50. Kapitel
16.10 Uhr
Omaha
Wutentbrannt warf Max Kramer den Telefonhörer auf die Gabel. Er konnte es nicht fassen: Grace Wenninghoff hatte sein Angebot tatsächlich ausgeschlagen. War die eigentlich nur dämlich, oder wusste sie etwas, das er nicht wusste?
Soweit er gehört hatte, tappte die Polizei doch völlig im Dunkeln. Es gab nicht die geringste Spur, mal abgesehen von den Videoaufnahmen aus den Supermärkten. Sie hatten einen Ausschnitt in den Zehn-Uhr-Nachrichten gezeigt, und darauf hatte man nicht viel erkennen können. Der Täter schien immer nach derselben Masche vorzugehen, aber aufgrund dieser unscharfen Videos würde man ihn kaum identifizieren können.
Mit Wenninghoffs Anruf war sein schöner Handel geplatzt, und alles, was ihm blieb, war ein aussichtsloses Verfahren gegen eine drogenabhängige Nutte, die ihn nicht einmal bezahlen konnte. Vor kaum zwei Wochen noch hatte er mit Jared Barnett in der Larry King Show gesessen und geglaubt, das Leben könne nicht besser werden. Nun ja, das hatte ja auch gestimmt. Aber warum musste er ständig, wenn er gerade glaubte, es geschafft zu haben, gleich wieder abrutschen?
Er lehnte sich in seinem Ledersessel zurück und sah aus dem Fenster auf die Gene Leahy Mall. Dieses Fenster mit dem Blick auf die Innenstadt von Omaha machte das kleine, enge Büro zu einer erstklassigen Immobilie. Er konnte sich dieses Büro eigentlich gar nicht leisten, tat es aber trotzdem, weil der Blick über die Stadt ihm ein Gefühl von Macht verlieh. Er hatte lange und hart dafür gearbeitet, sich hier Respekt zu verschaffen. Das würde er sich nicht so einfach nehmen lassen.
Seine landesweiten Medienauftritte halfen ihm nur vorübergehend, das wusste er. Es würde nicht lange dauern, bis seine Kollegen wieder anfingen, sich über ihn lustig zu machen. Diese verdammten Bastarde.
Er hörte seine Anrufe ab. Ein halbes Dutzend Idioten wollten etwas von ihm. Nur dieser eine Idiot, mit dem er unbedingt sprechen musste, meldete sich nicht. Er sah auf die Uhr. Es wurde Zeit, sich eine neue Strategie zu überlegen. Das dürfte allerdings nicht allzu schwierig sein, denn wer wusste besser als ein Strafverteidiger, was die Cops wollten?
Max löschte die drei Anrufe seiner Frau, die hatte wissen wollen, wann er nach Hause käme und ob sie das Dinner warm halten solle. Er hasste ihre ständigen Versuche, sein Leben kontrollieren zu wollen, und ihre unterschwelligen Drohungen und Sticheleien stanken ihm gewaltig. Nach seinen Fernsehauftritten hatte er gehofft, sie und ihr Geld nicht mehr zu brauchen. Was hatte er sich da bloß eingebildet? Dass Fox News den Vertrag mit Greta Van Susteen kündigte und ihn anrief, damit er ihre Gerichts-Talkshow übernahm? Ach je.
Stattdessen hatte eine ganze Wagenladung Anfragen von Todeskandidaten aus dem ganzen Land, die alle von ihm vertreten werden wollten, sein Büro überflutet. Arschlöcher, die darum bettelten, dass er ihnen das Leben rettete, die aber nichts auf der Naht hatten, um ihn zu bezahlen. Verdammt.
Und ausgerechnet der Bastard, der ihm alles verdankte und tief in seiner Schuld stand, veranstaltete einen solchen Mist.
Er sah noch einmal auf die Uhr. Wenn sich der Scheißkerl doch endlich melden würde.