45. Kapitel
11.33 Uhr
Auburn, Nebraska
»Wir fahren in die falsche Richtung«, stellte Melanie fest.
Zwar war sie ihr ganzes Leben lang nicht weiter als hundert Meilen von Omaha entfernt gewesen, aber selbst sie wusste, dass Colorado westlich von Nebraska lag. Und sie fuhren jetzt nach Süden.
Sie war hungrig und müde, und die grelle Sonne stach ihr in die Augen. Sie klappte die Sonnenblende herunter und sah sich unvermutet einem goldgerahmten Jesusbild gegenüber, das mit Nadeln am Stoff der Innenseite befestigt war.
»Auch das noch«, grummelte sie und klappte die Blende wieder hoch. Lieber ließ sie sich die Sonne in die Augen scheinen.
»Ich habe Hunger«, erklärte sie und hoffte, es klang dringlich genug, dass Jared sich erweichen ließ, am nächsten Drive-in anzuhalten. Sie blickte über die Schulter und warf einen Blick auf Charlie, der den Kopf gegen die Scheibe gelehnt hatte und schlief. Sein rotes Haar stand in alle Richtungen ab, und sein Kinn hatte er auf die rechte Faust gestützt. Von ihm war also keine Unterstützung zu erwarten.
»Ich sagte, ich habe …« Sie wurde von einem Müsliriegel unterbrochen, der ihr über die Schulter auf den Schoß flog.
»Ich brauche …« Die Wasserflasche verfehlte ihren Kopf um Haaresbreite. »Mein Gott, pass doch auf!« schimpfte sie und schüttelte den Kopf.
Charlie streckte sich, kicherte und meinte dann: »Ja, lass uns anhalten. Ich muss pissen.«
Melanie unterdrückte ihr Lächeln. Dann war sie ja nicht die Einzige.
»Wie steht es mit dem Benzin?« Jared beugte sich über den Sitz nach vorn, um selbst nachzusehen, als traue er Andrew nicht. »Der nächste Ort ist Auburn. Da gibt es bestimmt eine Tankstelle. Wir tanken voll, decken uns mit Vorräten ein, und Charlie kann pinkeln. Dann fahren wir zurück.«
»Was soll das heißen, wir fahren zurück?« kam Charlie Melanie zuvor.
Jared klappte die Karte auf und gab sie Charlie. »Nach Colorado.«
»Ich wusste es. Ich habe doch gesagt, wir fahren in die falsche Richtung«, sagte Melanie und sah dabei Andrew an.
Der hatte kein Wort mehr gesagt, seitdem sie die Farm verlassen hatten. Er starrte geradeaus auf die Straße, und seine Augen blieben hinter einer Sonnenbrille verborgen, die er hinter der Sonnenblende entdeckt hatte.
Melanie riss den Müsliriegel auf, und im gleichen Moment tauchte hinter dem Hügel der Ort auf. Vielleicht verkauften sie an der Tankstelle sogar Pizzastücke, oder sie hatten einen Drehgrill mit Hotdogs. Manche Tankstellen hatten sogar beides. Jedenfalls brauchte sie etwas Vernünftiges in den Magen. Sie merkte auf einmal, dass sie sich gar nicht mehr erinnern konnte, wann sie zuletzt gegessen hatte.
Jared hing wieder über der Rückenlehne des Vordersitzes, um einen besseren Blick zu haben, als sie sich dem Ort näherten.
»Wir brauchen auch Zahnpasta und Zahnbürsten«, sagte Melanie und schien bereits eine ganze Einkaufsliste zusammenzustellen.
»Frauen!« rief Jared und schlug Andrew mit der Hand auf die Schulter, als wären sie die besten Freunde.
Melanie zuckte zusammen. Sie konnte sich denken, dass seine bandagierte Schulter noch ziemlich schmerzte. Andrew hingegen zuckte mit keiner Wimper. Stur wie ein Roboter starrte er geradeaus. Hoffentlich schlief er nicht ein, dachte sie. Ihre geprellten Rippen verkrafteten keinen weiteren Unfall.
»Das sieht gut aus. Fahren Sie da rein.« Jared deutete auf eine Gas-N'-Shop-Tankstelle, die offenbar erst kürzlich frisch renoviert worden war. »Melanie, sieh im Handschuhfach nach. Ich brauche eine Sonnenbrille.«
»Ich brauche auch eine. Bringst du mir eine mit?« fragte Charlie.
Sie öffnete das Handschuhfach und wühlte darin herum.
Zwischen Straßenkarten, Streichhölzern und einer Packung Zigaretten fand sie eine dunkle Sonnenbrille und reichte sie ihrem Bruder. Gerade wollte sie das Fach wieder schließen, da merkte sie plötzlich, wie sehr sie sich nach einer Zigarette sehnte. Ihre Finger wollten gerade nach der Packung greifen, da fuhr Jared dazwischen.
»Melanie, du tankst den Wagen auf. Charlie, geh pinkeln, aber beeil dich. Hast du gehört, was ich gesagt habe, Melanie?«
»Kann ich nicht reingehen und ein paar Sachen kaufen?«
Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn beinahe flehentlich an.
»Hast du was an den Ohren?«
»Ach, komm schon, Jared. Ich brauche ein paar Sachen. Und ich brauche vor allem was Richtiges zu essen.«
»Ich kümmere mich darum.«
Sie warf ihm einen verärgerten Blick zu. »Das sagst du immer.«
Sie musste vorsichtig sein. Wenn sie ihm mit ihrem Jammern auf die Nerven ging, würde er ausrasten. Zwar hatte er noch nie gegen sie, Charlie oder gar ihre Mutter die Hand erhoben, aber sie hatte erlebt, zu was er in seinem Zorn fähig war. Vielleicht war in der Bank ja alles schief gelaufen, weil sich jemand seinen Befehlen widersetzt oder eine dicke Lippe riskiert hatte?
»Ich besorge dir deinen ganzen Scheißkram«, erwiderte er.
»Du machst den Tank voll, und dann wartest du.«
Sie sah Jared die Waffe überprüfen, und auf einmal war ihr Hunger verschwunden. Er schob sie in den Taillenbund seiner Jeans und zog das T-Shirt darüber.
Sie wollte ihm sagen, dass er die Waffe hier lassen solle, sie hätte ihnen doch schon genügend Scherereien bereitet. Und sie hätte ihn gern gefragt, wie zum Teufel man eine Bank überfallen und kein Geld mitnehmen konnte. Doch beides wagte sie nicht. Dann raubten sie eben auch noch eine Tankstelle aus. Was machte das jetzt noch für einen Unterschied? Zudem war das so gut wie risikolos, denn sie wusste nur zu gut, das jemand, dem man eine Waffe vor die Nase hielt, alles tat. Er bettelte und flehte und heulte sogar wie ein kleines Kind. Wie ihr Vater damals. Der hatte wie ein Baby gewimmert, als ihm klar wurde, dass ihn seine Schwüre, sie und Jared nie wieder zu prügeln, nicht retten konnten. Es war zu spät gewesen für Entschuldigungen.
»Alles klar?« fragte Jared und riss Melanie aus ihren Gedanken. Dann tippte er Andrew wieder auf die bandagierte Schulter. »Sie kommen mit, Kane.«