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Die junge Chinesin saß allein auf einer Holzbank in dem kleinen, hellen Büro der Königlichen Marechaussee in der Ankunftshalle des Flughafens Amsterdam Schiphol. Sie hielt den Kopf gesenkt, ihr Blick war auf den Boden gerichtet. Mit einer Hand umklammerte sie den Griff ihres Koffers. Die Haut war fast weiß über den Knöcheln, und auch der Koffer war weiß, wo sich die Farbe von den Pappschalen gelöst hatte.
Die junge Chinesin saß ganz am Ende der Bank. Sie trug einen roten Pullover, hellblaue Leinenhosen und schwarze Stiefeletten. Auf ihrem Schoß lag ein kastanienbrauner Mantel mit einem Kragen aus Kaninchenfell. Ihre schwarzen Haare waren zu einem Zopf geflochten. Außer ihrem Ehering trug sie keinerlei Schmuck, und weder ihr Mund noch ihre Augen waren geschminkt, sodass ihr Gesicht merkwürdig unvollendet wirkte.
Die junge Chinesin bewegte sich nicht, und es schien, als achtete sie auch nicht auf die uniformierten Polizisten, die den Raum betraten oder verließen und ihr genauso wenig Aufmerksamkeit schenkten wie sie ihnen. Sie war bis zuletzt auf ihrem Platz in der kl M-Maschine aus Shanghai sitzen geblieben, bis alle anderen Passagiere das Flugzeug verlassen hatten. Dann waren zwei Beamte der Koninklijke Marechaussee an Bord gekommen und hatten sie in ihre Büros begleitet, wo sie jetzt darauf wartete, dass der Commissaris erschien, um sie abzuholen, was er mit einer Verspätung von fünfundzwanzig Minuten auch tat.
Die ganze Fahrt hinaus nach Schiphol war Van Leeuwen fast so aufgeregt gewesen, als führe er zu einem lange erwarteten Rendezvous. Und im Grunde war er genau das, dachte er: ein Liebhaber, der seine Geliebte vom Flughafen abholte, auch wenn sie die Frau eines anderen war. Aber das, was er von ihr wollte, waren weder Umarmungen noch Küsse; es waren nur Worte. Deswegen schlug sein Herz schneller, als er auf die zarte, mit gesenktem Kopf am Ende der Holzbank sitzende Frau zutrat und auf Englisch sagte: »Mevrouw Wu – Ailing Wu? Mein Name ist Van Leeuwen, Commissaris Bruno van Leeuwen, und ich bin hier, um Sie abzuholen.«
Zheng Wus Frau hob den Kopf und sah ihn an, erst ihn und dann die Dolmetscherin, die er mitgebracht hatte. Sie gab einige hell klingende Laute in wechselnder Tonlage von sich, die mit einem Fragezeichen zu enden schienen. »Ich möchte zu meinem Mann«, sagte die Dolmetscherin.
Ailing Wus Gesicht war jung und müde, und winzige Fältchen der Erschöpfung zogen sich durch die pfefferfarbene Haut unter den Augen. In den großen Pupillen mischte sich dunkles Blau unter das glänzende Schwarz, das die ganzen Augen auszufüllen schien. Die schräg stehenden Wangenknochen traten weit hervor, sodass die Nase kaum mehr als eine wie zufällige Wölbung über dem kleinen Mund war.
»Ich bringe Sie jetzt erst mal ins Hotel«, meinte der Commissaris, »und dann sehen wir weiter.« Auf Chinesisch klang es, als hätte er viel mehr gesagt, in weit bunteren Worten.
Ailing stand auf, den Koffer in der Hand, den Mantel mit dem Kaninchenkragen in der anderen. »Wie geht es meinem Mann?«, übersetzte die Dolmetscherin Ailings Frage.
Der Commissaris sagte: »Er will nicht mit uns reden.«
Ailing nickte, als hätte sie nichts anderes erwartet. »Wann kann ich zu ihm?«
»Das hängt von ihm ab, und davon, was Sie uns erzählen.«
»Ich sage alles, was Sie hören wollen.«
»Ich will nur die Wahrheit, mehr nicht«, erwiderte der Commissaris, denn genau das war die Geliebte, die er abzuholen hoffte. Er streckte die Hand aus, um Ailing den Koffer abzunehmen, aber die junge Chinesin kniff abwehrend die Lippen zusammen, als wollte sie sagen: Sie stehlen meinen Mann, aber meinen Koffer bekommen Sie nicht. Also bedankte er sich bei den Kollegen von der Königlichen Gendarmerie und führte Ailing dann durch den Ameisenhaufen der Flugreisenden in der Ankunftshalle zu seinem vor dem Eingang geparkten Alfa.
»Ich kenne nur eine Seite der Wahrheit«, sagte Zheng Wus Frau, als sie neben ihm in dem zweisitzigen Sportwagen Platz nahm, der einmal Simone gehört hatte. Die Dolmetscherin kauerte hinter ihnen auf dem Notsitz, und ihre Worte, in die Wärme ihres Atems gehüllt, rochen nach Pfefferminz.
»Bis jetzt haben wir nicht mehr als die Leiche von Cousin Jun Wu«, sagte der Commissaris. »Da ist eine Seite der Wahrheit schon ein beträchtlicher Forschritt. Und je mehr Fortschritte wir machen, desto näher kommen wir dem Tag, an dem Sie Ihren Mann wiedersehen.«
Ailing schwieg und sah durch die Frontscheibe auf die Straße, die sie in einem großen Bogen vom Ankunftsgebäude des Flughafens zur Autobahn in Richtung Amsterdam führte. Schließlich bemerkte sie: »Ich glaube, es geht ihm sehr schlecht.«
»Das glaube ich auch«, stimmte der Commissaris zu.
»Ich habe ihm Briefe geschrieben.«
»Ich habe sie gelesen.«
»Sie haben meine Briefe gelesen, an meinen Mann?« Dunkle Röte schoss Ailing in die Wangen. Die junge Chinesin wandte das Gesicht ab und bedeckte es mit einer Hand. Halb und halb erwartete Van Leeuwen, dass auch die Dolmetscherin ihr Gesicht bedecken würde, aber im Rückspiegel sah er, dass sie nur den Kopf zur Seite neigte, als müsste sie Zheng Wus Frau die Worte von den Lippen ablesen.
»Ich musste es tun«, sagte der Commissaris, »um mir ein Bild zu machen, weil Mijnheer Wu nicht mit uns reden wollte.«
»Auf diesem Bild, was sehen Sie darauf?«, fragte Ailing nach einer Weile durch die gespreizten Finger. »Sehen Sie eine untreue Frau?«
»Nein«, bekannte Van Leeuwen, »ich sehe eine einsame Frau, die in Versuchung geführt wurde.«
»Sie hat der Versuchung nicht nachgegeben.« Ailing ließ die Hand sinken und schaute ihn an, und er spürte den Blick so stark, dass er seine Augen von der Straße löste und sie ebenfalls ansah. »Ich bin meinem Mann treu geblieben, die ganze Zeit«, versicherte sie. »Niemals hätte ich einen so guten Menschen betrügen können. Eher trocknet die Quelle des großen Yangtse aus.«
Sie griff in die Seitentasche des Mantels, den sie über ihren Schoß gelegt hatte, und holte ein zerknittertes Blatt Papier hervor. Sie faltete es auseinander und fragte: »Wird es Zheng helfen, wenn er spricht?«
»Ja.«
»Auch wenn er schreibt?«
»Solange es die Wahrheit ist.«
»Mir hat er die Wahrheit geschrieben, weil ich seine Frau bin. Ich lese Ihnen vor, was er geschrieben hat.« Sie senkte den Kopf und hob den Brief, der aussah, als hätte sie ihn immer wieder gelesen, bis sie ihn auswendig wusste. »Ich bin nicht einen Augenblick mehr glücklich gewesen, seit ich das Schiff nach Amsterdam bestiegen habe«, las sie, der Dolmetscherin zugewandt. »Meine Brust ist aus Eisen. Du bist meine Luft, meine geliebte Ailing, mein Blut, mein Verstand, und du fehlst mir so sehr, dass ich wahrscheinlich bald verrückt werde, ja, verrückt. Ich schlafe nicht mehr, ich esse nicht mehr, ich kann den Morgen nicht aushalten, wenn die Sonne aufgeht, und am Abend, wenn sie versinkt, versinke ich mit ihr. Ich weiß, dass es so nicht weitergehen kann, aber der nächste Tag ist wie der vergangene und der übernächste wie alle davor.« Sie hielt inne. »Er hat mir so leidgetan«, sagte sie.
Der Commissaris fragte: »Mussten Sie ihm denn von seinem Cousin schreiben, von den Nachmittagen in dem Zedernwäldchen und Jun Wus Annäherungsversuchen?«
»Ja, ich musste«, antwortete sie ohne Zögern. »Ich wollte, dass er mich schnell holt. Oder dass er zurückkommt.«
»Stattdessen hat er seinen Cousin geholt und noch am Tag seiner Ankunft hier ermordet«, sagte Van Leeuwen.
Ailing sah aus dem Fenster, an dem jetzt die Außenbezirke der Stadt mit ihren Konferenzhotels, Großtankstellen und Lagerhallen vorbeizogen. Es hörte sich an, als unterdrücke sie ein Schluchzen. Endlich sagte sie: »Ich weiß nicht, was er geschrieben oder am Telefon gesagt hat, aber es muss eine Lüge gewesen sein, denn wenn es die Wahrheit gewesen wäre, hätte Jun sich niemals darauf eingelassen.«
»Woher wissen Sie das?«
»Jun hat auch gesagt, er könne ohne mich nicht leben, und er war bei mir, nicht weit weg«, erklärte Ailing. »Er sagte, er liebte mich mehr als Zheng. Er sagte: Lass mich neben dir liegen und deine Nase mit meiner berühren. Mehr brauche ich nicht, um glücklich zu sein. Aber ich war streng zu ihm. Ich habe gesagt: Du weißt doch, dass das nicht geht, Jun. Ich bin mit deinem Cousin verheiratet, und ich liebe ihn auch und werde ihn immer lieben. Du darfst nicht so neben mir liegen und meine Nase mit deiner berühren, niemals, solange wir beide leben.«
»Hat er sich daran gehalten?«
Ailing schwieg. Sie sah hinaus, auf die Häuser und die Straßenlaternen, über denen der frühe Abend den Himmel verdunkelte. »Ja, er hat sich daran gehalten«, antwortete sie schließlich. »Er lag neben mir auf dem Moos im Zedernwäldchen und hat meine Nase nicht berührt. Er hat nichts von mir berührt, obwohl er immer wieder sagte: Nur ein Mal, Ailing, meine süße Taube, nur ein Mal, danach gehe ich, und du wirst mich nie wiedersehen. Aber als ich ihm wieder erklärt habe, dass es unmöglich ist, dass er einen anderen Weg finden muss, um glücklich zu werden, ist er gegangen. So sehr hat er mich geliebt.«
»Er ist gegangen, weil Zheng ihn aus China fortgelockt hat«, widersprach der Commissaris.
»Aber wenn ich ihm erlaubt hätte, neben mir zu liegen, meine Nase mit seiner zu berühren, dann wäre er nicht gegangen.« Ailing nickte und hielt den Blick danach wieder auf den Mantel und auf den Brief gesenkt. »Vielleicht hat er mich mehr geliebt als Zheng.«
»Das ist unmöglich«, sagte der Commissaris.
»Warum?«
»Weil ich es nicht glaube!«, brüllte Van Leeuwen plötzlich. »Ich glaube nicht, dass dieser Verführer Sie genauso geliebt hat wie Ihr Ehemann! Oder noch mehr!«
Ailing wandte ihm ihr Gesicht zu. Ihre Augen waren groß und noch dunkler vor Staunen. Sogar ihr Mund öffnete sich ein wenig. »Sind Sie vielleicht verrückt?«, fragte sie, und nach einer Weile dachte der Commissaris, dass die seltsamen, melodischen Laute ihrer Sprache sehr gut zum Inhalt dieser Frage passten, auch wenn er die Frage selbst nicht für angebracht hielt.
Auf der Stadhouderskade hielt er vor dem kleinen Hotel unweit des Hoofdbureaus, in dem Ailing Wu für die Zeit der Befragung und die anschließende Eröffnung des Gerichtsverfahrens untergebracht war. »Fragen Sie sie, ob sie weiß, dass ihr Mann im Rollstuhl sitzt«, forderte er die Dolmetscherin auf.
»Im Rollstuhl, aber warum?«, rief Ailing.
»Weil der Schmerz seiner Seele die Beine genommen hat«, erwiderte der Commissaris. »Ihr Mann hat sehr gelitten, er hat ein äußerst schweres Verbrechen begangen, und niemand kann sagen, ob Ihre Nasen sich je wieder berühren werden.«
Er stieg aus, um Zheng Wus Frau die Tür zu öffnen und sie ins Hotelfoyer zu begleiten. Auf den Fahrbahnen der breiten Straße neben der Singelgracht flutete der schimmernde, blinkende, lärmende Strom des Nachmittagsverkehrs, vor dessen Untiefen er Ailing behüten wollte, zumindest so lange, wie sie seiner Obhut anvertraut war. Diesmal ließ sie ihn ihren Koffer tragen, und als sie die Treppe zum Eingang des Hotels hinaufstiegen, sagte sie: »Vor einem chinesischen Gericht wäre es besser für Zheng, wenn ich ihn wirklich mit seinem Cousin betrogen hätte. Die Richter hätten viel mehr Verständnis dafür, dass er ihn getötet hat.«
»Das mag schon sein«, antwortete der Commissaris. »Aber ich fürchte, wir Holländer stehen der Idee des Verbrechens aus Leidenschaft weniger aufgeschlossen gegenüber.«
Trotzdem wünschte er sich, seine eigene Frau hätte die Annäherungen jenes geheimnisvollen Sandro während ihrer italienischen Reisen genauso entschieden zurückgewiesen wie Ailing die Versuchungen durch Jun Wu. Er hatte es sich gewünscht, als er auf die Beweise gestoßen war, und er wünschte es sich auch jetzt.