66. Kapitel
12.22 Uhr
Melanie war es leid, dass Jared sie schon wieder herumkommandierte. Bieg hier ab, nimm jene Abfahrt. Jared schien irgendetwas vorzuhaben, das konnte sie spüren. Und wieder hielt er es nicht für nötig, sie einzuweihen. So, wie er es ständig tat. Wäre ihm etwa ein Zacken aus der Krone gebrochen, wenn er ihr erzählt hätte, dass mit dem Baby alles in Ordnung war? Aber nichts dergleichen. Aus dem Radio hatte sie es erfahren!
Sie sah zur Seite zu Charlie, der neben ihr auf dem Beifahrersitz saß, doch der bemerkte ihren Blick nicht. Er war wieder in ein Comicheft vertieft und schien seinen morgendlichen Gefühlsausbruch völlig vergessen zu haben. In was hatte Jared ihn da bloß hineingezogen. Dieser ganze Mist war allein seine Schuld. Wenigstens hatte er dem Baby nichts angetan. Aber zu so etwas wäre ja wohl auch nur ein Monster fähig.
Sie sah in den Rückspiegel und direkt in die Augen von Andrew Kane. Er beobachtete sie, als versuche er herauszufinden, was sie dachte. Vielleicht war er aber auch einfach nur dankbar, dass sie ihm vorhin das Leben gerettet hatte. Sie wich seinem Blick aus und hielt stattdessen Ausschau nach Streifenwagen. Obwohl die Polizei bestimmt noch nicht wusste, dass sie inzwischen auf einen schwarzen Toyota Camry umgestiegen waren. An den Hinweisschildern erkannte Melanie, dass sie sich wieder dem Interstate näherten, den sie bislang gemieden hatten. Was zum Teufel hatte Jared bloß wieder vor?
»Ich muss etwas erledigen«, sagte Jared plötzlich, als hätte er ihre Gedanken erraten. »Fahr auf den Interstate, nach Westen.«
»Ich dachte, wir wollten auf dem Highway bleiben?«
»Nicht weit von hier ist ein Truckstop.«
»Hast du schon wieder Hunger?« Es konnte doch erst kurz nach Mittag sein.
»Nein. Ich muss da was abholen.«
»Was willst du da denn abholen?«
»Geh mir nicht auf die Nerven und tu, was ich dir sage, Mel!«
Sie umklammerte das Lenkrad mit beiden Händen und starrte schweigend geradeaus. Manchmal erinnerte Jared sie wirklich an ihren verdammten Vater. Dies war ein solcher Moment.