49. Kapitel
12.05 Uhr
»Zum Teufel, was hast du getan, Jared?« brüllte Melanie und hatte den Eindruck, ihre Stimme würde sich überschlagen.
Nachdem Jared es sich seelenruhig auf dem Rücksitz bequem gemacht hatte, war sie losgefahren und wollte nicht glauben, dass das, was sie gehört hatte, kein Schuss gewesen war. Als sie jetzt an dem Stoppschild anhielt, merkte sie, wie ihre Hände auf dem Lenkrad zitterten. Sie sah in den Rückspiegel.
Jared stopfte sich ein Stück Pizza in den Mund, ließ den Verschluss einer Bierflasche abspringen und machte keinerlei Anstalten, ihr zu antworten.
»Was hast du getan, Jared?« wiederholte sie ihre Frage.
»Was ich getan habe?« fragte er mit vollem Mund. »Frag lieber den Schreiberling da, was der getan hat.« Er warf ein Stück Papier über den Sitz, das auf ihrem Schoß landete.
»Nach rechts.«
»Aus der Richtung sind wir doch gerade gekommen«, stellte sie fest, bog dann aber ab, wie er es gesagt hatte. Sie hatte den Zettel aufgefangen, bevor er auf den Boden fallen konnte, betrachtete den Kreditkartenbeleg und sah mit fragendem Blick in den Rückspiegel nach hinten.
»Was meinst du? Er hat doch korrekt unterschrieben.«
»Auf der Rückseite.«
Sie drehte den Beleg um, doch ihre Hände zitterten so stark, dass sie kaum lesen konnte, was dort stand. »Coüberb?
Was soll das denn bedeuten?«
»Da steht CO über 6. Er hat versucht, den Bullen einen Tipp zu geben, in welche Richtung wir fahren.«
»Jetzt kapier ich«, meldete sich Charlie. Melanie sah ihn im Rückspiegel grinsen wie einen Schuljungen, der die richtige Antwort weiß. »CO steht für Colorado, und die Sechs für den Highway, richtig?« Er starrte Jared mit erwartungsvollen Augen an, als erhoffe er sich als Belohnung nun die Aufnahme in den erlauchten Kreis der Erwachsenen. Herrgott, er schien immer noch nicht kapiert zu haben, dass das alles kein Spiel war.
»Sie hätten die Frau nicht töten müssen«, stammelte Andrew plötzlich mit gedämpfter Stimme, ohne den Kopf zu heben.
»Wie ich das sehe, haben Sie die Alte auf dem Gewissen«, herrschte Jared ihn an, und Melanie konnte seinen Peperoniwurst-Atem riechen.
Damit war die Angelegenheit für Jared offenbar erledigt, und er widmete sich wieder seiner Pizza. Als sie Papier rascheln hörte, blickte sie in den Rückspiegel und sah, dass Charlie ein Sandwich auswickelte und ebenfalls zu essen begann. Es schien nichts zu geben, was den beiden den Appetit verderben konnte. Charlie stopfte sich den Mund voll und riss eine Tüte Chips auf.
Melanie konnte das alles nicht fassen. Noch eine Tote.
Wann hörte dieser Albtraum endlich auf? Jared hatte offenbar den Verstand verloren. Das war nicht mehr der Bruder, den sie kannte. Sie versuchte, sich auf die Straße zu konzentrieren, und rechnete jeden Augenblick damit, dass ein Streifenwagen hinter ihnen auftauchte. Was, wenn jemand den Schuss gehört oder beobachtet hatte, wie sie wegfuhren?
Als hätte er ihre Gedanken erraten, entschied Jared plötzlich: »Wir brauchen einen neuen Wagen.«
»Aber ich habe den hier doch gerade aufgetankt«, wandte sie ein und merkte sofort, was für eine dumme Erwiderung das war. Jared ignorierte sie und boxte Charlie kumpelhaft gegen die Schulter.
»Was denkst du, Charlie?«
»Ich habe vorhin eine Firma mit einem Parkplatz voller Autos gesehen. Wir müssen gleich wieder dran vorbeikommen.« Charlie beugte sich leicht vor und spähte nach vorn.
Melanie war dieser Parkplatz gar nicht aufgefallen, aber Charlie hatte natürlich ein Auge für so etwas. Doch jetzt sah auch sie das Gebäude. Es lag etwas abseits des Highways hinter einer kleinen Gruppe von Bäumen. Vermutlich ein Hersteller von Landwirtschaftsmaschinen, denn auf einem Schild stand VAL-FARM MANUFACTURING.
Melanie fuhr vom Highway ab und in die Einfahrt der Firma, ohne auf Jareds Anweisung zu warten. Andrew hatte sich aufgerichtet. Er kratzte an seiner Wunde, die sofort wieder zu bluten begann.
Während Melanie langsam über den Parkplatz fuhr, begutachteten Jared und Charlie die Autos wie zwei Kinder die Auslage eines Süßwarenladens.
»Kein Saturn«, sagte Jared. »Und nichts Auffälliges.«
»Vielleicht 'nen Taurus«, meinte Charlie. »Wie wärs mit dem da? Der ist ziemlich dreckig. Man erkennt nicht mal richtig die Farbe. Wir könnten die Nummernschilder von dem Ford Escort da hinten nehmen.«
»Okay. Melanie …«
Aber sie bog bereits in die nächste freie Parkbucht ein.
Charlie sprang aus dem Wagen und schlenderte auf den Taurus zu, als gehöre er ihm. Auf dem Parkplatz war sonst niemand zu sehen, und das Firmengebäude hatte zu dieser Seite keine Fenster.
Charlie grinste, als er die Tür des Taurus öffnete. Der Besitzer hatte den Wagen nicht abgeschlossen. Melanie sah, wie er sich auf den Fahrersitz setzte und sein roter Haarschopf hinter dem Armaturenbrett verschwand. Eine Sekunde später tauchte sein Kopf wieder auf, und Charlie hielt mit breitem Grinsen ein baumelndes Schlüsselbund wie eine Trophäe in die Höhe.
»Himmel«, sagte Jared. »Die Leute sind hier so verdammt vertrauensselig, die verdienen es gar nicht anders, als dass man ihnen die Autos klaut.«