55. Kapitel
21.56 Uhr
Comfort Inn, Hastings, Nebraska
Melanie biss in das letzte kalte Pizzastück, das von ihrem Einkaufsbummel an der Tankstelle bei Auburn übrig geblieben war. Obwohl der Käse hart und die Peperoniwurst im Fett erstarrt war, kam es ihr wie eine Delikatesse vor. Nachdem sie geduscht hatte, hatte sie sich auf eins der King-Size-Betten gelegt, das Laken um sich geschlungen und aus den Kissen eine Kopfstütze geformt. Einen Riegel Snickers auf dem Nachttisch und die TV-Fernbedienung in der Hand, mehr brauchte sie im Augenblick nicht.
Jared war durch die Tür zum Flur verschwunden. Er sei gleich zurück, hatte er gemurmelt, ohne jedoch zu sagen, wohin er wollte. Da er Charlie die Autoschlüssel und die Waffe in die Hand gedrückt hatte, bestand aber wohl kein Grund, sich Sorgen zu machen. Um den Autor in Schach zu halten, war der Revolver wohl kaum nötig. Er hatte sich in einen Sessel fallen lassen und war nur einmal aufgestanden, um ins Bad zu gehen. Jetzt starrte er reglos auf den Fernseher.
Charlie hatte sich auf dem anderen Bett ausgestreckt, ohne seine Turnschuhe auszuziehen, obwohl Melanie ihn zweimal dazu aufgefordert hatte. Wahrscheinlich war das seine Rache dafür, dass sie die Fernbedienung beschlagnahmt hatte. Er schmollte, bis er schließlich in einem der Beutel die Comichefte entdeckte, die Jared aus der Tankstelle mitgenommen hatte, und sich darin vertiefte.
Melanie hatte ihn bitten wollen, die Waffe in irgendeiner Schublade verschwinden zu lassen. Sie mochte das Ding nicht mehr sehen, hatte andererseits aber auch nicht die geringste Lust, sich mit Charlie zu streiten. Also beschloss sie, den Revolver einfach zu ignorieren und so zu tun, als seien der Bankraub und alles, was sich danach ereignet hatte, nicht geschehen. Wenigstens für heute Nacht.
Sie zappte durch die Kanäle und gab sich Mühe, möglichst keine Nachrichtensendung zu erwischen. Doch schließlich resignierte sie, blieb bei CBS und wartete auf Jay Leno. Sie ließ den Kopf zurück auf die Kissen sinken, schloss die Augen und dachte daran, wie sehr sie sich diesen Luxus noch vor einer Stunde gewünscht hatte. Dann versuchte sie sich auf etwas zu konzentrieren, das ihr half, sich zu entspannen.
Plötzlich fiel ihr der Zettel wieder ein, den sie während ihres letzten morgendlichen Spaziergangs am Stamm des vom Sturm malträtierten Ahorns entdeckt hatte. »Hoffnung ist das Federding" – sie verstand noch immer nicht, was dieser Satz bedeuten sollte.
Sie öffnete die Augen und blickte zu Andrew hinüber, der noch immer wie hypnotisiert auf den Bildschirm starrte.
»He!« rief sie und wusste einen Moment lang nicht, wie sie ihn anreden sollte. Er rührte sich nicht. »He, Kane«, versuchte sie es noch einmal.
Diesmal sah er auf, rückte sich im Sessel zurecht, widmete sich jedoch gleich wieder dem Fernseher.
»Erinnern Sie sich noch an dieses Gedicht, nach dem Jared Sie gefragt hat? Kennen Sie auch was von Emily Dickerson?«
»Dickinson«, korrigierte er leise, ohne sie anzusehen.
»Was?«
»Emily Dickinson.«
»Hab ich doch gesagt.«
Er sah sie noch immer nicht an. Melanie stützte sich auf einen Ellbogen und sagte: »Hoffnung ist das Federding.«
Jetzt blickte er auf, als habe der Satz seine Neugier geweckt.
»Was bedeutet das?« fragte sie.
»Warum wollen Sie das wissen?«
»He, wenn Sie es nicht wissen, sagen Sie es einfach.«
»Hoffnung, das ist der kleine Vogel in uns, der sich nicht zum Schweigen bringen lässt.« Dann machte er eine Pause, als würde er überlegen, wie er ihr das am besten erklären solle.
»Er symbolisiert das, was uns aufrecht hält und uns davor bewahrt, aufzugeben, egal, wie trostlos uns alles vorkommen mag. Hoffnung bringt die Menschen dazu, Lotteriescheine zu kaufen oder an Olympiaden teilzunehmen, und sie hilft uns, Krankheiten und Todesfälle zu überwinden. Das bedeutet dieser Satz. Es muss schon eine ziemliche Katastrophe eintreten, um diesen kleinen Vogel zum Schweigen zu bringen. Wenn etwa ein Flugzeug in ein Hochhaus fliegt, oder wenn man weiß, dass eine unschuldige Frau erschossen wurde, weil man einen Fehler gemacht hat.«
Dann blickte er wieder auf den Bildschirm. Melanie blieb keine Zeit, über das nachzudenken, was er gesagt hatte, denn plötzlich war im Fernsehen von ihnen die Rede.
»Randy Fultons Leiche wurde von seiner Frau in der Küche des Farmhauses südlich von Nebraska City entdeckt. Heien Trebak, eine Tankstellenverkäuferin aus Auburn, wurde heute Nachmittag ebenfalls ermordet aufgefunden. Die Ermittlungsbehörden sind überzeugt, dass beide Morde von den flüchtigen Bankräubern verübt wurden, die gestern die Nebraska Bank of Commerce überfallen haben. Damit erhöht sich die Zahl ihrer Opfer auf sechs. Die Täter sind …«
Melanie drückte den Ton weg. Sie hatte genug gehört. Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Sie wusste genau, dass Jared den Farmer nicht umgebracht hatte. Sie war doch die ganze Zeit über bei ihm gewesen. Das war einfach unmöglich.
Auf einmal wurde das Foto einer Frau eingeblendet, die ihr bekannt vorkam. Sie drückte auf den Lautstärkeregler. »… Rita Williams, neununddreißig, seit sieben Jahren Kellnerin in dem Restaurant Cracker Barrel …« Natürlich, das war die Frau, mit der Jared sich angelegt hatte, weil er seine Eier nicht so bekommen hatte, wie er sie haben wollte.
Melanie warf ihrem Sohn einen Blick zu, um zu sehen, ob er die Frau ebenfalls erkannt hatte. Bisher schien Charlie die albtraumhaften Ereignisse der letzten Stunden weggesteckt zu haben, als ginge ihn das alles nichts an. Doch jetzt hockte er mit dem Rücken am Kopfteil des Bettes, hatte die Knie an die Brust gezogen und wiegte sich wie apathisch vor und zurück.
Noch ehe sie ihn fragen konnte, was los mit ihm sei, schrie er sie plötzlich an: »Mach das aus! Mach das verdammt noch mal aus!«