32

Der Oktoberhimmel war grau wie Wolfsfell, und ein niedriger Südwestwind trieb die Dünung der Markersee in flachen Wellen auf das Ufer zu. Der Schrei der Silbermöwen fügte dem Morgen die ersten Wunden zu. Die Farben des Tages – das Rostrot der Häuser, das matte Grün der Wiesen, das Weiß der Birken – trugen noch nicht aus eigener Kraft. Aber bald würde die Sonne aufgehen, der Himmel seinen grauen Schleier verlieren und nur noch blau sein.

Der Commissaris und seine Mannschaft waren um sieben Uhr früh aufgebrochen, und während der Fahrt durch Amsterdam und auf den ersten Kilometern in der Dunkelheit außerhalb der Stadt hatten sie nur wenig geredet. Mit dem beginnenden Tag verblasste die Armaturenbeleuchtung, und etwas später schaltete Gallo die Scheinwerfer aus.

»Kannst du mal das Radio anmachen?«, fragte Vreeling. »Ich hör gern Musik beim Autofahren.«

Gallo drehte den Einschaltknopf des Radios nach rechts, aber nichts geschah, nur ein monotones Rauschen drang aus den Lautsprechern, und auch der Zeiger bewegte sich nicht über die Skala.

»Du kannst ja selber singen«, meinte Julika.

Vreeling schloss die Augen, als müsste er diesen Vorschlag ernsthaft prüfen. Dann nickte er und sang. »Roll up«, sang er, »roll up for the magical mystery tour, step right this way«, er hob beide Hände und schüttelte sie mit gespreizten Fingern wie ein Vaudeville-Tänzer, »roll up for the mystery tour! The magical mystery tour is waiting to take you away …«

»Das reicht«, sagte der Commissaris. »Wir sind nicht auf einer Vergnügungsreise.«

»Mögen Sie die Beatles nicht?«, fragte Vreeling und versuchte es noch einmal: »Magical mystery tour ist dying to take you away, dying to take you today …«

Der Commissaris drehte sich um und sah Vreeling über die Rücklehne des Beifahrersitzes an. »Was hast du über Conrad Mueller bei den Kollegen vom Bezirk Steenwijkerland in Erfahrung gebracht?«

Vreeling ließ die Hände sinken. »Nichts. Vor fünfundzwanzig Jahren sind die alle noch in kurzen Hosen herumgelaufen.«

»Ist ihr Archiv auch in kurzen Hosen herumgelaufen?«, fragte Gallo.

»Die Akten waren im Keller gelagert und sind bei einer Überschwemmung vernichtet worden.«

»Und die Medien – Zeitung? Rundfunk?«, erkundigte sich der Commissaris.

»Die Redakteure des Steenwijkerland Express haben wahrscheinlich die kurzen Hosen der Polizisten aufgetragen«, antwortete Julika, »und beim Nieuws TV Steenwijk haben sie nicht mal ein Archiv.«

Der Commissaris drehte sich wieder nach vorn. »Dann müssen wir bei Conrad Mueller ansetzen, bei seinen Freunden und Verwandten, den Kollegen bei der Feuerwache in Steenwijk. Wie heißt der zuständige Brandschutzleiter?«

»Mit denen habe ich schon gesprochen«, sagte Hoofdinspecteur Gallo. »Offenbar erinnert jeder sich an Conrad Mueller, aber der, der ihn am besten kannte, war sein Vorgesetzter, Cor de Boer. Mijnheer de Boer ist inzwischen pensioniert, aber er lebt noch. Er wohnt in einem kleinen Dorf in der Nähe von Steenwijk.«

Es wurde jetzt schnell hell. Die Sonne hatte ein Loch in der grauen Wolkendecke gefunden, und die weite Fläche der See, hier und da getüpfelt vom fleckenlosen Weiß schwimmender Möwen, breitete sich links von der Straße aus.

»Roll up, roll up for the mystery tour«, sang Vreeling ganz leise. »The magical mystery tour …« Seine Stimme erstarb, und auch sonst sagte niemand mehr ein Wort.

Sie fuhren, ohne viel zu reden. Eintönig zogen Stromdrähte sich von Mast zu Mast, über einem Fleckenteppich von abgeernteten Feldern und Äckern, in dem rot geziegelte, reetgedeckte Gehöfte mit Misthaufen vor den Küchenfenstern und Milchkannen im Schatten der Bretterscheunen anheimelnde Inseln bildeten. Pappeln standen mit silber flirrenden Blättern vor dem blauen Himmel; ungemähte Wiesen zerflossen in wogendem Grün. Bewässerungsgräben durchschnitten das Land, und immer wieder drang der Geruch von Dung und Mist in den Wagen.

Stämmige Mühlen schlugen mit trägen Flügeln Räder im Wind. Schnell wie in einem Videoclip jagten Wolkenfetzen unter der Sonne durch, und das Land schien zu flackern, es wurde abwechselnd dunkel und wieder hell. In der einen Sekunde wirkte alles wie ein unterbelichtetes Foto, und dann, im nächsten Moment, begann es zu gleißen und zu funkeln, jeder Graben, jede Pfütze, bis Vreeling sang: Lucy in the Sky with Diamonds, und niemand sagte, er solle still sein.

Um kurz vor neun erreichten sie das Dorf, in dem Cor de Boer lebte. Der Commissaris fuhr das Fenster herunter. Die Luft roch nach feuchter Erde und frisch gemähtem Gras. Aus dem Schornstein eines Gehöftes stieg ein dünner Rauchfaden, lang und straff, als hielte er einen Papierdrachen.

Ein Schlagloch im Asphalt versetzte dem Wagen einen Stoß. Der Auspuff begann zu klappern und hörte nicht wieder auf. Das Geräusch erinnerte Van Leeuwen an das morgendliche Scheppern von Milchkannen, an das Rattern von Erntewagen und an Hufschlag auf hart gefrorenem Boden. Mit diesen Lauten gingen Gerüche und Bilder einher, die jahrelang nur eine Erinnerung gewesen waren – Schweine in einem Koben, runzelige Bäuerinnenhände an einem rosa geblähten Euter, die ahnungsvolle Unruhe des Viehs am Schlachttag.

Als die ersten Häuser des Dorfes zu sehen waren, wurde alles noch deutlicher, die Bilder standen nicht mehr, sondern liefen, vierundzwanzig in der Sekunde, Leben auf dem Land, alles, was er schon als Junge unbedingt hinter sich hatte lassen wollen: in jeder Himmelsrichtung nur ein Anblick, das ganze Leben lang. Man ging die Dorfstraße hinunter, es war Sonntagvormittag im Frühling oder Sommer oder Herbst, und die Männer und manchmal auch die Frauen saßen vor den Häusern auf den Holzbänken, keiner redete. Alle blinzelten schweigend ins Licht der Sonne, als wären sie aus altem, verwittertem Holz geschnitzt.

Das Dorf bestand nur aus zwei Häuserzeilen, die sich gegenseitig mit dunklen Fenstern ohne Vorhänge betrachteten. Rotbraune, im Blockverband gemauerte Steinfassaden endeten unter Schieferdächern in spitzen Giebeln, rechts und links verwachsen mit identischen Nachbarhäusern. Pflastersteingassen führten von der Hauptstraße zwischen Garagen und rückwärtig gelegenen Gärten zu schlichten Feldwegen, an deren Ende die letzten Höfe lagen.

Die Polizisten in dem schwarzen VW Golf aus dem Fuhrpark des Hoofdbureaus fuhren langsam über die menschenleere Hauptstraße. Das Scheppern des Auspuffs wurde von den Hausmauern zurückgeworfen. Sie passierten eine kleine Kirche, dann ein Lebensmittelgeschäft, einen Laden für Angelgeräte, Tierfutter und landwirtschaftliche Geräte und einen Kiosk mit Lotto- und Postannahmestelle, bis sie den Gasthof erreichten. Das Metallschild mit der verblichenen Abbildung eines ehemals hellbraunen Hasen über der Tür schlug knarrend im Wind hin und her.

Gallo steuerte den Golf an den Straßenrand, und die Polizisten stiegen aus. An das Fenster des Gasthofs war von innen mit Tesafilm ein Stück Pappe geklebt, dessen Beschriftung die Sonne ausradiert hatte. Gallo drückte die Türklinke hinunter. Die Tür war verschlossen. Eine Klingel gab es nicht. Die Polizisten gingen um das Haus herum, durch eine winzige, dunkle Gasse. Sie stießen auf einen kleinen Hof, in dem sich aufgeweichte Pappkartons, Träger mit leeren Heineken- und Genever-Flaschen und ausrangiertes Mobiliar stapelten. Ein Mann in einem schmutzigen Overall beugte sich über den Motor eines roten Ford Mondeo. Mit einem Arm hielt er die Motorhaube hoch, mit dem anderen maß er den Ölstand.

Hoofdinspecteur Gallo rief: »Entschuldigen Sie, wo finden wir Mijnheer de Boer?«

»Das letzte Haus links«, rief der Mann, ohne aufzuschauen.

Der Commissaris ging zurück zur Hauptstraße. »Ich rede mit De Boer, ihr nehmt den Wagen und fahrt nach Steenwijk und schaut, ob ihr sonst noch jemanden findet, der uns etwas über Conrad Mueller und den Mord sagen kann. Ich rufe euch an, wenn ihr mich abholen sollt.«

Hoofdinspecteur Gallo, Inspecteur Vreeling und Brigadier Tambur stiegen wieder in den schwarzen Golf, und Van Leeuwen ging weiter die Straße hinunter bis zum letzten Haus links, in dem der Mann wohnte, der das erste Opfer des Plastiktütenmörders gekannt hatte. Während er ging, dachte er, dass er dieses Wort noch nie benutzt hatte, der Plastiktütenmörder, noch nicht einmal in Gedanken.

Das Haus stand allein und etwas abseits von den anderen. Vielleicht lag es an den zugezogenen Gardinen hinter den Fenstern, dass der Commissaris den Eindruck hatte, als wappnete es sich mit misstrauischem Schweigen gegen seinen Besuch. Der Schornstein hatte kürzlich eine neue Abdeckung aus Eisen bekommen, dafür bedurften die weißen Fensterrahmen dringend eines frischen Anstrichs. In dem kleinen, von einem Maschendrahtzaun eingefassten Garten warf eine alte Esche ihren Schatten auf einen Tisch mit einer Holzbank und eine leere Wäscheleine. Neben der Esche kauerte ein Holzschuppen, dessen Tor offen stand. Drei Hammerschläge zerbrachen die Stille, ein Nagel klirrte auf einen Steinboden.

Der Commissaris klopfte an die Tür des Schuppens. Im Halbdunkel erkannte er einen schlanken, leicht gebeugten Mann, der sich nach dem heruntergefallenen Nagel bückte. »Mijnheer de Boer?«, fragte er.

Cor de Boer war nicht sehr groß, und er war auch nicht so kräftig, wie man sich einen Feuerwehrmann vorstellte, der mit einer Axt in der Faust in ein brennendes Haus eindrang oder einen Bewusstlosen aus den lodernden Flammen rettete. Er trug eine Brille mit Metallfassung, und zwischen den schütteren weißen Haaren schimmerte die mit kleinen Leberflecken übersäte Kopfhaut. Scharf zeichneten sich die Schulterknochen unter dem einfachen gelben Baumwollhemd ab. Die ausgebeulte Leinenhose wurde von Hosenträgern an Holzknöpfen gehalten. Er richtete sich wieder auf, drehte sich zur Tür um und blinzelte in die Helligkeit. »Ich bin mit der Kiste schon fast fertig«, sagte er. »Ich muss nur noch den Deckel zurechtsägen, und dann brauche ich ein Schloss. Und dann mache ich neue Fensterläden.«

Der Commissaris erklärte: »Mein Name ist Bruno van Leeuwen. Ich bin Polizeibeamter in Amsterdam. Wir untersuchen den Tod von Conrad Mueller.«

»Wer ist tot?«

»Conrad Mueller, Sie waren zusammen bei der Feuerwehr von Steenwijk.«

»Ach, Mueller, ja … Das ist aber schon lange her.« De Boer trat an Van Leeuwen vorbei auf den Hof, und jetzt konnte der Commissaris sehen, dass ein Teil seiner Gesichtshaut auf der linken Wange aus vernarbtem, totem Gewebe bestand. Es war heller als der Rest, mit braun-rötlichen Rändern und sah künstlich aus, wie eine nur halb fertiggestellte Maske. Dem Rest hatte das Alter zugesetzt, das einen Menschen zuverlässiger in Asche verwandelte als jedes Feuer.

»Sie erinnern sich also an ihn?«, hakte Van Leeuwen nach.

»An Mueller? Natürlich, jeder hier erinnert sich an ihn. Er war … es war schrecklich, was mit ihm passiert ist. Schrecklich. Leider habe ich keine Zeit. Heute ist der Todestag meiner Frau, und ich muss auf den Friedhof. Kommen Sie heute Nachmittag wieder.«

»Wann heute Nachmittag?«

»In ein paar Stunden, nicht zu früh. Ich gehe allein zum Grab. Ich kann Sie nicht mitnehmen.«

»Das verstehe ich.« Van Leeuwen nickte. Er machte kehrt und ging den Weg, auf dem er gekommen war, weiter, bis er eine Wiese erreichte. Er ging an der Wiese entlang, und hinter der Wiese begann ein Waldstück, und er ging eine ganze Weile durch den Wald und dachte an nichts. Als er hungrig wurde, sah er auf die Uhr und wunderte sich, wie spät es schon war. Er beschloss umzukehren. Er traf zur selben Zeit wie Cor de Boer bei dem letzten Haus auf dieser Seite des Dorfes ein.

»Kommen Sie.« De Boer ging voran zur Hoftür des Hauses und stieg mühsam die drei Steinstufen hinauf, die schon im Schatten lagen. In der Diele herrschte Kühle, und es roch nach Essen. Aus der Küche hinter einer angelehnten Tür drang das Klirren von Pfannen und Töpfen; heißes Fett zischte.

Der Commissaris fragte: »Was können Sie mir über ihn sagen? Über Mijnheer Mueller?«

De Boer führte Van Leeuwen durch die dunkle Diele in das Wohnzimmer. »Haben Sie schon mit den anderen gesprochen?«

»Welchen anderen?«

»Die mit ihm in dem Haus waren.«

Ein süßlicher Blumengeruch schwebte in dem kaum geheizten Raum, dazu die schale Ausdünstung von alten, ungelüfteten Teppichen und kaltem Zigarrenrauch. De Boer ging zu einem der Fenster, zog die Gardine beiseite und öffnete die von getrockneten Regentropfen fast undurchsichtigen Flügel. Sonnenschein fiel auf die ausgeblichenen Läufer und eine mit abgesessenen Schutzbezügen verhüllte Polstergarnitur. Die Schmiedeeisenschlösser einer grün gestrichenen und mit Blumenmustern verzierten Bauerntruhe fingen das Licht aus der Luft und verwandelten es in stumpfen Glanz. Auf der Kommode hing ein großer beleuchtbarer Globus in schräger Axialbefestigung an einem Messingständer. Ein großes Holzkreuz schien sich von einer der weiß gestrichenen Wände zu neigen.

»In welchem Haus?«, fragte der Commissaris.

De Boer ging leicht gebeugt auf den Esstisch in einem Alkoven am anderen Ende des Raumes zu. »Sind Sie nicht wegen dem Haus hier? Ich dachte, es ginge um das Haus und die toten Kinder.« Er sah auf seine Armbanduhr. »Ich esse gern zeitig, solange es noch hell ist. Sie mögen doch polnische Küche?«

»Ich bin nicht zum Essen hier«, erwiderte der Commissaris. »Ich möchte, dass Sie mir erzählen, wie Conrad Mueller gestorben ist.«

»Er ist an dem Nachmittag gestorben, an dem er die Kinder gefunden hat«, sagte De Boer.

»1983«, sagte der Commissaris, »am dritten Oktober?«

»Nein, nein, das war 1966«, widersprach De Boer. »Er und die anderen wurden zu dem Brand gerufen. Ich dachte, Sie hätten schon mit den anderen gesprochen.« Er griff nach einer Klingel, die auf dem Tisch stand, und schüttelte sie heftig. »Setzen Sie sich doch«, meinte er. »Sie haben bestimmt Hunger! Meine Frau ist tot, aber ich habe eine Haushälterin. Das Essen muss gleich fertig sein. Es gibt Piroggen. Sonia kommt aus Krakau, das ist in Polen. In der Toilette im Flur können Sie sich die Hände waschen.« Zum ersten Mal sah er den Commissaris mit wässerigen blauen Augen direkt an, und Van Leeuwen begriff, dass De Boer für seine Auskunft etwas haben wollte, das leicht zu geben war.

Der Commissaris wusch sich die Hände, und als er ins Zimmer zurückkehrte, hatte die Haushälterin den Tisch gedeckt. Die mit gebratenem Brühfleisch und Zwiebeln gefüllten Teigtaschen dufteten würzig. Van Leeuwen setzte sich. Der alte Feuerwehrmann aß hastig, eine Gabel voll und noch eine. Nach ein paar Bissen verzog sich sein Mund, und er ließ die Gabel auf den Tellerrand klirren. Er seufzte. »Angebrannt!«, stieß er hervor, dann rief er: »Sonia!«

Die Haushälterin erschien in der Tür. »Die pierogi sind versalzen!«, raunzte De Boer. »Versalzen und angebrannt! Und dann auch noch mit Margarine bestrichen!«

»Womit hätte ich sie denn sonst bestreichen sollen?«, fragte die Haushälterin mürrisch.

»Brandsalbe!« Der alte Feuerwehrmann schüttelte den Kopf und aß weiter. »Wo waren wir stehen geblieben?«

»Conrad Mueller und die anderen Männer, die mit ihm Dienst hatten, wurden zu einem Brand gerufen«, erinnerte der Commissaris De Boer. »Waren Sie auch dabei?«

»Nein, meine Schicht war schon zu Ende«, antwortete De Boer. »Ich habe am Abend davon gehört. Jeder hat davon gehört, es wurde über nichts anderes geredet an dem Abend und die ganzen nächsten Tage. Genau genommen wurde jahrelang über nichts anderes geredet als über den Balkon mit den toten Kindern. Und als die Frau dann vor Gericht gestellt wurde, ging das Ganze wieder von vorn los, nur nicht für Mueller, der hat auch ohne das immer wieder davon angefangen, bis zu seinem Tod. Er konnte es einfach nicht vergessen. Er wusste, dass er es nie vergessen würde, solange er lebte. Deswegen wollte er ja sterben. Wegen der Kinder in den Blumentöpfen.«

Das Gemälde in Van der Meers Büro: Babys, die in Blumentöpfen steckten.

Der alte Feuerwehrmann wischte sich den Mund ab und ließ den Teller halb leer gegessen stehen. »Haben Sie davon nichts gehört? Es war in allen Zeitungen, und im Fernsehen. An so was muss sich ein Polizeibeamter doch erinnern …«

»1966 war ich kein Polizeibeamter«, erwiderte Van Leeuwen. »Ich war dreizehn Jahre alt, und da, wo ich herkomme, las man nicht viele Zeitungen, und Fernsehen gab es schon gar nicht.« Ich war in ein blondes Mädchen in einem roten Anorak verliebt, dachte er, das im strömenden Regen auf einem Fahrrad vorbeifuhr.

»Das war eine der Sachen, die man nie vergisst«, fuhr De Boer leise fort, »niemand, der ein Mensch sein will – selbst wenn Mueller nicht dauernd davon gesprochen hätte. Seine Frau konnte es nicht mehr ertragen, irgendwann ist sie auf und davon, und sogar sein Sohn … Ich habe gehört, er hat ihn manchmal mitten in der Nacht geweckt, um ihm davon zu erzählen. Selbst als der Junge noch klein war, hat er ihn geweckt, weil er mit irgendjemand reden musste, weil er es nicht mehr allein ertrug. Wissen Sie, wie die, die in den Lagern waren und Angst hatten, dass die Menschen vergessen könnten. Dass sie alles vergessen. Tja, und irgendwann konnte der Junge es nicht mehr hören. Er bekam Angst vor den Nächten, in denen er geweckt wurde und in denen sein Vater bei ihm auf der Bettkante saß und sagte: Ich ersticke, ich kann nicht mehr …«

De Boer betrachtete seinen Teller, nahm die Brille ab und rieb sich die Augen. Schließlich stand er auf, holte eine Flasche Genever und zwei Gläser aus einer Glasvitrine zwischen den Fenstern und stellte sie auf den Tisch. »Zigarre?«, erkundigte er sich.

Van Leeuwen winkte mit vollem Mund ab, denn ihm schmeckten die Piroggen. Zu der Flasche und den Gläsern gesellte sich eine Zigarrenkiste.

De Boer setzte sich wieder. »Stört Sie doch nicht beim Essen?«

Der alte Feuerwehrmann kappte die Spitze der Zigarre, setzte die Tabakblätter in Brand; blauer Rauch stieg in die Strahlen der bereits tief stehenden Sonne. Danach schenkte er die Gläser halb voll mit Genever. »Cheers«, sagte er und hob sein Glas. Van Leeuwen schluckte und musste einsehen, dass die Mahlzeit zu Ende war. Er stieß mit De Boer an und trank.

»Ja, also«, nahm Cor de Boer schließlich den Faden wieder auf, »wie gesagt, ich weiß das alles nur aus zweiter Hand, wie es damals losging, am späten Nachmittag, wie der Feueralarm schrillte. Die Männer wurden zu einer Wohnung in einem nahe gelegenen Weiler gerufen. Eigentlich waren es nur ein paar Häuser, ein Katzensprung von Steenwijk entfernt. Eine Frau sah Rauch aus einer Wohnung im zweiten Stock des Nachbarhauses quellen. Als die Männer dort ankamen, hatte die Mieterin der Wohnung das Feuer schon selbst erstickt, aber es gab noch immer Rauchentwicklung. Die Männer befürchteten, es könnte sich vielleicht um einen Schwelbrand handeln, und die Mieterin schien nicht ganz bei sich zu sein, als wäre sie betrunken oder stünde unter Drogen. Deswegen verschafften die Männer sich Zutritt zu der Wohnung. Sie stellten fest, dass die Frau versucht hatte, in der Küche Handtücher zu verbrennen, blutige Handtücher. Auf der Anrichte lag ein Paket mit Windeln. Es gab auch ein Milchfläschchen auf dem Küchentisch und Dosen mit Babynahrung in einem Regal und noch weitere Hinweise darauf, dass die Frau nicht allein lebte, obwohl sie das behauptete.«

De Boer sah zum Fenster hinüber, vor dem die Büsche des Gartens im auffrischenden Wind hin und her schlugen. Er hielt die Zigarre, ohne daran zu ziehen. Irgendwo bellte ein Hund, und noch weiter entfernt erklang eine Autohupe, sonst herrschte Stille, bis auf den Wind und die raschelnden Büsche.

»Plötzlich hörten die Männer ein Geräusch auf dem Balkon, oder vielleicht bildeten sie sich auch nur ein, das Geräusch gehört zu haben. Es klang wie ein ersticktes Wimmern. Einer, Conrad Mueller, ging auf den Balkon hinaus. Es war ein warmer Septemberabend, und da stand ein Gartentisch, und daneben lag ein umgekippter Stuhl, als wäre jemand abrupt aufgesprungen, weil er ganz plötzlich eine Idee gehabt hatte für etwas, das er unbedingt sofort erledigen musste. Auf dem Tisch lag ein Päckchen Zigarettentabak zum Selberdrehen, und ein Berg Kippen quoll über den Aschenbecherrand, alle mit Lippenstift am zerquetschten Papier. Und dann standen da noch eine halb volle Flasche Wodka und ein Glas. Ich weiß das alles so genau, weil es immer wieder in Muellers Erzählungen auftauchte, immer wieder, in genau der Reihenfolge. Mueller war ein ordentlicher Mann, ein sehr ordentlicher Mann. Deswegen bückte er sich, um den Stuhl aufzuheben und bei der Gelegenheit auch noch die Bierflaschen, die da herumlagen, gleich neben einem großen Sack mit Blumenerde. Etwas Blumenerde war auf den Boden des Balkons verschüttet, da lag auch eine kleine Schaufel, und auf der Brüstung des Balkons standen mehrere Blumentöpfe, elf oder zwölf, als sollten sie noch etwas von der Sonne abkriegen. Tja, und da hörte er es wieder.«

De Boer schwieg, und Van Leeuwen schwieg auch. Die Sonne war hinter den Bäumen weiter draußen untergegangen, und es wurde dunkel und kühl im Wohnzimmer. De Boer leerte sein Glas und griff nach der Flasche, um sich nachzuschenken. Seine Lippen glänzten feucht.

»Was hörte er?«, fragte der Commissaris.

»Das Wimmern«, antwortete De Boer. »Das Winseln. Aus einem der Blumentöpfe. Es klang wie das Greinen eines Babys, eines Neugeborenen. Er traute seinen Ohren nicht, denn nirgendwo war ein Kind zu sehen. Auch nicht unten, im Hof vor dem Balkon. Es gab einen Baum, doch in dem Baum saßen keine Vögel oder kleine Tiere, die so einen Laut von sich gegeben haben könnten. Hinter dem Hof und dem Baum kam eine Wiese, sonst nichts, kein Weg, auf dem jemand vielleicht einen Kinderwagen schob. Dann fiel sein Blick auf die Blumentöpfe, und er sah, dass in einem davon die Erde frisch war, noch dunkel und feucht, und immer, wenn er davon erzählte, brach an dieser Stelle jedes Mal seine Stimme, und er konnte nicht mehr weiterreden. Er fing an, die Erde aus dem Blumentopf zu klauben, mit einer Hand, mit den Fingerspitzen. Mit der anderen Hand hielt er den Tontopf fest, und die Erde ließ er auf den Boden fallen, und er sah nichts anderes mehr und hörte auch nichts, und er war so vorsichtig, als müsste er eine Bombe entschärfen, und auf einmal kam unter der Erde ein kleiner Kopf zum Vorschein, der Schädel eines Babys. Er legt den Kopf frei, das Gesicht, die winzigen geschlossenen Augen, die kleine Nase, und als er zum Mund kommt, sieht er, dass die Lippen sich bewegen, sie geben leise, ächzende Laute von sich, und alle Kraft verlässt ihn. Er kann nur noch den Topf halten, aber sich selbst nicht mehr, er bricht in die Knie, da auf dem Balkon, so hat man es mir erzählt. Dabei reißt er einen anderen Blumentopf von der Balustrade. Der Topf fällt auf den Steinboden und zerspringt, und da, in der Erde, die zwischen den Wurzeln einer weißen Lilie hervorbröselt, liegt der Kadaver eines anderen Neugeborenen, aber das ist schon tot, das lebt nicht mehr. Es lebt nur das Baby in dem Topf, den Mueller in den Händen hält, den er umklammert. Es lebt und wimmert.«

De Boer holte tief Luft; die Zigarre zwischen seinen Fingern war inzwischen ausgegangen. »Sie hatte es gerade erst begraben, lebendig, und vielleicht waren auch die anderen sieben noch lebendig gewesen, als sie sie in den Blumentöpfen auf ihrem Balkon verscharrt hatte. Sechs davon waren bereits zu Skeletten geworden. Sieben kleine Leichen, in deren Gesellschaft sie trank und rauchte und die Herbstsonne genoss wie im Kreis einer Familie. Das älteste Skelett war fünfzehn. Fünfzehn Jahre hatte es in der Erde gelegen, sagten die Gerichtsmediziner. Und Conrad – ich glaube, was ihn so fertiggemacht hat, war, dass er selbst gerade erst Vater geworden war, nur wenige Tage vorher. Das hat er seinem Sohn immer wieder erzählt, nachts, auf der Bettkante, dass der Junge, den er gerettet hatte, fast in seinem Alter war …«

Babys, die aus Blumentöpfen wuchsen. Babys, die in blutigen Windeln über den Boden krochen. Babys, die in einen Fleischwolf gestopft wurden.

Der Commissaris spürte, wie sein Nacken zu schmerzen begann, als wäre die Anstrengung, seinen Kopf zu halten, zu groß: den Kopf und die Bilder darin. Er trank den Genever in kleinen Schlucken, bis sein Glas ebenfalls leer war, und dann schenkte De Boer auch ihm nach, wogegen er nichts einzuwenden hatte. Der Genever schürte das Feuer des Zorns in seinem Inneren, das sich von selbst entzündet hatte, ohne dass es ihm aufgefallen war.

Da saß er hier im Dunkeln, trank und lauschte der leisen Stimme des alten Feuerwehrmannes, der von den schrecklichen Taten einer einsamen, verwirrten Frau berichtete, und sein Zorn richtete sich gegen diese Frau als Stellvertreterin aller ungreifbaren Mächte, die nach Gutdünken in das Leben der Menschen eingriffen, es manipulierten, in neue Kanäle lenkten oder, je nach Gegebenheiten, auch beendeten. Nein, nicht Mächte, verbesserte er sich – Menschen, die alles befleckten und am meisten sich selbst. Menschen, die sich in Mörder verwandelten, aus welchen Gründen auch immer.

Das Zimmer wurde jetzt nur noch durch das schwache Licht erleuchtet, das aus der Küche in die Diele fiel. Van Leeuwen spürte, wie das Handy in der Brusttasche seines Jacketts vibrierte. Jetzt nicht, dachte er. Er blickte auf die Uhr, aber er konnte die Zeiger nicht erkennen. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte er, holte das Handy heraus und sah, dass es Gallo war, der ihn zu erreichen versuchte. Er schaltete den Apparat aus. »Was wurde aus dem Kind?«, fragte er.

De Boer beugte sich vor, suchte die Streichhölzer auf dem Tisch und zündete die Zigarre wieder an. »Die Männer brachten es ins Krankenhaus, wo es in einen Brutkasten kam oder was immer man mit Babys macht, die ihre Mutter kurz nach der Geburt unter einer Decke erstickt und dann in einem Blumentopf begräbt. Eine Zeit lang stand es auf der Kippe, aber der Lebenswille war sehr stark. Der Junge hat es geschafft.«

»Und als Conrad Mueller starb, war er allein?«, fragte der Commissaris. »Seine Frau und sein Sohn hatten ihn verlassen?«

»Sein Sohn kam noch manchmal, in den Ferien.« Die Zigarrenglut leuchtete auf und wurde schwächer und leuchtete wieder auf.

»Wissen Sie vielleicht, wo sie sich jetzt aufhalten?«

»Ich habe gehört, die Frau wäre inzwischen auch tot. Und der Sohn – keine Ahnung …«

»Mueller ist kein seltener Name. Wie hieß der Junge mit Vornamen?«

»Roelof, glaube ich. Ja, Roelof Mueller. Aber wenn Sie nicht deswegen gekommen sind, wenn Sie nicht wegen der toten Kinder mit mir über Conrad reden wollten, weswegen dann?«

»Wir glauben, dass er ermordet worden ist«, erklärte der Commissaris, »und ich dachte, Sie könnten vielleicht etwas Licht ins Dunkel bringen.«

Das Zyklopenauge der Zigarre blinzelte. »Conrad? Ermordet? Vom wem denn?«

»Ich hatte gehofft, das könnten Sie mir sagen.«

Der alte Feuerwehrmann dachte nach. Dann sagte er: »Es war das Haus. Das Haus und die Kinder. Es waren die Kinder.« Er beugte sich vor, auf den Commissaris zu. »Wissen Sie, Mijnheer, ich bin froh, dass ich nicht mehr sehr lange habe, höchstens noch ein paar Jahre. Warum lebt man eigentlich immer weiter, können Sie mir das erklären? Wenn ich mir die Welt so anschaue – glauben Sie, dass es in ein paar Jahren noch sehr viele Leute geben wird, die man kennen möchte?«

»Es gibt jetzt schon ziemlich wenige«, antwortete Van Leeuwen.

De Boer nickte. Er stand auf und ging im Dunkeln zu der Bauerntruhe, wo er die Glühlampe im Inneren des Globus einschaltete. Die Erdkugel leuchtete in grünlichen Aquariumfarben. Ein Widerschein davon fiel auf das Gesicht des alten Mannes. »Das ist sie«, sagte er, »darauf gibt es das alles. Schauen Sie her, sehen Sie genau hin: Das, verdammt noch mal, ist sie!« Damit versetzte er der Kugel einen leichten Stoß, damit sie sich drehte. »Das ist sie!« Als sie langsamer zu werden begann, stieß er sie erneut an. Mit immer rascheren Schlägen trieb er sie zu immer schnelleren Umdrehungen, und dabei rief er: »Schauen Sie her, schauen Sie! Schauen Sie, das ist sie …!«