlend blaue Augen. Seine Haut war zerfurcht und zerklüftet, wirkte jedoch trotzdem alterslos. Er war groß und hielt sich sehr gerade: So stellte man sich einen Heiligen vor, einen königlichen Heiligen, der beim Gehen einen Ebenholzstock benötigte, allerdings einen mit Silberknauf, bei dem es nicht verwundert hätte, wenn darin eine Degenklinge verborgen gewesen wäre. Heute trug er einen silbergrauen Glencheck-Anzug, robbengraue Wildlederschuhe und ein steif gebügeltes, apricotfarbenes Hemd mit silbernen Manschettenknöpfen. »Wir wollen Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen, Mijnheer Wu, aber vor der Gerechtigkeit steht immer die Wahrheit«, erklärte er jetzt, »und je mehr Sie dazu beitragen, die Wahrheit ans Licht zu bringen, desto größer wird die Aussicht auf einen fairen und gerechten Prozess.«

Zheng Wu schwieg weiter. Er trug immer noch denselben schwarzen Anzug, in dem er seinen Cousin erdrosselt hatte, auch das weiße Hemd, nur die Schnürsenkel in den Turnschuhen und der Gürtel fehlten. Er sah müde aus. Das verschnittene Haar stand struppig vom Kopf ab, vielleicht ein Spiegelbild seiner Seelenlandschaft. Sein Gesicht wirkte dunkel vor Erschöpfung, wie ein feuchtes Lindenblatt im November, die Haut dagegen straff und glatt. Als wäre er schon vor langer Zeit einbalsamiert und beerdigt und dann wieder ausgegraben worden, dachte der Commissaris.

»Mijnheer Wu?«

Zheng Wu sah zu den Fenstern des Verhörraums hinüber. Die Metalljalousien waren heruntergelassen, aber nicht geschlossen, und zwischen den Lamellen konnte man den tiefblauen Herbsthimmel sehen, sonst nichts. Dennoch blickte er weiter auf die Lamellen und den Himmel dahinter.

Der Commissaris bemerkte: »Mijnheer Wu, als ich Sie vorgestern in Ihrer Wohnung bei Ihrer Verhaftung gefragt habe, welches Leiden Sie an den Rollstuhl fesselt, haben Sie gesagt: ›Das schrecklichste, das allerschrecklichste.‹ Erinnern sie sich noch? Was haben Sie damit gemeint?«

Die Augen des Chinesen kehrten zu ihm zurück. Sie weiteten sich, aber seine Lippen wurden noch schmaler, und die kleinen Muskeln rings um seinen Mund zappelten unter der Haut wie winzige Fische.

»Wollen Sie es nicht sagen, weil es noch schrecklicher wird, wenn man es ausspricht?«, hakte der Commissaris nach. »Oder können Sie es nicht sagen, weil dasselbe Leiden Sie auch am Reden hindert?«

Die Lider über den schwarzen Pupillen flatterten, sanken herab, klappten wieder nach oben. Bedeutete das ja oder nein, oder hieß es gar nichts?

»Sie erwähnten auch, Cousin Wu habe unerträgliche Schande über Sie gebracht«, fuhr der Commissaris fort. »Sie mussten Tag und Nacht an diese Schande denken, nicht? Tag und Nacht. Sie war so unerträglich, dass Sie nicht mehr schlafen konnten, weil die Gedanken Sie wach hielten. Sie drehten sich in Ihrem Kopf im Kreis, sie tickten wie eine Uhr, wie der Zünder einer Zeitbombe in Ihrem Kopf. Ist es nicht so? Und auch jetzt hören sie nicht auf, ruhelos im Kreis zu gehen … Aber woher kommen die Gedanken, woher kommt das Gefühl der Schmach, das Gefühl, dass man hinter Ihrem Rücken über Sie tuschelt?«

Zheng Wu presste die Lippen jetzt so fest zusammen, dass der Mund gar nicht mehr zu sehen war.

»Sie waren hier, und Ihr Cousin Jun Wu war in der Heimat, in China, in Fengdu«, überlegte der Commissaris halblaut. Es kam ihm vor, als starrte Zheng Wu ihn durch die Sonnenlichtstreifen wie aus einem Käfig an, und vielleicht war es auch so. »Und dort befand sich auch Ailing, Ihre junge, schöne Frau – beide in Fengdu, am Ufer des Yangtse, in dessen mächtigem Bett Träume und Hoffnungen, Lügen und Wahrheit einträchtig dem Meer zuflossen. Haben die Wellen des Ozeans Ihnen davon berichtet? Oder war es, etwas profaner, ein Brief? Hat Ailing Sie angerufen und Ihnen von der Schande erzählt, von dem Allerschrecklichsten, nämlich davon, was zwischen ihr und dem jungen Cousin Wu …«

»Nichts!«, rief Zheng Wu, bebend vor Zorn. »Nichts ist vorgefallen, gar nichts!«

»Warum haben Sie ihn dann umgebracht?«, hakte der Commissaris nach. »Warum musste er sterben, nachdem er noch nicht einmal einen Tag hier war?«

»Warum, warum, warum!« Kleine Speicheltröpfchen sprühten von den Lippen des Chinesen. Er schien in seinem Rollstuhl zu schrumpfen, als wäre ihm jeglicher innerer Halt abhandengekommen. »Ich muss Ihnen nicht sagen, warum! Sie haben Geständnis! Sie haben Leiche! Was wollen noch mehr? Warum ist Geheimnis und wird immer bleiben!«

»Sie irren sich, Mijnheer Wu«, widersprach der Commissaris. »Nichts bleibt für immer ein Geheimnis, alles kommt irgendwann ans Tageslicht. Ich bin ein mächtiger Mann, der über viele andere Männer gebietet, und diese Männer werde ich ausschicken, damit sie jeden Ihrer Landsleute, jede Frau und jedes Kind in Chinatown über Zheng Wu befragen, und falls sie mir nicht die Nachrichten bringen, die ich hören möchte, werde ich sie noch weiter aussenden – wenn es sein muss bis nach China, bis nach Fengdu im Yangtse-Tal. Viel mehr verspreche ich mir allerdings hiervon!« Er griff in die Innentasche seines Trenchcoats, der auf dem Stuhl neben ihm über der Lehne hing, und holte ein zerknittertes Blatt Papier hervor. Das Blatt war auf beiden Seiten eng mit handgeschriebenen chinesischen Schriftzeichen bedeckt, und als er es auseinandergefaltet hatte, wedelte er damit in der Luft herum. »Dieser Brief nämlich gehört zu einem ganzen Dutzend, das die Spurensicherung in Luftpostkuverts in Ihrer Wohnung gefunden hat, und ich glaube fest daran, dass sie alles enthalten, was ich wissen möchte, wenn sie erst mal von unserem Dolmetscher übersetzt worden sind. Wissen Sie«, fügte er nicht ohne Bitterkeit hinzu, »ich glaube an die Wahrheit, die sich in Briefen findet.«

Zheng Wu schloss die Augen. Jetzt, ohne das dunkle Leuchten der Pupillen, konnte man erkennen, dass er viel älter war, als es den Anschein gehabt hatte. Seine Hände umklammerten die Armstützen des Rollstuhls. »Diese Briefe«, sagte er, »diese Briefe sind voller Lügen, nichts als Lügen, ja, ja?«

»Umso wichtiger ist es, dass wir die Wahrheit erfahren«, warf der Staatsanwalt ein. »Aber wer wird sie uns sagen, wenn Sie es nicht tun, Mijnheer Wu?«

Zheng Wu schüttelte heftig den Kopf, und kurz sah es so aus, als könnte das dunkle, augenlose Blatt seines Gesichts einfach weggeweht werden, hierhin und dorthin, in einem ziellosen Taumel. »Lügen«, rief er, »keine Wahrheit …«

»Wer wird uns dann die Wahrheit sagen, Mijnheer Wu? Wem können wir vertrauen?«, beharrte der Staatsanwalt.

Als die Frage lange genug im Raum stand, öffnete Zheng Wu endlich wieder die Augen, und in seinem Blick las der Commissaris eine solche Qual, dass er einen Herzschlag lang wegschauen musste, ehe er gebannt noch einmal hinsah, um diesen Schmerz ganz zu erkennen. Dann fragte er: »Seit wann ist das eigentlich so, dass Sie nicht mehr gehen können? Befinden Sie sich deswegen in Behandlung? Waren Sie überhaupt bei einem Arzt?« Er erhielt keine Antwort, und er hatte auch mit keiner gerechnet. »Ich frage mich selbst gelegentlich, wie viel Wahrheit ein Mensch überhaupt ertragen kann. Manchmal erfährt man etwas, und danach ist nichts mehr so, wie es vorher einmal war. Auf einmal kann man nicht mehr gehen, obwohl man sonst kerngesund ist, und kein Arzt findet die Ursache dafür. Und manchmal kann man auch nicht mehr reden, so sehr man es sich auch wünscht. Aber wie sieht denn die andere Seite aus – wie viel Unwahrheit kann ein Mensch ertragen? Die Wahrheit ist nämlich das Einzige, was wir haben, und egal, wie schäbig sie einem auch vorkommt, sie ist immer noch besser als alles, was man sonst ertragen müsste! Ja, manchmal verschlägt uns die Wahrheit den Atem und die Sprache, aber ohne sie …«

Als Zheng Wu weiter schwieg, schob der Staatsanwalt seinen Stuhl zurück und stand auf. Mit einer Hand griff er nach seinem Aktenkoffer, mit der anderen nach dem Gehstock und ging zur Tür. »Wir werden keine Männer nach China schicken, um die Wahrheit herauszufinden«, erklärte er. »Wir werden stattdessen unsere chinesischen Kollegen bitten, nach Fengdu zu gehen und uns Mevrouw Wu zu schicken. Wir werden Mijnheer Wu vor Gericht stellen, und seine Frau Ailing wird unter Eid als Zeugin aussagen, was zwischen ihr und dem Cousin ihres Mannes geschehen ist. Und dann werden wir ja wissen, ob die Wahrheit wirklich so unerträglich ist. Guten Tag.«

Anders ausgedrückt, dachte der Commissaris, wenn man kein Bild hat, braucht man tausend Worte.

Der Staatsanwalt verließ den Verhörraum, und Zheng Wu sah ihm nach, auf die Tür, die geöffnet und wieder geschlossen wurde. Dann sah er Van Leeuwen an, als wäre auch er nichts anderes als eine Tür, die sich öffnete oder schloss, ohne dass er hindurchgehen konnte. Schließlich griff er in die Räder seines Rollstuhls, drehte ihn um und fuhr damit zu den Fenstern. Er schaute zwischen den Lamellen hindurch auf den Himmel, an dem es noch immer nichts zu sehen gab. Ein Laut erfüllte den Raum, und es war ein Laut, den Van Leeuwen lieber nicht gehört hätte, aber er konnte es sich nicht aussuchen. Zheng Wu schien gar nicht zu merken, dass er weinte.