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Obwohl er schlief, konnte der Commissaris die Züge hören und die Stimmen der Reisenden auf den Bahnsteigen, wenn sie an der Bank vorübergingen. Die Bank, auf der er saß, stand nur ein Stück vom Eingang des Grand Café Ier Klas entfernt, und er konnte alles hören, was um ihn herum geschah, und trotzdem schlafen. Er träumte, er wäre in der Centraal Station und wartete auf den Zug, mit dem seine Frau zurückkommen sollte, und als er aufwachte, war er tatsächlich in der Centraal Station, aber Simone war tot.
Er sah auf die große Uhr über den Gleisen. Es war nach Mitternacht. Er hatte fast zwei Stunden geschlafen, und niemand hatte ihn geweckt, denn die Bahnhofspolizei kannte ihn schon. Auch sonst erregte er keinerlei Aufsehen, denn mit seinem hellen Trenchcoat, dem leichten Sommeranzug aus beigem Leinen und den geputzten braunen Schnürschuhen sah er nicht aus wie ein Stadtstreicher. Er wusste nicht, wie er stattdessen aussah, aber nie kam jemand, um ihn wachzurütteln, wenn er die Nähe anderer Menschen suchte, um zu schlafen. Niemals wurde er gefragt, ob er Hilfe brauche oder kein Zuhause habe. Er hatte ja auch ein Zuhause; es war nur so, dass er dort nicht sein wollte.
Die Halle über den Gleisen war erfüllt von fahlem Licht, und dort, wo sie endete, schimmerte Regen wie Quecksilberstaub unter dem Nachthimmel. Draußen vor der Halle standen mehrere Signale auf Rot. Es fuhren keine Züge mehr. Auf einer Bank gegenüber blähte sich eine liegengebliebene Zeitung im Wind. Die Bahnsteige waren jetzt leer, und der Commissaris stand auf und ging an den geschlossenen Bistros und Kiosken vorbei zur Treppe ins Tiefgeschoss, und plötzlich spürte er wieder die Angst kommen: Erst war es nur eine pochende Vorahnung von Panik, dann ein jäher Druck, der sich um sein Herz schloss. Es war der Moment, in dem er sich an seiner Einsamkeit schnitt wie an einem scharfen Blatt Papier.
Es ist nichts, sagte er sich; daran wirst du dich gewöhnen, wie du dich bisher an alles gewöhnt hast.
Er ging durch die Bahnhofshalle hinaus auf den Stationsplein, und als er draußen war, hörte der Regen auf. Die Planen, die schon seit Jahren das rote Backsteingebäude der Centraal Station verhüllten, flatterten im Seewind. An der U-Bahn-Baustelle wurde noch gearbeitet. Der Widerschein der Scheinwerfer glitzerte auf dem feuchten Asphalt und dem sacht bewegten Wasser vor dem Bahnhofsplatz.
Eine Straßenbahn bog vom Dam auf den Platz, und der Fahrer schlug ein paar Mal hart auf die Klingel. Die dicht gedrängt stehenden Passagiere schwankten hin und her. Die trübe Beleuchtung flackerte. Die Tram hielt, und die Fahrgäste stiegen aus, Hafenarbeiter in schmutzigen Overalls, Restaurantpersonal, afrikanische Putzfrauen, Straßenmusikanten und Jugendliche, die mit den letzten stoptreins zurück in die Vororte wollten.
Der Commissaris stieg ein. Er zeigte dem Kontrolleur in der Mittelkabine seinen Ausweis und setzte sich auf einen Platz ganz hinten, wo er alles im Auge behalten konnte. Außer ihm gab es in dem Wagen nur noch zwei Frauen von der Heilsarmee, die er an ihren Tamburinen und den zusammengeklappten Plakatständern erkannte, Jesus saves you, und ein schlafendes Mädchen mit eingefallenen Gesichtszügen, einer löchrigen Jacke und schmutzigen Jeans. Die Bahn fuhr an, in der Kurve zum Dam kreischten die Räder auf den Schienen, und die Deckenbeleuchtung flackerte erneut.
Der Commissaris sah aus dem Fenster auf die Straße. Die Unruhe, die ihn geweckt hatte, drehte sich dicht hinter seinem Zwerchfell wie ein kleiner, harter Kreisel.
Auf der Scheibe zitterten Wassertropfen, die vom Regen übrig geblieben waren. Hinter der Brücke und dem Koffiehuis wurde die Nacht bunt, wo das nie ermüdende Neon an den Häuserfronten entlangsprang und durch die immer gleichen roten, gelben und blauen Buchstaben floss. Die Straßenbahn fuhr vorbei an diesen Leuchtreklamen für holländisches Bier und indonesisches Essen, für Souvenirkitsch, Geldwechsler und Fast-Food-Lokale voller Spiegel und Messing. Neben den Türen der billigen Hotels blinkten Vacancy-Schilder, und in den Seitengassen lockten andere Lichter mit noch mehr Essen, noch größeren Biergläsern und noch niedrigeren Preisen. Feuchte Markisen schlugen im Wind über den Köpfen der letzten Nachtschwärmer, die sich in kleinen Gruppen über die Gehsteige schoben.
Der Commissaris sah einzelne Gesichter, sie traten überraschend hervor wie Ziele in einem Videospiel, und er achtete auf die Mienen und Bewegungen, die zu den Gesichtern gehörten. Er ordnete sie ein, ob sie Gefahr bedeuteten oder nur Übermut oder ob sie vom einen ins andere umschlugen.
Da, die Gruppe Brasilianer in weißen Sambahosen und bunten Hemden, die in der Mitte der Fahrbahn gingen, als gehörte der Dam zur Copacabana. Da, die Horde Cockney grölender Jugendlicher mit Skinhead-Frisuren und Lederjacken. Da, die Radfahrer in T-Shirts und Outdoor-Hosen, die mit schrillem Klingeln aus der Dunkelheit heranrasten. Da, die Kamikaze-Kids auf Rollerblades, die hinter einem Schutzschirm aus Sonnenbrillen, MP3-Playern und Kopfhörern rücksichtslos dahinflogen wie Cruise Missiles auf der Suche nach einer unsichtbaren Hitzequelle. Eine arabische Familie in Burnus und Scharia auf dem Weg zu ihrem Fünf-Sterne-Hotel. Ein Mädchen mit blonden Zöpfen und verlaufener Schminke, in Tränen aufgelöst.
Die Tram hielt an der alten Börse. Ein paar Rucksacktouristen stiegen ein. Danach zwei alte Chinesen in dunklen Anzügen und vier Jugendliche, die zusammengehörten: drei Jungen und ein Mädchen in modischen Klamotten, Einwandererkinder, dunkelhäutig, aber nicht schwarz. Aufgekratzt zeigten sie dem Kontrolleur ihre Monatskarten, bevor sie sich in der Mitte des Zuges auf zwei Bänke quetschten. Das Mädchen setzte sich auf den Schoß des Ältesten. Es flüsterte ihm etwas ins Ohr, sehr ernst, fast ein wenig ärgerlich. Er hörte zu und lachte. Sie wollte nicht, dass er lachte, und sie sagte noch etwas, und er lachte noch einmal.
Die Straßenbahn fuhr weiter. Der Commissaris stand auf und ging zur Tür. Als er gerade den Knopf zum Aussteigen drücken wollte, versetzte der Junge dem Mädchen eine Ohrfeige. Eigentlich war es mehr ein Klaps als eine Ohrfeige, aber der Schlag überraschte das Mädchen, und es wusste nicht, wie es reagieren sollte. Die Jungen lachten. Das Mädchen sah den Jungen an, der ihm den Klaps versetzt hatte. Es wusste noch immer nicht, wie es reagieren sollte, und da schlug der Junge es wieder, nicht sehr fest, mehr wie man einen Hund schlägt, und alle lachten, alle bis auf das Mädchen.
Sie verstand nicht, was gerade mit ihr geschah, außer, dass es an Stellen wehtat, die seine Hand gar nicht berührt hatte. Tränen traten ihr in die Augen und glitzerten in den Wimpern.
Der Junge zwinkerte seinen Kumpels zu, dann blickte er zum Fenster hinaus, während das Mädchen ihn weiter ansah. Sie wollte nicht weinen, aber die Tränen kamen einfach und liefen ihr über die Wangen, bis hinunter zu den Mundwinkeln.
Der Commissaris ging zu dem Jungen und dem Mädchen und fragte: »Du, wie heißt du?«
Der Junge tat, als hätte er ihn nicht gehört. Er grinste seine Kumpels an, und seine Kumpels grinsten ihn an, und das Mädchen wischte sich die Tränen mit dem Handrücken ab. Van Leeuwen sah weiter den Jungen an, der seinem Blick auswich. Er sah ihn an und sagte: »Ich rede mit dir, Junge.«
Die Straßenbahn ruckelte hin und her, und das Licht flackerte. Der Junge hörte auf zu grinsen und sah wieder aus dem Fenster, als wäre er in Gedanken ganz woanders.
Van Leeuwen merkte, wie etwas in seinem Blut zu flimmern begann. Das flimmernde Blut floss in seine Arme und Beine und stieg ihm in den Kopf, und er wusste genau, was es war, aber er bemühte sich, ruhig zu bleiben. »Schlägst du gerne Mädchen?«, fragte er den Jungen, der das Mädchen geohrfeigt hatte. »Macht man das so bei euch zu Hause, da, wo du herkommst?«
Jetzt lachten auch die anderen Jungen nicht mehr, und der, den Van Leeuwen meinte, blickte endlich zu ihm auf und sagte: »Leck mich, ich bin hier genauso zu Hause wie du, Alter.«
»Schön«, sagte Van Leeuwen, »dann bin ich ja für dich zuständig.« Er beugte sich vor und gab dem Jungen eine Ohrfeige, ein bisschen härter, als der Junge das Mädchen geschlagen hatte. »Gefällt dir das?«
Der Junge zischte vor Schreck. Sein Kopf zuckte zurück und schlug gegen die Fensterscheibe. Der Commissaris spürte, wie das Flimmern ihn jetzt ganz erfüllte, und er musste sich zwingen, den Jungen nicht noch einmal zu schlagen – es ist nur ein Junge! Er zog seinen Ausweis heraus, damit alle Gelegenheit hatten, sich seinen Namen zu merken und Beschwerde gegen ihn einzureichen. So ruhig er konnte, sagte er: »Hör jetzt mal ganz genau zu, Jungchen: Hier bei uns, wo wir also beide zu Hause sind, schlägst du keine Frau, kapiert? Du schlägst keine Frau und kein Mädchen, nicht mal im Spaß und auch nicht, um ihr was beizubringen, und schon gar nicht, weil du vor deinen Kumpels damit angeben willst, wie toll du bist. Ich weiß nicht, was dir deine Eltern beigebracht haben oder was deine Schriftgelehrten behaupten, aber so ist das hier bei uns, wo wir beide zu Hause sind.« Er steckte den Ausweis wieder ein. »Möchtest du dazu noch etwas sagen, bevor ich aussteige, Jochie?«
Der Junge zitterte. Wut und Scham flackerten in seinen Augen wie dunkle Flammen. Aber er sagte nichts. Er schwieg und kämpfte mit seinen Gefühlen, und endlich gab er auf und schüttelte den Kopf.
»Gut«, meinte der Commissaris. Er ging zurück zur Tür und drückte den Stopp-Knopf. Die Straßenbahn hielt an der nächsten Station. Bevor er ausstieg, sah Van Leeuwen das Mädchen an. »Wie heißt du?«
»Yasmina«, antwortete das Mädchen leise.
»Ruf mich an, wenn er dich noch mal schlägt, Yasmina«, rief der Commissaris. »Bruno van Leeuwen im Hoofdbureau van Politie.« Er stieg aus und blickte sich nicht mehr um, denn die Jugendlichen waren nicht der Grund für seine Unruhe gewesen; der Kreisel drehte sich noch immer. Er ging das ganze Stück zurück und bog hinter der Börse in den Oude Brugsteeg, der zur Warmoesstraat führte.
Linker Hand ritten die an ihren Stegen vertäuten Ausflugskähne leise knarrend auf den kleinen Wellen im Hafenbecken. Die Unruhe trieb den Commissaris voran, durch die enge Gasse zur Warmoesstraat und weiter zum Oude Zijds Voorburgwal. Kurz fasste er einen jungen Mann ins Auge, der an einer Mauer lehnte und nichts trug als eine Army-Hose mit Tarnmuster und eine verchromte Brille mit spiegelnden Gläsern. Sein Haar war kurz geschnitten und platinblond gefärbt, der Oberkörper nackt. Verschlungene Tattoos bedeckten seine Schultern und Oberarme. Vor seinen schmutzigen Füßen stand ein Blumentopf mit einer vertrockneten Sonnenblume neben zwei großen, überquellenden Rucksäcken. Ein Obdachloser aus der Zukunft, dachte der Commissaris.
Um diese Zeit hatte das Rotlichtviertel nichts Verführerisches mehr; die Glühbirnen, die an Lichterketten kreuz und quer über den Kanal gespannt waren, wirkten genauso schäbig wie die rot und grün angestrahlten Fassaden und die violetten Fenster. Kronkorken und braune Scherben blinkten auf dem Pflaster der Gehwege zwischen weggeworfenen Zigarettenschachteln, Burger-Tüten und zusammengeknülltem Frittenpapier. Ausgebrannte Drogenfreaks mit aschfarbenen Augen taumelten blicklos ihrem persönlichen U-Bahn-Schacht zur Hölle entgegen.
An den Brücken standen farbige Zuhälter und Dealer in kleinen Gruppen zusammen, blieben dabei aber ständig in Bewegung. Sie trugen Sonnenbrillen, massive Panzergoldketten, diamantenbesetzte Uhren, dicke Kalbslederjacken und teure Laufschuhe. Ihr Lachen war leise, ohne Fröhlichkeit, und für ihr Toilettenwasser hatte in Kaschmir wahrscheinlich eine ganze Population von Moschushirschen ihr Leben lassen müssen.
Der Commissaris ging an ihnen vorbei zum Achterburgwall. Solange er in der Nähe war, hüllten sie sich in Schweigen, und keiner sah ihm nach, und noch immer war da die Unruhe, die ihn weitertrieb. Er wusste nicht, wohin sie ihn führte oder ob er sie sich nur einbildete, um eine Ausrede zu haben. Er sagte sich, dass er nicht nach Hause gehen durfte, solange die Stadt nicht schlief. Es war seine Stadt, aber die Straßen waren gefährlich; unter der harmlosen Oberfläche waren sie gefährlich. Vielleicht konnte er sie sicherer machen, auch wenn er jetzt, da Simone tot war, nicht mehr genau wusste, für wen.
Er fragte sich, was ihn noch mit den anderen Menschen verband. Er sah sie, aber er spürte sie nicht mehr so wie früher; ein Verbindungsglied fehlte. Er blieb stehen. Vor ihm lag die Mündung einer Gasse, die in die feuchte Finsternis zwischen zwei engstehenden Hausmauern führte. Er holte eine daumendicke Taschenlampe aus der Manteltasche und leuchtete in die Gasse. Er entdeckte nichts, das seine Unruhe erklärt hätte, überhaupt nichts.
Langsam ging er hinter dem Strahl der Taschenlampe her. Der Lichtkegel geisterte über aufgeplatzte Müllsäcke, rostbefallene Hintertüren und Urinflecken an den Mauersockeln. Bunt gezackte Graffiti sprangen aus der Dunkelheit. Die nassen Pflastersteine glänzten grau und schwarz, und als der Commissaris die Spuren von Rot entdeckte, blieb er wieder stehen. Der Lichtstrahl wanderte allein weiter, tastete über das Pflaster, die Mauern, die Aktentasche, den Fuß.
Die Aktentasche war braun. Der Fuß steckte in einem gelben Strumpf und einer braunen Sandale. Er gehörte zu einem Mann, und der Mann lag, halb hinter einem Müllsack verborgen, auf dem Rücken. Der Commissaris trat vorsichtig über den roten Fleck hinweg.
Er wusste, dass der liegende Mann nicht betrunken war, schon bevor der Lichtstrahl den Rest des Körpers erfasste. Er sah die halb offen daliegende Aktentasche, den Fuß mit dem gelben Strumpf in der dunkelbraunen Sandale und dann eine schmutzige hellbraune Hose mit einem Gürtel aus imprägnierter Jute und ein weißes Baumwollhemd mit hochgekrempelten Ärmeln. Er sah eine zinnoberrote Swatch-Uhr mit Plastikarmband am linken Handgelenk des Mannes und neben dem Kopf eine Brille mit geflicktem Rahmen und zersplitterten Gläsern. Das Gesicht konnte er nicht sehen, denn es war der Mauer zugewandt, als wollte es dem Licht ausweichen. Auch den zweiten Arm, der zwischen dem Körper und der Mauer verborgen lag, konnte er nicht sehen.
Er hob die Hand mit der Taschenlampe bis in Kopfhöhe, um hinter den liegenden Mann zu leuchten. Er beugte sich vor. So ging es: Die Augen des Mannes standen offen, genauso wie die Lippen. Die Nasenlöcher waren gerötet, darunter gab es Spuren einer durchsichtigen Flüssigkeit, die zwischen Nasenwurzel und Oberlippe getrocknet war. Nasenbluten, dachte der Commissaris. Sonst sah er keine Wunde, keine Verletzung und auch keine Einstichstellen an den Armen.
Der Commissaris beugte sich vor und legte zwei Finger an den Hals des Mannes, versuchte, einen Puls zu finden. Es gab keinen. Das Fleisch unter der Haut war noch warm, der Tod konnte also erst vor Kurzem eingetreten sein. So ist das also. Es war die erste Leiche, die er selbst fand, und er dachte: So ist das also. Dann dachte er, du bist zu spät gekommen, und ein Gefühl der Enttäuschung ergriff ihn.
Er holte sein Mobiltelefon aus der Innentasche seines Leinenjacketts und wählte die Nummer des Nachtdienstes im Hoofdbureau, weil er die des für den zweiten Distrikt zuständigen Wijkteams in der Warmoesstraat nicht aus dem Gedächtnis wusste. Eine Männerstimme meldete sich, und er nannte seinen Namen und erklärte, wo er war und was er dort gefunden hatte: das Opfer eines Unfalls, einer Schlägerei oder eines Mordes. Er forderte einen Arzt und die Spurensicherung an und bat darum, den Diensthabenden vom zweiten Distrikt zu informieren, damit er ein paar uniformierte Agenten zu seiner Unterstützung schickte. Nachdem er fertig war, lehnte er sich mit dem Rücken an die gegenüberliegende Mauer und wartete im Dunkeln bei der Leiche.
Er war in der Nähe gewesen, dachte er. Seit er angefangen hatte, seine nächtlichen Runden zu drehen, die Stadt zu durchstreifen, ruhelos, aber ohne ein bestimmtes Ziel, war er nie so nah gewesen. Ein bisschen näher nur und etwas früher, und er hätte es vielleicht verhindern können. Es sah aus wie ein Unfall oder ein Totschlag, aber was, wenn es ein Mord gewesen wäre? Wenn er als Polizist im selben kurzen Moment zugegen gewesen wäre, in dem ein Mensch zum Mörder und ein anderer zum Opfer wurde, unwiderruflich? Nein, vor diesem Moment – bevor er seine Arbeit tun musste, bevor er Spuren sicherte, Zeugen befragte, Verdächtige verhörte und den Täter zu überführen versuchte? Wenn er zwei Leben gerettet hätte, einfach nur, indem er zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen wäre?
Er schaltete die Taschenlampe wieder ein, richtete den Lichtstrahl auf die Aktentasche und drehte sie um, sodass er hineinschauen konnte. Der Geruch von nassem Leder stieg ihm in die Nase. Die Tasche enthielt eine kleine Brotdose aus blauem Plastik, einen gelben Apfel, eine Ausgabe von De Avond!, eine Packung Papiertaschentücher, einen Bibliotheksausweis auf den Namen Gerrit Zuiker und eine Pistole. Die Pistole war eine kurzläufige Walther P 38, Kaliber 9 mm, und sie bereicherte das Bild um einen neuen Aspekt: das Unerwartete.
Aus Richtung des Achterburgwalls drangen Stimmen in die Gasse. Etwas später huschten die Lichtkegel starker Lampen über die Mauern und das Pflaster, und der Commissaris richtete sich wieder auf, um die anrückenden Beamten zu der Leiche zu dirigieren. Ein Hoofdagent in Uniform leuchtete ihm ins Gesicht und fragte:
»Haben Sie die Leiche gefunden?«
»Ja«, bestätigte Van Leeuwen.
»Ihr Name?«
Der Hoofdagent ließ rasch die Taschenlampe sinken, bis der Lichtstrahl auf seine Schuhspitzen wies. »Entschuldigen Sie, Mijnheer, ich habe Sie nicht erkannt. Ich bin Hoofdagent Jan Brugman. Man hat mir nicht gesagt, dass die Meldung von Ihnen stammt.« Seine Stimme klang überrascht, und als jetzt die ersten Scheinwerfer aufflammten, entdeckte der Commissaris auch in Brugmans Augen den Ausdruck. Es war ein Ausdruck, den er in letzter Zeit schon ein paar Mal in den Augen anderer Polizisten bemerkt hatte und der zu sagen schien: Ach, Sie sind das! Commissaris van Leeuwen, der nachts auf dem Bahnhof schläft, wie man hört – also, ich finde, es wirft ein schlechtes Licht auf die ganze Polizei, verstehen Sie, wenn ein ranghoher Offizier so wenig Haltung aufbringt, egal, wie die Umstände sein mögen.
Der Ausdruck erlosch sofort, als Brugman merkte, wie der Commissaris ihn ansah. »Wahrscheinlich ein Herzanfall«, meinte der Hoofdagent. »Oder Drogen. Vielleicht auch eine Schlägerei. Der Tote: unbekannt, männlich, weiß – das Übliche. Haben Sie ihn angefasst oder irgendetwas verändert?«
»Ich habe nur das Bargeld genommen«, brummte Van Leeuwen und erntete genau den verständnislosen Blick, mit dem er gerechnet hatte. Und ich schlafe nicht jede Nacht im Bahnhof, fügte er in Gedanken hinzu.
Er blickte zu der inzwischen von mehreren Scheinwerfern ausgeleuchteten Leiche hinüber, die in dem kalten Licht nicht im Geringsten mehr aussah wie ein Mensch, sondern wie ein schlecht koloriertes Demonstrationsobjekt für die Fähigkeiten des Technischen Dienstes und des Leichenbeschauers. Das Blut wirkte schwarz, die Haut grau, das Gelb anders als Gelb und auch das Braun nicht mehr wie Braun.
An der Mündung der Gasse hielt ein Sanitätsfahrzeug, das ohne Sirene, aber mit eingeschaltetem Blaulicht gekommen war. Die Sanitäter stiegen aus, und das blaue Licht spiegelte sich auf dem nassen Pflaster und dem Stamm der Ulme am Ufer. Die Männer und Frauen von der Spurensicherung drängten sich in ihren weißen Overalls zwischen den Hausmauern, bemüht, sich nicht gegenseitig auf die Füße zu treten. Einer der Männer fotografierte die Leiche aus allen Blickwinkeln, von Weitem und von Nahem und von ganz nah und dann nur einzelne Teile, das Gesicht, die Füße, die Sandalen, die Hände, die Uhr. Als es an der Leiche nichts mehr zu fotografieren gab, fotografierte er die Aktentasche und die Blutspritzer auf dem Pflaster, den Urinfleck an der Mauer, die Müllsäcke und die Graffiti neben der Eisentür. Eine Frau stellte kleine Kärtchen mit Nummern neben allen Gegenständen auf, die vielleicht mit dem Tod des Opfers zu tun haben konnten, und der Fotograf fotografierte auch diese Gegenstände. Danach fotografierte er einen anderen Mann, der mit einem Maßband die Lage der Leiche bestimmte und die Entfernung zu den beiden Mauern, der Tür, den Müllsäcken und den nummerierten Gegenständen ausmaß und notierte.
Die Frau, die inzwischen Kärtchen neben allem außer Van Leeuwens Füßen aufgestellt hatte, streifte zwei Plastikbeutel über die Hände des Toten und verschloss sie mit Klebeband, für den Fall, dass sich unter den Fingernägeln Spuren eines Kampfes befanden: Hautfetzen, Haare, Blutpartikel einer anderen Gruppe als der des Opfers.
Der Mann, der die Lage der Leiche vermessen hatte, schritt nun zwischen den Kärtchen hin und her und leuchtete den Boden mit einem Halogenscheinwerfer ab, in dessen Licht die Muster von zahllosen Schuhsohlen sichtbar wurden, und der Fotograf ging neben ihm her und fotografierte die Fußabdrücke. Inzwischen brannten so viele Scheinwerfer, dass es keine Schatten mehr gab, als handelte es sich um einen Tatort im Weltraum.
Van Leeuwen sagte: »Ich möchte, dass die Männer von dem Blut da auf dem Pflaster eine Probe nehmen und von dem Urin an der Mauer auch. Und sie sollen alles eintüten, was hier so rumliegt – Zigarettenkippen, Kaffeebecher, Kaugummi, Kokstütchen, Kondome, alles. Liefern Sie mir ein komplettes Spurenbild!«
»Seit wann interessiert sich das Hoofdbureau für einen unbekannten Toten im Rotlichtviertel?«, fragte Hoofdagent Brugman.
Van Leeuwen sagte: »Er ist nicht unbekannt, und ich glaube auch nicht, dass er einen Herzanfall erlitten hat oder Opfer einer Schlägerei wurde. Da liegt eine Aktentasche, die ihm gehört haben könnte, mit einem Bibliotheksausweis auf den Namen Gerrit Zuiker. Außerdem steckt in der Tasche eine Pistole, eine Walther, allerdings weiß ich nicht, ob sie geladen ist. Ich verlange nichts von Ihnen, was Sie als guter Polizist nicht sowieso tun würden – ich will nur, dass Sie es ganz besonders sorgfältig tun und dass Sie mir persönlich Bericht erstatten, so schnell wie möglich. Also, suchen Sie nach Zeugen – Anwohner, Touristen, Nutten, Zuhälter, das Personal von den Kneipen und Sexshops, überprüfen Sie jeden, der etwas gesehen haben könnte. Versuchen Sie herauszufinden, ob die Waffe eine Geschichte hat, ob sie schon mal bei einer Straftat benutzt worden ist. Und stellen Sie fest, ob der Tote wirklich Gerrit Zuiker heißt, ob er vermisst wird oder Familie hat. Ich will wissen, aus welchem Milieu er kommt, welche sexuellen Vorlieben er hatte, ob er Trinker war oder Spieler oder Schmetterlingssammler – alles, was ihn von einem Spurenträger zurück in einen Menschen verwandelt –, aber unternehmen Sie sonst nichts. Ich verlasse mich auf Sie, Hoofdagent Brugman.«
Auf einmal merkte er, wie müde er war. Es ließ sich nicht vermeiden – er wollte nicht nach Hause, aber er hatte keine Wahl.
Der Hoofdagent gab sich große Mühe, kompetent und straff zu klingen. »Darf ich Sie daran erinnern, dass eigentlich wir für die Ermittlungen in diesem Fall zuständig sind, Commissaris?! Der Tote liegt in unserem Garten.«
»Aber ich habe ihn gefunden«, sagte der Commissaris.