51. Kapitel
17.56 Uhr
Tommy Pakula blinzelte in die Sonne, beschattete die Augen mit der Hand und suchte die Sitzreihen ab. Er entdeckte Ciaire in der zweiten Reihe von oben. Sie winkte ihm und feuerte zugleich ihre Tochter an. Wie es aussah, hatte er das erste Viertel verpasst. Sein Team lag bereits mit einem Tor vorn.
Er stieg die Tribüne hinauf und bahnte sich einen Weg durch die Menge der jubelnden Eltern. Die meisten kannte er, doch da das Spiel bereits lief, grüßte man ihn nur mit einem Nicken. In diesem Jahr saß er zum ersten Mal auf den Zuschauerrängen, und er vermisste seinen bisherigen Platz in der Trainerecke am Spielfeldrand. Aber er war sich mit Ciaire einig gewesen, dass er kürzer treten musste, wenn er nicht ausbrennen wollte.
Er saß kaum, als sie auch schon belegte Brote und eine Pepsi aus ihrer abgewetzten Kühltasche holte. Sie reichte ihm die Cola und wickelte ein Sandwich aus, ohne das Spielfeld aus den Augen zu lassen. Der Geruch würziger Frikadellen, die Reste von gestern Abend, stieg ihm in die Nase, und von Mozzarella und scharfem Senf. Ihm lief das Wasser im Munde zusammen.
»Wie macht sie sich?« fragte er, nachdem er eine Weile beobachtet hatte, wie ihre Achtjährige wieselflink über das Spielfeld flitzte. Jenna war ihre Jüngste.
»Der Rasen ist vom Regen gestern noch ziemlich feucht«, erwiderte Ciaire. »Sie ist schon ein paarmal aus-gerutscht. Oh, und sie hat diese Sache ausprobiert, die du ihr gezeigt hast.«
»Ja? Und hat es geklappt?«
»Der Ball ist über die Linie geflogen.«
»Sie hat eben einen kräftigen Schuss.« Er warf Ciaire einen Blick zu und machte sich über sein Sandwich her. Sie lächelte ihn an, und er wischte sich über den Mund, weil er vermutete, einen Senfschnurrbart zu haben. Doch sie verfolgte bereits wieder das Spiel, legte ihre Hand auf sein Knie und ließ sie dort.
Er musste an sein gestriges Gespräch mit Andrew denken und wie er versucht hatte, seinem Freund klar zu machen, was er alles versäumte. Ihrer Tochter an einem lauen Sommerabend beim Spiel zuzusehen, dabei ein leckeres Frikadellen-Sandwich zu verputzen und die Hand seiner Frau auf seinem Knie zu spüren – das war es, wofür es sich seiner Meinung nach zu leben lohnte.
Er wusste, dass es in Andrews Leben eine Beziehung und eine schmerzhafte Trennung gegeben hatte. Das war, bevor sie sich kennen gelernt hatten. Doch Trennungen gehörten nun mal dazu. Man kam darüber hinweg und musste eben einen neuen Partner finden. Andrew hingegen zog sich in sein Schneckenhaus zurück und schottete sich ab. Obwohl sie inzwischen gute Freunde geworden waren, war Andrew mit Informationen über sein Privatleben selbst heute noch äußerst zurückhaltend. Immerhin meinte Tommy verstanden zu haben, dass Andrews Vater anscheinend alles darangesetzt hatte, das Selbstwertgefühl seines Sohnes zu zerstören. Es war schon erstaunlich, in welchem Ausmaß elterliche Neurosen die Verhaltensmuster ihrer Kinder prägten.
Ciaire sah ihn an, als hätte sie seine Gedanken erraten. »Du machst dir Sorgen um ihn«, stellte sie fest.
»Er ist einer solchen Situation nicht gewachsen.«
»Mein Gott, wer wäre das schon?«
»Ich hätte früher nach ihm sehen müssen. Als ich erfuhr, dass die Täter in Richtung des Parks geflüchtet sind, hätte ich rausfahren sollen.«
»Tommy.« Sie legte ihre Hand fester um sein Knie, als wolle sie ihren Worten Nachdruck verleihen. »Du kannst nicht ständig auf alles und jeden aufpassen.« Als sie sah, dass ihre Bemerkung ihn nicht tröstete, fügte sie hinzu: »Pass auf, es wird schon alles gut werden. Er wird es überstehen.«
Tommy musste schmunzeln. Das war typisch Ciaire. Selbst in den schwierigsten Situationen verlor sie nicht ihren Optimismus. Als er sich gerade wieder seinem Sandwich widmen wollte, begann sein Handy zu klingeln. Einige Zuschauer neben ihm drehten sich um und warfen ihm missbilligende Blicke zu, als habe er ein ungeschriebenes Gesetz gebrochen.
»Pakula«, meldete er sich und drehte sich vom Spielfeld weg. Ciaire nahm ihm die Cola und das Sandwich ab, damit er die Hände frei hatte.
»Detective Thomas Pakula?«
»Ja. Wer …« Er wurde von Jubelrufen und Applaus unterbrochen. »Entschuldigen Sie, ich bin hier gerade bei einem Fußballspiel. Mit wem spreche ich?«
»Grant Dawes. Ich bin der Sheriff von Nemaha County. In Ihrem Büro sagte man mir, ich solle mich mit Ihnen in Verbindung setzen.«
»Um was geht es denn?« Pakula sagte der Name nichts, aber die umständliche Art des Sheriffs ließ ihn ungeduldig werden. Warum sagte er nicht einfach, worum es ging?
Plötzlich erschollen Anfeuerungsrufe, und aus den Augenwinkeln sah er, wie die Spielerinnen seiner Mannschaft die gegnerische Abwehr durchbrachen. Musste der Kerl ausgerechnet jetzt anrufen? Er wollte auf keinen Fall noch ein Tor versäumen.
»Wir haben …« Die weiteren Worte des Sheriffs gingen im Jubel der Menge unter.
»Entschuldigen Sie, ich habe Sie eben nicht verstanden.«
»Wir haben einen roten Saab mit dem Kennzeichen A WHIM gefunden.«
Pakula erstarrte. Da der Lärmpegel nicht nachließ, machte er Ciaire ein Handzeichen, dass er nichts verstehen könne, stand auf und hastete durch die Bankreihen nach unten.
»Sind Sie noch da?« fragte er, als er den Parkplatz erreichte, wo der Lärmpegel endlich niedriger wurde.
»Ja, ich bin noch hier.«
»Sie sagten, Sie haben den Wagen gefunden?«
»Ja. Er steht in der Garage eines Farmers. Die Flüchtigen haben ihn gegen dessen Chevy eingetauscht. Aber vorher haben Sie dem Farmer noch die Kehle durchgeschnitten.«
»Verdammt!«
»Das ist noch nicht alles.«
Pakula lehnte sich kraftlos gegen seinen Explorer und machte sich auf das Schlimmste gefasst. Hatten sie etwa auch Andrew mit durchschnittener Kehle zurückgelassen?
»Am Highway bei Auburn haben wir in einer Tankstelle eine tote Verkäuferin gefunden. Jemand hat ihr direkt ins Gesicht geschossen. Der Schuss hat ihr den halben Kiefer weggerissen.«
Es dauerte einen Moment, bis Pakula sich wieder gefasst hatte. »Noch weitere Opfer?«
»Reicht das nicht?«
Er seufzte erleichtert auf, fuhr sich mit der Hand über die Glatze und schämte sich fast, dass er einzig an seinen Freund dachte. »Wie lange ist es her, dass Sie die Leichen entdeckt haben? Ich möchte unsere Kriminaltechniker so schnell wie möglich dorthin schicken.«
»Ich hatte gehofft, dass Sie das vorschlagen. Meine Leute haben beide Tatorte abgesperrt, aber für die Untersuchung von zwei Mordfällen verfüge ich nicht über ausreichende Möglichkeiten.«
»Erreiche ich Sie unter dieser Nummer?« fragte Pakula nach einem Blick auf das Display seines Handys.
»Ja, Sie erreichen mich hier.«
»Ich rufe Sie in ein paar Minuten zurück. Sie haben nicht zufällig das Kennzeichen des Chevy?«
»Noch nicht. Die Frau des Farmers steht unter Schock. Ich lasse die Nummer gerade feststellen. Wenn Sie zurückrufen, kann ich Sie Ihnen hoffentlich geben.«
»Gut. Bleiben Sie, wo Sie sind.« Pakula beendete das Gespräch und drückte eine Kurzwahltaste. Während er wartete, dass sich jemand meldete, dachte er daran, was Ciaire eben noch gesagt hatte: Es wird schon alles gut werden. Er wird es überstehen.