Strang 1 / Kapitel 22

 

Emma liess sich von den in regelmässigen Abständen vorbeirauschenden Strommasten hypnotisieren. Langsam kam ihr Gehirn zur Ruhe. Sie schaffte es, die rotierenden Gedanken soweit zum Schweigen zu bringen, dass wieder Platz für ihre Umgebung war.

Es waren nicht viele Leute im Zug. Weiter vorne sassen zwei Personen. Ein Mann und eine Frau. Sie war in ein Buch vertieft, er hörte mit riesigen Kopfhörern Musik. Sein Kopf wippte und die Hände klopften den Rhythmus auf dem Knie mit.

Schräg hinter ihr sassen ebenfalls noch zwei Menschen. Emma schielte nach hinten.

Eine Frau mit grauem Haar in wetterfester Kleidung zusammen mit einem blonden Mädchen, das an den Lippen der Frau zu hängen schien.

Was die Frau dem Mädchen erzählte, musste ungemein spannend sein.

Interessiert legte Emma den Kopf schief und lauschte.

„…Omi, wie geht die Geschichte weiter?“

„Wo waren wir denn stehen geblieben?“

„Der Teufel sagte, das erste Lebendige, das über die Brücke kommt, gehört ihm.“

Die Dame besann sich kurz und nickte dann. „Richtig. Dieses Lebewesen wurde dem Teufel dann auch zugesprochen. Der Teufel erstellte die Brücke und forderte den Preis dafür. Da schickte der Urner einen Ziegenbock über die Brücke. Der Teufel wurde so sauer, dass er mit einem haushohen Stein die Brücke zerschlagen wollte. Als er den Stein holte und auf seinem Weg zurück zur Brücke eine kurze Pause einlegte, begegnete ihm eine fromme Frau. In weiser Voraussicht malte sie ein Kreuz auf den Stein. Als der Teufel den Stein dann wieder anheben wollte, gelang es ihm nicht. Der Stein rührte sich nicht mehr. Der Teufel wurde schrecklich wütend darüber, dass sein Plan gescheitert war und machte sich aus dem Staub.“

Emma riskierte noch einen Blick zu dem kleinen Mädchen. Mit leuchtenden Augen und offenem Mund sass sie da.

Die Geschichte von der Teufelsbrücke und dem Teufelsstein. Emma lächelte. Obwohl Emmas Grossmutter sie etwas anders überliefert hatte, blieb es doch derselbe Sinn. Emma mochte diese Sage.

Die Kleine mit den grossen Augen offenbar auch. Denn sie forderte lautstark mehr.

„Nun gut. Was hättest du gerne? Drachen oder Gespenster?“

„Gespenster! Gespenster!“, rief die Kleine.

„Das ist vielleicht nichts für kleine Ohren, aber wusstest du zum Beispiel, dass Menschen, die sich selbst das Leben nehmen, immerzu an den Ort wiederkehren, an dem sie sich aus dem Leben geschlichen haben?“

„Neeeeein!“

„Oh doch. Weisst du, warum es Geister gibt?“

„Mama sagt immer, dass diese Leute noch nicht alles auf Erden erledigt haben und darum noch nicht gehen können.“

„Ganz genau. Und so ergeht es vielen. Gerade hier in dieser Gegend zum Beispiel. Hier spukt es wie wild.“

Jetzt wurde Emma erst recht hellhörig.

„Eine Sage aus dem Berneroberland handelt von einem Jäger. Der wollte unbedingt eine weisse Gämse schiessen. Auf der Suche nach dem Tier verlief er sich aber derart in unwegsamem Gelände, dass er schliesslich abstürzte und auf dem felsigen Untergrund zerschmetterte.“

„Ach Omi, wenn der nicht zum Gespenst wurde, dann ist die Geschichte nicht lustig.“ Die Kleine machte einen Schmollmund.

„Ich bin ja noch nicht fertig. Seither ist der Jäger dazu verdammt auf ewig durch Berg und Tal zu spuken, auf der Suche nach seiner weissen Gämse.“

Jetzt strahlte der Blondschopf wieder. „Noch eine.“

Die alte Dame dachte kurz nach. „Okay. Die ist aber echt gruselig. In einem alten Bauernhaus gab es ein Kind, das immer kränkelte. Jede Nacht weinte das Kind bitterlich. Die Eltern versuchten alles, doch es liess sich nicht beruhigen. Nichts half. Und weisst du, warum das Kind nicht schlafen konnte?“

Das Mädchen bekam grosse Augen. „Nein. Warum?“

„Unter der Treppe stand ein Mann. Ganz in Schwarz. Er kehrte jede Nacht aufs Neue zurück.“

„Ein Geist?“

„Ein Geist.“ Die Alte hatte die Stimme immer weiter gedämpft, bis sie nur noch flüsterte. Den leisen Singsang behielt sie aber bei.

Emma fröstelte.

Auch die Kleine erschauderte. Doch dann begann sie zu Kichern. Schliesslich wurde sie wieder ernst. Sie versank ins Grübeln. „Aber Omi, kann man diese Gespenster denn nicht befreien?“

„Befreien ist schwer. Aber man kann sie wegsperren.“

„Wie?“

„Ist dir schon aufgefallen, dass es im Haus von Omi und Opi stellenweise Löcher in den Balken hat?“

Die Kleine dachte kurz nach. Dann nickte sie.

„Solche Löcher hat man früher gebohrt, um die Geister darin einzusperren. Manchmal legte man noch etwas Weihwasser oder Ähnliches mit dazu, dann schlug man einen sogenannten Bannzapfen in das Loch und gut war’s.“

Was die beiden weiter besprachen, hörte Emma nicht mehr. Ihre Gedanken schweiften ab.

Ein Bannzapfen? Ein Balken? Wo hatte sie so etwas schon einmal gesehen?

Emma bekam keine Chance das herauszufinden.

Ein kräftiger Ruck schüttelte den Zug. Bremsen kreischten. Das tonnenschwere Fahrzeug schob sich aber weiter vorwärts. Beissender Geruch verbreitete sich im Wagon. Auf einmal wurde es draussen dunkel. Das Tageslicht verschwand. Nicht etwa, weil die Nacht hereinbrach. Sie rutschten geradewegs in den schmalen Tunnel. Das Licht begann zu flackern. Und erlosch schliesslich ganz.

Das kleine Mädchen schrie auf.

 

Er nutzte die Gunst des Augenblicks. Behende huschte er aus der zweiten Führerkabine am anderen Ende des Zuges. Ihm blieb nur wenig Zeit. Noch bevor der Zug zum Stillstand kam, musste er beim Lokführer eintreffen. Blind eilte er durch den finsteren Wagon. Mit dem Fuss stiess er an etwas weiches, das davon rutschte. Er ignorierte es.

Flink öffnete er die Tür zur Führerkabine. Er trat hinter den Lokführer, schlang ihm den Arm um den Hals. Gleichzeitig zog er eine Spritze aus seiner Jackentasche und steckte die dünne Nadel in den Hals des überrumpelten Mannes. Die Flüssigkeit entwich aus der Spritze, direkt in dessen Halsschlagader. Ehe der Zugführer begriff, was geschah, kippte er auch schon vornüber.

Alles spielte sich innert weniger Sekunden ab. Im Blindflug. Aber das machte nichts. Dafür brauchte er kein Licht. Er zog dem Bewusstlosen die Spritze aus dem Hals und packte sie zurück in seine Jacke.

Dann holte er eine grosse Taschenlampe hervor und wartete.

 

Plötzlich stand der Zug still. Es war stockfinster. Emma konnte die Hand vor Augen nicht sehen.

Blind griff sie nach ihrer Handtasche, die sie zu ihren Füssen platziert hatte. Die Tasche war aber nicht mehr dort.

Hektisch tastete Emma ihre nähere Umgebung ab, bis sie das glatte Leder unter ihren Fingern spürte. Sie fasste in die Innentasche, zog ihr Mobiltelefon heraus und schaltete das Licht des Fotoapparats ein. Anschliessend stand sie auf und ging sofort zu dem kleinen Mädchen.

„Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“

Die alte Dame hielt die Kleine fest im Arm. „Ja. Danke. Alles gut. Sie hat sich nur erschrocken.“

„Meine Damen und Herren, wie Sie unschwer erkennen können, hat unser Zug eine Panne.“ Der Lichtstrahl einer Taschenlampe traf direkt auf Emmas Gesicht. Geblendet musste sie sich abwenden. Der Zugfahrer fuhr fort: „Die Technik hat sich gerade verabschiedet. Unser Standort ist denkbar ungünstig. Wir werden also den Zug hinten verlassen und zu Fuss aus dem Tunnel gehen.“

Emma beschattete ihr Gesicht mit der Hand. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte sie gegen den Lichtstrahl anzukommen. Aber sie erkannte nichts. Der Zugführer blieb im Dunkeln.

„Ich möchte, dass sämtliche Fahrgäste voraus gehen, damit ich sicher sein kann, dass niemand zurückgelassen wird. Die junge Dame mit ihrer Handy-Taschenlampe geht als Erste. Sie kann den Weg ausleuchten.“

Das war dann wohl das Signal. Emma richtete sich auf. Da die Omi sich nicht aus der Umklammerung ihres Grosskindes befreien konnte, half Emma der alten Dame auf die Füsse.

„Geht’s?“

„Es wäre wohl einfacher, wenn die junge Lady hier auf ihre eigenen Füsse stehen würde. Aber es geht schon.“ Sie strich der Kleinen liebevoll übers Haar. „Tausende Gespenstergeschichten vermochten dich nicht zu erschrecken, aber ein Notstopp von einem Zug bringt dich aus der Fassung. Du bist mir eine Heldin.“

„Jeder Held hat seinen Schwachpunkt“, meinte Emma lächelnd. „Indiana Jones hat die Schlangen, Superman das Kriptonit und bei dir ist es eben ein Nothalt im Zug.“

Da regte sich das Bündel, das das Gesicht zwischen Omis Hals und dem Jackenkragen vergraben hatte. Ein Auge schielte Emma an. Dann kam das zweite zum Vorschein. „Ich habe keinen Schwachpunkt“, sagte sie vorwurfsvoll zu Emma. Und an ihre Omi gewandt fügte sie an: „Omi, du musst mich jetzt loslassen. Aber ich verspreche, ich werde auf dich aufpassen.“

Die Frau und Emma lächelten sich kurz an. Dann stand die Kleine auf ihren eigenen Füssen. Zwischen ihrer Omi und Emma nahm sie den Platz in der Kolonne ein. Hinter der alten Dame folgten die Frau mit dem Buch, anschliessend der Mann mit den Kopfhörern und dann der Zugführer, der mit dem kräftigen Lichtstrahl seiner Taschenlampe unterstützend über die Köpfe hinweg leuchtete.

Schnell war das Ende des Zuges erreicht. Emma entdeckte hinten nur die reguläre Tür. „Entschuldigen Sie, Sie müssen mir helfen. Ich weiss leider nicht, wie man die Tür öffnet.“ Sofort musste Emma wieder die Augen schliessen. Das Licht war einfach zu grell. „Und könnten Sie aufhören, mir immer direkt ins Gesicht zu leuchten? Das ist sehr unangenehm.“

„Kann ich nicht“, kam die schroffe Antwort aus dem Schatten hinter dem Licht.

Ein freundlicher Mensch, dieser Lokführer.

Sie würde wohl selbst herausfinden müssen, wie die Tür sich manuell öffnen liess. Sie griff auf gut Glück nach dem nächsten Hebel der aussah, als könnte er den gewünschten Zweck erfüllen. Da langte aus dem Dunkeln noch eine zweite Hand danach. Emma sah auf und erkannte den Kopfhörertypen.

„Lassen Sie. Ich mach schon. Ist nicht das erste Mal.“ Er lächelte sie verlegen an. Sein Dialekt verriet Emma, dass der Mann aus dieser Gegend stammte. Welche Flausen die Jugend hier im Kopf hatte, wollte sie lieber nicht wissen. Daher unterliess sie die Frage, warum er schon des Öftern die Tür des Zuges manuell öffnen musste.

Tatsächlich konnte er die Tür nach wenigen Handgriffen zurückschieben. Emma hätte gerne gewusst, wie er das angestellt hatte, aber sie hatte es verpasst, ihm auf die Finger zu sehen.

„Bitte sehr. Der Weg ist frei. Aber wundern Sie sich bitte nicht, wenn Sie orange sind, sobald Sie den Tunnel verlassen. Hier drin ist es ganz schön rostig. Ihre Kleidung ist anschliessend im Arsch. Nur als Vorwarnung.“

Er schien tatsächlich einige Erfahrung mit dieser Bahn zu haben. Emma sah ihn fragend an, ging dann aber schweigend an ihm vorbei und hüpfte aus dem Zug. Sie half den Nachfolgenden, bis nur noch der Zugführer im Wagen war. Sie sah zu ihm auf und bekam sogleich wieder das gleissende Licht ab.

„Sie finden das wohl komisch. Jetzt kommen Sie“, forderte Emma den Mann auf. Doch der blieb ungerührt stehen.

„Ich habe noch etwas vergessen. Gehen Sie schon vor. Ich komme nach. Bleiben Sie schön zwischen den Schienen. Es könnte sein, dass sie sich elektrisch aufgeladen haben und wir wollen ja keinen Stromschlag kriegen, nicht?“

War das Ironie in seiner Stimme? Was ist das bloss für ein Mensch? Emma fröstelte, obwohl ihr warm war.

„Die Erlösung wartet am Ende des Tunnels. Einfach dem Licht folgen.“

Wieder so eine seltsame Aussage. Komischer Kerl. Sie war nicht die einzige mit diesem Eindruck. Hinter ihr hörte sie die Kleine flüstern: „Omi, der Mann da macht mir Angst!“

Emma konnte der Kleinen nachfühlen.

Obwohl sie am liebsten so rasch wie möglich von diesem Menschen weggekommen wäre, wollte Emma dennoch abwarten, bis der Lokführer zurück in den Zug ging.

Aber er blieb einfach stehen und leuchtete ihr ins Gesicht.

„Ja gut. Wir gehen ja. Aber beeilen Sie sich. Ich will Sie nicht suchen müssen.“

„Oh, das wird nicht nötig werden. Keine Angst. Einfach dem Licht folgen.“

Emma nickte kurz. Dann ging sie los. Sie übernahm erneut die Spitze der Gruppe. Mit ihrem Handy leuchtete sie auf die Erde, damit niemand stolperte.

Bis zum Ausgang war es nicht weit, aber der Weg schien Emma ewig zu dauern.

Wie der Lokführer gesagt hatte, war sie darauf bedacht, den Kontakt mit den Schienen zu vermeiden und dazwischen zu gehen. Obwohl sie sich nicht vorstellen konnte, weshalb sich die Schienen elektrisch aufgeladen haben sollten.

Und da geschah es. Direkt vor ihr.

Es gab einen Knall. Gleich darauf ein helles Aufleuchten. Dann ein einziger kleiner Funke, zusammen mit einem Knistern. Wäre es nicht so dunkel gewesen, hätte ihn Emma wohl übersehen.

Gleich darauf verwandelte sich der Funke in einen ganzen Regen.

Die Starkstromleitung stürzte sprühend von oben hinunter. Direkt auf die kleine Gruppe zu.

„Passt auf!“ Emma reagierte blitzschnell. Sie schoss herum, packte das kleine Mädchen unter den Arm und riss die alte Frau mit sich. Sie sprang über die Schiene und presste sich an die Felswand.

Sie rief noch: „Weg von den Schienen!“ Als die Leitung auch schon an ihnen vorbeisauste. Zischend traf sie auf das Metall. Sofort übertrug sich die elektrische Spannung und wurde in leise surrenden Wellen durch die Schienen geleitet.

Dieser Mistkerl von Lokführer. Er kannte die Gefahr, sonst hätte er diesen dämlichen Spruch nicht losgelassen. Und er selbst? Etwas vergessen, hm? Das glaubte er doch selbst nicht.

Zwischen Schienen und Felsen war kaum Platz. Dennoch wagte es Emma nicht, ihre unbequeme Position zu verändern.

„Bei euch alles in Ordnung?“

Das Echo kam verzögert, aber es kam. Von allen Beteiligten.

Gut.

„Okay. An den Felsen entlang kommen wir nicht raus. Das ist zu eng. Wir treten jetzt auf das Holz zwischen den Schienen. Klar?“

Die Kleine unter Emmas Arm wimmerte ängstlich. „Es ist nicht mehr weit, Süsse. Wir schaffen das schon. Einfach nur das Holz berühren. Dann geschieht nichts.“

Hoffentlich. Emmas Erfahrung mit Strom beschränkte sich auf das Aufhängen von Lampen. Selbst da hatte sie ihre Bedenken. Und das war kein Starkstrom.

Vorsichtig machte Emma einen Schritt über die Schiene. Schimmerte diese etwas blau?

Emma hoffte sich das nur einzubilden.

Irgendwie hatte sie es geschafft, Omi, Enkelin und Handy zu retten. Also knipste sie das Licht wieder an. Sie leuchtete die Umgebung vor sich noch einmal kurz ab. Dann richtete sie den Strahl an die Decke, um sich den Schaden kurz anzusehen. Sie entdeckte die Stelle, an der die Leitung gebrochen war, als etwas anderes ihre Aufmerksamkeit erregte. Zwischen den Leitungen und der Decke schimmerte etwas weiss. Emma erkannte nicht, was es war. Sie kniff ihre Augen zusammen, um besser sehen zu können - und zuckte erschrocken zurück.

Aus leeren Augenhöhlen starrte er sie an. Blankweiss leuchtete das höhnische Lächeln.

Ein Totenschädel.

Dort oben, eingeklemmt zwischen surrenden Leitungen und dem nasskalten Fels.

Emma schnappte nach Luft.

"Hey! Vorsicht da vorne! Was machen Sie denn da?", hallt eine junge, weibliche Stimme durch den Tunnel. Die Frau mit dem Buch hatte sich hinter der Grossmutter eingereiht und wartete auf Emmas Signal.

Emma presste ihre Augen mehrmals fest zusammen, um das Bild loszuwerden, das sich in ihre Linsen eingebrannt zu haben scheint. Doch es wollte nicht ganz verschwinden.

Schliesslich mahnte sie sich selbst an ihren Auftrag und riss sich zusammen.

Später. Sie würde später darüber nachdenken, was sie gesehen hatte.

Entschlossen richtete sie das Licht erneut auf die Geleise vor sich und führte ihren Weg in Richtung Ausgang fort.

Die anderen folgten ihr ohne zu ahnen, was über ihnen thronte.

 

Gleich würde er losprusten. Das lag aber nicht drin. Der kurze Augenblick, in dem die herabstürzende Leitung den Tunnel hell beleuchtet hatte, hatte er die Gesichter sehen können. Ein herrlicher Anblick.

Diese Frau hatte Mumm. Das musste man ihr lassen. Sogar die Kleine und die Alte hatte sie noch zur Seite gerissen. Das hätte ins Auge gehen können. Aber jeder seiner Attacken barg eben ein gewisses Risiko. Er zog die Hauptfäden. Aber seine Figuren agierten selbständig. Das war auch gut so. Denn wo wäre sonst der Spass?

Von seinem Platz am hinteren Ende des Zuges starrte er in den Tunnel. Den Blick fest auf den Flecken Licht am Ende gerichtet. Er wartete. Er wartete, bis die kleine Gruppe im Licht auftauchte. Währenddessen beglückwünschte er sich innerlich.

Ein hervorragender Plan, der wieder einmal fantastisch funktioniert hatte.

Er wandte den Kopf leicht zum vorderen Führerstand des Zuges. Bisher hörte er noch nichts. Keine Sirenen, keine Motoren, keine Stimmen. Die Leitstelle müsste sich inzwischen zumindest wundern, wo der Zug blieb. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sie hier auftauchten. Vor allem, da auch der Lokführer seit geraumer Zeit nicht mehr auf die Funksprüche reagierte.

Der Ärmste. Kopfüber lag er auf seiner Konsole. Es war eine ganz schöne Herausforderung gewesen, sich rechtzeitig in der zweiten Führerkabine am anderen Ende des Zuges zu verstecken. Von dort den Zug zu manipulieren hingegen nicht mehr.

Als es im Zug dunkel wurde, war sein Puls in die Höhe geschnellt. Es war schliesslich nicht ganz ungefährlich gewesen, sich durch die Passagiere zu schleichen.

Sein absoluter Stolz war aber der kleine Sprengsatz an der Stromleitung. Seit er sein Spiel begonnen hatte, hatte er ihn vorsorglich montiert gehabt. Und er hatte so gehofft ihn zünden zu können.

Er gluckste vergnügt.

Fernzündung. Eine faszinierende Erfindung.

Er erinnerte sich daran, wie er seine Stromfalle zum ersten Mal gestellt hatte. Damals, vor über dreissig Jahren. Wie er die Stromleitung während des Gewitters an Peters geliebtes Verandageländer gekoppelt hatte, war auch nicht ohne gewesen. Peter hätte eben nicht so habgierig und geizig sein sollen, dann wäre sein Leben vielleicht verschont geblieben. Aber nur vielleicht.

Er schwelgte weiter in der Vergangenheit, als sich im Licht am Ende des Tunnels etwas regte. Ein Kopf nach dem andern tauchte auf.

Sie waren also draussen. Alle hatten es raus geschafft.

Schade eigentlich. Mindestens einen hätte es zu Brathähnchen verarbeiten dürfen.

Das nächste Mal vielleicht.

Jetzt war es aber erst einmal Zeit, die Spuren zu beseitigen. Vorallem musste er seinen knöchernen Freund aus den Leitungen befreien. Dann würde er sich aus dem Staub machen. Bevor die Kavallerie kam.

 

 

Unscheinbar
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