Strang 1 / Kapitel 19
Scheinbar ziellos wanderte sie durch die Strassen. Schliesslich stand sie wieder dort, wo sie noch vor Kurzem Rat gesucht hatte.
Grübelnd musterte sie die Aussenfassade des Gebäudes, in dem die Polizei ihren Sitz hatte.
Konnte Kevin ihr noch einmal helfen?
Kevin. Mist.
Sie hatten ihm nicht Bescheid gegeben, dass sie sein Haus verlassen hatten. Ob dem überstürzten Aufbruch war das vollkommen vergessen gegangen. Emma wollte erneut in die Station eintreten. Sie drückte die Türfalle, diese rührte sich aber nicht.
Abgeschlossen.
Sie spähte durch das winzige Fenster in der Tür. Der kleine Warteraum war leer, der Schalter geschlossen. Die Station schien verlassen.
Emma wollte gerade gehen, als sie etwas Scheppern hörte. Das Geräusch kam von der Rückseite des Gebäudes. Kurzerhand ging sie um das Haus herum. Sie fand ein Auto vor, dessen Kofferraum offen stand. Hinter dem Kofferraum lagen eine zerbrochene Flasche und eine Pfanne auf dem Erdboden. Kevin, der fluchend aus der Hintertür der Station trat und sich die Hände an einem Tuch abwischte, machte das Bild komplett.
„Was ist passiert?“
Erstaunt sah er auf. Er wirkte, als hätte er nicht mit Besuch gerechnet. „Chronische Überschätzung der Kapazität der eigenen Arme.“
„Du hast zu viel auf einmal tragen wollen.“
„So ist es.“
Kevin erntete einen verständnisvollen Blick. „Ich wollte mich eigentlich nur zurück melden.“
„Und, seid ihr fündig geworden?“
„Irgendwie ja, irgendwie nein. Leider konnten wir nicht alle Akten ansehen, denn plötzlich kam jemand nach Hause.“
Kevin machte grosse Augen. „Nicht dein Ernst! Wer denn? Hat man euch gesehen?“
„Ich weiss nicht, wer ins Haus kam, aber gesehen hat man uns nicht. Du solltest also keinen Ärger bekommen.“
Erleichtert atmete Kevin auf. Er verschwand erneut in der Station und kam gleich darauf mit Kisten beladen wieder raus. Beinahe wäre ihm ein weiteres Mal eine Schachtel unter dem Arm hindurch entwischt. Emma sah die Gefahr kommen und reagierte prompt. Sie fing die Wärmeplatte auf, bevor sie auf den Boden klatschte.
„Komm, ich helfe dir.“ Sie legte die Wärmeplatte ins Auto und nahm ihm dann noch eine Kiste ab, die sie fein säuberlich in den Kofferraum stapelte. „Zieht ihr um?“
„Nein. Die Sachen hat uns Alice zur Verfügung gestellt. Wir hatten vor nicht allzu langer Zeit eine grössere Veranstaltung und Alice hat für uns gekocht, weil Mara krank wurde. Ich dachte, ich bring ihr das Zeug endlich mal zurück.“
Alice?
„Bens Mutter?“
„Ja. Kennst du sie?“
„Ich war kurz mal bei ihr.“
„Natürlich. Sie war ja auch bei den Reichs angestellt gewesen, bis…“ Kevin biss sich auf die Unterlippe als hätte er zu viel gesagt.
„…bis sie schwanger wurde?“
„Das weisst du auch?“ Kevin schien ernsthaft überrascht.
„Sie hat es mir erzählt. Ist das so ungewöhnlich?“
Kevin wich Emmas Blick aus. Und so etwas nannte sich Polizist.
„Nein. Nicht ungewöhnlich.“ Er verschwand erneut und kehrte beladen zurück.
„Aber?“
„Nichts aber. Ich wundere mich nur, dass sie so offen damit umgeht, gerade jetzt, da er wieder da ist.“
„Wer? Ben?“
„Klar, wer sonst?“
Emma half Kevin die letzte Kiste zu verstauen. Er schloss den Kofferraum mit einem kräftigen Ruck.
„So. Das war alles. Danke für deine Hilfe. Soll ich dich im Gegenzug irgendwohin mitnehmen? Soweit ich weiss, bis du ja alle deine fahrbaren Untersätze losgeworden.“ Er grinste.
„Ja, haha. Urkomisch. Weisst du was? Ich helfe dir noch beim Ausladen. Ich habe sowieso nichts Besseres zu tun.“
„Bist du sicher? Alice wird zuhause sein. Sie kann mir auch helfen. Oder brauchst du einen Vorwand um Ben zu besuchen? Euer letzter Abschied war ja nicht besonders herzerwärmend.“
Emma klappte den Mund auf und schloss ihn wieder.
Liss.
„Sieh mich nicht so an. Ich find‘s trotzdem nett, dass du dir die Mühe gemacht hast, dich bei mir zurückzumelden. Liss hat mich allerdings angerufen und bestens informiert.“
„Sie hat sich über mein Verhalten beschwert?“, fragte Emma frei heraus.
„Und sie hat mir erzählt, dass Ben und du euch gezofft habt.“
Ein richtiges kleines Plappermaul.
„Nett von ihr. Wie dem auch sei, ich würde gerne nochmal mit Alice sprechen. Da käme mir dein fahrbarer Untersatz gerade gelegen.“
Kevin setzte sich hinters Steuer. „Dann spring rein.“ Er zog die Tür zu, wartete, bis Emma sich neben ihm eingerichtet hatte und fuhr schliesslich los.
„Warum willst du nochmal zu Alice?“
„Weil es derzeit einfacher ist, mit ihr zu sprechen, als euren alten Pfarrer aufzutreiben.“
„Ah, ja, richtig. Der ist in seiner Hütte. Zum Glück bleibt er immer eine ganze Weile dort. So bekommt er womöglich gar nicht mit, dass die Strasse verschüttet ist. Er ist immer wahnsinnig vertieft in sein kleines Hobby.“
„Die Käferjagd?“
„Genau.“
"Apropos Pfarrer", Emma zögerte. Sie war sich nicht sicher, wie sie sich ausdrücken sollte. "Kann es sein, dass sich bei euch öfter Marienstatuen selbständig machen?"
Kevin machte grosse Augen. "Wovon sprichst du?"
"Naja, damals erwischte die Heilige Jungfrau das Mädchen Silina am Kopf, heute hätte mich beinahe eine erwischt, als ich unter dem Glockenturm der Kirche stand."
Kevin fixierte die Strasse. "Das tut mir leid. Es schleichen sich manchmal Kids, denen langweilig ist, in den Glockenturm. Es kam schon mehrfach vor, dass sie Gegenstände runterwarfen, als Leute in der Nähe waren. Ich dachte, ich hätte diesen Rumtreibern ihre Flausen ein für allemal ausgetrieben, aber scheinbar lag ich da falsch. Ich werde sie mir vorknöpfen, versprochen."
Rumtreiber. So war das also. Für alles eine plausible Erklärung. "Eure Rumtreiber sind wohl ziemlich leise, denn ich habe keinen Mucks gehört. Ausserdem war der Pfarrer in der Kirche. Die trauen sich auch dann da rauf?"
"Nervenkitzel."
"Aha." Emma nickte. "Und dass ausgerechnet bei mir eine Marienstatue fliegt, findest du nicht irgendwie ungewöhnlich?"
"Zufall. Die scheren sich einen Dreck darum, wer du bist und weshalb du hier bist."
Ja, die vielleicht. Und wenn die es überhaupt nicht waren?
Aber da Emma spürte, dass sie bei Kevin nicht weiterkommen würde, behielt sie diesen Gedanken für sich. Vorerst.
Alice sah Kevins Wagen schon von weitem kommen. Entsprechend stand sie bereits auf dem Vorplatz, als er vorfuhr.
„Wie ich sehe, hast du mir noch jemanden mitgebracht?“
Mit strahlendem Lächeln ging sie auf Kevin zu und umarmte ihn, sowie er aus dem Auto ausgestiegen war. Emma wurde nicht weniger herzlich begrüsst.
„Schön dich wiederzusehen, Emma. Ben hast du aber leider erneut verpasst. Er ist bei Walter. Er meinte, mein Motorrad sei in einem desaströsen Zustand. Ich sehe das etwas anders, aber er ist der Profi und wenn’s ihm Spass macht, lassen wir dem Jungen seine Freude.“
„Das gelbe Ungeheuer gehört dir?“
„Wenn du dieses schnurrende Kätzchen auf zwei Rädern meinst, dann ja.“
Emma war verblüfft.
Der Apfel fällt tatsächlich nicht weit vom Stamm.
„Wo möchtest du die Sachen hinhaben, Alice?“ Kevin hatte sich bereits daran gemacht, den Kofferraum auszuräumen.
„In die alte Waschhütte.“
Jeder schnappte sich, soviel er tragen konnte. Auf diese Weise war das Auto im Nu leer und das Material stapelte sich in der Waschhütte.
„Ich werde dann mal wieder zurück fahren. Ich habe noch Einiges zu tun und es wird schon wieder dunkel.“
Das war Emmas Stichwort. „Alice?“
Sie sah auf. „Ja?“
„Ich würde mich gerne noch einmal mit dir unterhalten, wenn du einverstanden bist.“
Alice schien unsicher. Sie zögerte einen Moment. Aber dann nickte sie. „In Ordnung.“
„Emma, wenn du zurück ins Dorf möchtest, rufst du mich an, ja? Dann hol ich dich ab.“
„Das ist lieb von dir, Kevin, aber ich werde sie zurückfahren. Oder vielleicht ist Ben bis dann zurück. Dann musst du nicht extra noch einmal hier raus kommen“, lautete Alice Gegenangebot.
Emma bekam ein schlechtes Gewissen. „Oder ich laufe. Ein Spaziergang tut gut und Umstände machen möchte ich euch nicht.“
„Wie ihr es wünscht, meine Damen.“ Kevin zog einen imaginären Hut und liess Alice und Emma in der Waschhütte zurück.
Kurz darauf hörten die Frauen, wie der Motor gestartet wurde und sich das Geräusch entfernte.
„Das bleibt doch aber nicht so, oder?“ Emma liess ihren Blick über die Kisten schweifen.
„Nun, nein.“ Alice stützte die Hände die Hüften und seufzte leise auf. „Es macht Spass, Dinge zur Verfügung zu stellen, wenn es den Leuten hilft, aber das Zeug anschliessend wieder wegräumen ist eine langweilige Sache.“
„Ich helf‘ dir. Zu zweit werden wir schnell fertig sein. Du musst mir nur sagen, wohin damit.“
Die Frauen begannen mit vereinten Kräften das Material wegzuräumen.
Ahnungslos.
Der Lichtschimmer aus der Hütte warf einen sanften Schein auf die umliegenden Felsen. Beinahe wie ein heller Schutzkreis. Aber dahinter kamen die Schatten.
Er hielt sich zwischen den Sträuchern hinter dem Fels verborgen. Von diesem Platz aus hatte er einen guten Blick auf das Gelände.
Er verliess den Schutz der Dunkelheit nur ungern. Manchmal ging es aber nicht anders.
Jetzt, da die Frauen offensichtlich in der Hütte blieben, musste er das Risiko auf sich nehmen. Denn Rückzug kam für ihn nicht in Frage. Wo bliebe da der Spass?
Er hatte auf einen geeigneten Moment gewartet, in dem alle notwendigen Voraussetzungen für sein kleines Spielchen erfüllt waren. Dieser Augenblick war jetzt gekommen.
Zwar hatte er insgeheim gehofft, sie würden in das Haupthaus zurückkehren. Einfach, weil der Effekt grösser gewesen wäre. Ein wenig enttäuscht war er. Aber das war schnell vergessen.
Er spürte, wie das heisse Kribbeln in ihm aufstieg. Es begann tief im Magen und breitete sich in jede Faser seines Körpers aus.
Er war bereit. Bereit für den nächsten Zug in seinem Spiel.
Leise schlich er sich aus der Deckung. Die Hütte fest im Blick.
Er sah, wie beide Frauen ihm den Rücken zukehrten. Er trat noch näher an die Hütte heran. Dann blieb er ruhig stehen. Auf offenem Feld. Schutzlos. Er stand einfach da und sah sie an.
Und sie bemerkten nichts.
Er würde stehen bleiben und ihnen zusehen. Solange, bis er Gefahr lief, entdeckt zu werden. Bis eine sich umdrehte. Dann würde er wieder eins mit der Nacht.
Die Frauen bekämen davon nichts mit.
Ahnungslose Mäuschen, während die Katze auf der Lauer lag.
Jetzt.
Er trat zwei Schritte beiseite und verschmolz mit dem Schatten, den der alte, hohe Hasenstall warf.
Er zog seine Fussspitze zurück, gerade als Emma sich umdrehte.
Sie griff nach der nächsten Kiste, hielt dann aber plötzlich inne. Die Dauer eines Wimpernschlags. Länger ging der Moment nicht. Sie blickte nach draussen in die Dunkelheit der Nacht. Genau dorthin, wo ein Sekundenbruchteil vorher eine schwarze Schuhspitze im Schatten verschwunden war.
Eine kleine Falte zeichnete sich zwischen ihren Brauen ab.
Dann war der Augenblick vorbei.
Emma packte die Schachtel und reichte sie Alice.
Seine Haut kribbelte. Das war besser als alles bisher. Sie war besser als alles bisher. Nur eine hatte es gegeben, die ihr vielleicht hätte das Wasser reichen können. Doch das herauszufinden war ihm leider nicht vergönnt gewesen.
Lange ist es her…
Die Wut kochte wieder in ihm hoch.
Sein Lächeln erlosch. Seine Hände ballten sich zu Fäusten.
Beinahe hätte er gegen das Holz geschlagen. Die Wut war einfach zu übermächtig.
Er biss fest die Zähne zusammen. Sie knirschten leise.
Dann hatte er sich wieder im Griff. Seine Muskeln lockerten sich, die Hände wurden entspannter. Vorsichtig spähte er aus seinem Versteck hervor.
Hatten sie ihn gehört?
Scheinbar nicht.
Die Frauen räumten unbeirrt weiter.
Gut.
Er passte den Augenblick ab, in dem sie ihm beide wieder den Rücken zuwandten.
Erneut verliess er seine Deckung.
Die Hütte war in zwei Räume unterteilt. Die Trennung bestand teils aus einer Holzwand, teils aus einem schweren Vorhangstoff, den Alice aufgehängt hatte. Während sie den vorderen Teil als Stauraum verwendete, hatte Ben, als er mit dem Schrauben an Motorfahrzeugen begonnen hatte, den hinteren als Werkstatt in Beschlag genommen. Für einfache Reparaturen reichte die Ausstattung der Werkstatt noch immer aus. Auch das alte Motorfahrrad, Bens erstes Opfer, stand unter einem schmutzig weissen Leintuch nach wie vor in der Ecke.
Eine eigene Tür hatte der hintere Teil allerdings nicht.
Nichts, was Ben je aufgehalten hätte.
Und ihn auch nicht.
Er ging um die Hütte herum und spähte durch die Fenster der Werkstatt. Ein Lächeln huschte über seine sonst so konzentrierten Gesichtszüge.
Sie machten es ihm aber auch zu einfach.
Scheinbar hatte niemand aufgeräumt, seit die Werkstatt zum letzten Mal benützt worden war. Der Werkzeugkasten lag noch offen da. Sprühdosen mit Reinigungs- und Schmiermitteln standen offen herum. Schmutzige Lappen und Papiertücher lagen auf der Arbeitsplatte. Und auf dem Boden. Daneben ein Elektroheizofen. Perfekt. Das würde ein hübsches Feuerwerk werden.
Er ging in die Knie. Vorsichtig öffnete er seine Umhängetasche. Dann holte er seine Utensilien heraus und reihte sie fein säuberlich sortiert nach Gebrauchszeitpunkt auf. Während er sich vorbereitete blitzten immer wieder Erinnerungsfetzen auf.
...seine Qualen wogen zu schwer. Der Knecht nahm sich ein Seil, um ihnen ein Ende zu bereiten...
Er legte sich flach auf den Bauch und machte sich an die Arbeit.
Zuerst kam die Ahle. Beinahe lautlos drehte sie sich immer tiefer in das Holz der Hüttenwand.
…Einen Teil des Seils knotete er um den Firstbalken…
Immer wieder horchte er auf, um sich zu vergewissern, dass die Frauen noch anwesend waren.
Es dauerte nicht lange und die Ahle beseitigte den letzten Widerstand. Er kniff ein Auge zu und spähte mit dem anderen durch das kleine Loch. Er stach mit der Ahle noch einmal hinein und weitete das Loch aus.
…Den anderen Teil band er zu einer Schlinge…
Dann griff er nach einem langen, dünnen Röhrchen. Durch das Röhrchen war ein weisser Faden gezogen worden, der oben und unten aus dem Röhrchen herauslugte. Der Faden hatte genügend Spielraum im Röhrchen, so dass er leicht herausfallen konnte.
Er nahm die kleine Flasche, die einer Miniaturausgabe eines Flachmanns glich und öffnete sie. Vorsichtig träufelte er den Inhalt auf den Faden und in das Röhrchen, bis das Garn vollständig getränkt war. Er setzte einen länglichen, schmalen Trichter auf das Röhrchen. Dann schob er das Konstrukt in das Loch.
…Seinen Kopf steckte er durch die Schlinge…
Er sammelte seine Habseligkeiten zusammen und verstaute sie wieder in seiner Tasche. Bis auf eines. Er robbte ein Stück zurück.
Der Feueranzünder in seinen Händen war lang und schmal. Er zog den kleinen schwarzen Hebel zurück. Weiss glomm die Flamme auf. Sie bleckte am Innern des Trichters.
Sie tastete sich vorwärts und fand zielsicher, was ihr schmeckte.
Der Faden fing Feuer. Der Sauerstoff und die Dämpfe im Röhrchen zeigten Wirkung. Blitzschnell frass sich das Feuer hindurch und kam auf der anderen Seite an.
Auf der Suche nach mehr Nahrung fand es schmutzig weisse Lappen. Von dort war der weitere Weg leicht.
…Er baumelte nicht lange, da kam der Tod…
Mit einem Handschuh zog er schnell seine Konstruktion aus der Hütte - und niemand würde auf Brandstiftung kommen.
Er erhob sich und riskierte noch einen kurzen Blick durch das Fenster. Die Flammen tanzten auf seinem Gesicht einen wilden, hungrigen Tanz.
Zufrieden stellte er fest, wie sie gierig alles verschlangen, bis sie sich in gefährliche Nähe der Sprühdosen vorgearbeitet hatten.
…Bald darauf brannte das Bauernhaus hinter der Kapelle, in dem sich der schwermütige Knecht umgebracht hatte, bis auf die Grundmauern nieder.
Zeit zu gehen.
„Sag mal, riecht es hier nicht irgendwie komisch?“ Emma reichte Alice die letzte Schachtel. Alice nahm sie entgegen. Sie musste sich auf die Zehen stellen, um die Kiste an ihren Platz hoch oben im Regal verstauen zu können.
Die Kiste bekam noch einen Schubser verpasst, dann stellte sich Alice wieder auf die Füsse. Sie streckte die Nase in die Luft und schnupperte.
„Hm, es riecht tatsächlich seltsam. Irgendwie verbrannt. Oder nicht?“
Eine Antwort erübrigte sich. Grauschwarzer Rauch kroch langsam unter dem Vorhang durch. Der Späher des Feuers.
Mit knorrigen Fingern tastete er sich in langsamen, weichen Bewegungen weiter vor.
Emma entdeckte die giftigen Schwaden. Entsetzt griff sie nach Alice Arm.
„Da!“ Mit dem anderen Finger deutete Emma auf den Saum des Vorhangs.
Alice erstarrte. „Nein! Die Werkstatt!“ Kopflos stürzte sie auf den Vorhang zu. Emma bekam sie gerade noch zu fassen, bevor Alice den Vorhang zurückziehen konnte.
„Alice, du weisst nicht, was dich dahinter erwartet! Spürst du die Wärme?“
Benommen wich Alice einen Schritt zurück. Nein, sie hatte die zunehmende Wärme nicht gespürt, die der andere Raum auf einmal abstrahlte.
„Was ist alles in dem Raum?“
„Bens Fahrzeugwerkstatt.“
„Ist die noch einsatzbereit?“ Emma ahnte Schlimmes.
„Er hat heute noch darin gearbeitet.“
„Alice? Wir müssen hier raus. Sofort.“
Alice wirkte hin und her gerissen.
„Alice? Alice! Jetzt komm! Sofort! Da drin hat es etliches Material das explodieren kann!“
Alice gab ihren Widerstand auf und liess sich von Emma fortziehen.
Eine erste Explosion erfolgte, als die Frauen gerade den Ausgang erreichten. Es war nur eine kleine Detonation. Aber sie wurde als das verstanden, was sie war. Eine letzte Warnung.
Alice und Emma blieben stehen und schauten zurück. Dann sahen sie sich an und rannten los.
Das wild lodernde, rot-gelbe Feuer in der ruhigen, schwarzblauen Nacht ergab ein bizarres Bild.
Die Werkstatt wurde durch die tanzenden Flammen hell erleuchtet. Erste Scheiben zerbrachen. Der Vorhang fiel dem gelben Hunger zum Opfer.
Dann ein Knall.
Dinge flogen durch die Luft. Glas splitterte. Holz barst.
Die beiden Frauen zogen im Reflex den Kopf ein. In gebeugter Haltung eilten sie schutzsuchend hinter die nächstbeste Anhäufung von Gegenständen.
Ausser Atem lehnten sie sich an eine alte Apfelpresse. Daneben entdeckte Emma einen Wäschezuber aus Metall und einige aufgestapelte Holzharassen.
Alice wagte als erste einen Blick zurück. Vorsichtig äugte sie um die Apfelpresse herum.
Die Hütte brannte lichterloh.
Niedergeschlagen zog sie den Kopf wieder zurück und liess ihn in den Nacken sinken.
„Wofür genau haben wir eigentlich aufgeräumt?“
Emma schnaubte. „Ist die Hütte verloren?“
„So kann man es sagen. Aber wenigstens kann sie nicht noch mehr in Mitleidenschaft ziehen.“
„Keine brennbaren Gegenstände in der Nähe?“
„Nur der alte Hasenstall. Den wollte ich aber sowieso loswerden.“
„Problem gelöst.“ Grinsend sah Emma zu Alice, die bereitwillig zurücklächelte.
„Da kommt die Kavallerie.“
Emma folgte Alices Blick. Tatsächlich, wie aus dem Nichts tauchten blau blinkende Lichter auf dem Weg zum Haus auf. Sirenen zerrissen die Stille der Nacht. Sie waren noch ein ganzes Stück weit weg, aber nahe genug, dass sich Emmas nervöse Unruhe langsam legte.
Emma sah die Maschine nicht. Sie hörte sie nur. Ein heulender Motor, knirschender Kies. Der Motor verstummte. Dann kamen die Rufe.
„Mama? Mutter! Wo steckst du!“
Mit der Panik in Bens Stimme beruhigte sich Emmas Puls vollends.
Paradox.
Alice rappelte sich langsam auf. Sie wirkte erschöpft und müde.
Kein Wunder.
„Wir sind hier!“ Sie machte einige Schritte auf das Haupthaus zu, in dem in erstaunlichem Tempo in einem Raum nach dem anderen das Licht anging. Bis sich schliesslich das Licht auf der Veranda entzündete. Gleich darauf trat eine grosse, dunkel gekleidete Gestalt ins Licht.
Ben verschaffte sich einen schnellen Überblick, dann rannte er die Verandatreppe hinunter.
„Mutter?“
„Hier, Ben. Hier sind wir.“
Er hätte sie beinahe übersehen. Abrupt kam er vor seiner Mutter zu stehen. Emma hatte sich hinter sie gestellt. Er entdeckte sie. Das Erstaunen war ihm anzusehen. Aber das konnte warten. Er packte seine Mutter bei den Schultern.
Es folgte ein kurzer, prüfender Blick. Was er sah, gefiel ihm nicht, aber es hätte schlimmer sein können. Sie war schmutzig, ihr Haar stand wirr vom Kopf ab, ihre Kleidung sass unordentlich. Aber sie stand. Auf ihren eigenen beiden Beinen. Und sie lächelte ihn an. Das reichte ihm. Fürs erste.
Er zog sie fest in seine Arme.
Indes traf Kevin zusammen mit der Löschmannschaft ein, die sofort die Arbeit aufnahm. Viel gab es aber nicht mehr zu retten. Die Hütte war verloren. Schadensbegrenzung war alles, was die Männer noch tun konnten.
Einige Stunden später war alles wieder ruhig. Die letzte Glut war gelöscht. Kevin hatte seine Aussage und konnte die Beteiligten der wohlverdienten Nachtruhe überlassen.
„So. Ich werde jetzt schlafen gehen.“ Alice erhob sich von ihrer Ofenbank und setzte die leere Teetasse auf dem Tisch ab. „Aber zuerst werde ich noch duschen. Ich stinke wie die Würste in Metzger Meiers Räucherkammer.“
Sie lächelte Ben und Emma gewinnend an. „Ihr beide solltet euch auch bald hinlegen. Der Tag kommt in Kürze und die Nacht war lang. Ihr braucht den Schlaf.“
An Emma gewandt fügte sie an: „Du wirst hier bleiben. Ben wird dir das zweite Gästezimmer zeigen. Das Bad ist den Gang runter. Frische Handtücher und einen Bademantel findest du im Bauernschrank neben der Badezimmertür. Eine Dusche wird auch dir gut tun. Etwas Frisches zum Anziehen lege ich dir morgen vor die Zimmertür.“ Damit verliess sie den Raum.
Die Regierung hatte gesprochen.
„Danke!“, rief ihr Emma hinterher, während sie ihr verdutzt nachsah. Sie erhielt ein Winken zur Antwort.
Noch eine Weile blieben Ben und Emma schweigend nebeneinander auf dem Sofa sitzen. Die Stille war unangenehm. Emma konnte die Anspannung, die von Ben ausging, förmlich greifen.
„Willst du deine Fragen nicht loswerden, bevor du platzt?“ Sie sah ihn nicht an. Sie schaute über den Rand ihrer Teetasse hinweg auf die Tischkante des Salontisches.
Ben hingegen drehte seinen Kopf und hielt sie mit seinen Augen fest. Unter diesem eisernen Blick konnte sie nicht weiter ins Leere starren. Sie wandte sich ihm zu und stellte sich. Ob sie einen Ausbruch erwartet hatte, konnte sie nicht mit Sicherheit sagen. Aber zumindest Wut. Wut aus Besorgnis um seine Mutter, zum Beispiel. Damit hätte sie etwas anfangen können. Auf eine ruhige Frage war sie nicht gefasst gewesen. Diese Fassade liess keinen Blick dahinter zu. Das war ihr unheimlich. Auf einmal war sie auf der Hut.
„Na gut. Was hast du hier verloren?“
„Ich habe Kevin mit den Kisten geholfen.“
Nur die halbe Wahrheit. Was würde er von der Ganzen halten?
„Kevin kann das sehr gut alleine. Also noch einmal. Was hast du hier verloren?“
Na gut. „Ich wollte noch einmal mit deiner Mutter sprechen.“
„Noch einmal?“
Es war ihm also nicht entgangen. Dann weiter. „Ja. Ich habe sie schon einmal aufgesucht. Da hat sie mir erzählt, sie wäre bei den Reichs angestellt gewesen. Daran wollte ich noch einmal anknüpfen, mit etwas präziseren Fragen. Ich schwöre dir aber, als ich das erste Mal hier war, wusste ich noch nicht, dass sie deine Mutter ist.“ Warum das wichtig war, wusste Emma noch nicht so genau.
Jetzt spürte sie es. Und sie sah es in seinen Augen. Die Wut, die unterschwellig in ihm brodelte. Auf einmal war es ihr klar. Er gab ihr die Schuld an alledem.
Warum auch nicht? Scheinbar war hier erst die Hölle losgebrochen, seit sie, Emma, aufgetaucht war. Hätte sie da nicht gleich empfunden wie er, wenn die eigene Familie in Gefahr wäre? Sie hätte.
Und er hätte sie am liebsten rausgeworfen.
Weil Emma dafür Verständnis hatte, kam sie ihm auch zuvor. Sie stand auf und während sie die Wolldecke fein säuberlich zusammenlegte, sagte sie: „Ich werde gehen. Am besten dahin, wo ich hergekommen bin. Ich werde euch in Ruhe lassen.“
Sie ging an ihm vorbei. Das letzte, was sie erwartet hätte, war seine Hand um ihr Handgelenk. Aber genau das fühlte sie jetzt. Er hielt sie fest.
Warum?
„Nein. Du wirst bleiben. Genau wie ich auch. Es war der Wunsch meiner Mutter, dass du hier bleibst. Sie ist zwar manchmal leichtsinnig, aber die Erfahrung zeigt, dass sie nichts leichtfertig macht. Wenn sie morgen aufwacht und einer von uns ist weg, macht sie uns die Hölle heiss.“
Trotz ihres Unbehagens musste Emma lächeln. Sie sah auf Ben hinunter.
Plötzlich fühlte sich der Griff um ihr Handgelenk zu fest an. Die Hand zu warm.
Emma schluckte. Dieser Mann war einfach zu viel.
Als hätte er ihre Gedanken gehört, liess er sie los.
Gut. Oder?
Sie musste diese verwirrenden Gedanken loswerden. Falsche Zeit, falscher Ort. „Was denkst du, werden die Brandermittler herausfinden?“
Ben stand ebenfalls auf. Er sammelte das Geschirr ein und ging an ihr vorbei in die Küche. Der Bann war gebrochen.
Er stellte das schmutzige Geschirr in die Spüle und kam anschliessend zurück. „Wir werden sehen. Ich zeige dir jetzt das Gästezimmer.“
Im Bericht der Brandermittler stand schlussendlich, dass der Brandherd beim Elektroofen lag. Sie gingen davon aus, dass der Ofen nicht ausgeschaltet worden war. Es gab einen Kurzschluss an der Steckdose und das Gebäude fing schliesslich Feuer. Leicht brennbares Material gab es in dem Raum zu Genüge. Das Feuer breitete sich schnell aus, traf auf die Sprühflaschen mit dem leicht entzündlichen Inhalt und schliesslich auf die Campinggasflasche, was dann zur Explosion führte.
Alles ganz plausibel.
Nur das leicht verkohlte Seil zwischen den verbrannten Überresten ergab keinen Sinn. Es hatte die Form einer Schlinge. Und sie endete in einem Knoten.
Dem Henkersknoten.