XVI.

Manfred Laabs war bester Dinge nach Berlin zurückgekehrt und hatte sich sofort auf den Weg in die Palisadenstraße gemacht, um Ottwald von Trettin aufzusuchen. Gut gelaunt betätigte er den Türklopfer und sah sich kurz darauf einer mageren Frau mittleren Alters gegenüber, die ihn mit abweisender Miene musterte.

»Der Lieferanteneingang ist hinten!«, sagte sie in einem Ton, der unmissverständlich deutlich machte, dass er am besten gleich von dannen zog.

»Verzeihung, ich bin kein Lieferant. Ich will den Freiherrn Ottwald von Trettin sprechen!« Laabs setzte sein schmelzendes Lächeln auf, das seine Wirkung auf die Damenwelt selten verfehlte.

Die Frau vor ihm aber schnaubte und fragte nicht minder unfreundlich: »Was wollen Sie von Herrn von Trettin?«

Über Laabs’ Gesicht zog ein verschmitztes Grinsen. »Das, meine Liebe, geht nur den Freiherrn selbst etwas an.«

»Ich bin nicht Ihre Liebe. Sie haben mich mit Fräulein Philomena anzusprechen!«

Friederike Fabarius’ Großnichte erwog, diesem aufdringlichen Kerl die Tür vor der Nase zuzuschlagen, denn sie vermutete in ihm eine jener Kreaturen, mit denen ihr Verlobter seine sündigen Ausflüge unternahm. Schmierig genug sah er aus. Dann aber sagte sie sich, dass er nicht nach Gerhard Klampt gefragt hatte, sondern nach dessen Gast, den sie so rasch wie möglich loswerden wollte, mochte er nun von Adel sein oder nicht. Daher trat sie beiseite, erklärte dem Mann, dass er Trettin im dritten Zimmer des ersten Obergeschosses finden könne, und kehrte in die Wohnung ihrer Großtante zurück.

Das Dienstmädchen erwartete sie oben auf dem Treppenabsatz. »Wer war das?«

»Er hat seinen Namen nicht genannt, wollte aber zu Trettin.«

Philomena gab sich keine Mühe, ihren Abscheu zu verbergen. Seit sie erfahren hatte, dass Ottwald von Trettin mit einer jungen Frau, die für ein paar Tage als Gast bei Ermingarde untergekommen war, Unzucht getrieben hatte, ärgerte sie sich, dass sie diesen Mann im Haus dulden musste. Auf ihr Betreiben hin hatte ihre Großtante Friederike den Klampts bereits erklärt, dass sie sich nicht in der Lage sähe, auf Dauer so viele Leute zu beherbergen und zu verköstigen. Das Dienstmädchen war ganz auf ihrer Seite, denn sie nahm diesem, wenn jemand läutete, den Weg zur Haustür ab und erledigte auch andere Arbeiten.

Zwar war Friederike Fabarius reich genug, um sich weitere Dienstboten leisten zu können, doch anders als Ermingarde und deren Familie vermied es Philomena, ihrer Großtante dies zu raten. Die alte Frau war äußerst geizig und gab nur dann Geld aus, wenn es ihr unabdingbar erschien. Die Mahlzeiten in diesem Haus waren daher eher knapp bemessen, und seit Philomena im Haus war, gab es nur noch einmal die Woche eine Flasche Wein für die Klampts.

Der Einzige, der immer noch recht gut von dem Geld der Großtante profitierte, war Gerhard, dem sie wöchentlich eine gewisse Summe bewilligte, weil er als Mann mehr Bedürfnisse hätte. Doch Philomena war es bereits gelungen, diese Summe auf die Hälfte zu reduzieren, um der Sünde keinen Vorschub zu leisten, wie sie ihrer Großtante erklärt hatte. Sobald sie stärkeren Einfluss auf die alte Frau gewonnen haben würde, wollte sie durchsetzen, dass das Geld, welches Gerhard erhielt, diesem von ihr zugemessen wurde. Danach würde sie ihn heiraten.

Zwar gefiel ihr der Gedanke nicht, ihm Rechte zu gewähren, die in ihren Augen sündhaft waren, allerdings erschien ihr dies immer noch besser als zuzulassen, dass er ihr Erbe mit schlechten Weibern durchbrachte. Doch um ihn so zu beherrschen, wie es ihr richtig erschien, musste sie alle zweifelhaften Subjekte aus seiner Umgebung vertreiben. In erster Linie waren das dieser Gutsherr aus Ostpreußen und dessen Mutter, die hier schliefen und das Brot ihrer Großtante aßen, aber so taten, als wären sie etwas Besseres.

Juliregen
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