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Auf dem Schuhabstreifer vor seiner Wohnungstür lag eine neue Ausgabe von De Avond!, und als der Commissaris sich bückte, um sie aufzuheben, fiel sein Blick auf die Schlagzeile. Freispruch für Dr. Death, daneben ein Bild eines weißhaarigen Mannes: Doktor Klaas van der Meer vor seiner Klinik in der Nähe von Haarlem. Hast du es also am Ende tatsächlich geschafft!, dachte Van Leeuwen, nicht ohne widerwillige Bewunderung. Er beschloss, diesmal einen Blick in die Zeitung zu werfen, die seit Tagen in ganz Amsterdam gratis verteilt und im Radio, im Fernsehen und an Plakatwänden beworben wurde – ein neues, billiges Abendblatt, auf das die Stadt zweifellos gewartet hatte.

Er sperrte die Tür auf, hängte seinen Trenchcoat über einen Bügel und ließ den Schlüsselbund in die Schale auf der Kommode neben der Tür fallen. Im Dunkeln ging er in sein Arbeitszimmer, wo er die Zeitung auf den Schreibtisch legte. Er öffnete das Fenster und blieb einen Moment davor stehen. Aus der Nacht drang ein flüchtiger Laut in sein Zimmer, ein Lachen vielleicht oder ein unterdrückter Schrei. Es konnte auch Musik sein, ein Ton, den die Stadt draußen anschlug – auf den Straßen, in den Hinterhöfen, an den Plätzen, hier im Jordaan oder in Oud West, in De Pijp, Oud Zuid, im Zentrum, an den Grachten oder unter den Bäumen der Parks, überall, wo Menschen beieinander waren, sich liebten oder stritten. Der Klang der ganzen Stadt in dieser Herbstnacht. Sie ließ ihn steigen und über den Dächern schweben wie einen Papierdrachen unter dem dunkelblauen Himmel.

Der Luftzug und die rasch dahinziehenden Wolken gaben Van Leeuwen das Gefühl, am Bug eines Schiffes zu stehen, das langsam, aber stetig in zunehmendem Nebel auf einen fernen, dunklen Kontinent zufuhr. Er schloss die Fensterflügel wieder. In der Küche kochte er sich Kaffee, eine ganze Kanne voll, die er mitnahm ins Arbeitszimmer, wo auf dem Schreibtisch noch die ungespülte Tasse von letzter Nacht stand. Wozu eine Tasse spülen, aus der nur einer trinkt?

Er knipste die Schreibtischlampe an. Das Licht fiel auf ein Poster an der Wand gegenüber, die Reproduktion eines Caprichos von Francisco de Goya, das einen schlafend an seinem Schreibtisch zusammengesunkenen Mann im knielangen Hausrock zeigte. Der Kopf des Mannes war auf seine Arme gesunken. Über seinem Kopf kreisten hässliche Fledermäuse. Eulen hatten auf dem Schreibtisch Platz genommen, und hinter seinem Stuhl lag ein Luchs auf der Lauer: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Damit, dachte der Commissaris, hatte Goya alles über die Arbeit eines Polizisten gesagt.

Er setzte sich an den Schreibtisch, hinter sich im Halbdunkel des Raumes kein Luchs, sondern ein zerschlissener Polstersessel mit Lederbezug, eine Stehlampe, ein kleiner Fernseher auf einem Beistelltisch und Buchregale, die bis zur Decke reichten, gefüllt mit Sachbüchern über Medizin und Politik, über Kunst, Kultur und das Wesen der Zivilisation. Und über Mörder in jeglicher Form ihrer geistigen Abnormität, als Einzeltäter, Serienkiller oder Amokläufer, als Kriegsverbrecher, Könige, Präsidenten oder Reichskanzler.

Der Commissaris schenkte sich Kaffee ein, griff nach der Titelseite von De Avond! und las den Artikel über den Freispruch des Arztes, den die Medien Dr. Death getauft hatten. Doktor Klaas van der Meer betrieb eine private Sterbeklinik in der Nähe von Haarlem, wo er Todkranke erlöste, von den quälenden Schmerzen, von ihrem Leiden, vom Leben – eine Spritze mit Kaliumchlorid, die er in den Blutkreislauf leerte, und danach gab es weniger Leid und weniger Qual.

Van Leeuwen erinnerte sich an seine erste Begegnung mit dem Arzt, an seine Überraschung. Van der Meer war ein gebildeter Mann, der an das Recht auf einen eigenen Tod glaubte, als Ende eines ebenso eigenen Lebens. Er war davon überzeugt, dass es ein Elend gab, das jedes Maß überstieg, unerträgliche Schmerzen, von denen ein Arzt seinen Patienten erlösen durfte, wenn der ihn darum bat. Aber Van der Meer war auch janusköpfig, mit einem Hang zur Selbstdarstellung, eitel wie ein Chirurg. Er hatte Feinde. Sie triumphierten, als eine Mutter ihn wegen Mordes anzeigte, weil er dem erwachsenen Sohn der Frau in den Tod geholfen hatte, obwohl der Patient, als die Spritze schon gesetzt war, plötzlich geschrien hatte: Nein, nein, nein! Van Leeuwen war der Polizeibeamte gewesen, der ihn verhaftet hatte.

In einem aufsehenerregenden Prozess war Van der Meer vom Vorwurf des Mordes freigesprochen worden, aber das Gericht hatte ihn wegen unterlassener Hilfeleistung zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt. Er triumphierte über seine Feinde, indem er die Bewährung zurückwies und die Strafe antreten wollte. Als ihm das nicht gestattet wurde, zog er seinerseits vor Gericht und gewann: keine Bewährung mehr, auch keine unterlassene Hilfeleistung, kein Mord. Doch vor einigen Monaten war er neuerlich angezeigt und unter Anklage gestellt worden, diesmal, weil er in seiner Klinik einem sterbenskranken elfjährigen Jungen die Todesspritze gegeben hatte – gegen den Willen der Eltern und ohne einen zweiten Arzt zu konsultieren, wie es das Gesetz zur aktiven Sterbehilfe verlangte.

Nun war er also auch aus diesem Prozess als freier Mann hervorgegangen.

Van Leeuwen schaltete den Laptop ein und kramte seinen Notizblock hervor, um seine Eindrücke von den letzten Befragungen zusammenzufassen. Er trank einen Schluck von dem starken, heißen Kaffee. Er begann mit Pieter Hoekstra, dem Turnlehrer, der vom Zeugen zum Verdächtigen geworden war, an dessen Schuld er aber nicht wirklich glaubte. Anschließend schrieb er nieder, was ihm von Ruud Meijer in Erinnerung geblieben war, von seiner Unsicherheit und seinem Zorn auf Gerrit Zuiker, der ihn enttäuscht hatte. Ein Schüler oder auch ein Verdächtiger? Ein Junge, der sich auf seinem Gameboy Hitman 2 anschaute, um zu lernen, wie man Profikiller wurde. Und worin genau lag seine Enttäuschung? Schließlich Margriet Zuiker, zum zweiten Mal befragt und nun vom Opfer zum Täter geworden, schuldig allerdings nur des Ehebruchs, wohl kaum des Mordes. Hatte er etwas übersehen?, fragte sich der Commissaris. Einen Hinweis, eine Spur, einen weißen Fleck?

Nachdenklich starrte er auf den Bildschirm des Laptops. Er sah Gerrit Zuiker durch de wallen gehen, ein wenig unscharf und etwas zu dunkel, als wären die Bilder mit einem Filmhandy aufgenommen worden. Der Lehrer ging langsam, mit unsicheren Schritten, und weit vor ihm ging Ruud Meijer. Van Leeuwen sah ihn nur von hinten, er sah beide nur von hinten. Er folgte ihnen unsichtbar durch den sacht fallenden Regen, die verschwommen schillernden Lichter. Er sah, wie Zuikers Hemd langsam nass wurde und wie seine Schulterblätter hervorstachen, wenn er seine Aktentasche an sich presste. Er hielt ausreichend Abstand, blieb stehen, wenn der Lehrer stehen blieb, und ging in seinem raschelnden Plastikregenmantel weiter, sobald Zuiker weiterging. Die erleuchteten Fenster blieben allmählich zurück, auch die anderen Fußgänger wurden weniger, das Licht ließ nach. Dunkelheit breitete sich aus. Er konnte nur noch den hellen Rücken des Lehrers sehen, und jetzt war er nicht mehr Van Leeuwen, er war jemand anders, jemand, der eine Plastiktüte aus der Tasche des Regenmantels zog, der schneller ging, immer schneller, bis er Zuiker fast erreicht hatte.

Plötzlich sah er den Jungen und blieb stehen. Er beobachtete Zuiker und den Jungen, sah die heftigen Gesten, die einen Streit begleiteten, dann einen Schlag. Der Junge stürzte zu Boden, war aber rasch wieder auf den Beinen und versetzte dem Lehrer einen Tritt gegen das Knie. Jetzt lag Zuiker auf dem Pflaster, während der Junge lachte; er lachte wie eine Zeichentrickfigur und ging mit den schlurfenden, etwas ruckhaften Schritten eines Anime-Charakters davon. Zuiker versuchte, wieder hochzukommen, und das war er: Das war der Moment, in dem sie blitzschnell miteinander verschmolzen, der Mörder und das Opfer, ein Kopf, eine Tüte, ein wild um sich schlagender Körper, der schlaff wurde.

Aber wer war er? Warum drehte sich das Handy mit der winzigen Kamera nicht um, sah ihm ins Gesicht und zeigte seinen Anblick unter dem Schirm seiner Kappe? Bitte, dreh dich um! Los doch, dreh dich um! Und da, ganz langsam, geschah es tatsächlich: Die Kamera hob sich von dem reglos daliegenden Lehrer, schwenkte durch die dunkle Gasse und an den Wänden entlang, zeigte die Feuertür und die Müllsäcke, drehte sich langsam um hundertachtzig Grad, und was Van Leeuwen sah, war das: eine Maske, nein, eine verzerrte Fratze, das Gesicht eines Chinesen, der ihn wild anstarrte, mit schwarzen Augen, und schrie. Er schrie: Es tut mir leid machen Umstände, und dann schlang er ihm jählings einen Draht um den Hals und zog zu, zog und zerrte und schrie: Tut sehr leid, ja, sehr leid!

Van Leeuwen blinzelte. Er hatte geträumt, mit offenen Augen geschlafen. Hastig trank er mehr Kaffee, leerte die ganze Tasse und schenkte sich wieder ein. Dann folgte er dem Traum: Zheng Wu, der seine Tat gestand, das Motiv aber nicht preisgeben wollte. Er dachte an das Verhör am Nachmittag, an den Beschluss des Staatsanwalts, Wus Frau Ailing zur Befragung nach Amsterdam kommen zu lassen. Eine rasche, richtige Entscheidung. Die Briefe, die sie in Wus Wohnung gefunden hatten, lagen bereits beim Übersetzer, und morgen würde Inspecteur Vreeling sich in Chinatown umhören. Er konnte das gut, die Menschen öffneten sich ihm, besonders die, die wie er ihre Wurzeln nicht in den Niederlanden hatten.

Vielleicht ist das einer von den seltenen Fällen, die sich schnell aufklären lassen, dachte Van Leeuwen. Wir haben einen Mörder, ein Opfer und ein Geständnis. Doch der Staatsanwalt suchte nicht nur den Erfolg vor Gericht; er wollte dem Angeklagten Gerechtigkeit zuteilwerden lassen, nötigenfalls gegen dessen Willen. Handelte es sich um einen Mord aus niederen Motiven, oder gab es mildernde Umstände? War Zheng Wu nur Täter oder auch Opfer?

Der Commissaris fragte sich, warum Zheng Wu so verbissen schwieg und wie er ihn zum Reden bringen konnte, falls seine Frau Ailing gar nicht wusste, was hier geschehen war und warum; wenn Zheng Wu der Einzige war, der Licht in das Dunkel bringen konnte.

Er suchte die letzte Botschaft des koreanischen Amokläufers, die Worte, die Cho Seung Hui an seine Opfer gerichtet hatte. Er fand den Ausdruck unter der Zeitung.

Ihr habt nie in eurem Leben auch nur ein Quäntchen Schmerz gefühlt, und in unserem Leben wollt ihr so viel Leid wie möglich schaffen. Einfach nur, weil ihr es könnt. Ihr hattet alles, was ihr wolltet. Euer Mercedes war nicht genug, ihr Bastarde. Eure goldenen Ketten waren nicht genug, ihr Snobs. Eure Treuhandfonds waren nicht genug. All eure Ausschweifungen waren nicht genug. Sie reichten nicht aus, um eure hedonistischen Bedürfnisse zu befriedigen. Ihr hattet alles.

Deswegen musste ich euch töten, dachte Van Leeuwen. Deswegen musste ich mir eine Walther und eine Glock besorgen und mich mit euch in einem Hörsaal verbarrikadieren, um so viele wie möglich von euch zu erschießen, einen nach dem anderen und am Ende mich selbst. Weil das Schicksal mich mit euch zusammengesperrt hatte, verbarrikadiert auf dieser Erde, auf der ihr alles hattet und ich nichts.

Aber nicht jeder hat alles; manche haben gar nichts, und anderen ist das, was sie hatten, einfach wieder genommen worden, so was passiert. Und nur wenige greifen deswegen zu einem Maschinengewehr, einer Pistole oder einer Drahtschlinge – um Rache für ihr Schicksal zu nehmen.

Van Leeuwen merkte, dass er nicht weiterkam. Er schaltete den Laptop aus, stand auf und nahm den Kaffee mit ins Wohnzimmer. Ohne Licht zu machen, setzte er sich auf die Couch. Früher, in der ersten Zeit, hätte er sich jetzt an Simone gewandt und ihr von seinem Problem erzählt. Sie hätten eine Flasche Montepulciano entkorkt, und während der Wein atmete, hätte sie angefangen, ihm Fragen zu stellen oder Denkanstöße zu geben, und indem sie darüber redeten, hätten die Dinge sich für ihn geordnet. Dann hätten sie eine Schallplatte aufgelegt und den Wein getrunken, und das Glück wäre warm und nah gewesen.

Eine Erinnerung, nur eine.

Immer noch im Dunkeln, ging er zum Plattenschrank, stellte die Kaffeetasse auf dem Regal ab und zog aufs Geratewohl eine CD heraus, die er in den CD-Player legte. Sofort bei den ersten Takten, dem harten Schlagzeug und der metallischen Gitarre, erkannte er Gianna Nannini, Bello e Impossibile. Eine Sängerin, die seine Frau gemocht hatte, weil Giannas Stimme keine Stimme war; Sim hatte ein Faible für alles Unvollkommene gehabt, den Mut, der dazugehörte.

Zwanzig Jahre war das jetzt her, mindestens, dass sie dieses Lied zum ersten Mal gehört hatten, in einem Eiscafé in Siena, Nannini, ganz nah an der alten Stadtmauer. Sie hatten draußen gesessen, an einem Tisch mit Blick auf eine kleine Piazza, in einer warmen Sommernacht. Sie hatten das Lied gehört und Eis gegessen, das so bunt war wie die Neonbeleuchtung des Cafés. Das Neonlicht überzog alles mit seiner süßen Glasur: die Topfpflanzen neben den Tischen, Sims damals noch langes blondes Haar, das grob behauene Pflaster des Platzes, sogar die Nacht selbst bis weit hinauf zum Himmel, wo der Mond schimmerte wie eine Messingmünze auf einem blauen Stempelkissen.

»Perfetto«, sagte Simone leise. Sie nahm seine Hand und hielt sie, und plötzlich bekam sie wieder Appetit auf Artischockenherzen mit zerlassener Butter, wie immer nur die Herzen, zart und herb und saftig, und danach schmiedeten sie Pläne für den Herbst, ein Wochenende ganz allein am Meer, spazieren gehen am Strand und draußen die kupfernen Wellen am Abend, und im Winter wollten sie nach New York, Manhattan im Advent. Simone wollte mit einer Pferdekutsche durch die Straßen fahren, durch den dichten Verkehr und den fallenden Schnee und die von den Hochhäusern flutende Festbeleuchtung bis zum Central Park. Und natürlich hatten sie auch das nicht gemacht, nie mehr. Denn auf einmal war alles anders gewesen, nach einer einzigen Nacht vor vier Jahren.

Schon am Abend vor dieser Nacht war Simone in sich gekehrt gewesen, still beunruhigt von dem Umstand, dass sie sich zu verändern schien; dass sie mehr und mehr Dinge vergaß, Adressen, Namen, Gesichter. Plötzlich war sie in der Tür zu seinem Arbeitszimmer aufgetaucht. Halt mich fest!, hatte sie gefleht. Er war von seinem Schreibtisch aufgestanden und zu ihr gegangen, zögernd, überrascht. Ich falle, hatte sie gesagt. Lass mich nicht fallen. Vergiss mich nicht. Lass mich nicht allein.

Er hatte nicht gewusst, was er antworten sollte, aber er hielt sie fest. Sie schien etwas wärmer zu sein als sonst, auch etwas fester; als wäre ihr fünfzigjähriger Körper weniger weich. Er konnte fühlen, dass sie alle ihre Muskeln anspannte, wie eine Katze in Panik; sie zitterte. Ich halte dich fest, sagte er. Ich lasse dich nicht los.

Sie sah zu ihm auf, stellte sich dann auf die Zehenspitzen und küsste ihn. So hatte sie ihn schon lange nicht mehr geküsst, leidenschaftlich, voller Verlangen und Lust, die er längst vergessen geglaubt hatte. Später, in der Nacht, kehrte diese Lust zurück. Das Verlangen brannte in Simones Körper und steckte Van Leeuwen an. Sie liebten sich, sie konnten nicht aufhören, und selbst als sie schon ganz leer und erschöpft waren, lief immer noch ein Schauer durch ihre Körper, wie Wellen, die über einen Strand spülten, vor und zurück.

Bruno, flüsterte sie heiser, Bruno. Er lag neben ihr mit wild schlagendem Herzen und wusste, dass sie mit ihm eben auch ein letztes Mal ihr gemeinsames Leben umarmt und losgelassen hatte, alles, was bis jetzt an Gutem und Schlechtem gewesen war – ihr Leben und ihn. Dann setzte sie sich auf, noch immer nackt, die Haut feucht und glänzend von Schweiß. Sie zog die Beine an, schlang die Arme um die Schenkel und ließ ihren Kopf auf die Knie sinken. Das Haar, das auch damals noch lang und blond war, fiel ihr in dunklen Strähnen über die Arme bis hinunter zu den farblos lackierten Zehennägeln. Auf Wiedersehen, Bruno, Liebster, sagte sie zu ihrem Schoß.

Er sah sie an, während sein Herz sich in einen Stein verwandelte. Ich bin bald nicht mehr da, fuhr sie fort. Liebe mich trotzdem weiter, bitte. Sie sah auf und schaute ihn an, mit einem verlorenen Blick, in dem ihr ganzer Mut lag.

Danach redete sie immer seltener und benutzte dabei immer weniger Wörter, und was sie sagte, hatte fast keinen Zusammenhang mehr. Sie schnitt sich das Haar igelkurz.

Aber er hatte sie trotzdem weiter geliebt, denn alles, was er tat im Leben, war ja für sie. Nur manchmal hatte er das Gefühl gehabt, als ginge es nicht mehr, nicht einen Tag, nicht eine Minute; als bekäme er keine Luft mehr. Ich ersticke, hatte er gedacht.

Der menschliche Kummer ist so groß wie das menschliche Herz. Wer war es, der das gesagt hatte? Es stand irgendwo in den Büchern in seinem Büro, aber er war zu müde, um das Buch oder die Stelle zu suchen. Er stand auf, schaltete alle Lichter aus, griff nach Schlüsselbund und Mantel und ging zum Bahnhof, um zu schlafen.