Strang 2 / Kapitel 24

 

Vor langer Zeit tobte ein schreckliches Gewitter, vor dem die Dorfbewohner ängstlich Schutz suchten. Selbst das Vieh floh in die trockenen Ställe. Da kam ein einziges Männchen daher. Triefnass und durchgefroren bat es um Unterschlupf. An jedem der stolzen Häuser klopfte es an, doch nirgends liess man es ein. Kaltherzig wies man es ab, schickte es weg, ignorierte es gar. Bis es an ein unansehnliches Häuschen polterte. Die Menschen, die dort lebten, hatten selbst kaum genug, doch liessen sie das Männchen ein. Zu Essen bekam es und über Nacht durfte es bleiben. Doch am nächsten Morgen war das Männchen verschwunden. Das Gewitter hatte sich ebenfalls verzogen. Die Dorfleute trauten sich wieder vor die Häuser und begutachteten den Schaden den ihnen das nächtliche Unwetter beschwert hatte. Da krachte und donnerte es. Und als die Dorfleute zum Berg blickten, entdeckten sie, dass sich die Felswand ablöste. In einer schrecklichen Lawine stürzte das Geröll auf das Dorf zu. Und dazwischen, auf einem grossen Felsblock sass das Männlein. Es schien die Lawine anzuführen. Das Geröll begrub das Dorf unter sich und alles, was darin lebte. Nur ein Häuschen blieb bestehen. Es war das der gutherzigen Gastgeber.

 

Der Hof lag im Dunkeln. In der Zwischenzeit hatten sich die Wolken zu einer unheilvollen Mauer aufgetürmt. Am Horizont konnte man bereits das Leuchten der Blitze erkennen.

Bald würde das Unwetter über sie hereinbrechen.

In jedem Sinn des Wortes.

Er schlich sich beinahe lautlos aus dem Haus. Obwohl er sich nicht hätte vorsehen müssen. Der Wind rauschte über das Gelände und pfiff um die Ecken. Niemandem wäre ein anderes Geräusch aufgefallen.

Und das war gut so. Genau die richtige Voraussetzung.

Heute oder nie.

Endlich würde er sein Werk zu Ende bringen.

Die Aufregung krabbelte wie eine Ameisenstrasse in ihm hoch.

Aber er musste sich beherrschen. Er brauchte eine ruhige Hand. Die Bedingungen waren so schon schwer genug. Der Regen, der Wind, die Kälte.

Aber es würde klappen. Es musste einfach.

Er zog sich die Kapuze tief ins Gesicht. Weniger, um nicht erkannt zu werden. Mehr, um sich vor dem Regen zu schützen.

Er wagte es noch nicht, das Licht seiner Taschenlampe einzuschalten. Das war zu riskant. Dafür war er noch zu nahe beim Haus. Hören würde ihn niemand, aber vielleicht sehen.

Behende setzte er einen Fuss vor den anderen. Er kannte das Gelände. Besser als jeder andere.

Für andere hatte es auch nie einen Grund gegeben den Weg so oft abzulaufen. Sich jeden Stein und jeden Halm einzuprägen. Jede heikle Stelle genau zu betrachten.

Für ihn schon. Nachdem klar geworden war, dass dies der Abschluss werden würde, das grosse Finale, hatte er sich der Planung gewidmet. Dazu gehörte ein gutes Versteck, ein Gewitter, passendes Material und der richtige Zeitpunkt.

Der war jetzt gekommen.

Der Untergrund war glitschig und aufgeweicht von dem Wolkenbruch. Doch er setzte jeden Fuss sicher vor den anderen. Er gewann immer mehr an Höhe. Die Umgebung wurde steiler, felsiger und zerklüfteter. Das Wetter ungastlicher.

Perfekt.

Der erste Donnerschlag würde bald über die Bergwipfel krachen.

Oben angekommen, war er ausser Atem. Aber es hatte sich gelohnt. Der harte Aufstieg zwang ihn, etwas zu empfinden. Glaube und körperliche Ertüchtigung. Instrumente, die Verstand und Sinne schärften. Wut und Schmerz kanalisierten. In Energie umwandelten. Schmerz empfinden bedeutete Leben.

Er wusste das. Sein Bruder hatte es nicht verstanden.

Er hatte sich dem Schmerz ergeben. War schwach geworden. Ein jämmerliches Geschöpf. Bis es ihn zerstört hatte.

Es war eine Frage der Zeit gewesen, bis dem Leiden sowieso ein Ende gesetzt worden wäre.

Er hatte es nur beschleunigt. Ihm den Gnadenstoss versetzt.

Jetzt waren die anderen dran.

Von seinem Posten aus überblickte er das ganze Tal. Er konnte auch das Dorf ausmachen, das sich an den Fuss des Berges schmiegte.

Aber das war nicht das, was ihn interessierte.

Von der Schwärze der Dunkelheit umhüllt, gepeitscht vom Regen, erkannte er die Silhouetten mehrerer Dächer.

Der Stall. Die Wäscherei. Die Schnapsbrennerei. Der Schuppen. Die Scheune.

Das Haupthaus dieses erhabenen Bauernhofs.

Mächtig und unnachgiebig war der Hof seit Generationen der Sitz der Reichs. Ein Zeichen für Wohlstand, Freundlichkeit, Herzlichkeit, Erfolg.

Diese Zeiten waren vorbei. Ein für alle Mal. Und dass es so blieb, dafür würde er sorgen.

Er setzte mehrere Sprengladungen. Er versenkte sie in Felsspalten oder deponierte sie unter überhängendem Gestein. Dann rollte er die Zündschnüre ab, bis er seine Schutzzone über dem Geschehen erreicht hatte. Sein Abwehrwall bestand aus einem massiven Gesteinsbrocken, dem die Sprengung nichts anhaben konnte. Alleine schon deswegen nicht, weil die Lademenge genauso gezielt berechnet worden war, wie die Orte, an denen die Ladungen gesetzt wurden.

Ein Donnerschlag, mächtig wie Gottes Arm selbst, brachte die Erde zum Erzittern.

In einer Mischung aus Ehrfurcht und Überlegenheit stand er aufrecht im Regen. Er gönnte sich noch einmal einen Blick auf den Hof. Er stellte sich vor, wie die Bewohner darin schliefen.

Sie würden nichts mitbekommen, ehe es zu spät war. Und wenn sie frühzeitig aufwachen würden, hätten sie keine Zeit zu fliehen.

Der Donner grollte erneut. Die Erde zitterte.

Immer näher kam das Gewitter. Die Abstände zwischen Donner und Blitz wurden kürzer und immer kürzer.

Er trat zurück, zog seine Ohrenschützen über. Im Schutz seines Regenmantels holte er die Zündvorrichtung hervor.

Ein greller Blitz zuckt über den Himmel. Gleich darauf krachte es.

Das Gewitter war direkt über ihm. Und über ihnen.

Es war soweit.

Der nächste Donnerschlag würde das Todesurteil sein.

Sein Daumen lag auf dem Zünder.

Der Blitz erhellte das Firmament.

Es gab kein Zurück.

Er drückte den Knopf.

Die Erde bebte.

Es donnerte. Unter seinen Füssen, über seinem Kopf. Einfach überall.

Er trat näher an die Kante heran, um besser sehen zu können.

Die Sprengsätze explodierten im Geräuschschatten des Unwetters. Einen Augenblick lang geschah überhaupt nichts.

Doch dann brach die Hölle los.

Erst knackte es. Dann krachte es. Der Berg brach ab. Ganze Felsplatten brachen heraus. Geröll, Erde und Gestein lösten sich.

Tosend stürzte der Schutt in die Tiefe.

Und riss erbarmungslos alles mit, was sich in den Weg stellte.

Was mit einem harmlosen Knacken begann, erhielt ungeheure Kraft. Die Gesteinslawine gewann von Meter zu Meter Masse und Geschwindigkeit.

Erde wirbelte herum, vernebelte die Sicht. Dick und klebrig schwängerte der Staub die Luft. Er setzte sich überall fest. Beim Einatmen kroch er in die Lunge. Er klebte im Gesicht, schlich sich unter die Kleidung. Dagegen kam der rauschende Regen nicht an.

Die Lawine erreichte den Hof.

Ob wachend oder schlafend. Wer sich darin befand, wurde erschlagen. Verschüttet. Erstickte. Starb. Niemand hatte eine Chance.

Der Fluch holte sich auch die letzten der Reichs.

So schien es.

 

Das ganze Ausmass der Katastrophe wurde bei Anbruch des Tages sichtbar.

Die Staubwolke hatte sich noch nicht ganz gelegt, als die Polizei ankam. Ein Blick reichte aus, um zu wissen, dass es zu spät war.

Dennoch war niemand bereit, aufzugeben. Man schickte Bergungsmannschaften. Suchtrupps. Freiwillige halfen.

Erfolglos.

Eine Mahnwache wurde abgehalten. Viele Menschen trauerten um die Familie. Bekundeten ihr Entsetzen über das Schicksal. Nicht nur aus dem Dorf, sie kamen auch aus dem Umland.

Ändern liess sich das Geschehene aber nicht mehr.

Der Berg holte sich den Reichhof und mit ihnen die Reichs. So sagte man sich.

 

Auch wenn man bemerkt hätte, dass die Abbruchstelle am Berg seltsam anmutete, man hätte keine Spuren gefunden, die einen allfälligen Verdacht untermauert hätten.

Er hatte alles sorgfältig verwischt und aufgeräumt.

Aber erst, nachdem er sich an dem aussergewöhnlichen Schauspiel ergötzt hatte.

Zugegeben, Auslöser war nicht die Natur gewesen. Doch die Gewalt, die diese Lawine in sich trug, war natürlichen Ursprungs.

Wie die Massen auf das Haus zudonnerte. Wie der Staub sich überall festsetzte. Wie die Lawine Gebäude und Bewohner rücksichtslos überrollte. Und verschluckte.

Innerlich hoffte er, sie mögen aufgewacht sein. Er wünschte sich, sie hätten den Augenblick erlebt, als die Gewalt über sie hereinbrach. Gesehen, wie das Geröll auf sie zustob. Begriffen, was geschah, kurz bevor es sie verschlang. Dieser kleine Moment ungeheurer Intensität. Wenn die Augen sich weiteten, der Puls raste, das Atmen unmöglich wurde. Angst, gar schiere Panik, aufstieg. Die Nerven gelähmt wurden. Bis nur noch ein Gedanke existierte.

Das sichere Wissen um das Ende.

Ja. Das war ein würdiger Abschluss gewesen. Mehr als das. Erregung strömte durch jede Faser seines Körpers. Berauscht hielt er inne und kostete seinen Sieg aus.

Das Beste war, er konnte dieses Gefühl jederzeit wieder abrufen. Die Bilder heraufbeschwören. Sich immer und immer wieder an diesem Rausch laben.

Aber nicht hier.

Es war Zeit, die Zelte abzubrechen.

 

 

Unscheinbar
titlepage.xhtml
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_000.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_001.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_002.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_003.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_004.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_005.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_006.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_007.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_008.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_009.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_010.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_011.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_012.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_013.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_014.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_015.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_016.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_017.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_018.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_019.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_020.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_021.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_022.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_023.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_024.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_025.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_026.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_027.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_028.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_029.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_030.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_031.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_032.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_033.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_034.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_035.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_036.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_037.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_038.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_039.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_040.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_041.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_042.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_043.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_044.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_045.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_046.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_047.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_048.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_049.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_050.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_051.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_052.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_053.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_054.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_055.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_056.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_057.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_058.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_059.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_060.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_061.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_062.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_063.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_064.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_065.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_066.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_067.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_068.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_069.html
CR!65V9FM21E961X6KYVX7BQBPEYX2N_split_070.html