14
Wegeskreuzung
Es kostete Rischka fast ihre ganze Geduld, die Porzellanfigur einer Tänzerin in Seidenpapier einzuschlagen und sie vorsichtig zu den anderen Gegenständen in eine Truhe zu legen, damit sie nicht umfielen und zerbrachen, wenn das Hausboot mit der anbrechenden Dunkelheit ablegte.
»Es gefällt mir ganz und gar nicht, Paris bereits wieder verlassen zu müssen«, sagte sie zu Etienne, ohne sich ihm zuzuwenden. »Ich hätte die Zügel bei Lakas und Truss nicht derartig schleifen lassen dürfen. Sie leben beide nur zur Erfüllung ihrer Talente: opfern und töten. Bislang ist das nie ein Problem gewesen, aber die Zeiten haben sich geändert. Der gut organisierten Polizeibehörde entgeht so schnell nichts, besonders da die Stadt angesichts der Weltausstellung glänzen will. Und die Zeitungen sind heutzutage schneller, als der Tratsch es jemals gewesen ist. Die Neuigkeiten über blutleere Leichen gehen nicht von Mund zu Mund, sondern dank der Zeitungen von Viertel zu Viertel. So ist es bislang noch nie gewesen.Wir werden künftig Vorsicht walten lassen müssen - was Truss natürlich vehement abgelehnt hat. Für etwas anderes als zu töten scheint in ihrem Spatzenhirn kein Platz zu sein.«
»Du hättest die beiden schon viel eher an die Leine legen müssen. Diese vollkommen unnötigen Gräueltaten.«
Die Missbilligung in Etiennes Stimme war nicht zu überhören. Zwar hatte er sie schon immer spüren lassen, dass er von ihrer laxen Haltung gegenüber dem Geschwisterpaar nicht viel hielt, aber er hatte es ihr nie direkt zu sagen gewagt. Seit Adam aufgetaucht war, war bei Etienne etwas in Bewegung geraten. Rischka war sich nicht sicher, was sie von dieser Entwicklung halten sollte.
»Ich nehme es als Kompliment, dass du mir zutrauen würdest, Truss meinem Willen zu unterwerfen.«
»Ich unterschätze dich niemals, Rischka.Aber das heißt noch lange nicht, dass ich alles gutheiße, was du tust.«
Rischka schnaufte aufgebracht. Sosehr sie Etiennes Gesellschaft auch schätzte, heute hätte sie ihn am liebsten fortgeschickt. Seine Aufmüpfigkeit setzte ihr zu, außerdem war sie ohnehin nervös genug.Wenn ihreVorahnung sie nicht im Stich ließ, würde Adam bald eintreffen.
Obgleich er ihr das letzte Mal einen gewaltigen Schrecken eingejagt hatte, wünschte sie sich sehnlichst, ihm allein zu begegnen. Sie wollte ihm ein Angebot unterbreiten, eins, das Etienne, der sich bereits während des ganzen Abends so merkwürdig verhielt, vielleicht untergraben würde. Dass er den jungen Mann mochte und sich für ihn verantwortlich fühlte, überraschte sie keineswegs. Genau das machte Etienne ja zu etwas Besonderem. Für gewöhnlich hätte sie sich über eine solche Neigung amüsiert, aber in diesem Fall lagen die Dinge anders: Sie war selbst an Adam interessiert. Oder vielmehr an seinem Beherrscher, der einen so ungewöhnlichen Weg eingeschlagen hatte.
Normalerweise ging Rischka mit ihresgleichen nur Zweckbündnisse ein, so wie mit den Zwillingen, die in ihren Augen nicht mehr als ein Wachhundgespann waren. Sie belohnte sie für ihre Dienste großzügig - mit Opfern, in denen das Leben lauter toste als ein Wasserfall. Zwar hätte es für Rischka keineswegs ein Problem dargestellt, selbst für ihre Sicherheit zu sorgen, aber es widersprach ihrer Natur. Ihr Talent beruhte auf ihrer Anziehungskraft und auf ihren Verführungskünsten. Jemanden gewaltsam von sich zu weisen, wäre da ein zu großer Widerspruch gewesen.Außerdem lockte sie mehr Blut an, als sie selbst aufnehmen konnte - warum also nicht teilen?
Plötzlich wurde sie sich Etiennes Blick bewusst, der auf ihren Händen ruhte. In Gedanken versunken, hatte sie das venezianische Messer aus seinem Samtkuvert hervorgeholt und es über ihre Handfläche gleiten lassen. Die vollendet glatte Oberfläche der kristallenen Klinge war der vertrauteste Gegenstand, den sie besaß. Sie hatte nichts als Verachtung dafür übrig, wenn andere ihr stumpfes Gebiss einsetzten, um an die Opfergabe zu gelangen. Und Stahlklingen wohnte etwas Ordinäres inne, einmal davon abgesehen, dass sie fleckig wurden. Ihr venezianisches Messer jedoch war wunderschön gearbeitet, ein wahres Schmuckstück, das von all den Opfergaben genauso unberührt blieb wie sie.
»Erinnerst du dich noch an meinen Liebling?«, fragte sie Etienne, von dem plötzlichen Wunsch getrieben, herauszufinden, was ihm wohl durch den Kopf gehen mochte. »Ich habe dir diese Klinge überlassen, als mein Dämon dich eingeladen hat.«
Kurz bekamen seine hageren Züge einen warmen Ausdruck, als ihn die Erinnerung einholte, wurden aber sogleich wieder undurchdringlich. »Ich habe mich immer gefragt, ob die Kristallschneide nur den Geschmack deines Blutes kennengelernt hat. So, wie du sie liebkost, vermute ich einmal, dass sie viele Adern durchtrennt hat. Gewiss nicht nur solche, die sich wie von Geisterhand wieder schließen.«
»Fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass du mit einem Mal ein Problem mit der Opferung hast. Dabei dachte ich, gerade du hättest begriffen, wie sehr sie ein natürlicher Bestandteil unserer Existenz ist. Schließlich hast du dich freiwillig dafür entschieden, den Dämon in dir aufzunehmen, obwohl du sämtliche Konsequenzen kanntest.«
»Lass es mich so ausdrücken: Der Dämon sehnt sich nach Blut, ja, er fordert es sogar mit aller Macht ein.Aber das bedeutet noch lange nicht, dass man sich seinem Willen fügen muss.«
Mit blankem Unverständnis blickte Rischka den Mann an, von dem sie bis eben gedacht hatte, ihn besser zu kennen als er sich selbst. »Woher stammt dieser unvermittelte Gesinnungsumschwung? Entspringt er deinem Mitleid für Adam, weil er sich nicht in sein Schicksal fügen kann? Wenn ja, dann kann ich dich beruhigen. Im Augenblick mag Adam noch Widerwillen verspüren, weil der Dämon ihm zu viele Freiheiten lässt und er deshalb noch nicht begriffen hat, wer er eigentlich ist. Das wird sich ändern, sobald er die Suche nach seinen menschlichen Überresten aufgibt.«
»Warum bist du dir so sicher, dass er das tun wird? Du scheinst ja regelrecht darauf zu lauern.«
Rischka hob überrascht die Brauen. Eine solche Anschuldigung hätte sie von Etienne nicht erwartet.Allerdings musste sie sich eingestehen, dass er Recht hatte, auch wenn sie ihm diese Taktlosigkeit deshalb keineswegs nachsah.
»Adam ist wie geschaffen dafür, den Willen des Dämons zu erfüllen. Er kann sich ihm nicht entziehen, vertrau mir. Es wäre also besser für unseren jungen Freund, wenn du aufhören würdest, ihn zu ermutigen, dieser Chimäre von einer Vergangenheit hinterherzujagen. Wer er einmal war, ist vollkommen unwichtig geworden.Was jetzt zählt, ist, dass er seine Gabe erkennt und einsetzt. Du solltest es ihm besser nicht schwerer machen, als es ohnehin schon ist, verstehst du?«
Den letzten Satz sprach sie absichtlich leise aus, so dass eine Drohung mitschwang, die Etienne keineswegs entging. Zuerst sah es so aus, als wolle er zu einer entrüsteten Gegenrede ansetzen, aber dann besann er sich eines Klügeren. »Es wird interessant sein, zu hören, was Adam über seine Vergangenheit herausfinden konnte«, sagte er ausweichend.
Einen Tick zu ausweichend, wie Rischka fand. Sie hätte sich eigentlich mehr Demut von ihrem Zögling erwartet, hatte sie sich doch dazu herabgelassen, ihn auf seinen Platz zu verweisen. »Wenn du mich fragst, dann hat Adam während seines Besuchs bei dieser Frau mehr über seine Zukunft als über seine Vergangenheit herausgefunden.« Der entsetzte Ausdruck auf Etiennes Gesicht entschädigte sie für seine Unverfrorenheit. Damit ihm ihr befriedigtes Lächeln entging, wandte sie sich der Truhe zu, in der sie das venezianische Messer verstaute.
»Du glaubst, Adam hat das Mädchen geopfert?«
Etienne gab sich nicht die geringste Mühe, seine Betroffenheit zu kaschieren.Allerdings war auch eine Traurigkeit herauszuhören, die Rischka nicht gefiel. Fast so, als trauere er um das verschwendete Blut. Oder vielmehr um eine seltene Blüte, die sinnlos zerstört worden war, und nicht etwa um ein Opferlamm, dessen Existenz unausweichlich im Schatten des baldigen Todes stand. Menschen waren Schlachtvieh - entweder wurden sie ihrem Beherrscher geopfert oder ein anderer Gott holte sie sich. So sah das jedenfalls Rischka. Deshalb sträubte sie sich auch gegen Etiennes Trauer, als würde er das Ende einer Eintagsfliege beklagen. Unnütz und dumm. Und für Dummheit hatte Rischka keine Geduld.
»Natürlich hat Adam das Weibsbild geopfert. Alles andere ist undenkbar. Niemals würde der Beherrscher auf einen solchen Machtbeweis verzichten.«
Jedes ihrer Worte war ein Peitschenschlag in Etiennes Gesicht. Kraftlos sank er in einen Sessel, ohne den Blick von Rischka zu nehmen, die ihre Chiffonröcke zu sortieren begann. Sie waren in ihrer Transparenz keineswegs dazu geeignet, etwas zu verbergen, sondern glichen eher einem Vorhang, der dazu einlud, einen Blick auf verbotene Früchte zu werfen. Nicht, dass Etienne am heutigen Abend auch nur einmal der Versuchung nachgegeben hätte, die sie ansonsten für ihn darstellte. Das machte Rischka nur umso wütender.
Demonstrativ streckte sie sich über seinem Kopf einem Bord entgegen, auf dem mit Edelsteinen und Perlen verzierte Seidenblumen lagen, die sie sich ins hochgesteckte Haar knüpfte. Zu ihrer Enttäuschung wanderte sein Blick zwar wie von selbst zu ihrem Dekolleté, allerdings ohne echtes Interesse. Er ging ihr verloren, es ließ sich nicht leugnen.
Tief in ihrer Brust hörte Rischka das aufgeregte Wispern ihres Beherrschers, ein vielstimmiger Klang.Wozu ließe Etiennes Dämon sich wohl verführen, um die alte Verbundenheit wiederherzustellen, die Rischka mit einem Mal auf keinen Fall verlorengeben wollte? Wenn sie Paris verließ, wollte sie wissen, dass sie jemanden zurückließ, der immer auf sie wartete.
Mit einer anmutigen Bewegung ließ sie sich vor Etiennes Füßen nieder. »Habe ich die Blumen an der richtigen Stelle ins Haar gesteckt?«
Sanft griff sie nach seinen Fingern, sich durchaus bewusst, dass Etienne sie bislang nur einmal berührt hatte: als er sie geküsst hatte, um den Dämon einzuladen. Seitdem wahrte er die Distanz, obwohl ihm zweifelsohne gefiel, was er sah.Aber er sah etwas in ihr, das es ihm unmöglich machte, sich ihr zu nähern. Nun, sie würde ihm schon nachhelfen. Ohne Zögern begann sie jenes Netz zu spinnen, mit dem sie Etiennes Dämon einzufangen gedachte, während sie seine zögerlichen Finger an ihr Haar führte. Es war so einfach. Und wenn es ihm nicht gefiel, dann war es eben die gerechte Strafe für seinen Hochmut.
»Ich hoffe, ich störe nicht.«
Die Stimme durchschnitt sie wie Glas, und mit einem leisen Aufschrei auf den Lippen sprang Rischka auf die Füße.
Mit leicht gebückter Haltung kam Adam durch die niedrige Tür, mehr ein lauernder Tiger als je zuvor. Seine Augen funkelten sie abschätzig an, als habe er genau begriffen, was sie gerade zu tun gedachte. Unwillkürlich packte Rischka sich an die Kehle, um sie zu schützen. Hinter ihr erhob Etienne sich und trat auf Adam zu, woraufhin der das Interesse an ihr verlor.
»Dein Hals«, sagte Etienne mit einer brüchigen Stimme, als sei er noch nicht ganz wieder bei sich.
Ehe Adam die Stelle mit der Hand bedecken konnte, bemerkte auch Rischka, worum es ging: ein rot leuchtendes, glattes Mal, groß wie eine Münze, verriet, dass sie mit ihrer Vermutung Recht behalten hatte.
»Wunden, die uns zugefügt werden, damit der Dämon einen neuen Tempel betreten kann, heilen langsamer. Dieses Mal ist eine Art Auszeichnung. Wenn es dem Dämon tatsächlich gelungen wäre, deine Liebste einzunehmen, würde es vermutlich sogar immer noch bluten.«
Über Etiennes Schultern fuhr ein Beben. »Du hast das Mädchen von dir trinken lassen, und der Dämon hat sie vernichtet. Das stimmt doch, richtig?«
Adam nickte. Auf seinem Gesicht war nicht einmal die Andeutung einer Regung zu lesen. »Der Dämon hatte mir gleich gesagt, dass sie ihm gehört.«
Obwohl Rischka das Verlangen verspürte, sich Adam zu nähern und ihre Fingerspitzen auf das Mal an seinem Hals zu legen, wagte sie sich zu ihrer Verwunderung keinen einzigen Schritt näher an ihn heran. Als könnte sich seine Gleichgültigkeit jederzeit in schiere Mordlust verwandeln. Etwas an der Art, wie er sich bewegte, verriet, dass sein Jagdtrieb sich nicht allein auf die Opfersuche beschränkte. Er war ein echter Jäger, und sie würde sich davor hüten, sein Interesse zu wecken, indem sie seine Instinkte unnötig herausforderte.
»Was meinst du damit, wenn du sagst: Er hat es dir gesagt?«, fragte sie und leckte sich über ihre plötzlich trocken gewordenen Lippen.
Adam legte den Kopf schief und musterte sie unter halb geschlossenen Lidern, während sich ein kaltes Lächeln ausbreitete, als könne er ihren schneller gehenden Herzschlag hören. »Wenn du nicht weißt, wovon ich spreche, dann geht es dich vermutlich auch nichts an.«
»Was soll dieser Ton?«, fauchte Etienne ihn an. Entweder waren Etiennes Instinkte verkümmert, oder er war ausgesprochen wagemutig. »So sprichst du in meiner Gegenwart nicht mit Rischka!«
Das kalte Lächeln wurde unvermittelt warm, als Adam seine Aufmerksamkeit auf Etienne lenkte. »Du hast Recht. Ich sollte ihr vermutlich mehr Respekt entgegenbringen, da sie mir doch gleich bei unserem ersten Treffen schonungslos erklärt hat, dass ich verloren bin.«
»Du bist nicht verloren«, entgegnete Etienne reflexhaft - aber da war er wieder, dieser Klang von Trauer, als glaube er selbst nicht daran.
»Das ist eine Lüge, und das weißt du sehr wohl.« Adams Reaktion fiel erstaunlich sanft aus. »Es stand ab dem Moment fest, als es dem Dämon gelungen ist, Toska seine Einladung zu überbringen, ohne dass ich ihm auch nur den leisesten Widerstand leisten konnte.«
»Du wirst lernen, ihm Widerstand zu leisten. Gewiss braucht es Zeit und viel Geduld, aber du kannst es lernen. Und du brauchst diesen Weg nicht allein zu gehen, ich werde dich begleiten.«
Rischka schnappte laut nach Luft, schockiert über das, was sie da hörte. »Bist du wahnsinnig, Etienne? Du willst mir doch wohl nicht ernsthaft versichern, dass du den Unsinn glaubst, den du da von dir gibst.«
Aber Etienne drehte sich nicht einmal zu ihr um. »Hör mir zu,Adam. Du trägst den Dämon in dir, das lässt sich nicht rückgängig machen. Für die Gaben, die er dir geschenkt hat, schuldest du ihm den Blutdienst, auch daran lässt sich nichts ändern. Aber du bist nicht sein Sklave und auch kein leeres Gefäß, das er mit seinem Willen gefüllt hat. Es lässt sich bestimmt ein Weg finden, mit dem Dämon im Einklang zu leben. Du musst dich selbst nicht aufgeben.«
Mit einer unerwartet zärtlichen Geste berührte Adam kurz Etiennes Schulter. »Es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber in mir gibt es nichts, das ich aufgeben könnte. Die einzige Lebensaufgabe des Mannes, der ich früher gewesen bin, bestand darin, sich selbst aufzulösen. Wenn er schon kein Interesse daran gehabt hat, sich zu bewahren, warum sollte ich es dann haben? Vielleicht siehst du ja einen Weg für dich, mit deinem Dämon zu leben, ohne deine Menschlichkeit zu verlieren, aber mir bietet er sich nicht an.«
Endlich wagte Rischka es, sich Adam zu nähern. Wenn sie sich ganz auf die beschwörenden Einflüsterungen ihres Beherrschers einließ, konnte sie sehen, wie er sich hinter Adam ausbreitete, als sei dessen menschliche Erscheinung nur eine Maske, hinter der sich etwas verbarg, das kein Auge erfassen konnte. Eine mächtige dunkle Quelle, die an einen Körper gefesselt war, der für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse eigentlich nicht geschaffen war. Eine verbannte Gottheit, die in tausend Teile zersplittert war und nie wieder zusammengefügt werden konnte. Oder doch?
»Das ist die richtige Entscheidung.«
Adam sah Rischka an, als habe er vergessen, dass sie sich ebenfalls im Raum befand. Zwar leuchtete hinter seinen Katzenaugen immer noch die Kraft des Dämons, aber zu ihrer Beruhigung fand sich nicht länger jene bedrohliche Jagdlust in ihnen.
»Einen Kampf gegen den Beherrscher kann man nicht gewinnen«, sagte sie, »du würdest völlig umsonst leiden. Du musst akzeptieren, was du bist, und dich von lächerlichen Maßstäben wie Gut und Böse befreien. Der Beherrscher ist jetzt deine Natur.«
»Das ist der Grund, warum du dich ihm überlässt, Rischka. Für mich ist der Dämon nach wie vor ein Eindringling, ein Parasit, den ich liebend gern ausmerzen würde, selbst wenn ich dabei mit zugrunde gehen sollte. Aber ich kann es nicht. Allerdings habe ich meine Unterlegenheit akzeptiert. Das hat er mir heute vor Augen geführt. Das und noch etwas anderes: dass ich niemand bin und auch niemand war, um den es sich zu kämpfen lohnt. Also überlasse ich ihm die Arena, ich gebe mich geschlagen.«
»Nein, tu das nicht!« Entgegen seiner sonstigen Distanziertheit packte Etienne Adam bei den Mantelaufschlägen, ohne Widerstand zu erfahren. »Und wenn ich dir sage, wer sich hinter den Initialen des Einstecktuchs verbirgt, das du in dieser Gasse gefunden hast? Das wäre doch eine Chance, die du dir nicht entgehen lassen könntest. Stell dir vor, Lisandro Soares sagt dir, wie es dazu gekommen ist, dass du den Dämon eingeladen hast. Das könnte doch alles in einem anderen Licht erscheinen lassen.«
Wütend schrie Rischka auf, bereit sich auf Etienne zu stürzen, weil er dieses Geheimnis verraten hatte, dessen Offenbarung nur ihr zustand. Es war ein wertvoller Schuldschein gewesen, für den sie Adam viel hätte abverlangen können. Doch bevor sie ihrer Wut Luft machen konnte, sagte Adam etwas, das ihr den Wind aus den Segeln nahm: »Es tut mir leid, aber ich habe meine Entscheidung bereits getroffen, Etienne. Was auch immer mir dieser Soares erzählen könnte, es würde nichts daran ändern, dass es keinen Menschen in mir gibt, der nach Rettung verlangt. Nur einen Dämon, der gewonnen hat.«
Etienne sackte in sich zusammen, als sei sämtliche Energie mit einem Schlag aus seinem Körper gewichen. Rischka hingegen streckte Adam lächelnd eine Hand entgegen, die er nur flüchtig streifte.
»Wir sehen uns«, sagte er noch, während er sich abwandte und mit langen Schritten die Treppe erklomm. Rischka wollte ihm hinterherstürzen, doch Etienne hielt sie zurück.
»Lass ihn gehen.«
»Ihn gehen lassen? Jetzt, da ich ihn gerade hatte?«
»Wenn du tatsächlich glaubst, über Adam in irgendeiner Weise verfügen zu können, dann hast du eben nichts von alldem begriffen, was geschehen ist.«
»Du willst also freiwillig auf ihn verzichten?«
Etienne sah sie lange prüfend an. »Ich will, dass er wieder zurückkommt, aber von sich aus. Du solltest dich an mein Vorbild halten, Rischka, wenn du nicht sehr schnell herausfinden willst, dass dein Leben doch endlich sein kann. Adam lässt sich nicht einfangen, weder von dir noch von seinem Dämon.«
»Ach ja?« Zu ihrem Erstaunen stellte Rischka fest, dass der Griff, mit dem Etienne sie umfangen hielt, gar nicht so unangenehm war. Sie gehörten zusammen, auch wenn ihre Beziehung gerade auseinanderbrach. »Dabei klang es eben so, als habe er sich dem Weg des Dämons verschrieben.«
»Überlassen wäre das passendere Wort. Früher oder später wird er seine Meinung ändern, denn es liegt in seiner menschlichen Natur,Widerstand zu leisten. Das wird ihm nicht einmal der Dämon austreiben können.«
Obwohl sich alles in ihr gegen diese Aussage sträubte, glaubte Rischka sie.
Nachtglanz - Heitmann, T: Nachtglanz
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