Dienstag, 7. September
1. Kapitel
10.30 Uhr
Omaha, Nebraska: Gerichtsgebäude
Grace Wenninghoff hasste nichts mehr als dieses Warten.
Sie hatte das Gefühl, die stickige Luft in Saal fünf würde sich wie ein nasses Handtuch um ihren Hals legen. Es waren zu viele Leute in dem Raum, die Hitze war schier unerträglich.
Nur das gelegentliche Knarren eines Stuhls oder ein vereinzeltes Hüsteln unterbrachen die Stille. Angespannt und erwartungsvoll beobachtete die Menge, wie Richter Fielding scheinbar in aller Ruhe die vor ihm liegenden Akten studierte.
Dabei ließ er sich Zeit und zeigte nicht das geringste Anzeichen von Unbehagen. Nicht eine einzige Schweißperle war auf seiner Stirn zu sehen.
Grace griff nach ihrer Wasserflasche und nahm einen großen Schluck. Komm schon, bringen wir es hinter uns, hätte sie den Richter gerne gedrängt, pochte jedoch nur mit dem Sehreibstift auf ihren leeren Notizblock und unterdrückte den Impuls, mit dem Fuß denselben Takt zu schlagen. Ohne den Kopf zu heben sah der Richter sie über den Metallrand der unter buschigen grauen Brauen auf seiner Nasenspitze ruhenden Brille hinweg finster an. Grace legte den Stift auf den Block, und Richter Fielding widmete sich wieder seinen Akten.
Angeblich hatte die Verwaltung im gesamten Gebäude die Klimaanlage abgeschaltet, weil man nach dem langen Labor-Day-Wochenende nicht mehr mit solchen Temperaturen gerechnet habe. Grace konnte sich allerdings der Vermutung nicht erwehren, Richter Fielding habe sie gezielt in seinem Gerichtssaal ausschalten lassen, um ihnen allen den Schweiß auf die Stirn zu treiben. Fielding mochte es, Anwälte schwitzen und warten zu lassen. Das konnte kein gutes Omen sein, trotzdem versuchte Grace, optimistisch zu bleiben. So optimistisch, wie eine Anklägerin eben sein konnte, der die feuchte Luft die Frisur in etwas zu verwandeln drohte, das eher an das Fell eines Pudels erinnerte. Sie wusste, dass sie heute mehr als Optimismus brauchte.
Ihr Blick glitt über den Mittelgang hinüber zu Warren Penn, einem der Staranwälte der renommierten Kanzlei Branigan, Turner, Cross and Penn. Auch bei ihm konnte sie nicht ein Tröpfchen Schweiß entdecken, obwohl er tapfer seinen eleganten teuren Anzug trug. Wie machte er das bloß?
Sie hatte gehofft, sein Klient, der wegen Mordes angeklagte Ratsherr Jonathon Richey, würde in Handschellen und im orangefarbenen Sträflingsoverall vorgeführt werden, doch Richey trug einen stahlblauen Anzug, ein tadellos gebügeltes weißes Hemd und eine rotblaue Krawatte. Der aalglatte Politiker sah nun ganz und gar nicht aus wie die blutrünstige Bestie, als die sie ihn hatte vorführen wollen. Und er wirkte nicht im Mindesten beunruhigt angesichts der gegen ihn erhobenen Anschuldigungen. Er saß mit arrogantem Gesichtsausdruck da, und Grace fürchtete, dass er über sein Netzwerk politischer Kontakte bereits für den richtigen Ausgang des Verfahrens gesorgt hatte. Richter Fielding war bekannt dafür, den inneren Kreis der Macht zu schützen. Aber konnte er das auch vor Publikum tun und unter den wachsamen Augen der Medien?
Grace spürte, wie die Seidenbluse unter ihrem Jackett an ihrem Körper klebte. Mit einem prüfenden Blick vergewisserte sie sich, dass es keineswegs so schlimm aussah, wie es sich anfühlte. Was für ein Tag auch, um Seide zu tragen. Die Bluse war ein Geburtstagsgeschenk ihrer Großmutter Wenny, die sie seit ihrem sechsten Lebensjahr in Pink zu kleiden versuchte.
Obwohl Wenny ihr versichert hatte, die Bluse sei purpurrot.
Ihr deutscher Akzent hatte den Namen der Farbe nach etwas Erotischem, leicht Anrüchigem klingen lassen. Grace musste schmunzeln, als sie sich daran erinnerte.
Sie beobachtete Richter Fielding und suchte nach irgendeinem Hinweis, der darauf hindeuten mochte, dass es endlich weiterging. Doch Fielding blätterte weiter und setzte seine Lektüre in aller Ruhe fort, wobei er mit dem Zeigefinger unter den Zeilen entlangfuhr. Herrgott noch mal, dies war doch nur die Anhörung zur Festsetzung der Kaution! Bei diesem Tempo mochte sie sich gar nicht vorstellen, wie lange sich der Prozess hinschleppen würde.
Durch leichtes Massieren mit den Fingern versuchte sie die Verspannung zu lindern, die sie im Genick spürte. Das dreitägige Wochenende war zu kurz gewesen. Ihr Mann Vince hatte die Meinung vertreten, es sei kein Problem, eine Weile mit den gestapelten Kisten zu leben, doch er hatte gut reden.
Morgen früh flog er in die Schweiz. Ein neuer Kunde hatte darauf bestanden, seinen amerikanischen Repräsentanten persönlich kennen zu lernen. Sie würde mit Emily also allein in dem Chaos zurückbleiben. Die unausgepackten Umzugskartons waren allerdings nicht der einzige Grund für ihre Verspannung.
Sie liebte ihr neues Zuhause, obwohl das Haus alles andere als neu war. Die viktorianische Villa war über hundert Jahre alt und groß genug, dass auch ihre Großmutter Wenny Platz bei ihnen finden konnte. Die Renovierung war ein reiner Albtraum gewesen. Horden von Handwerkern waren durch das Haus getrampelt und hatten dort, wo einmal Wände waren, Löcher, Dreck und Sägespäne hinterlassen.
Doch das war noch gar nichts verglichen mit dem, was ihr noch bevorstand. Denn jetzt galt es, ihre Großmutter davon zu überzeugen, dass es besser sei, bei ihnen einzuziehen. Sechzig Jahre hatte Wenny in ihrem kleinen, zugigen und von Mäusen zernagten Haus im Süden Omahas gelebt und dort ihre Kinder und dann ihre Enkelin großgezogen. Die wiederum sah es nun als ihre Pflicht an, sich um die störrische alte Dame zu kümmern.
»Miss Wenninghoff!« bellte Richter Fielding und unterbrach Grace in ihren Gedanken.
»Ja, Euer Ehren.« Sie erhob sich und widerstand dem Drang, sich über die feuchte Stirn zu wischen.
»Bitte fahren Sie fort«, sagte er in einem Ton, als habe sie die Unterbrechung verschuldet und halte das Verfahren unnötig auf.
»Wie ich bereits ausgeführt habe, und wie Sie auch dem Haftbefehl entnehmen können, wurde Mr. Richey am Flughafen Eppley festgenommen. Es besteht akute Fluchtgefahr, weshalb eine Freilassung gegen Kaution meines Erachtens nach nicht in Betracht kommt.«
»Euer Ehren, das ist lächerlich.« Warren Penn unterstrich das letzte Wort mit einer theatralischen Geste. Dann stand er auf und trat vor den Tisch der Verteidigung, als benötige er für seine Erklärung zusätzlichen Raum. Grace war sich allerdings sicher, dass sein Auftritt allein dem Zweck diente, sie zu überragen.
»Mr. Richey ist Geschäftsmann«, fuhr er mit einer ausholenden Armbewegung fort. »Er wollte nicht mehr, als lediglich eine Geschäftsreise anzutreten, die schon vor Monaten vereinbart worden ist. Zum Beweis dafür habe ich hier seinen Terminkalender und die Auflistung seiner Telefongespräche.« Er deutete auf einen Stapel Unterlagen auf seinem Tisch, machte jedoch keinerlei Anstalten, sie dem Richter vorzulegen. »Jonathon Richey ist nicht nur ein ehrenwerter Geschäftsmann in Omaha, sondern auch Ratsherr«, fügte er hinzu. »Darüber hinaus ist er Diakon seiner Kirchengemeinde und Präsident des örtlichen Rotary Clubs.
Seine Frau, seine Kinder und seine fünf Enkel leben hier. Ein Fluchtrisiko besteht also eindeutig nicht. Wenn man all dies in Betracht zieht, Euer Ehren, bin ich sicher, dass Sie mir zustimmen werden, dass Mr. Richey gegen Hinterlegung einer Kaution auf freien Fuß gesetzt werden sollte.«
Grace sah Richter Fielding nicken und wieder in den Akten blättern. Das war doch lächerlich, diesen Blödsinn konnte er ihm unmöglich abnehmen. Es sei denn, seine Entscheidung stand bereits fest und er suchte noch nach einer entsprechenden Begründung. Sie warf einen Blick auf Richey.
Hatte es hinter verschlossenen Türen etwa bereits Verhandlungen oder sogar einen Deal gegeben? Richey wirkte entspannt, und die Hitze im Gerichtssaal schien ihm nichts auszumachen. Grace rieb sich den Nacken und spürte den Schweiß, der ihr von dort den Rücken hinunterlief.
»Euer Ehren.« Sie wartete, bis Richter Fielding sie ansah.
Dann zog sie aus ihren Akten einen Umschlag hervor und trat vor den Tisch der Anklage. »Wenn ich richtig informiert bin, ist Mr. Richey Eigentümer einer Firma für computergesteuerte Heizungsanlagen.« Sie sah hinüber zu Warren Penn und wartete dessen zustimmendes Nicken ab. »Hier habe ich Mr. Richeys United-AirlinesFlugticket, das bei seiner Festnahme konfisziert wurde.« Sie trat vor, um dem Richter den Umschlag mit dem Ticket zu übergeben. »Ich frage mich nun, Euer Ehren, welche Art von Heizung Mr. Richey wohl auf den Cayman Islands verkaufen wollte?«
Sie hörte, wie die Menge hinter ihr zu raunen und zu flüstern begann.
»Mr. Penn?« Richter Fielding fixierte Richeys Verteidiger über den Rand seiner Brille hinweg. Zu Graces Enttäuschung zuckte Penn mit keiner Wimper.
»Es kommt häufig vor, dass sich Mr. Richey mit seinen Geschäftspartnern an einem neutralen Ort trifft, wenn der Kunde das bevorzugt.«
Grace hätte beinahe die Augen verdreht. Es wäre absurd, wenn Richter Fielding dieses Argument gelten lassen würde.
Doch der blätterte bereits wieder in seinen Akten, als sei ihm in den bereits geprüften Unterlagen etwas entgangen.
Sie ging zu ihrem Platz zurück und musterte dabei Detective Tommy Pakula, der zwei Reihen hinter dem Tisch der Anklage saß. Er hatte sich für seine Aussage in Schale geworfen – Hemd, Krawatte und Jackett.
Anstatt jedoch ihn jetzt in den Zeugenstand zu rufen, griff sie hinter ihren Stuhl und holte eine Reisetasche hervor.
»Euer Ehren«, sagte sie und hielt die Tasche so, dass Richter Fielding und vor allem die Anwesenden im Saal MC gut sehen konnten. »Es gibt da noch eine Merkwürdigkeit. Mr. Richey hatte diese Reisetasche bei sich, als die Detectives Pakula und Hertz ihn am Eppley Airport festgenommen haben.
Wenn er nicht aus dem Land fliehen wollte, sollte uns Mr. Richey vielleicht das hier erklären.« Grace zog den Reißverschluss auf und stülpte die lasche um. Mehrere dicke Bündel Hundert-Dollar-Noten fielen auf den Tisch.
Sofort erfüllte ein Raunen und Tuscheln den Saal, und mehrere Reporter stürzten zur Tür hinaus, um ihre Redaktion anzurufen. Doch Warren Penn schüttelte nur den Kopf, als hätte er auch für das Geld eine Erklärung. Grace ließ den Blick durch den Raum schweifen und bemerkte Jonathon Richeys Miene. Von der arroganten Gelassenheit, die er bisher an den Tag gelegt hatte, war nun nichts mehr zu sehen.
»Ruhe bitte!« rief Richter Fielding in den Saal, verzichtete aber auf den Einsatz des Hammers, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen. Es schien ihm zu gefallen, dass er den Saal allein durch die Kraft seiner Stimme zum Schweigen bringen konnte.
»Euer Ehren«, begann Penn, doch Richter Fielding gebot ihm mit erhobener Hand Einhalt.
»Die Kaution wird auf eine Million Dollar festgesetzt.« Er stand auf und fügte hinzu: »Die Verhandlung ist geschlossen.«
Dann hastete er aus dem Saal, ohne Warren Penn Gelegenheit zu einer Erklärung oder für weitere Argumenten zu geben.
Grace verzichtete auf einen Blick in Richtung der Verteidigung und packte das Geld zurück in die Reisetasche.
Ein Gewirr von Stimmen erfüllte den Saal, begleitet vom Geräusch rückender Stühle. Sie musste wohl kaum befürchten, draußen von Reportern belagert zu werden, die stürzten sich jetzt auf Jonathon Richey. Das war eben der Preis, den man zahlte, wenn man sich als aufrechte Stütze der Gesellschaft ausgab und bei einer Sauerei erwischt wurde.
»Ich hoffe nur, dass nichts fehlt.« Sie blickte auf und sah Detective Pakula vor sich stehen.
»Danke, dass Sie gekommen sind.«
Er nickte, und sie kannte ihn gut genug, um es dabei bewenden zu lassen. Er mochte es nicht, wenn man viel Aufhebens um etwas machte, das er für selbstverständlich hielt.
»Ich habe einen Zeugen gefunden, der vielleicht bereit ist, gegen Richey auszusagen.«
»Vielleicht?«
»Es braucht noch etwas Überzeugungsarbeit. Er will nicht aussagen, wenn die Möglichkeit besteht, dass Richey freigesprochen wird.«
»Es wird in dieser Sache keinen Freispruch geben«, erwiderte sie und schob die letzten Bündel in die Tasche. Sie wusste, worauf Pakula hinauswollte und mochte es nicht hören.
»Sie wissen es, und ich weiß es, und das versuche ich ihm klar zu machen.« Er sah sich um und vergewisserte sich, dass niemand in Hörweite war. »Um unsere GlaubWürdigkeit steht es momentan nicht gerade gut, solange dieser Mistkerl von Barnett in jeder verdammten Talkshow auftritt und behauptet, das Omaha Police Department hätte ihn reingelegt.«
»Lassen Sie den nur reden. Früher oder später macht er einen Fehler, und dann nagele ich ihn fest. Aber dann für immer.«
»Verlassen Sie sich auf mich, wenn es so weit ist.«
Grace wusste, dass Barnetts Freispruch in dem Wiederaufnahmeverfahren Pakula ebenso an die Nieren gegangen war wie ihr. Während der vergangenen Monate war sie den Fall immer wieder durchgegangen, um weiteres Belastungsmaterial zu finden, doch vergeblich. Vor fünf Jahren hatte sie alles darangesetzt, um Barnett hinter Gitter zu bringen. Sie war felsenfest davon überzeugt, dass er die siebzehnjährige Rebecca Moore an jenem kalten Winternachmittag mit dem Angebot, sie trocken nach Hause zu bringen, in seinen Wagen gelockt hatte. Er war mit ihr an einen abgelegenen Ort gefahren, hatte sie vergewaltigt und dann mit einem Messer auf sie eingestochen. Anschließend hatte er ihr in den Kopf geschossen durch den Kiefer, um die Identifizierung seines Opfers zu verhindern.
Rebecca Moore war wahrscheinlich nicht das einzige Mädchen, das Barnett auf dem Gewissen hatte. Vier weitere Frauen waren auf dieselbe bestialische Art und Weise umgebracht worden, jeweils im Abstand von zwei Jahren.
Grace und Pakula waren davon überzeugt, dass in allen Fällen Barnett der Mörder war. Aber außer Indizien hatten sie nichts gegen ihn in der Hand gehabt. Nur in Rebecca Moores Fall konnten sie eine Verbindung zwischen Opfer und Täter herstellen. Mit Danny Ramerez hatten sie einen Augenzeugen, der gesehen hatte, wie das Mädchen am Nachmittag ihres Verschwindens in einen schwarzen Pick-up gestiegen war.
Und er konnte bestätigen, dass Jared Barnett am Steuer gesessen hatte. Seine Aussage war überzeugend gewesen und seine Beschreibung Barnetts so genau, dass für die Geschworenen keinerlei Zweifel bestanden. Doch dann, fünf Jahre später, hatte Danny Ramerez plötzlich behauptet, er sei an jenem Nachmittag nicht einmal vor der Tür gewesen gewesen. Ohne seine belastende Aussage war Barnett frei. So einfach ging das.
Grace sah hinüber zum Tisch der Verteidigung. Penn und Richey versuchten gerade, sich durch den Pulk von Menschen einen Weg zum Ausgang zu bahnen.
Und dann entdeckte sie ihn.
Jared Barnett stand in der hinteren Reihe und wartete scheinbar geduldig darauf, ebenfalls den Saal verlassen zu können. Er wirkte völlig unauffällig, ganz wie ein gewöhnlicher Zuschauer.
»Wenn man vom Teufel spricht«, sagte sie zu Pakula, der Barnett nun ebenfalls bemerkt hatte.
»Dieser Mistkerl«, raunte er. »Ich habe ihn letzte Woche schon mal draußen im Treppenhaus gesehen. Er kann es wohl nicht lassen, sich hier rumzutreiben, was?«
Auch Grace hatte ihn bereits in der vergangenen Woche gesehen, sogar zweimal. Zuerst in dem Cafe auf der anderen Straßenseite gegenüber des Gerichtsgebäudes. Und dann noch einmal, als sie gerade ihre Wäsche in die Reinigung brachte.
Sie hatte versucht sich einzureden, das sei eben Jared Barnetts Art, ihnen allen eine Nase zu drehen, und dass er es nicht etwa auf sie abgesehen habe. Doch bevor Barnett durch die Tür verschwand, drehte er sich noch einmal zu Grace um und grinste.