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Wegeskreuzung
Es kostete Rischka fast ihre ganze Geduld, die
Porzellanfigur einer Tänzerin in Seidenpapier einzuschlagen und sie
vorsichtig zu den anderen Gegenständen in eine Truhe zu legen,
damit sie nicht umfielen und zerbrachen, wenn das Hausboot mit der
anbrechenden Dunkelheit ablegte.
»Es gefällt mir ganz und gar nicht, Paris bereits
wieder verlassen zu müssen«, sagte sie zu Etienne, ohne sich ihm
zuzuwenden. »Ich hätte die Zügel bei Lakas und Truss nicht derartig
schleifen lassen dürfen. Sie leben beide nur zur Erfüllung ihrer
Talente: opfern und töten. Bislang ist das nie ein Problem gewesen,
aber die Zeiten haben sich geändert. Der gut organisierten
Polizeibehörde entgeht so schnell nichts, besonders da die Stadt
angesichts der Weltausstellung glänzen will. Und die Zeitungen sind
heutzutage schneller, als der Tratsch es jemals gewesen ist. Die
Neuigkeiten über blutleere Leichen gehen nicht von Mund zu Mund,
sondern dank der Zeitungen von Viertel zu Viertel. So ist es
bislang noch nie gewesen.Wir werden künftig Vorsicht walten lassen
müssen - was Truss natürlich vehement abgelehnt hat. Für etwas
anderes als zu töten scheint in ihrem Spatzenhirn kein Platz zu
sein.«
»Du hättest die beiden schon viel eher an die Leine
legen müssen. Diese vollkommen unnötigen Gräueltaten.«
Die Missbilligung in Etiennes Stimme war nicht zu
überhören. Zwar hatte er sie schon immer spüren lassen, dass er von
ihrer laxen Haltung gegenüber dem Geschwisterpaar nicht viel
hielt, aber er hatte es ihr nie direkt zu sagen gewagt. Seit Adam
aufgetaucht war, war bei Etienne etwas in Bewegung geraten. Rischka
war sich nicht sicher, was sie von dieser Entwicklung halten
sollte.
»Ich nehme es als Kompliment, dass du mir zutrauen
würdest, Truss meinem Willen zu unterwerfen.«
»Ich unterschätze dich niemals, Rischka.Aber das
heißt noch lange nicht, dass ich alles gutheiße, was du
tust.«
Rischka schnaufte aufgebracht. Sosehr sie Etiennes
Gesellschaft auch schätzte, heute hätte sie ihn am liebsten
fortgeschickt. Seine Aufmüpfigkeit setzte ihr zu, außerdem war sie
ohnehin nervös genug.Wenn ihreVorahnung sie nicht im Stich ließ,
würde Adam bald eintreffen.
Obgleich er ihr das letzte Mal einen gewaltigen
Schrecken eingejagt hatte, wünschte sie sich sehnlichst, ihm allein
zu begegnen. Sie wollte ihm ein Angebot unterbreiten, eins, das
Etienne, der sich bereits während des ganzen Abends so merkwürdig
verhielt, vielleicht untergraben würde. Dass er den jungen Mann
mochte und sich für ihn verantwortlich fühlte, überraschte sie
keineswegs. Genau das machte Etienne ja zu etwas Besonderem. Für
gewöhnlich hätte sie sich über eine solche Neigung amüsiert, aber
in diesem Fall lagen die Dinge anders: Sie war selbst an Adam
interessiert. Oder vielmehr an seinem Beherrscher, der einen so
ungewöhnlichen Weg eingeschlagen hatte.
Normalerweise ging Rischka mit ihresgleichen nur
Zweckbündnisse ein, so wie mit den Zwillingen, die in ihren Augen
nicht mehr als ein Wachhundgespann waren. Sie belohnte sie für ihre
Dienste großzügig - mit Opfern, in denen das Leben lauter toste als
ein Wasserfall. Zwar hätte es für Rischka keineswegs ein Problem
dargestellt, selbst für ihre Sicherheit zu sorgen, aber es
widersprach ihrer Natur. Ihr Talent beruhte auf ihrer
Anziehungskraft und auf ihren Verführungskünsten. Jemanden
gewaltsam von sich zu weisen, wäre da ein zu großer Widerspruch
gewesen.Außerdem lockte sie mehr Blut an, als sie selbst aufnehmen
konnte - warum also nicht teilen?
Plötzlich wurde sie sich Etiennes Blick bewusst,
der auf ihren Händen ruhte. In Gedanken versunken, hatte sie das
venezianische Messer aus seinem Samtkuvert hervorgeholt und es über
ihre Handfläche gleiten lassen. Die vollendet glatte Oberfläche der
kristallenen Klinge war der vertrauteste Gegenstand, den sie besaß.
Sie hatte nichts als Verachtung dafür übrig, wenn andere ihr
stumpfes Gebiss einsetzten, um an die Opfergabe zu gelangen. Und
Stahlklingen wohnte etwas Ordinäres inne, einmal davon abgesehen,
dass sie fleckig wurden. Ihr venezianisches Messer jedoch war
wunderschön gearbeitet, ein wahres Schmuckstück, das von all den
Opfergaben genauso unberührt blieb wie sie.
»Erinnerst du dich noch an meinen Liebling?«,
fragte sie Etienne, von dem plötzlichen Wunsch getrieben,
herauszufinden, was ihm wohl durch den Kopf gehen mochte. »Ich habe
dir diese Klinge überlassen, als mein Dämon dich eingeladen
hat.«
Kurz bekamen seine hageren Züge einen warmen
Ausdruck, als ihn die Erinnerung einholte, wurden aber sogleich
wieder undurchdringlich. »Ich habe mich immer gefragt, ob die
Kristallschneide nur den Geschmack deines Blutes kennengelernt hat.
So, wie du sie liebkost, vermute ich einmal, dass sie viele Adern
durchtrennt hat. Gewiss nicht nur solche, die sich wie von
Geisterhand wieder schließen.«
»Fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass du mit
einem Mal ein Problem mit der Opferung hast. Dabei dachte ich,
gerade du hättest begriffen, wie sehr sie ein natürlicher
Bestandteil unserer Existenz ist. Schließlich hast du dich
freiwillig dafür entschieden, den Dämon in dir aufzunehmen, obwohl
du sämtliche Konsequenzen kanntest.«
»Lass es mich so ausdrücken: Der Dämon sehnt sich
nach Blut, ja, er fordert es sogar mit aller Macht ein.Aber das
bedeutet noch lange nicht, dass man sich seinem Willen fügen
muss.«
Mit blankem Unverständnis blickte Rischka den Mann
an, von dem sie bis eben gedacht hatte, ihn besser zu kennen als er
sich selbst. »Woher stammt dieser unvermittelte
Gesinnungsumschwung? Entspringt er deinem Mitleid für Adam, weil er
sich nicht in sein Schicksal fügen kann? Wenn ja, dann kann ich
dich beruhigen. Im Augenblick mag Adam noch Widerwillen verspüren,
weil der Dämon ihm zu viele Freiheiten lässt und er deshalb noch
nicht begriffen hat, wer er eigentlich ist. Das wird sich ändern,
sobald er die Suche nach seinen menschlichen Überresten
aufgibt.«
»Warum bist du dir so sicher, dass er das tun wird?
Du scheinst ja regelrecht darauf zu lauern.«
Rischka hob überrascht die Brauen. Eine solche
Anschuldigung hätte sie von Etienne nicht erwartet.Allerdings
musste sie sich eingestehen, dass er Recht hatte, auch wenn sie ihm
diese Taktlosigkeit deshalb keineswegs nachsah.
»Adam ist wie geschaffen dafür, den Willen des
Dämons zu erfüllen. Er kann sich ihm nicht entziehen, vertrau mir.
Es wäre also besser für unseren jungen Freund, wenn du aufhören
würdest, ihn zu ermutigen, dieser Chimäre von einer Vergangenheit
hinterherzujagen. Wer er einmal war, ist vollkommen unwichtig
geworden.Was jetzt zählt, ist, dass er seine Gabe erkennt und
einsetzt. Du solltest es ihm besser nicht schwerer machen, als es
ohnehin schon ist, verstehst du?«
Den letzten Satz sprach sie absichtlich leise aus,
so dass eine Drohung mitschwang, die Etienne keineswegs entging.
Zuerst sah es so aus, als wolle er zu einer entrüsteten Gegenrede
ansetzen, aber dann besann er sich eines Klügeren. »Es wird
interessant sein, zu hören, was Adam über seine Vergangenheit
herausfinden konnte«, sagte er ausweichend.
Einen Tick zu ausweichend, wie Rischka fand. Sie
hätte sich eigentlich mehr Demut von ihrem Zögling erwartet, hatte
sie sich doch dazu herabgelassen, ihn auf seinen Platz zu
verweisen. »Wenn du mich fragst, dann hat Adam während seines
Besuchs bei dieser Frau mehr über seine Zukunft als über seine
Vergangenheit herausgefunden.« Der entsetzte Ausdruck auf Etiennes
Gesicht entschädigte sie für seine Unverfrorenheit. Damit ihm ihr
befriedigtes Lächeln entging, wandte sie sich der Truhe zu, in der
sie das venezianische Messer verstaute.
»Du glaubst, Adam hat das Mädchen geopfert?«
Etienne gab sich nicht die geringste Mühe, seine
Betroffenheit zu kaschieren.Allerdings war auch eine Traurigkeit
herauszuhören, die Rischka nicht gefiel. Fast so, als trauere er um
das verschwendete Blut. Oder vielmehr um eine seltene Blüte, die
sinnlos zerstört worden war, und nicht etwa um ein Opferlamm,
dessen Existenz unausweichlich im Schatten des baldigen Todes
stand. Menschen waren Schlachtvieh - entweder wurden sie ihrem
Beherrscher geopfert oder ein anderer Gott holte sie sich. So sah
das jedenfalls Rischka. Deshalb sträubte sie sich auch gegen
Etiennes Trauer, als würde er das Ende einer Eintagsfliege
beklagen. Unnütz und dumm. Und für Dummheit hatte Rischka keine
Geduld.
»Natürlich hat Adam das Weibsbild geopfert. Alles
andere ist undenkbar. Niemals würde der Beherrscher auf einen
solchen Machtbeweis verzichten.«
Jedes ihrer Worte war ein Peitschenschlag in
Etiennes Gesicht. Kraftlos sank er in einen Sessel, ohne den Blick
von Rischka zu nehmen, die ihre Chiffonröcke zu sortieren begann.
Sie waren in ihrer Transparenz keineswegs dazu geeignet, etwas zu
verbergen, sondern glichen eher einem Vorhang, der dazu einlud,
einen Blick auf verbotene Früchte zu werfen. Nicht, dass Etienne am
heutigen Abend auch nur einmal der Versuchung
nachgegeben hätte, die sie ansonsten für ihn darstellte. Das
machte Rischka nur umso wütender.
Demonstrativ streckte sie sich über seinem Kopf
einem Bord entgegen, auf dem mit Edelsteinen und Perlen verzierte
Seidenblumen lagen, die sie sich ins hochgesteckte Haar knüpfte. Zu
ihrer Enttäuschung wanderte sein Blick zwar wie von selbst zu ihrem
Dekolleté, allerdings ohne echtes Interesse. Er ging ihr verloren,
es ließ sich nicht leugnen.
Tief in ihrer Brust hörte Rischka das aufgeregte
Wispern ihres Beherrschers, ein vielstimmiger Klang.Wozu ließe
Etiennes Dämon sich wohl verführen, um die alte Verbundenheit
wiederherzustellen, die Rischka mit einem Mal auf keinen Fall
verlorengeben wollte? Wenn sie Paris verließ, wollte sie wissen,
dass sie jemanden zurückließ, der immer auf sie wartete.
Mit einer anmutigen Bewegung ließ sie sich vor
Etiennes Füßen nieder. »Habe ich die Blumen an der richtigen Stelle
ins Haar gesteckt?«
Sanft griff sie nach seinen Fingern, sich durchaus
bewusst, dass Etienne sie bislang nur einmal berührt hatte: als er
sie geküsst hatte, um den Dämon einzuladen. Seitdem wahrte er die
Distanz, obwohl ihm zweifelsohne gefiel, was er sah.Aber er sah
etwas in ihr, das es ihm unmöglich machte, sich ihr zu nähern. Nun,
sie würde ihm schon nachhelfen. Ohne Zögern begann sie jenes Netz
zu spinnen, mit dem sie Etiennes Dämon einzufangen gedachte,
während sie seine zögerlichen Finger an ihr Haar führte. Es war so
einfach. Und wenn es ihm nicht gefiel, dann war es eben die
gerechte Strafe für seinen Hochmut.
»Ich hoffe, ich störe nicht.«
Die Stimme durchschnitt sie wie Glas, und mit einem
leisen Aufschrei auf den Lippen sprang Rischka auf die Füße.
Mit leicht gebückter Haltung kam Adam durch die
niedrige Tür, mehr ein lauernder Tiger als je zuvor. Seine Augen
funkelten sie abschätzig an, als habe er genau begriffen, was
sie gerade zu tun gedachte. Unwillkürlich packte Rischka sich an
die Kehle, um sie zu schützen. Hinter ihr erhob Etienne sich und
trat auf Adam zu, woraufhin der das Interesse an ihr verlor.
»Dein Hals«, sagte Etienne mit einer brüchigen
Stimme, als sei er noch nicht ganz wieder bei sich.
Ehe Adam die Stelle mit der Hand bedecken konnte,
bemerkte auch Rischka, worum es ging: ein rot leuchtendes, glattes
Mal, groß wie eine Münze, verriet, dass sie mit ihrer Vermutung
Recht behalten hatte.
»Wunden, die uns zugefügt werden, damit der Dämon
einen neuen Tempel betreten kann, heilen langsamer. Dieses Mal ist
eine Art Auszeichnung. Wenn es dem Dämon tatsächlich gelungen wäre,
deine Liebste einzunehmen, würde es vermutlich sogar immer noch
bluten.«
Über Etiennes Schultern fuhr ein Beben. »Du hast
das Mädchen von dir trinken lassen, und der Dämon hat sie
vernichtet. Das stimmt doch, richtig?«
Adam nickte. Auf seinem Gesicht war nicht einmal
die Andeutung einer Regung zu lesen. »Der Dämon hatte mir gleich
gesagt, dass sie ihm gehört.«
Obwohl Rischka das Verlangen verspürte, sich Adam
zu nähern und ihre Fingerspitzen auf das Mal an seinem Hals zu
legen, wagte sie sich zu ihrer Verwunderung keinen einzigen Schritt
näher an ihn heran. Als könnte sich seine Gleichgültigkeit
jederzeit in schiere Mordlust verwandeln. Etwas an der Art, wie er
sich bewegte, verriet, dass sein Jagdtrieb sich nicht allein auf
die Opfersuche beschränkte. Er war ein echter Jäger, und sie würde
sich davor hüten, sein Interesse zu wecken, indem sie seine
Instinkte unnötig herausforderte.
»Was meinst du damit, wenn du sagst: Er hat es dir
gesagt?«, fragte sie und leckte sich über ihre plötzlich trocken
gewordenen Lippen.
Adam legte den Kopf schief und musterte sie unter
halb geschlossenen Lidern, während sich ein kaltes Lächeln
ausbreitete, als könne er ihren schneller gehenden Herzschlag
hören. »Wenn du nicht weißt, wovon ich spreche, dann geht es dich
vermutlich auch nichts an.«
»Was soll dieser Ton?«, fauchte Etienne ihn an.
Entweder waren Etiennes Instinkte verkümmert, oder er war
ausgesprochen wagemutig. »So sprichst du in meiner Gegenwart nicht
mit Rischka!«
Das kalte Lächeln wurde unvermittelt warm, als Adam
seine Aufmerksamkeit auf Etienne lenkte. »Du hast Recht. Ich sollte
ihr vermutlich mehr Respekt entgegenbringen, da sie mir doch gleich
bei unserem ersten Treffen schonungslos erklärt hat, dass ich
verloren bin.«
»Du bist nicht verloren«, entgegnete Etienne
reflexhaft - aber da war er wieder, dieser Klang von Trauer, als
glaube er selbst nicht daran.
»Das ist eine Lüge, und das weißt du sehr wohl.«
Adams Reaktion fiel erstaunlich sanft aus. »Es stand ab dem Moment
fest, als es dem Dämon gelungen ist, Toska seine Einladung zu
überbringen, ohne dass ich ihm auch nur den leisesten Widerstand
leisten konnte.«
»Du wirst lernen, ihm Widerstand zu leisten. Gewiss
braucht es Zeit und viel Geduld, aber du kannst es lernen. Und du
brauchst diesen Weg nicht allein zu gehen, ich werde dich
begleiten.«
Rischka schnappte laut nach Luft, schockiert über
das, was sie da hörte. »Bist du wahnsinnig, Etienne? Du willst mir
doch wohl nicht ernsthaft versichern, dass du den Unsinn glaubst,
den du da von dir gibst.«
Aber Etienne drehte sich nicht einmal zu ihr um.
»Hör mir zu,Adam. Du trägst den Dämon in dir, das lässt sich nicht
rückgängig machen. Für die Gaben, die er dir geschenkt hat,
schuldest
du ihm den Blutdienst, auch daran lässt sich nichts ändern. Aber
du bist nicht sein Sklave und auch kein leeres Gefäß, das er mit
seinem Willen gefüllt hat. Es lässt sich bestimmt ein Weg finden,
mit dem Dämon im Einklang zu leben. Du musst dich selbst nicht
aufgeben.«
Mit einer unerwartet zärtlichen Geste berührte Adam
kurz Etiennes Schulter. »Es tut mir leid, dich enttäuschen zu
müssen, aber in mir gibt es nichts, das ich aufgeben könnte. Die
einzige Lebensaufgabe des Mannes, der ich früher gewesen bin,
bestand darin, sich selbst aufzulösen. Wenn er schon kein Interesse
daran gehabt hat, sich zu bewahren, warum sollte ich es dann haben?
Vielleicht siehst du ja einen Weg für dich, mit deinem Dämon zu
leben, ohne deine Menschlichkeit zu verlieren, aber mir bietet er
sich nicht an.«
Endlich wagte Rischka es, sich Adam zu nähern. Wenn
sie sich ganz auf die beschwörenden Einflüsterungen ihres
Beherrschers einließ, konnte sie sehen, wie er sich hinter Adam
ausbreitete, als sei dessen menschliche Erscheinung nur eine Maske,
hinter der sich etwas verbarg, das kein Auge erfassen konnte. Eine
mächtige dunkle Quelle, die an einen Körper gefesselt war, der für
die Erfüllung ihrer Bedürfnisse eigentlich nicht geschaffen war.
Eine verbannte Gottheit, die in tausend Teile zersplittert war und
nie wieder zusammengefügt werden konnte. Oder doch?
»Das ist die richtige Entscheidung.«
Adam sah Rischka an, als habe er vergessen, dass
sie sich ebenfalls im Raum befand. Zwar leuchtete hinter seinen
Katzenaugen immer noch die Kraft des Dämons, aber zu ihrer
Beruhigung fand sich nicht länger jene bedrohliche Jagdlust in
ihnen.
»Einen Kampf gegen den Beherrscher kann man nicht
gewinnen«, sagte sie, »du würdest völlig umsonst leiden. Du musst
akzeptieren, was du bist, und dich von lächerlichen Maßstäben
wie Gut und Böse befreien. Der Beherrscher ist jetzt deine
Natur.«
»Das ist der Grund, warum du dich ihm überlässt,
Rischka. Für mich ist der Dämon nach wie vor ein Eindringling, ein
Parasit, den ich liebend gern ausmerzen würde, selbst wenn ich
dabei mit zugrunde gehen sollte. Aber ich kann es nicht. Allerdings
habe ich meine Unterlegenheit akzeptiert. Das hat er mir heute vor
Augen geführt. Das und noch etwas anderes: dass ich niemand bin und
auch niemand war, um den es sich zu kämpfen lohnt. Also überlasse
ich ihm die Arena, ich gebe mich geschlagen.«
»Nein, tu das nicht!« Entgegen seiner sonstigen
Distanziertheit packte Etienne Adam bei den Mantelaufschlägen, ohne
Widerstand zu erfahren. »Und wenn ich dir sage, wer sich hinter den
Initialen des Einstecktuchs verbirgt, das du in dieser Gasse
gefunden hast? Das wäre doch eine Chance, die du dir nicht entgehen
lassen könntest. Stell dir vor, Lisandro Soares sagt dir, wie es
dazu gekommen ist, dass du den Dämon eingeladen hast. Das könnte
doch alles in einem anderen Licht erscheinen lassen.«
Wütend schrie Rischka auf, bereit sich auf Etienne
zu stürzen, weil er dieses Geheimnis verraten hatte, dessen
Offenbarung nur ihr zustand. Es war ein wertvoller Schuldschein
gewesen, für den sie Adam viel hätte abverlangen können. Doch bevor
sie ihrer Wut Luft machen konnte, sagte Adam etwas, das ihr den
Wind aus den Segeln nahm: »Es tut mir leid, aber ich habe meine
Entscheidung bereits getroffen, Etienne. Was auch immer mir dieser
Soares erzählen könnte, es würde nichts daran ändern, dass es
keinen Menschen in mir gibt, der nach Rettung verlangt. Nur einen
Dämon, der gewonnen hat.«
Etienne sackte in sich zusammen, als sei sämtliche
Energie mit einem Schlag aus seinem Körper gewichen. Rischka
hingegen streckte Adam lächelnd eine Hand entgegen, die er nur
flüchtig streifte.
»Wir sehen uns«, sagte er noch, während er sich
abwandte und mit langen Schritten die Treppe erklomm. Rischka
wollte ihm hinterherstürzen, doch Etienne hielt sie zurück.
»Lass ihn gehen.«
»Ihn gehen lassen? Jetzt, da ich ihn gerade
hatte?«
»Wenn du tatsächlich glaubst, über Adam in
irgendeiner Weise verfügen zu können, dann hast du eben nichts von
alldem begriffen, was geschehen ist.«
»Du willst also freiwillig auf ihn
verzichten?«
Etienne sah sie lange prüfend an. »Ich will, dass
er wieder zurückkommt, aber von sich aus. Du solltest dich an mein
Vorbild halten, Rischka, wenn du nicht sehr schnell herausfinden
willst, dass dein Leben doch endlich sein kann. Adam lässt sich
nicht einfangen, weder von dir noch von seinem Dämon.«
»Ach ja?« Zu ihrem Erstaunen stellte Rischka fest,
dass der Griff, mit dem Etienne sie umfangen hielt, gar nicht so
unangenehm war. Sie gehörten zusammen, auch wenn ihre Beziehung
gerade auseinanderbrach. »Dabei klang es eben so, als habe er sich
dem Weg des Dämons verschrieben.«
»Überlassen wäre das passendere Wort. Früher
oder später wird er seine Meinung ändern, denn es liegt in seiner
menschlichen Natur,Widerstand zu leisten. Das wird ihm nicht einmal
der Dämon austreiben können.«
Obwohl sich alles in ihr gegen diese Aussage
sträubte, glaubte Rischka sie.