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Manchmal mitten in der Nacht wusste Brigadier Julika Tambur nicht mehr, was noch wirklich war. In ihrem Kopf lief ein Videorekorder, der alles aufzeichnete, was sie hörte und sah, und nie wieder löschte. Sie brauchte bloß den Play-Knopf zu drücken, und sie konnte es wieder sehen und hören, und oft drückte sie den Knopf nicht einmal und sah es trotzdem. Sie dachte, dass man das Unabwendbare verhindern könnte und dass man Mitschuld hatte, wenn es doch geschah. Sie suchte die Stelle, an der man die Ereignisse aufhalten oder ihnen eine andere Richtung geben konnte.
Ein Videorekorder im Kopf, tausend Bänder im Herzen, mindestens. Sie saß an Muriel Brautigams Bett und sah zu, wie Muriel in ihrer eigenen Lunge ertrank, und dachte: Ich nenne dich lieber Muriel. Sie wollte nicht durcheinanderkommen. Außer Muriel sah sie nämlich noch ihre Mutter, dann ihre Schwester. Sie lagen auch in dem Bett, im Schatten außerhalb des Lichtkreises der kleinen Nachttischlampe.
Ihr Vater saß auf der anderen Seite des Bettes. Sie konnte ihn sehen, obwohl der Hocker da drüben leer war. Fast konnte sie sogar den faden Alkoholdunst riechen, der ihn auch Stunden nach dem Unfall noch umgab; den ranzigen Schweißgeruch der Schuld. Sie konnte ihn leise weinen hören, stockend, keuchend, und sie spürte das Eis in ihrer Brust.
Ein Beatmungsgerät zischte leise, es pumpte Luft in Muriels Lungenflügel, in denen die Flüssigkeit immer höher stieg. Nadeln an dünnen Schläuchen steckten in den abgemagerten Armen und den skelettartigen Händen. Langsam tröpfelte Flüssigkeit durch diese Schläuche, voll mit farbloser Nahrung, die Muriel nicht wollte. Ihre Lider lagen auf den Augen wie tote Haut. Darunter bewegten sich die Augäpfel hin und her, von rechts nach links und zurück; sie suchten einen Ausweg, selbst im Schlaf, und Julika suchte mit ihr.
Außer dem Zischen des Respirators und dem leisen Piepsen des Herzmonitors drangen noch andere Geräusche in das Zimmer: der Wind, der Regenböen durch die Nacht jagte, und das Krachen und Klatschen des Meeres in den Dünen und manchmal das Kreischen des Wetterhahns auf dem Dach. Aber es war seltsam, sie hörte dazu noch die Tonspur von der Videokassette, das Weinen ihres Vaters. Julika dachte nicht, dass sie in Gefahr war. Sie sah sich nicht als jemand, der in Gefahr geriet, nicht einmal nachts allein in einer Sterbeklinik, in der sie jemanden davor beschützen sollte, getötet zu werden. Sie war seit drei Stunden hier. Nachdem sie Tons Anruf bekommen hatte, war sie sofort losgefahren, durch den Regen, der nicht aufhören wollte. Sie sah ihn noch gegen die Windschutzscheibe pladdern, dick wie flüssiges Glas, sodass die Scheibenwischer kaum gegen die Fluten ankamen. Sie hörte das harte Klackern der Tropfen und Tons Stimme: Du musst sofort rausfahren zu Doktor Death, eine Patientin braucht Personenschutz. Sie heißt Muriel Brautigam. Stell jetzt keine Fragen, setz dich einfach an ihr Bett.
Und dann: Jemand hat versucht, Bruno umzubringen, mit einer Plastiktüte, aber es ist nichts passiert, Bruno lebt. Immer wieder hörte sie das, jemand hat versucht, Bruno umzubringen … Bruno umzubringen … Bruno umzubringen, aber sie sah es nicht. Stattdessen sah sie Bruno, wie er in der Nacht nach dem Tod seiner Frau gewesen war. Wie sie ihm die Pistole weggenommen hatte, wie sie sich abgemüht hatte, ihn wieder nüchtern zu bekommen, mit Kaffee und kaltem Wasser.
Schließlich sah sie die Klinik im Licht ihrer Scheinwerfer; große Nässeflecken hatten sich auf der Fassade gebildet. Sie stieg aus und rannte, die Fleece-Jacke über den Kopf gezogen, zum Eingang und drückte die Nachtklingel, immer wieder und jedes Mal länger, so lange, bis eine Schwester an die Tür kam. Julika zeigte der Schwester ihren Ausweis und verlangte, sofort zu Muriel Brautigam gebracht zu werden. Ich muss erst Doktor van der Meer fragen, erklärte die Schwester, und Julika sagte: Später, wenn ich weiß, dass Mevrouw Brautigam noch lebt. Und dabei dachte sie, jemand hat versucht, Bruno umzubringen, der Plastiktütenmörder, dachte sie, und er ist entkommen. Deswegen bin ich hier.
Sie sah sich, wie sie mit der Nachtschwester durch das Treppenhaus lief, den dunklen Gang zu Muriel Brautigams Zimmer entlang, wie sie, ohne anzuklopfen, in den winzigen Raum stürzte. Sie sah Muriel in ihrem von schwachem Licht beschienenen Bett. Sie lebte, sie war noch nicht tot, und es hatte auch niemand versucht, sie umzubringen. Dann stürmte Doktor Death in den Raum, hastig angezogen, aber hellwach, mit zornigen Augen, genau wie der Commissaris ihn beschrieben hatte, eine eindrucksvolle Szene: Sie hörte seine leise, aber scharfe Stimme und wie sie selbst sich stur stellte, nicht taub, nur stur, und mitten in der Nacht wurde man damit sogar jemand wie ihn los; er konnte ja nichts unternehmen.
Muriel zitterte im Schlaf, ihr Körper krümmte sich. Julika dachte: Sie ist nicht viel älter als ich, und alles, was ihr noch vom Leben bleibt, sind unerträgliche Qualen. Sie wusste – sie wusste es genau –, dass sie diesen Moment gerade in ihre Videothek aufnahm und dass sie ihn immer wieder sehen würde, ob sie wollte oder nicht. Sie würde sich fragen: Was hast du getan? Hättest du nicht etwas unternehmen sollen, genau jetzt, und scheiß drauf, was hinterher irgendjemand sagt?!
Sie stand auf und beugte sich über Muriel, deren Augen unter den angespannten, muschelglatten Lidern hin- und herzuckten. Ich kann dir helfen, dachte Julika. Sie berührte den Knopf, mit dem man den Herzmonitor an- und ausschaltete. Sie legte einen Finger auf den On / Off-Schalter des Respirators. Sie nahm den dünnen Infusionsschlauch zwischen Daumen und Zeigefinger und fuhr sanft daran herunter bis zu der Nadel, die in Muriels zerstochene Venen führte.
Ich kann dir helfen. Ich kann dir deinen Wunsch erfüllen. Ich kann dich erlösen. Aber wenn ich es tue, bin ich nicht mehr dieselbe; nicht mehr die, die ich vorher war, egal, wer ich war. Ich muss die ganzen Bänder neu sichten, und vielleicht kann ich danach auch keine Polizistin mehr sein, und das ist alles, was ich immer sein wollte.
Julika fragte sich, was sie gewollt hätte, wenn sie Muriel gewesen wäre. Sie stellte fest, dass sie sich das nicht vorstellen konnte: so krank zu sein, solche Schmerzen zu erleiden, dass sie sich nur noch danach sehnte zu sterben. Angewiesen zu sein auf das Mitleid von Fremden. Keine Zukunft mehr zu haben, all die Jahre, die sie vor sich spürte, plötzlich weggewischt. Auf einmal kam sie sich schäbig vor, undankbar. Sie konnte gehen, klettern, schwimmen, aber all das war ihr nichts wert; sie lief einem Mann nach, der seine Frau verloren hatte. Der sie nicht wollte.
Muriel hat den Stolz, um ihren Tod zu bitten; sie will in Würde sterben. Wenn du ihr hilfst, wirst du vielleicht ein besserer Mensch. Der Mensch, der du immer sein wolltest. Sie beugte sich tiefer, ganz dicht zu Muriel, als wollte sie für sie atmen – und dann aufhören, wenn sie den Wunsch verspürte.
Julika hörte ein neues Geräusch, das sie noch nicht kannte. Sie blendete das Zischen und Piepsen und den Regen aus und konzentrierte sich auf den Laut, der eben noch da gewesen war. Nicht im Zimmer, auch nicht vor dem Fenster – auf dem Gang. Sie hielt den Atem an. Seid mal still! Da, jetzt wieder, es klang wie Schritte, gedämpfte Schritte, die näher kamen und vor der Tür innehielten. Ein Pfleger, dachte Julika, eine Schwester oder Doktor Death, der sich vergewissern will, dass alles in Ordnung ist. Sie ging zur Tür, öffnete sie und sah hinaus. Der Gang war leer.
Das Fenster hinter den zugezogenen Vorhängen ächzte, und ein kalter Luftzug strich durch den Raum. Die Milchglastür am Ende des Korridors fiel zu. Du hörst Gespenster, dachte Julika. Jetzt erst atmete sie aus und schloss die Tür wieder.
Sie blickte auf ihre Uhr. Es ging auf vier zu. Julika spürte einen Druck auf der Blase. Sie holte ihr Handy heraus und schaute, ob jemand ihr eine SMS geschickt hatte, aber das Display blieb leer, und Bruno schickte sowieso keine. Er hatte sie auch nicht angerufen, und sie fragte sich, was sie sich einredete.
Was redest du dir eigentlich die ganze Zeit ein, über dich und einen dreißig Jahre älteren Mann, der dich nicht einmal benachrichtigt, nachdem man versucht hat, ihn zu ermorden? Willst du jemanden lieben, der ganz plötzlich getötet werden kann, jeden Tag? Willst du, dass sich das durch dein Leben zieht – deine Mutter, deine Schwester, jeder, an dem dein Herz hängt, kommt ganz plötzlich um, und du bleibst zurück?
Sie stand auf, verließ Muriels Zimmer und ging durch den dunklen Korridor, folgte den Hinweisschildern zur Toilette. Die Sohlen ihrer Turnschuhe quietschten auf dem Linoleumboden. Niemand begegnete ihr, keine Schwester, kein Arzt. Der Gang lag still im matten Schein der Nachtbeleuchtung. Die Türen der Krankenzimmer waren geschlossen. Im Treppenhaus hinter ihr stieg oder sank ein Fahrstuhl surrend von Etage zu Etage, aber Julika konnte ihn nicht sehen. Türen mit Milchglasscheiben trennten den Gang von den Treppen. Der Regen prasselte gegen das große Fenster am Ende des Korridors. Irgendwo schrie jemand. Es war ein leiser Schrei, der schnell wieder erstarb.
Julika blieb stehen, um zu lauschen, aber der Schrei wiederholte sich nicht. In dieser dunklen, frühen Morgenstunde schien ihr die dünne Linie zwischen Leben und Tod fast greifbar. Aber nicht so greifbar wie für Muriel, dachte sie; nicht einmal so greifbar wie für Bruno, der einem Mordanschlag entkommen war und sie nicht angerufen hatte. Und der Mörder ist entkommen, dachte sie wieder, und weil man nicht weiß, wer es ist und wo er jetzt ist, bist du hier. Und dann dachte sie: Vielleicht ist er auch hier.
Der Fahrstuhl in dem Treppenhaus hinter ihr setzte sich wieder in Bewegung. Vielleicht ist er das in dem Fahrstuhl. Sie machte kehrt und ging in Richtung Treppenhaus. Besser, du überraschst ihn, als umgekehrt. Sie tastete nach dem Griff ihrer Dienstpistole und entsicherte sie, ohne sie aus dem Halfter zu ziehen. Sie hatte schon lange keine Angst mehr, diese panische Angst, die sie als Kind gequält hatte, die Angst vor leeren Korridoren, verlassenen Parkhäusern, dunklen Kellern. Sie stieß die Milchglastür auf. Dahinter war es kälter als auf dem Stationsgang, das Meer klang lauter und sehr nah.
Es war ein Fahrstuhl ohne Sichtfenster in den Türen. Julika stellte sich davor, eine Hand am Pistolengriff unter der Fleece-Jacke, deren Reißverschluss über ihren Handrücken kratzte. In der Luft lag ein Flimmern, und sie spürte, wie das Adrenalin ihren Herzschlag durch ihre Adern trug, schneller als sonst. Als sie hören konnte, dass der Fahrstuhl ganz nah war, drückte sie auf den Rufknopf. Sie sah unzählige Bilder von zahllosen Knöpfen, die sie schon gedrückt hatte, miteinander verschmelzen, ihr Finger, der Knopf und immer etwas, das hinter der Tür neben dem Knopf wartete.
Ein gedämpfter Klingelton, dann fuhren die Türen auseinander. Der Fahrstuhl war leer. In der breiten Metallleiste mit den Etagenknöpfen sah Julika ihr Spiegelbild: nicht die nur flüchtig gekämmten Haare, auch nicht die Stirn und die Augen, sondern die Nase und den Mund, aber merkwürdig verzerrt, als lächelte sie ein schiefes Lächeln, das nur Anspannung war. Sie umklammerte den Griff der Sig Sauer in ihrem Schulterhalfter. Sie merkte, dass sie den Atem angehalten hatte; ihre Nackenhaare waren gesträubt, wie gegen den Strich gebürstet. Sie senkte den Kopf. Als sie ihn wieder hob, schlossen sich die Türen gerade mit einem leisen Scheppern.
Julika kehrte um und ging zurück und vorbei an Muriels Zimmer zur Toilette. Die Gänsehaut zwischen ihren Schulterblättern glättete sich wieder. Sie schloss die Kabinentür hinter sich. Als sie den Knopf ihrer Jeans öffnete, hörte sie neuerlich den Fahrstuhl, leiser hier und weiter weg, aber doch den Fahrstuhl.
Du darfst sie nicht allein lassen, du musst bei ihr sein!
Julika stürzte aus der Toilette und sprintete durch den langen Korridor. Sie sah ihn, wie er vorher gewesen war, aufgezeichnet vom Videorekorder, und sie bemerkte sofort, was jetzt anders war: die Tür stand auf, die Tür zu Muriel Brautigams Zimmer, nur einen Spaltbreit, einen hell leuchtenden Spalt, aber Julika war sicher, sie hinter sich geschlossen zu haben.
Während sie lief, riss sie die Sig Sauer aus dem Halfter; sie hielt sie jetzt mit beiden Händen. Kurz vor der Tür drosselte sie das Tempo und verfiel in einen leisen Trab, dann ging sie nur noch auf Zehenspitzen. Sie war nah genug, um das Zischen des Atemgerätes zu hören und das Piepsen des Herzmonitors. Sie holte tief Luft, zählte langsam eins, zwei drei, atmete aus und stürmte in den Raum. Die Pistole im Anschlag, sicherte sie nach rechts, nach links, nach vorn.
Da, wo ihr Vater gesessen hatte, saß jetzt Bruno, und er war wirklich. Er trug seinen Trenchcoat; die Schultern waren nass, genauso wie sein Haar. Seine linke Hand war bandagiert, ein weißer Verband, und steckte in einer Schlinge. Er betrachtete Muriel, die, von Schmerzmitteln betäubt, in ihrem Bett lag.
»Wo warst du?«, fragte er leise, und nun sah er auf, und wieder hatte sie ein Bild auf ihren Bändern: den Blick, mit dem er sie betrachtete – maßlose Enttäuschung.