Strang 1 / Kapitel 28
Sie hatte hinter ihrer Haustür gewartet. In der einen Hand ihr Telefon, in der anderen die Türklinke. Der Autoschlüssel steckte noch, die Handtasche lag zu ihren Füssen und die Jacke hatte sie auch noch an. Egal, was kommen würde, Alice war startklar. Als sie den Motor ihrer Maschine erkannte riss sie die Haustür auf. „Oh, mein Gott, was ist mit ihr passiert?“ Sie übertönte nur knapp das tiefe Grollen des Motors.
„Das weiss ich selbst noch nicht. Sie stolperte wie ein angefahrenes Reh den Berg hinunter.“
„Den Berg hinunter? Wie hast du sie gefunden?“
"Erklär ich dir später." Ben hatte Emma vor sich hingesetzt. Ihr Kopf ruhte an seiner Brust. Er sass beinahe auf dem Soziussitz. Eine reichlich ungemütliche Position, um ein Motorrad zu fahren. Zum Glück waren Bens Gliedmassen lang genug.
Er drehte die Zündung aus und stellte die Maschine auf den Seitenständer, bevor er abstieg. Vorsichtig hielt er sie fest, als er sein Bein über das schlanke Fahrgestell hob. Dann zog er auch sie von der Maschine hinunter.
Emma half ihm nach Kräften. Sie konzentrierte sich darauf, auf ihren eigenen Füssen zu stehen. Mit seiner Hilfe würde das sicher weitestgehend klappen. Ihre Mühe war aber umsonst. Er nahm sie wieder auf die Arme und trug sie in das Haus. Ohne Umwege steuerte er sein altes Zimmer an. Es war das wärmste Zimmer im Haus, da das Abluftrohr des Kamins im Raum integriert worden war.
Ben fragte gar nicht erst danach, ob das Chemine eingeheizt war. Er konnte das Knistern des Feuers aus dem Wohnzimmer hören.
Oben angekommen, setzte er Emma auf die Bettkante.
„Schön sitzenbleiben. Ich muss noch Handtücher holen.“
Mahnend hielt er ihr den Zeigefinger unter die Nase. Emma nickte schwach. Sie brachte sogar ein schiefes Lächeln zustande.
Ben stiess beinahe mit seiner Mutter zusammen, als er das Zimmer wieder verlassen wollte.
„Handtücher“, sagte Alice knapp und drückte Ben die Frotteewäsche in die Hände.
Über ihre Schulter hatte sie sich einen Flanellschlafanzug gelegt. „So. Noch einmal. Wie hast du sie gefunden?“
„Sie hatte sich mit dem Handy den Weg geleuchtet. Nachdem du mir gesagt hast, wo du den Schal gesehen hast, bin ich dorthin gefahren und habe mich umgesehen und das Aufleuchten zwischen den Felsen entdeckt. Schlussendlich musste ich nur noch dem Licht folgen.“
„Gott sei Dank. Ich habe nichts gesehen, als ich dort vorbei gefahren bin, ausser eben den Schal am Baum. Natürlich habe ich mich gewundert, warum jemand seinen Schal an einen Baum hängt.Ich wusste ja nicht, dass es ihrer ist. Ich habe mir solche Sorgen gemacht, als ich sie auf dem Weg nirgends entdecken konnte, sie auch zuhause nicht antraf und sie auch nicht bei dir war.“
„Es ist ja nochmal alles gut gegangen.“ Beruhigend legte Ben die Hand auf Alices Schulter. „Sie ist doch ziemlich fit und unbeschadet, findest du nicht?“ Sein verschmitztes Grinsen zeigte sofort Wirkung. Die Anspannung wich aus Alices Gesicht.
„Recht hast du. Aber bevor sie dir dein Bett versaut, sollte sie in die Badewanne, denkst du nicht? Ist doch eh besser, wenn sie sich dort noch eine Weile auftaut.“
„Wie ein eingefrorenes Hühnchen. Ins heisse Wasserbad und dann in die Pfanne.“
Alice versuchte das Lachen zu unterdrücken, es gelang ihr aber nicht ganz. Sie riskierte einen vorsichtigen Blick zu Emma, die immer noch in sich zusammengesunken auf dem Bettrand sass. Angestrengt versucht sie die beiden böse anzufunkeln. Es zeigte aber keine Wirkung. Oder sie merkten es nicht.
Wie unfair.
Emma beschloss, sich selbst auch ein wenig zu helfen. Sie stützte sich mit einer Hand auf dem Bettpfosten ab und erhob sich langsam. Das klappte ganz gut. Als ihr Gewicht ganz auf den Füssen lastete, schoss ein stechender Schmerz durch ihren Körper.
Emma sog scharf die Luft ein.
Sofort erstarb der Anflug von Humor aus den Gesichtern von Alice und Ben. Sie stürzten beide auf Emma zu und griffen ihr unter die Arme. Im wahrsten Sinne des Wortes.
„Geht schon.“ Ihre Zähne begannen zu klappern.
„Unser eingefrorenes Stadthühnchen scheint ihren Körper tatsächlich langsam wieder anzuheizen.“ Ben erinnerte sich an die Frostbeulen an den Ohren und an die steifen Finger, als er einmal zu lange draussen, bei 20°C unter null, Eishockey ohne Ausrüstung gespielt hatte. Als seine Finger und Füsse wieder auftauten, waren das höllische Schmerzen. Die Ohren waren wenigstens nur heiss geworden.
„Wir stellen dich unter die Dusche.“ Alice und Ben begleiteten Emma bis zum Badezimmer. Dort angekommen fragte Alice dann noch: „Bekommst du das hin?“
Ihr war nicht entgangen, dass Emma von Meter zu Meter an Kraft zurückgewann.
Emma nickte.
„Gut. Hier.“ Alice reichte ihr den Schlafanzug. „Der ist schön warm. Im Schrank unter dem Waschbecken habe ich noch ein paar flauschige Finken. Die ziehst du nach der Dusche an. Lass dir Zeit.“
Damit war Emma entlassen. Sie trottete ins Badezimmer und zog die Tür hinter sich zu.
„Das wird ganz schön schmerzen, wenn sie wieder warm wird“, gab Ben zu bedenken. „Sollten wir noch einen Arzt holen? Wer ausser Phil und sein Vater versteht hier noch was von Medizin?“ Es war schon eine Weile her, seit Ben sich darüber Gedanken machen musste.
„Das wird nicht nötig sein. Sie wird’s überstehen.“ Alice lächelte in sich hinein. Schön, den alten Ben mal wieder zu Gesicht zu bekommen.
Alice und Ben sassen im Wohnzimmer. Der Fernseher lief. Aber keiner konzentrierte sich auf das, was über die Mattscheibe flimmerte. Beide lauschten auf das Geräusch des Wassers in den Rohren.
Jetzt hörte es auf. Emma hatte das Wasser abgedreht.
Angespannt warteten sie weiter.
Das Scharnier der Badezimmertür quietschte. Der Holzboden über ihnen knarzte.
Emma hatte das Bad verlassen. Den Geräuschen zufolge war sie auf dem Weg in das Schlafzimmer.
Alice und Ben sahen sich an. Sie warteten noch einige Minuten, aber aus dem oberen Stock drangen keine Geräusche mehr.
Gleichzeitig standen sie auf und gingen zur Treppe. Leise schlichen sie nach Oben.
Die Tür zu Bens altem Zimmer war nur angelehnt. Vorsichtig spähten sie hinein. Das Licht war noch an. Emma sass auf dem Bett. Nicht unter der Decke, darauf. Die Pantoffeln hatte sie noch an. Das Handtuch war um die Haare geschlungen. Auf ihrem Schoss lag ein offenes Buch. Alice hatte ihr noch Brote gestrichen, für den Fall das Emma Hunger bekam. Die Brote standen auf dem Nachttisch. Eins war angebissen.
Alles deutete darauf hin, dass Emma noch eine Weile wach bleiben wollte. Aber ihre Augen waren zu. Der Kopf lehnte entspannt an der Wand hinter dem Bett.
Alice wandte sich an Ben. „Leg dich zu ihr.“
Ben wich zurück. „Wie bitte?“
„Jetzt sieh mich nicht so an. Sie war unterkühlt. Sie braucht auch jetzt noch Wärme. Und was empfiehlt sich als beste Wärmequelle für einen unterkühlten Körper? Ein anderer Körper. Du kannst mir ruhig glauben. Haben die das in deinen Filmen nie gemacht?“
„Doch. Nackt.“
„Genau.“
Er hatte seine Mutter eigentlich abschrecken wollen. Mit Zustimmung hatte er nicht gerechnet. „Ist das dein Ernst?“
„Natürlich. Es muss ja nicht gleich ganz nackt sein. Aber du bist nun einmal der Ofen in unserer kleinen Familie. Was du an Hitze ausstrahlst, wenn man dich im Arm hat, ist nicht zu überbieten. Na los!“ Alice legte den Arm um Ben, damit er an ihr vorbei ins Zimmer ging. Als sie seinen Widerwillen bemerkte, setzte sie noch einen drauf. „Oder soll ich?“
Das zeigte Wirkung. „Schon gut.“ Ben schob sich leise in das Zimmer.
Zuerst nahm er das Buch von Emmas Schoss und klappte es zu. Als er den Titel las, konnte er nur den Kopf schütteln. Schweizer Sagen. Nicht einmal jetzt konnte sie es lassen.
Er legte das Buch beiseite. Das hatte Zeit bis morgen. In diesem Zustand konnte man sowieso nicht klar denken.
Ben schlug auf der Seite des Bettes die Decke zurück, auf der Emma nicht sass. Dann hob er behutsam ihre Beine an, zog ihr die Pyjamahose aus und den Rest der Decke unter ihr hervor. Sie stöhnte leicht auf, erwachte aber nicht. Er wickelte sie auch aus dem Pyjamaoberteil. Und stellte fest, dass sie keinen Büstenhalter trug.
Natürlich. Was hatte er anderes erwartet?
Mit leichtem Druck gab er ihrem schlafenden Körper zu verstehen, dass er sich hinlegen sollte. Das klappte wie von Geisterhand. Sie kuschelte sich sofort bis zur Nase in die weiche Daunendecke, was Ben ein Lächeln entlockte. Schliesslich befreite er noch ihr Haar aus dem Handtuch.
Dann entledigte auch er sich seiner Kleidung und legte sich vorsichtig zu Emma ins Bett. Um sie nicht zu wecken, schlang er so sanft wie nur irgend möglich die Arme um sie und zog sie an sich heran.
Es sah auf sie hinunter. Sie schien perfekt in seine Armbeuge zu passen. Dieser Gedanke versetzt ihm einen kleinen, schmerzhaften Stich.
Angst, wie er sich widerstrebend eingestehen musste.
Dennoch konnte er nicht widerstehen. Bevor er selbst die Augen schloss, strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Dabei fuhr er ihr ganz beiläufig mit der Hand über die Wange.