62. Kapitel

9.15 Uhr
Omaha

Max Kramer knüllte den Pappbecher zusammen und warf ihn in Richtung des Papierkorbs. Er flog daran vorbei, ohne auch nur den Rand zu berühren. Kein gutes Zeichen. Vielleicht hatte der viele Kaffee ihn zittrig gemacht, oder es lag an dem Wein gestern Abend. Nach Barnetts Anruf hatte er eine weitere Flasche aus dem Vorrat seiner Frau geköpft und war am Morgen früher als sonst ins Büro gefahren. Sie hatte noch geschlafen, und er war froh, neben seinem Kater nicht auch noch ihren Zorn ertragen zu müssen.

Er drehte sich mit dem Ledersessel so, dass er durch das Fenster auf das Einkaufscenter sah. Es schien wieder ein verdammt schöner Tag zu werden. Für seinen Geschmack etwas zu schwül, aber der Himmel über Nebraska war strahlend blau, und weit und breit war keine Wolke in Sicht.

Als junger Mann hatte er von diesem Himmel gar nicht genug bekommen können. Damals hatte er für eine große Anwaltskanzlei gearbeitet, war ständig zwischen Omaha und New York City hin und her gejettet und hatte sich als unermüdlicher Kämpfer im Namen der Gerechtigkeit gefühlt.

Er konnte gar nicht sagen, wann dieses Gefühl verflogen war.

Es hatte kein einschneidendes Ereignis oder Schlüsselerlebnis gegeben, es war einfach so passiert, ohne dass er es bewusst registriert hatte. Ein Abweichen von seinen Prinzipien hier, eine Unkorrektheit da, und langsam waren die Ausnahmen zur Routine geworden. Es war ein schleichender Prozess gewesen.

Er sah auf seine Rolex. In knapp einer Stunde musste er im Gericht sein. Zu blöd aber auch, dass Grace Wenninghoff den Handel ausgeschlagen hatte. Seine Mandantin Carrie Ann Comstock war bereit gewesen, Jared Barnett als den Mann zu identifizieren, auf dessen Konto die Überfälle auf die Supermärkte gingen. Kaum zu glauben, dass sie nicht angebissen hatte. Hatte er einen Fehler gemacht? Wenninghoff hätte den Deal bestimmt nicht abgelehnt, wenn sie gewusst hätte, wen sie belasten wollten. Aber er hatte ihr ja schließlich nicht ins Gesicht sagen können, dass er ausgerechnet den Mann ans Messer liefern wollte, den er gerade aus der Todeszelle geholt hatte.

Außerdem war Carrie Ann nicht gerade die zuverlässigste Zeugin. Die verdammte Crack-Nutte hatte sogar Probleme, sich zu merken, woher sie Barnett angeblich kannte. Und dabei hatte er sich extra schon eine ganz simple Geschichte einfallen lassen. Vielleicht war es ja sogar ganz gut, dass Wenninghoff nicht auf sein Angebot eingegangen war.

Ein Summen in der Brusttasche seines Jacketts riss ihn aus seinen Gedanken. Er zog das Handy heraus und erkannte die Nummer des Anrufers. Dieselbe wie gestern Abend.

»Max Kramer.«

»Und? Haben Sie alles?«

»In der kurzen Zeit lässt sich unmöglich ein neuer Ausweis besorgen, schon gar nicht drei. Sie müssen mir ein paar Tage Zeit geben.«

»Ich habe aber keine Zeit. Keinen einzigen verdammten Tag.«

Max meinte einen Unterton in Barnetts Stimme zu hören, den er noch nicht kannte. Als sei er mit den Nerven ziemlich auf dem Zahnfleisch.

»Ich brauche mindestens vierundzwanzig Stunden«, erwiderte er und konnte ein leichtes Grinsen nicht unterdrücken. Zum ersten Mal fühlte er sich diesem Bastard überlegen.

»Vergessen Sie die Ausweise. Besorgen Sie einfach das verdammte Geld.«

Max richtete sich in seinem Sessel auf. Kaum glaubte er, Barnett in der Hand zu haben, stellte der schon wieder alles auf den Kopf. Es war, als würde man Schach mit einem Verrückten spielen. »Okay, wo sind Sie? Wie soll ich Ihnen das Geld zukommen lassen?«

»Es gibt da einen Truckstop am Interstate. Schreiben Sie sich das am besten auf.«

Er schnappte sich Stift und Block. Barnett war tatsächlich ungewöhnlich gereizt, als stünde er mit dem Rücken zur Wand. Ein wildes Tier, das man in die Enge getrieben hatte.

Max hörte ein Rascheln, anscheinend faltete Barnett eine Straßenkarte auseinander. »Okay. Legen Sie los.«

»Ich weiß nicht mehr, wie der Laden heißt, aber er liegt etwa fünfzig Meilen westlich von Grand Island. Die Abfahrt ist Normal.«

»Wie, normal?«

»So heißt der Ort. Haben Sie etwa nicht gewusst, dass es ein Normal in Nebraska gibt?«

Max verdrehte die Augen. Am liebsten hätte er Barnett gesagt, dass ›normal‹ das letzte Wort war, das er mit ihm in Verbindung brachte. Es war eine solche Ironie, dass er sich fragte, ob Barnett den Ort bewusst gewählt hatte.

»Sorgen Sie dafür, dass das Geld bis heute Nachmittag um zwei da ist.«

»Bis zwei? Wie soll ich das denn schaffen?«

»Wenn Sie jemanden wie mich aus dem Gefängnis holen können, dann werden Sie ja wohl auch das hinkriegen. Lassen Sie sich was einfallen.«

»Okay, ich kann es wahrscheinlich telegrafisch anweisen. Dann brauchen Sie aber Ihren Ausweis, um es abzuholen.«

»Überweisen Sie es an Charlie Starks. Und versauen Sie es ja nicht, Kramer. Ich habe die Nase langsam verdammt voll davon, dass ständig alles in die Hose geht.«

Das musste er gerade sagen. Max hatte die Nase schon lange voll von Barnett. Schließlich hatte er ihn in diese vertrackte Lage gebracht. Wenn er sich an seinen Plan gehalten hätte, wäre das ganze Fiasko nicht passiert. Doch er verzichtete lieber darauf, ihm das an den Kopf zu werfen. »Ich werde zusehen, dass es um zwei da ist.«

»Sehen Sie nicht bloß zu, sorgen Sie dafür! Und versuchen Sie ja nicht, mich reinzulegen, sonst gehen Sie mit mir unter. Haben Sie das kapiert, Kramer?«

»Keine Sorge, das Geld wird da sein.«

Barnett legte auf, ohne noch etwas zu sagen. Max schwang sich mit dem Sessel herum und schaltete den Laptop auf seinem Schreibtisch ein. Den Namen des Truckstop fand er vermutlich im Internet, und das Geld konnte er sicher online anweisen. Die Kontonummer seiner Frau kannte er auswendig.

Während er auf die Internetverbindung wartete, gab er eine Nummer in sein Handy ein.

Sie meldete sich nach dem dritten Klingeln. »Grace Wenninghoff.«

»Hier ist Max Kramer. Ich glaube, es ist meine Pflicht, Ihnen etwas zu erzählen.«

Ja, meine Pflicht, dachte er. Wer sollte ihm denn vorwerfen, dass er einen Mandanten verpfiff, der offenbar völlig durchgedreht und im Tötungsrausch war. Niemand würde ihm das anlasten. Vielleicht würde er am Ende sogar wieder einmal als Held dastehen.