17

Die Frau hielt die Tulpenzwiebel ganz fest in der linken Hand und wartete. Sie stand in der Tür des Gewächshauses und sah auf die Felder hinaus und dachte: Du darfst nicht darauf achten. Wenn du nicht darauf achtest, geht es weg. Sie spürte, wie die Zwiebel warm wurde, und sie spürte die Schmerzen, auf die sie nicht achten durfte. Geht weg, bitte, bitte, bitte, geht weg!

Vor ihren Augen erstreckten sich die blühenden Tulpenfelder bis zu dem kleinen Birkenhain am Horizont, endlose Reihen von roten Abba, gelben Monte Carlo und weißen White Dream an dünnen grünen Stängeln. Dazwischen flammten Scharlachkelche in der Morgensonne, rosa Peach Blossom wogten sacht im Wind. Es gab unter dem hohen blauen Oktoberhimmel riesige Flächen nur mit leuchtenden Orange Nassau und karminroten Rococo mit feurigem Rand. Dort, wo die Felder endeten, wehten gelbe Birkenblätter von den Bäumen und schwebten zwischen den schlanken Stämmen zu Boden.

Die Frau spürte die Zwiebel in ihrer Hand nicht mehr. Sie sah das Meer der Tulpen – einfache und gefüllte, gefiederte, gestreifte, gezackte und gekräuselte –, ein Meer, das nur in ihr existierte und mit seinem süßen Duft die Schmerzen betäubte. Es war ja Herbst, ein Morgen im Herbst, und die Felder lagen kahl und braun vor ihr. Allein die Birken und das gelbe Laub waren Wirklichkeit. Sie drehte sich zu dem Gewächshaus um, in dessen Tür sie stand. Auch das Glashaus war Wirklichkeit und die anderen Glashäuser, die rechts und links davon lagen, voll mit Artischocken, Lavendel, Lupinen und Fuchsien. Die schrägen Dächer brachen das Sonnenlicht, und an den durchsichtigen Wänden sammelte sich die Luftfeuchtigkeit.

Der Mann kam über die Felder. Er kam über die umgepflügte Erde, die auf die Gärtner mit den Zwiebeln wartete, aber er war kein Gärtner, und er ging auch nicht wie jemand, der sich viel um Blumen scherte. Die Frau sah ihn aus dem Birkenwäldchen treten, unter den tanzenden gelben Blättern hervor, und am Anfang war er kaum größer als ein Punkt. Sie musste die Augen zusammenkneifen, um ihn erkennen zu können. Als er größer wurde, sah sie, dass er einen offenen Regenmantel trug und Gummistiefel, mit denen er in den aufgeworfenen Erdfurchen versank. Er ging sehr zielstrebig und entschlossen, beide Hände in den Manteltaschen vergraben.

Um diese frühe Stunde kurz nach Sonnenaufgang war die Frau noch allein auf der Tulpenfarm, denn sie hatte nicht schlafen können wegen der du darfst nicht darauf achten, und wenn es ihr so ging, gab es nur einen Platz, wo sie es aushielt, noch am Leben zu sein. Bald kamen die anderen, um mit dem Einpflanzen der Tulpenzwiebeln zu beginnen, aber der Mann war keiner von den anderen; man konnte sehen, dass die Tulpen ihm egal waren. Unter seinen Stiefeln stieg Staub auf und trieb davon, und die Frau stellte sich vor, wenn jetzt schon Frühling wäre und alles in voller Blüte stünde, dann würde er mitten durch die roten und gelben und violetten Tulpen stapfen und eine Spur geknickter Stängel und abgerissener Blüten hinter sich lassen, und es würde ihn wahrscheinlich nicht einmal kümmern. Aber bis zum März oder April war es noch ein halbes Jahr, Hunderte Tage und Nächte, in denen du darfst nicht darauf achten in ihr wüteten und wüteten. Sie umklammerte die Zwiebel, so fest sie konnte.

Es war still über den Feldern. Aus den Gewächshäusern hinter ihr drang das leise Plätschern der Bewässerungsanlagen, und irgendwo zwitscherten Vögel, aber sonst herrschte eine seltsame, fast atemlose Stille. Sie erinnerte sich an so eine Stille, diese ganz bestimmte Stille von früher, als sie ein Kind gewesen war. Sie erinnerte sich, wie sie ihre Mutter in dieser Stille ansah und an die Angst im Gesicht ihrer Mutter, die zu ihrer eigenen Angst wurde, und dann an die schweren Schritte, die näher kamen, draußen vor der Wohnungstür.

Sie erinnerte sich an die Schläge und daran, wie das Kind das Blut der Mutter von den Kacheln in der Küche wischte; wie ein Lappen nicht ausreichte. Sie erinnerte sich daran, wie der Vater danach am Küchentisch saß, reglos, ohne ein Wort, ohne etwas zu sagen, auch nicht, als das Kind fertig war und die Mutter im Schlafzimmer kein Geräusch mehr machte. Die Frau wusste noch, wie sie sich dem Vater zu Füßen gekauert hatte, damit er nicht aufstand und der Mutter nachging und weitermachte, wie sie mit ihren kleinen, feuchten Händen seine großen Finger gestreichelt hatte; er wurde dann ruhig.

Der Mann auf den Feldern war jetzt so nah, dass sie sein Gesicht erkennen konnte. Überrascht verschränkte sie die Arme vor der Brust; sie dachte, dass sie ihn hier nicht erwartet hatte. Die Hände des Mannes steckten noch immer in den Taschen des durchsichtigen Regenmantels, und darunter trug er denselben Anzug wie beim letzten Mal. Er kam geradewegs auf sie zu, Schritt für Schritt für Schritt.

Sie erinnerte sich, wie das Kind in dem kleinen Vorgarten gestanden und gewartet hatte, stundenlang gewartet, worauf nur? Die Mutter lag im Dunkeln auf dem Bett, im Schlafzimmer, und der Vater war mit der großen gelben Kettenraupe fort, und das Kind stand am Gartentor und wartete und wusste nicht, worauf. Erst später fing sie an zu ahnen, worauf sie wartete, weil die Angst es ihr sagte, aber da war sie schon nicht mehr das Kind. Da war sie schon die Frau, und die Schläge trafen sie, und es war ihr eigener Mann, der sie schlug, und ihr eigenes Blut, das sie wegwischte.

Der Wanderer hatte sie jetzt fast erreicht. Seine Augen eilten ihm voraus. Er lächelte, ein kleines, tröstendes Lächeln, das sie nie vorher an einem Mann gesehen hatte, erst bei ihm. Es war, als gäbe es einen Sog zwischen ihnen; als erkenne sie etwas in ihm, das sie so schnell und unwiderstehlich anzog wie ein Magnet. Er war noch nicht ganz da, und doch lag nichts mehr zwischen ihnen. Der Mann nickte kaum merklich, denn er spürte es auch.

Sie dachte, dass sie ihm eine Tasse Kaffee anbieten könnte. Sie wandte ihm den Rücken zu, um ins Gewächshaus zu gehen, und einen Moment sah sie sich in dem Glas gespiegelt. Sie erschrak. Sie erschrak immer wieder, weil es jetzt so schnell ging. Die orangefarbene Hose aus indischer Baumwolle schlotterte ihr um die Beine, und das rot und violett gestreifte Hemd wirkte wie für eine viel größere Frau gefertigt. Unter dem Piratenkopftuch, das sie wegen der Chemo trug, starrten sie zwei riesige Augen an, die fast das ganze Gesicht waren. Die nackten Füße in den Sandalen ähnelten den Krallen eines großen Vogels, eines Kondors vielleicht.

Hinter dem Glas stand ein Holztisch mit einer Kaffeemaschine zwischen den vielen Geräten, die ein Gartenbetrieb brauchte, zwischen den langen Regalen mit Kästen voller Setzlinge, mit den Topfpflanzen, den Säcken mit Blumenerde, den Knollen, Zwiebeln und Samenkörnern. Einen Kaffee durfte sie mit ihm trinken, dachte die Frau, auch wenn sie sonst fast nichts mehr essen oder trinken durfte.

Sie hörte, wie er hinter ihr in das Gewächshaus trat, wie er mit ihr redete, aber gerade war du darfst nicht darauf achten so stechend, dass sie ihn nicht verstand. Das gleichmäßige Sirren und Rieseln der Bewässerungsanlage schien jeden anderen Laut zu verschlucken. Die Luft unter dem Glasdach bewegte sich nicht. Sie war feucht und gleichzeitig kühl und warm, oder vielleicht war es auch nur ihre eigene Temperatur, die wieder schwankte, das Frösteln, das Fieber, die Hitzewallungen, so schnell hintereinander. Durch die beschlagenen Seitenscheiben konnte sie die kahlen Felder sehen, auf denen sich Krähen niederließen, und dahinter das wirbelnde Laub der Birken.

Sie sagte: »Ich wusste gleich, dass Sie ein ganz besonderer Mensch sind.«

Sie sagte: »Wenn Sie mir nicht geantwortet hätten, wüsste ich nicht … ich wüsste nicht, was ich tun soll.«

Sie sagte: »Es kommt mir vor, als würde ich Sie schon mein ganzes Leben lang kennen.«

Sie sagte: »Diese Schmerzen … Manchmal wünschte ich, ich wäre tot.«

Der Mann stand jetzt dicht hinter ihr, sie sah seine Silhouette im Glas der Kaffeemaschine. Sie drehte sich um und fragte: »Warum schauen Sie mich so an?« Er antwortete nicht. Sie lächelte – das, was sie noch an Lächeln zustande brachte. Ihre Lippen zitterten. Der Raum zwischen ihnen schrumpfte weiter, in schnellen Rucken. In der Luft lag ein Sirren wie von schwärmenden Insekten. Eine knisternde, elektrische Spannung. Ihr Herz raste plötzlich. »So haben Sie mich noch nie angesehen!«

Sie wandte sich wieder um, und er nahm die Hände aus den Taschen. Sie legte die Tulpenzwiebel weg und reckte sich, um die Kaffeedose aus dem oberen Regalfach zu holen, gerade als etwas von hinten gegen ihren Kopf schlug, etwas, das der Mann in den Händen hielt. Sie drehte sich erschrocken um, aber sie konnte es nur ganz kurz sehen, die Hände und dazwischen etwas Durchsichtiges. Dann streifte er ihr das Durchsichtige über den Kopf, es raschelte und knisterte. Zellophan, dachte sie, und plötzlich zischte ihr Atem, und sie verstand nicht, warum, sie war noch immer erschrocken, und durch das Zellophan konnte sie das Gesicht des Mannes sehen, sein beruhigendes, tröstendes Lächeln.

Ihr Atem raste jetzt so schnell wie ihr Herz, ihr hämmernder Puls. Das Zellophan beschlug, und es wurde heiß unter der Tüte, und sie roch ihren eigenen Atem, schal und etwas metallisch, und sie sah das Gesicht des Mannes, es war gerötet, verspannt vor Anstrengung, und sie spürte seine Hände an ihrem Nacken, wo er die Tüte festhielt, und sie sah an ihm vorbei auf die Pflanzen und das Glas und den blauen Himmel, über den lautlose schwarze Schatten huschten, das mussten Krähen sein.

Sie wusste nicht, woher die Worte kamen. Sie waren erst in ihrem Kopf, und dann in ihrem Mund, auf ihren Lippen, aber in der Tüte klangen sie nicht mehr wie Worte, und aus der Tüte kamen sie nicht heraus. So nicht, so nicht, schrie sie und packte die Hände des Mannes, um sich die Tüte vom Kopf zu reißen. So will ich das nicht.

Sie konnte fast nichts mehr sehen, es war wie dichter Nebel, der sie einhüllte. Die stickige, feuchte Hitze unter der Tüte. Sie spürte, wie die Beine unter ihr nachgaben. Im Bauch, wo die Schmerzen gewesen waren, wurde ihr plötzlich leicht zumute, es fühlte sich an, als ginge dort ein Gaslicht an. Sie spürte keine Schmerzen mehr, keine glühende Schraube, die sich in ihr drehte, stattdessen dieses leichte, flackernde Gas und Ruhe, fast Glück. Da rutschten die Hände des Mannes an ihrem Hals ab, und ein Schwall frischer Luft blähte das Zellophan. Die Frau stand auf einmal nicht mehr, sie kroch auf Händen und Knien. Die Hände und Knie bewegten sich wie von selbst, als sie wegkrabbelte, auf die Tür zu, hinaus auf die Felder.

Die Tüte war noch immer über ihrem Kopf, aber jetzt lichtete sich der Nebel; sie konnte sich selbst über den Boden des Gewächshauses kriechen sehen, ihre Spiegelung im Glas. Ihr Atem ging in schnellen Stößen, keuchend und zischend atmete sie in die Tüte, und dann spürte sie, wie der Mann sie wieder packte, von hinten, und wie er sie festhielt und die Tüte um ihren Hals zudrückte. Aber sie kroch und krabbelte weiter, aus der Tür und auf das Feld, und draußen sah sie wieder die Tulpen, so genau, als wären sie wirklich da, die grünen Stängel und die feuerroten, dottergelben und schneeweißen Kelche, die ihr ins Gesicht schlugen, als sie auf das Feld kroch, immer tiefer zwischen diese wunderschönen Tulpen.

Sie achtete nicht darauf. Sie sagte sich nicht, du darfst nicht darauf achten; es geschah von selbst. Sie kroch auch nicht mehr weiter, denn der Mann kniete jetzt auf ihrem Rücken und schlang etwas um ihren Hals, schnell und eng wie einen dünnen Schal, und der Schal hielt die Tüte auch noch fest, als der Mann sie losließ. Ihr Atem hallte in dem stickigen, heißen Nebel, der sich um ihren Kopf blähte und zusammenzog. Ihr Herz schlug langsamer. Die Farben der Tulpen in ihrem Blut verblassten. Durch das beschlagene Zellophanfenster in ihrem Leben sah sie auf die Felder, den Himmel und die Birken am Rand der Welt, wo gelbes Laub von den Ästen wehte, und vielleicht sah sie sogar über den Rand der Welt hinaus; sie achtete einfach nicht darauf.

Es war so einfach.