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Der Commissaris stand in seinem Büro am Fenster und sah auf die Straße hinunter, und alles an ihm schmerzte vor Müdigkeit. Das Hoofdbureau van Politie lag auch bei Nacht niemals in völliger Dunkelheit, aber in seinem Büro brannte kein Licht, und auf den Gängen herrschte Stille. Er war lange nicht mehr so müde gewesen. Er konnte die Brücke sehen und die Gracht und die Straßenbahnhaltestelle unter dem Fenster, aber das Wasser nicht. Seine Lider schmerzten, die Augen brannten, der Nacken tat weh. Du solltest nicht erst nach Hause gehen, wenn du so müde bist, dachte er. Hol das zusammengeklappte Feldbett aus dem Schrank, und leg dich gleich hier hin, sonst wirst du wieder wach.

Er fragte sich, ob es an dieser Müdigkeit lag, dass ihm schien, als enthielten die letzten beiden Tage ein großes, paradoxes Geheimnis: Es gab einen Mordfall, in dem er nicht ermitteln musste, weil der Täter sich selbst gestellt hatte, und es gab einen Todesfall, in dem er unbedingt ermitteln wollte, obwohl bisher noch nicht der geringste Hinweis dafür existierte, dass es sich überhaupt um einen Mord handelte. Genau genommen wusste er nicht einmal, ob paradox der richtige Begriff war und ob er sich das große Geheimnis nicht nur einbildete. Vielleicht verhielt einfach er selbst sich paradox.

Er dachte an das Manifest aus dem Internet, das Testament eines Highschool-Killers namens Cho Seung Hui, der zweiunddreißig Menschen getötet hatte und dann sich selbst. Der Ausdruck lag auf Van Leeuwens Schreibtisch, und ganz am Anfang stand: Ihr hattet hundert Milliarden Chancen, das hier zu vermeiden. Aber ihr habt entschieden, mein Blut zu vergießen. Ihr habt mich in die Ecke getrieben und mir nur einen Weg gelassen. Das war eure Entscheidung. Jetzt habt ihr Blut an euren Händen, das sich nie mehr abwaschen lässt.

Van Leeuwen stellte sich vor, wie Gerrit Zuiker in seiner Dachkammer kauerte, diese Worte las und dabei immer wieder Help me if you can hörte. Er schaute auf die Lichter jenseits der schmalen Gracht, die nächtliche Stadt, und fragte sich, ob wohl in diesem Moment jemand aus einem der Häuser an diesen Straßen zu ihm herübersah, zu einem Mann, der allein in einem dunklen Büro des Polizeipräsidiums am Fenster stand. Und wenn da jemand war, was dachte er wohl?

Niemals kann ich jemand davon erzählen. Das Leben hat Zheng Wu zermalmt. Sein Leid durchzieht alles, und in ihm ist nur noch die Traurigkeit des Herbstwindes. Es gibt keine Verbindung mehr zwischen ihm und der Welt. Ja, Zheng Wu wäre am liebsten tot.

Was ist so schrecklich, dass man niemandem davon erzählen kann?, fragte sich der Commissaris. Enthielt das Geheimnis ein weiteres Geheimnis? Ein verzweifeltes Opfer und ein verzweifelter Mörder; einer, der aller Welt mitteilte, dass ihm das Wasser bis zum Hals stand, und einer, der lieber tötete, als zuzulassen, dass irgendjemand davon erfuhr, und gemeinsam war ihnen nur ihre Verzweiflung.

Van Leeuwen hörte Autohupen, die Sirene einer Ambulanz oder eines Feuerwehrwagens. Einen Moment verspürte er eine langsam anschwellende Panik, als könnte er in all dieser Dunkelheit für immer verloren gehen. Er suchte nach sich selbst auf der Fensterscheibe und fragte sich, ob er überhaupt wie bisher weiter existierte, jetzt, da nur er allein sich noch an den größten Teil seines Lebens erinnerte.

Plötzlich fiel ihm eine Nacht vor zwei Jahren ein, eine Winternacht. Simone hatte schon an der Schwelle zur Krankheit gestanden, nur hatte sie es noch nicht gewusst. Sie lag im Bett, neben ihm, auf den Ellbogen gestützt, und sah ihn an, sah hinunter auf sein Gesicht. In der Dunkelheit konnte er nur ihre glänzenden Augen erkennen. Sie summte zufrieden vor sich hin, er dachte, dass sie lächelte. Aber es war kein Lächeln gewesen, keine Zufriedenheit, sondern Hilflosigkeit: so viel Leidenschaft, die sich nicht bewahren ließ – nicht auf Dauer, nicht, bis es gleichgültig wurde, weil etwas anderes an ihre Stelle getreten war.

Er wusste nicht mehr, warum, aber auf einmal war sie ihm dünner vorgekommen als sonst, zerbrechlich, und er hatte sich gefragt, ob er sich Sorgen um sie machen musste. Sie verschwindet unter meinen Augen, hatte er gedacht. Und als hätte sie seine Gedanken geahnt, hatte sie gesagt:

»Du nimmst immer mehr Raum ein, Bruno. Ich weiß nicht mehr, wie ich noch neben dir bestehen kann. Ich kriege kaum noch Luft in unserer Wohnung. Du bist so mächtig, so kräftig. Dein Leben ist wertvoller als meins, das schüchtert mich ein.«

Er war aufgestanden und hatte sie hochgehoben, er hatte sie tatsächlich hochgehoben, nackt wie sie war, und zum Spiegel am Kleiderschrank getragen. Vor dem Spiegel hatte er sie abgestellt, an beiden Oberarmen gehalten und gesagt: »Sieh dich an. Du bist viel zu dünn. Du musst mehr essen, sonst wird es krankhaft.«

Plötzlich hatte sie sich losgerissen, mit jäher Wildheit war sie zu ihm herumgefahren. »Willst du etwa behaupten, ich sei krank?! Willst du sagen, mit mir stimmt etwas nicht?!«

Sie hatte nicht gewusst, dass sie tatsächlich krank war, und er hatte es auch nicht gewusst. Es war nur eine Ahnung gewesen, die ihnen beiden Angst gemacht hatte.

Eine Erinnerung, nur eine; auch wenn es eine schlechte war.

Van Leeuwen sah sein Spiegelbild als Schemen auf der Scheibe, als wäre er selbst aus Glas; aus schmerzendem, müdem, nutzlosem Glas. Dann gesellte sich ein zweiter, größerer Schemen zu seinem Spiegelbild. Ein Mann in einer dunkelblauen Uniform trat vor dem Hintergrund der Notbeleuchtung auf dem Gang in sein Büro, blieb bei der offenen Tür stehen und sagte:

»Geh nach Hause, Bruno! Ruh dich aus! Geh schlafen!«

Es war eine neue Angewohnheit des Hoofdcommissaris, Dinge mehrmals leicht abgewandelt zu wiederholen, damit dem Zuhörer kein Aspekt seiner Erkenntnisse oder Befehle entging.

»Gleich«, sagte der Commissaris.

Der Hoofdcommissaris konsultierte seine runde Armbanduhr mit dem Stoffarmband in den niederländischen Nationalfarben, die er seit einigen Wochen an der Innenseite des Handgelenks trug. Er trat näher ans Fenster. »Du kannst kaum noch stehen vor Müdigkeit.«

»Ich weiß. Ich gehe gleich schlafen.«

»Wo? Im Bahnhof?« Joodenbreest trat noch näher, bereit, Van Leeuwen einen Arm um die Schultern zu legen. »Das muss aufhören, Bruno – ein Offizier der Polizeitruppe Ihrer Majestät, ein hoher Offizier! Du bringst nicht nur dich, du bringst uns alle in Verruf. Ich möchte, dass du einen Termin bei Doktor Menardi machst.«

»Warum?«

»Warum? Du weißt, warum.«

»Nein. Warum?

»Weil du im Bahnhof schläfst.«

»Nur wenn ich zu Hause nicht schlafen kann. Du siehst also, ich schlafe.«

Joodenbreest räusperte sich. Es war ein scharfes, schmales Räuspern, denn er war ein scharfer, schmaler Mann mit einem Gesicht, das auf die scharfe, schmale Seite eines Schilfblattes gepasst hätte. Das dünne, hellblonde Haar, das er straff aus der hohen Stirn kämmte, kontrastierte selbst im Dunkeln auffällig mit seiner von Höhensonnenbestrahlung verbrannten Haut. Seine wässrigen blauen Augen schimmerten frostig wie Sterne, die schon vor Lichtjahren erloschen waren. In mühevoller Arbeit an sich hatte er es geschafft, seinem Auftreten jegliche Herzlichkeit zu nehmen und seinem Gesicht alle Wärme. Sein Mienenspiel wechselte von kühl zu kalt und wieder zurück. Wie eine dünne, große Echse auf einem sonnenbeschienenen Stein konnte er seine Umgebung völlig ausdruckslos beobachten, wahrscheinlich sogar seine Frau und seine Kinder. Sicher vor Gefühlen, vor Enttäuschungen, vor Wunden, lag er in sich selbst lebendig begraben. Wahrscheinlich, dachte Van Leeuwen, war er schon als Kind so gewesen – unzugänglich, verschlossen, ein Junge, den nie jemand weinen gesehen hatte.

»Simone ist erst sechs Wochen tot, und ich weiß, wie du dich fühlst«, sagte der Hoofdcommissaris. »Sie war eine großartige Frau, vor allem, als sie noch …«

Van Leeuwen erstarrte. »Du hast nicht die leiseste Ahnung, wie sie war«, unterbrach er Joodenbreest.

»Also, wir alle vermissen sie«, Joodenbreest räusperte sich erneut, »jeder hier trauert aufrichtig um sie …«

»Du könntest aufrichtige Trauer nicht von Möwenscheiße unterscheiden!«, sagte Van Leeuwen.

Joodenbreest war nicht gekränkt. »Ich weiß, wovon ich spreche.«

»Du weißt nicht, wovon du sprichst«, sagte Van Leeuwen.

»Es geht um deine Art – du übertreibst in allem, was du tust. Früher dachtest du, du hättest das Glück gepachtet, und jetzt tust du so, als hättest du das Leiden selbst erfunden. Niemand erwartet dieses Übermaß von dir, kein Mensch, nicht mal Gott!«

»Da du offenbar Einblick in Gottes Erwartungen hast«, erwiderte Van Leeuwen mühsam beherrscht, »verrate mir doch mal, was Er sich davon verspricht, einen Menschen wie Simone krank werden und sterben zu lassen, während jemand wie du gesund und munter weiterleben darf?!«

»Ich spreche jetzt nicht mehr von Simone als dein Freund«, erklärte der Hoofdcommissaris. »Ich spreche nun als dein Vorgesetzter von dir und deiner Arbeit.«

»Was ist mit meiner Arbeit?«

Joodenbreest trat wieder einen Schritt zurück. »Du zwingst die Kollegen vom Centrum, eine Morduntersuchung einzuleiten, obwohl keinerlei Anzeichen dafür vorliegen, dass es sich bei der auf den Wallen gefundenen Leiche überhaupt um einen gewaltsamen Tod handelt, und du …«

»Ich habe sie gebeten, nicht gezwungen. Außerdem hatte Gerrit Zuiker eine Pistole in seiner Aktentasche, eine Walther P 38 mit abgefeilter Seriennummer.«

»Die von den Technikern im Labor wieder sichtbar gemacht worden ist. Die Pistole ist noch nie für eine Straftat benutzt worden.«

»Aber vielleicht sollte sie erst noch benutzt werden. Vielleicht hat jemand Zuiker genau deswegen umgebracht.«

»Und was ist mit diesem Chinesen im Rollstuhl, den du vor ein paar Stunden hierher gebracht hast?«

»Er hat seinen Cousin ermordet.«

»Und du trinkst Tee mit ihm, im selben Raum mit der Leiche?«

»Es war eine Einzimmerwohnung.«

»Ich weiß, dass es eine Einzimmerwohnung war. Ich habe mich bei den Kollegen vom Technischen Dienst informiert. Sie haben zwei Tassen gefunden, deine Fingerabdrücke …«

»Woher weißt du das?«

»Weil ich Anordnung gegeben habe, sofort über jeden Fall informiert zu werden, bei dem du auftauchst. Also, wieso trinkst du Tee mit einem geständigen Mörder?«

»Er wollte mir etwas sagen.«

»Was wollte er dir sagen?«

»Warum er es getan hat.«

»Und warum hat er es getan?«

Der Commissaris drehte sich um und sah Joodenbreest an. »Er braucht noch etwas Zeit. Er weiß noch nicht, dass er es mir sagen möchte.«

»Na gut, ich weiß jedenfalls, was ich dir sagen möchte, und ich brauche keine Zeit. Du wirst einen Termin bei Doktor Menardi vereinbaren, und du wirst diesen Termin auch wahrnehmen, denn ohne ihren Bericht über deine psychologische Tauglichkeit lasse ich dich weder an dem einen noch an dem anderen Fall weiterarbeiten. Es kann natürlich durchaus sein, dass bei dir alles in Ordnung ist, aber ehrlich gesagt bezweifle ich das. So wie ich das sehe, bist du ein wandelnder Systemfehler in Menschengestalt …«

Van Leeuwen sagte: »Wenn ich ein Systemfehler bin, dann war auch meine Frau ein Systemfehler, und wenn Simone ein Systemfehler war, kann von mir aus das ganze System zum Teufel gehen, und zwar mitsamt der Festplatte, der Stromversorgung und jedem einzelnen Atomkraftwerk, das sie aufrechterhält! Und ich …«

Das Telefon auf seinem Schreibtisch schnitt ihm das Wort ab. Der Commissaris griff nach dem Hörer und meldete sich.

»Hier spricht der erste Sekretär von der Heiligen Bruderschaft der Schlaflosen«, sagte eine tiefe Stimme dicht an seinem Ohr. Bei ihrem Klang fiel alle Müdigkeit von Van Leeuwen ab. »Ich habe bei Ihnen zu Hause angerufen, aber Sie waren nicht da«, fuhr die Stimme fort. »Oder zumindest sind Sie nicht an den Apparat gegangen.«

»Das liegt daran, dass ich hier war«, antwortete der Commissaris. »Was kann ich um ein Uhr morgens für Sie tun, Doktor Holthuysen?« Der Pathologe sagte: »Fragen Sie nicht, was Sie für mich tun können – fragen Sie lieber, was ich für Sie tun kann oder schon getan habe.« Da der Commissaris diese Frage jedoch nicht stellte, fuhr er von sich aus fort. »Ich war noch nicht müde, und deswegen habe ich mir den Chinesen vorgenommen, der heute Nacht reingekommen ist …«

»Ist das unser Doktor Holthuysen?«, wollte der Hoofdcommissaris wissen.

Van Leeuwen nickte. »Ja, der aus der Leichenhalle.«

»Sind Sie nicht allein?«, fragte der Pathologe.

»Der Hoofdcommissaris ist bei mir«, antwortete van Leeuwen. »Der Hoofdcommissaris um eins noch im Präsidium?«, sagte Holthuysen. »Zeichen und Wunder! Also, wie auch immer, ich bin da auf etwas Interessantes gestoßen. Dieser tote Chinese, den Sie mir vor ein paar Stunden geschickt haben, war eine simple Angelegenheit, von außen und von innen. Aber der andere, der junge Mann von gestern Morgen …«

»Gerrit Zuiker?« Gott segne die Schlaflosen, dachte der Commissaris.

»So heißt er wohl, ja, steht zumindest auf dem Beipackzettel. Ich möchte Ihnen gern etwas zeigen. Können Sie auf einen Sprung vorbeikommen, Mijnheer?«

»Jetzt?«

»Ist doch besser als der Bahnhof.«

Der Commissaris fragte sich, ob Holthuysen in der Gerichtsmedizin schlief, auf einem der Sektionstische oder in einer Kühlschublade. »Ich bin gleich da«, erklärte er und legte auf.

»Wo bist du gleich?«, erkundigte sich der Hoofdcommissaris.

»In der Leichenhalle«, erwiderte Van Leeuwen, ohne sich in diesem Moment der Doppeldeutigkeit seiner Antwort bewusst zu werden. Erst viel später, als er unter einer Zellophantüte verzweifelt nach Luft rang, sollte sie ihm wieder einfallen. Und da – während sein Leben zwischen zwei endlos gedehnten Herzschlägen langsam stehen zu bleiben schien – wurde ihm auch klar, dass er bereits in dieser Nacht einem Leuchtpunkt in einem schrecklichen Diagramm glich. Von sehr weit oben betrachtet, stellte das Diagramm ein Dreieck dar, dessen beide anderen Punkte ein geisteskranker Mörder und die nächtliche Leichenhalle waren.

Ebenso wenig ahnte der Commissaris, dass sich aus diesem Blickwinkel von sehr weit oben alle drei Punkte in den kommenden Tagen und Wochen immer näher aufeinander zu bewegen sollten, bis endlich zwei davon zu einem einzigen verschmolzen. Vor allem aber ahnte er nicht, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch völlig offen war, welcher der Punkte letztlich und für immer mit dem Seziertisch in der nächtlichen Pathologie verschmelzen würde, von sehr weit oben betrachtet.