34. Kapitel
8.27 Uhr
Melanie ließ sich in den Sessel fallen und nestelte an den Khaki-Shorts herum, die sie zwischen Andrews Sachen gefunden hatte.
All das Blut auf Jareds und Charlies Overalls, was hatte sie sich bloß eingebildet, woher es stammte? Und die Schüsse?
Wahrscheinlich war ihnen jemand in die Quere gekommen, und dann war es passiert.
Aber vier Schüsse aus nächster Nähe? Das musste ein Irrtum sein. Die Medien bauschten ja immer gleich alles auf und machten wegen der Einschaltquoten aus jeder Mücke einen Elefanten.
Sie beobachtete Charlie. Er schrubbte seine halbhohen Nikes mit einem Handtuch, bis unter dem verkrusteten Lehm wieder das strahlende Weiß zum Vorschein kam. Die Nachrichten mit der Bilanz dessen, was sie angeblich angerichtet hatten, schienen ihn nicht zu berühren. Seine Schuhe waren ihm wichtiger. Da bemerkte sie, dass er bereits ein zweites Paar säuberte. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis hatte sich Jared ein Paar von Charlie geborgt. Und nun putzte Charlie auch die Schuhe seines Onkels. Er sorgte für ihn, obwohl es eigentlich umgekehrt hätte sein müssen -
Jared sollte sich um ihren kleinen Charlie kümmern.
Sie glättete den Stoff der Shorts mit beiden Händen, ohne Charlie aus den Augen zu lassen. Ihr Junge konnte niemanden verletzen, geschweige denn unschuldige Augenzeugen erschießen. Und schon gar nicht aus nächster Nähe. Charlie wusste doch nicht einmal, wie man mit einer Waffe richtig umging. Sie hatten nie Waffen benutzt, das hätte sie niemals zugelassen. Sie duldete nicht mal Waffen im Haus. Waffen brachten nur Unheil und führten zu Unfällen.
Vielleicht war das auch in der Bank so gewesen. Vielleicht war einfach nur ein Unfall passiert.
»Wir haben eine halbe Stunde«, sagte Jared. Sie fuhr erschrocken herum und fragte sich, wie lange er wohl schon dort an der Wand lehnte. »Mach die Kühltasche voll.« Er deutete auf eine kleine Tasche in der Ecke. »Und warum bist du noch nicht angezogen? Vergiss mal den modischen Schnickschnack und zieh verdammt noch mal irgendwas über.«
Ihr brannten die Wangen, doch sie regte sich nicht. Sie spürte Andrew Kanes Blick auf sich ruhen. Charlie hockte noch immer mit den Schuhen vor dem Fernseher.
»Hör auf, mich herumzukommandieren wie damals, als ich noch ein kleines Mädchen war, Jared. Ich werde gar nichts tun, bevor du mir nicht sagst, was da in der Bank passiert ist.« So, nun war es heraus. Dass ihre Stimme wenig selbstbewusst geklungen hatte, war ihr egal.
»Zerbrich dir nicht meinen Kopf. Tu, was ich sage, und alles wird gut.«
Sie musste daran denken, dass er damals genau dasselbe gesagt hatte. Das war nun fast fünfundzwanzig Jahre her. Sie war zehn gewesen und er zwölf. Auch damals war alles voller Blut gewesen. Es war über die ganze Wand gespritzt und in die Ritzen des Linoleumfußbodens gesickert. Seitdem hasste sie Waffen. Er würde sich um alles kümmern, hatte Jared gesagt. Alles würde wieder gut werden, und es bliebe ihr Geheimnis, hatte er versprochen.
»Ich will wissen, was passiert ist«, insistierte sie, doch ihre Stimme klang beinahe so hilflos wie die des zehnjährigen Mädchens damals.
»Wir haben jetzt keine Zeit für Diskussionen, Mel. Wir müssen verdammt noch mal von hier verschwinden, und zwar schnell. Sobald die Sonne aufgeht, wird die Polizei den ganzen Park umkrempeln, oder glaubst du, die sind blöd?«
Jared schob sich an ihr vorbei und begann, Andrews Sachen zu durchwühlen. Er stülpte eine braune Papiertüte um und verteilte den Inhalt auf der Arbeitsplatte. Dann riss er einen Beutel mit Müsliriegeln auf und ging durch den Raum, als würde er nach etwas suchen.
»Das ist eine verdammt beschissene Geschichte, Jared«, versuchte sie es wieder. Vielleicht war es ja doch ein Unfall gewesen, tröstete sie sich im Stillen. Wie die Sache mit dieser Rebecca Moore. Jedenfalls hatte ihre Mutter gesagt, das alles sei ein Unfall gewesen, obwohl Melanie keine Ahnung hatte, woher sie das wissen wollte. Jared sprach nie darüber.
Er ignorierte sie, ging wieder an ihr vorbei und zog zwei schmutzige Rucksäcke unter einem Sessel hervor. Dass Charlie außer seinem eigenen auch ihren Rucksack mitgenommen hatte, merkte sie erst jetzt.
»Ist das deiner?« Jared stellte ihn auf die Arbeitsplatte, und sie nickte. »Dann bist du ja gerettet. Wie ich dich kenne, hast du doch bestimmt Sachen zum Wechseln und dein Make-up mitgenommen, richtig? Na, dann los, Melanie, zieh dich um.«
»In den Nachrichten haben sie gesagt, dass es Tote gab, Jared.«
Mit einer schwungvollen Bewegung hievte er Charlies Rucksack neben ihren, öffnete ihn und stopfte die Müsliriegel hinein. Doch zunächst musterte er dessen Inhalt, zog eins von Charlies Comic-Heften heraus, einige Straßenkarten und mehrere Pez-Spender, die er einen Augenblick betrachtete, ehe er kopfschüttelnd alles wieder einpackte.
Eine der Karten ließ er draußen und faltete sie auf. Er sah sich kurz um und fegte mit einer Armbewegung über die Arbeitsplatte. Das Mayonnaiseglas, Löffel, eine Scheibe Brot und leere Pepsi-Dosen flogen auf den Boden und verschwanden zwischen Andrews Kleidungsstücken. Melanie registrierte, dass Andrew Kane mit keiner Wimper gezuckt hatte.
Charlie war aufgestanden und stand jetzt hinter Jared, der sich über die Karte gebeugt hatte. Aber Charlie schien nicht nur neugierig, sondern auch verärgert zu sein, was Melanie an seiner gerunzelten Stirn und den zusammengekniffenen Augen erkannte. Er mochte es überhaupt nicht, wenn sich jemand an seinen Sachen zu schaffen machte.
»Was zum Henker sollen diese roten Kreise bedeuten?«, fragte Jared und zeigte auf die Karte.
»Ich habe einen Haufen Karten, nicht nur die von Nebraska«, erklärte Charlie eifrig. Ein kleiner Junge, der seinen Onkel beeindrucken wollte. Er griff in seinen Rucksack und holte ein Bündel Straßenkarten heraus. »Städte mit coolen Namen kreise ich ein. Eines Tages werde ich die alle besuchen, einfach so.« Er deutete mit dem Zeigefinger auf einen Kreis auf der ausgebreiteten Karte. »Princeton. Jede Wette, du wusstest nicht, dass es in Nebraska ein Princeton gibt. Ist das nicht cool, wenn ich Leuten sagen kann, dass ich in Princeton war?«
Jared ließ den Blick über die Karte wandern. Er deutete auf einen anderen Kreis und sagte: »Ich verstehe, was du meinst, Kleiner. Hier ist Stella. Du kannst dann auch erzählen, dass du die Nacht in Stella verbracht hast.« Er versetzte Charlie einen Stoß mit dem Ellbogen und lachte. »In Stella, versteht du?«
Melanie beobachtete die beiden und wollte nicht glauben, dass sie in dieser Lage lachen und scherzen konnten.
»Die Bullen suchen uns vermutlich auf dem Interstate«, fuhr Jared fort.
»Die glauben, wir hätten einem Farmer einen roten Pick-up geklaut«, erklärte Charlie mit breitem Grinsen. »Ich habe es in den Nachrichten gehört.«
»Tatsache? Das gibt uns ein bisschen Luft. Bis Colorado bleiben wir auf dem Highway 6. Sieht mir ganz so aus, als kämst du endlich durch einige deiner roten Städte, Kleiner.«
»Cool. Ich habe auch eine Karte von Colorado. Ich war noch nie in Colorado.«
Melanie nahm ihren Rucksack und drückte ihn an die Brust. Dass der angetrocknete Lehm in kleinen Brocken auf das Handtuch bröselte, das sie sich umgewickelt hatte, störte sie nicht. Sie wollte sich umziehen gehen, blieb dann aber stehen und beobachtete, wie die beiden Männer ihre Zukunft verplanten.
Keiner hatte sie gefragt, ob sie in dieses verdammte Colorado wollte. Die zwei hatten sie in diese fürchterliche Lage gebracht und schienen überhaupt nicht zu begreifen, wie tief sie in der Klemme steckten.
»Die haben gesagt, du hast vier Menschen umgebracht, Jared.« Ihre Stimme versagte fast. »Stimmt das? Vier Tote? So haben sie es in den Nachrichten gesagt. Alle aus nächster Nähe erschossen. Tot.«
»Vier?« wiederholte Jared und sah Charlie fragend an, der bestätigend nickte. »Soll das heißen, einer von den Scheißtypen lebt noch?«