Strang 1 / Kapitel 16

 

Der Tag begann, wie Emmas Laune war. Trüb.

Es regnete in Strömen. Emma versuchte sich zu drehen und ihre steifen Glieder zu strecken. Aber alles, was sie tat, schmerzte fürchterlich. Zu den Schmerzen des Unfalls kamen auch noch die vom Klettern und Wandern. Sie wollte nach Hause. Aber mit ihrem Auto. Natürlich ging das nicht. Und Walter musste sie zudem noch erklären, warum nun auch er vorerst ein Auto weniger hatte. Er würde sich hüten, jemals wieder einem Fremden einfach so ein Auto zu leihen.

Irgendwie schaffte es Emma aus dem Bett und vor den Spiegel. Angeekelt musterte sie das verquollene Gesicht, das ihr entgegenstarrte. Sie konnte kaum glauben, dass sie selbst das sein sollte. So konnte sie sich keinesfalls unter Menschen wagen. Soviel Eitelkeit musste sein.

Ihr Regenerationsprogramm begann mit einem ausgiebigen Bad inklusive Gesichtsmaske und Haarkur. Danach fühlte sie sich schon beinahe wieder menschlich. Ein wenig Schminke und der Haarföhn taten den Rest. Der prüfende Blick in den Spiegel liess sie zufrieden aufatmen. Emma prüfte ihren Magen auf ein Hungergefühl, konnte allerdings nichts dergleichen entdecken. Aber Kaffee musste her.

Auf den Stammtisch hatte sie heute keine Lust. Sie brauchte Ruhe. Ruhe um sich für das anstehende Telefongespräch zu wappnen und um es dann auch zu führen. Also wollte sie nur ins Restaurant um nachzufragen, ob es eine Möglichkeit gab, den Kaffee mitzunehmen.

Frisch motiviert trabte sie die steile Treppe hinunter und schlüpfte von Innen hinter der Theke hindurch in das Restaurant. Sie entdeckte Liss nicht sofort. Dafür einen anderen Zeitgenossen. Mit langem, grau-weissen Bart sass er alleine am Stammtisch. Die Kappe vermochte das zottige Haupthaar nicht annährend zu verstecken und Hemd und Jacke schienen ungefähr so alt zu sein, wie er es war. Er starrte Löcher in den Tisch, während der Kaffee vor ihm langsam auskühlte.

Als er hörte, dass jemand eintrat, hob er nur leicht den Kopf. Doch als er Emma sah, kam auf einmal Leben in die leeren Augen.

Was Emma darin zu lesen bekam, war aber nicht die Skepsis, die ihr sonst entgegengebracht wurde.

Es war Furcht.

Der Mann hielt ihren Blick fest, während er aufstand und sich an der Tischkante entlang drückte um zum Ausgang zu gelangen. Er öffnete die Tür und verliess das Lokal rückwärts. Doch bevor er die Tür schloss, hob er mahnend einen Finger. Zwischen seinen schlechten Zähnen hindurch zischte er: „Fahr zur Hölle, Weib, und mit dir der Fluch, den du uns wiedergebracht hast!“

Dann fiel die Tür ins Schloss und Emma war alleine.

Der Kaffee war vergessen. Verstört trat sie den Rückzug an, aber nicht durch die Vordertür. Sie ging hinten hinaus. Sie stapfte durch den Garten, der sich hinten an das Haus anschloss, und an ein paar wenigen Häusern vorbei. Während sie ging, holte sie ihr Telefon aus der Tasche – und blieb stehen. Fassungslos starrte sie das Telefon an.

Wie sollte sie Martin eigentlich anrufen? Ohne seine Nummer? Und wie wollte sie die Nummer herausfinden, ohne Nachname?

Verflucht, was war nur los mit ihr? Sie hatte den Mann noch nicht einmal nach dem Nachnamen gefragt! Ein Wildfremder stellte sich ihr vor und schickte sie auf die Fährte seiner angeblichen Familie und sie fragte nicht einmal nach seinem Nachnamen! Gut, er müsste Reich heissen. Wenn er denn der wäre, den er vorgab zu sein. Aber das ist er nicht, denn sie waren alle tot!

Die Adresse. Sie kannte die Adresse. Ein Hoffnungsschimmer. Schnell ging sie über ihr Handy ins Internet und versuchte über die Adresse eine Nummer zu erhalten. Fehlanzeige.

Angestrengt dachte Emma nach. Musste sie tatsächlich zurückfahren und ihn persönlich aufsuchen? Jetzt, wo sie darüber nachdachte, schien das sowieso die passendste Lösung. Am Telefon konnte er sich auch verleugnen lassen.

Okay, wenn sie unangemeldet vor der Tür stand, würde womöglich Rosaria sie abblocken. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Rosaria. Martin und sie hatten miteinander telefoniert, als Emma ihn vor einer gefühlten Ewigkeit nach Hause gefahren hatte. Hatte sie die Nummer da gesehen? Nein. Sie hatte ihm das Telefon zurückgegeben. Weil sie eine Fremde war. Dennoch dachte Emma angestrengt nach. Hatte sie wirklich nicht hingesehen? Sie hatte.

Emma rief sich die Situation in Bildern zurück ins Gedächtnis. Sie erinnerte sich an eine Ziffer. An die zwei, und das war die Kurzwahltaste gewesen.

Was für ein Ärger. Sie liess die Hand mit dem Telefon sinken, als es klingelte. Anrufer unbekannt. Oh, wie sie das hasste.

Aber vielleicht war es wichtig. Sie nahm den Anruf entgegen und lauschte. Sie erkannte die Stimme, traute aber ihren Ohren nicht.

„Rosaria?“

Kaum zu glauben.

Und mit jedem Wort wurde Emma unruhiger.

„Er ist was? Im Krankenhaus? Ein Herzanfall? Oh mein Gott! Aber geht es ihm gut?“

„Okay. Natürlich. In welchem Krankenhaus ist er?“

„Kann man ihn besuchen?“

„Nicht? Schade. Ja, nein, wenn er zu schwach ist, dann ist Aufregung nicht das richtige. Sicher, das verstehe ich. Aber, Rosaria? Kann ich dir noch eine Frage stellen?“

„Danke. Wie heisst Martin eigentlich mit Nachnamen?“

Emma konnte die Füsse kaum still halten.

„Knecht? Ach so. Danke. Oh, noch was. Kann ich deine Nummer haben? Damit ich dich zuerst anrufen kann, um zu erfahren, wie es ihm geht. Ist das in Ordnung?“

„Sehr gut. Danke.“

„Ja. Und danke für deinen Anruf.“

„Gut. Tschüss!“

Emma drückte die rote Taste und Rosaria war weg.

Knecht? Im Krankenhaus? Keine Störung? Was zum Teufel sollte sie denn jetzt machen?

Da kam ihr ein Gedanke.

Zielstrebig eilte sie zwischen den Häusern hindurch, bis sie das gefunden hatte, über dessen Eingang ein hübsches, kleines Schild hing, das des Nachts leuchtete. Darauf vermerkt war nur ein Wort. Polizei.

Ohne zu zögern trat Emma ein. Sie platzte in einen winzigen Vorraum, auf dessen linker und rechter Seite je eine einfache Holzbank stand und geradeaus befand sich eine Art Schalter. Dahinter sass ein älteres gelangweiltes Gesicht und ein jüngeres, das ihr ziemlich bekannt vorkam.

Das jüngere sah auf, als sie eintrat. Er schob langsam den Stuhl zurück und trat betont gelassen an seinen Schalter heran.

„Na, was schwemmt uns der Regen denn da an? Die Unterländerin! Welch eine Überraschung. Eigentlich hab ich dich früher erwartet.“

„Kevin, richtig?“ Wenn er sie duzte, konnte sie das auch.

„Da hat jemand aufgepasst. Nun, was treibt dich her?“

Emma beschloss, nicht lange um den heissen Brei herum zu reden. Wenn er ihr keine Auskunft geben wollte, spielte es kaum eine Rolle, wie viel Worte sie verwendete. Das Thema war sowieso heikel.

„Die Reichs.“

Kevin senkte leicht den Kopf und verlagerte seine Aufmerksamkeit zu seinem älteren Kollegen. „Jens?“

Jens‘ Gesichtszüge wechselten von gelangweilt zu unerbittlich. Er erhob sich ebenfalls. Emma musste zugeben, sein Auftreten wirkte einschüchternd. Seine Dienstmarke war eigentlich überflüssig. Sie wich innerlich instinktiv einen Schritt zurück. „Da gibt’s nichts. Sie sind tot und damit basta.“

Emma kratzte all ihren Mut zusammen. Wenn hier nichts zu holen war, wo sollte sie sonst noch anklopfen?

„Das habe ich mittlerweile verstanden, danke. Dennoch hätte ich zumindest gerne gewusst, ob es noch irgendwelche Akten oder Dokumente gibt über die damaligen Ereignisse?“

„Nein.“ Dieses Nein klang so endgültig, dass Emma nicht mehr weiter zu fragen wagte. Das konnte sie auch nicht. Jens öffnete die Hintertür, trat hinaus und donnerte die Tür hinter sich wieder zu. Dann hörte Emma, wie ein Motor gestartet wurde. Schliesslich schienen durch die wenigen Fenster Abblendlichter hinein, bewegten sich durch den Raum und verschwanden.

Kevin hatte die Szene still beobachtet. „Was versprichst du dir von diesen Akten?“

„Ich habe keine Ahnung. Ein Anhaltspunkt, weshalb ich hier bin vielleicht.“

Kevin schien nachzudenken. Da flog hinter Emma die Eingangstür auf und knallte an die Wand. Ein Luftzug folgte, der einen Schwall Regen ins Innere trieb. Schnurstracks marschierte der Eindringling an Emma vorbei, auf Kevin zu. Ein schneller Griff über die Theke und er hatte Kevin am Kragen. Er zog ihn nah an sich heran und verpasste ihm mit der freien Hand einen Schlag, dass die Haut unter der Faust aufplatzte. Sofort floss Blut. Eine ganze Menge davon.

Emma ging das alles zu schnell. Sie hatte kaum begriffen, wer in der Tür stand, da schrie derjenige den blutenden Kevin auch schon an.

„Das war für den Stein, den du nach mir geworfen hast. Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht? Du hättest mich beinahe erwischt!"

Trotz der Schmerzen im Gesicht biss Kevin die Zähne fest zusammen. Durch die Anspannung rann das Blut nur noch stärker. Aber das schien ihm egal zu sein. Eindringlich sah er seinem Gegenüber in die Augen.

„Willst du mich jetzt so zurichten, wie du es mit Phil getan hast?“ Ein knurrender Hund hätte nicht bedrohlicher klingen können. Aber den Angreifer liess das kalt. Die Worte selbst zeigten dafür Wirkung. Ben liess Kevin los.

„War ja klar. Und, willst du mir die Anzeige gleich aushändigen?“

„Ich habe sie nicht aufgenommen.“

„Wie gutmütig.“ Es klang sarkastisch, aber die Schärfe in der Stimme war verschwunden.

Emma konnte nicht folgen. Sie wagte sich aus ihrer sicheren Ecke heraus und trat auf die beiden Männer zu, die sich nach wie vor wütend anfunkelten.

„Was ist hier eigentlich los? Was für ein Stein und welche Anzeige?“ Sie liess den Blick vom Einen zum Anderen wandern.

Kevin ergriff als erster das Wort. „Von einem Stein weiss ich nichts. Aber dein Schosshündchen hier hat unserem Sanitäter ein blaues Auge verpasst.“

Fassungslos starrte Emma Ben an. In ihren Augen stand die Frage deutlich zu lesen: Warum?

Ben schwieg.

Kevin schnaubte verächtlich. „Früher hast du dich gar nicht genug vor den Frauen brüsten können und jetzt so bescheiden?“

Bens Hand zuckte. Dann presste er nach Beherrschung ringend die Lippen aufeinander.

„Na, dann feiern wir eben eine Premiere, und ich übernehme die Erzählung über deine Heldentat. Phil hätte dich aus dem Auto schälen sollen, stattdessen hat er seinem Vater die ganze Arbeit überlassen und dumme Sprüche über Ben geklopft. Aber auf deine Kosten, während du daneben bewusstlos in einem Autowrack gehockt und Hilfe gebraucht hast. Das schmeckte unserem Ben nicht besonders.“ Und den Blick auf Ben gerichtet fuhr er fort: „Phils Vater übrigens auch nicht. Phil tauchte hier auf, ich nehme an, nachdem die beiden Emma im Krankenhaus abgeladen hatten, und wollte Anzeige erstatten. Gleich darauf erschien auch Phils Vater bei mir. Er kennt seinen Sohn offenbar gut. Denn er erzählte mir, dass er sofort wusste, wo er Phil suchen musste, nachdem dieser sich wortlos aus dem Staub gemacht hatte. Er wies Phil vor meiner Nase zurecht, was Phil ganz und gar nicht geschmeckt hatte, und nahm ihn mit, noch bevor er die Anzeige unterzeichnen konnte.“

Emma war gleichermassen verwirrt wie gerührt. Ohne darüber nachzudenken legte sie ihre Hände über Bens und drückte sie leicht. „Danke.“ Dann liess sie wieder los. „Und was war das mit diesem Stein? Warum rast du hier rein wie ein wildgewordener Stier und greifst Kevin an?“

„Ja, Held Kevin, fang doch mal mit deiner Erklärung an. Phils Vater hätte dich gar nicht darüber aufklären müssen, was Phil sich geleistet hat, nicht wahr?“

„Wie meinst du das?“ Argwöhnisch musterte Emma Bens Gesicht. Dieser fixierte aber Kevin.

„Kevin?“

„Ben, ich verstehe dich genauso wenig wie Emma.“

„Du warst da, Kevin. Ich habe dich gesehen. Du hast oben auf dem Fels gestanden.“

„Bist du jetzt vollkommen übergeschnappt? Was willst du gesehen haben, Ben? Sag mir, was?“

Die Luft im Raum wurde wieder spürbar dicker.

Ben wies mit dem Kopf auf den Mantel, der hinter Kevin an der Garderobe hing. „Anfangs hielt ich es für eine Illusion, dann tat ich es als Tier ab. Aber Jens trug denselben, als er an die Unfallstelle kam. Nur ihr habt solche Mäntel.“

„Das ist doch absurd! Und auch wenn ich dort gewesen wäre, was wäre so schlimm daran? Es ist mein Gebiet. Ich kann stehen und gehen, wo immer ich will.“

„Stehen, gehen und Steine werfen?“ Ben wartete Kevins Kommentar nicht ab. „Er hat mich nicht erwischt, weil ich just in dem Augenblick aufgestanden bin. Hätte ich nicht meine Faust behandeln wollen, hätte man jetzt wohl meinen Schädel behandeln können.“

Kevin rang nach Fassung. „Hörst du dir eigentlich selbst zu? Du unterstellst mir gerade auf einem Berg gelauert zu haben, um dich mit Steinen zu bewerfen!“

„Und wer soll es denn dann gewesen sein, wenn Jens mit Walter unterwegs war?“

Darauf wusste Kevin keine Antwort. Sein Ärger kühlte sich ab. „Glaubst du mir, wenn ich dir sage, dass Jens seit kurzem einen seiner Mäntel vermisst?"

Unnachgiebig starrte Ben Kevin an. Nichts in seiner Miene deutete darauf hin, dass er Kevins Worten Glauben schenkte.

"Dachte ich mir. Nun, ob du es glaubst oder nicht, es ist wahr. Wie dem auch sei, du hast unter enormem Stress gestanden, da bildet man sich manchmal Dinge ein…“

Emma spürte Bens Anspannung deutlich. Sie musste etwas unternehmen, um die Gemüter zu beruhigen. Ihr kam keine andere Idee, als das Thema zu wechseln.

„Ich weiss nicht, was da oben war, obwohl ich ja anwesend war. Aber was auch gewesen sein mochte, beweisen kann keiner was, oder?“ Sie sah kurz in die Runde, liess aber niemanden zu Wort kommen. „Eben. Daher schlage ich vor, wir lassen das Thema kurz ruhen und kommen auf meine Frage zurück. Kevin. Jens, so heisst dein Partner doch?“, als Kevin nickte, fuhr Emma fort, „Jens hat ziemlich deutlich gemacht, dass er kein Interesse hat, mir zu helfen. Daher die Frage an dich. Gibt es noch Akten, ja oder nein?“

Kevin musterte Emma, als müsste er darüber nachdenken, ob sie der Wahrheit würdig war. Bens Vorwurf war vorerst vergessen.

„Alle Fälle konnten aufgeklärt und geschlossen werden. Es gibt keinen Grund, solche Akten nach weit mehr als zehn Jahren noch aufzubewahren.“

Emma schien den Konflikt, den Kevin austrug, zu spüren. Sie sah ihn eindringlich an. „Gibt es noch welche, ja oder nein?“

Kevins Blick wanderte von Ben zu Emma und zurück. Dann atmete er schwer ein. Mit einem Ruck stiess er sich von der Theke weg und ging geradewegs auf den Kleiderständer zu. Er streckte die Hand nach dem Mantel aus. Dann hielt er inne. Er zog die Hand langsam zurück, griff nur in die Manteltasche und zog einen Schlüsselbund hervor. Kevin ging zurück zur Theke, hob sie an und gesellte sich zu den anderen in den Warteraum.

Den Mantel liess er hängen, wo er war.

Mit einem Handzeichen wies er Emma und Ben an, ihm zu folgen. Er öffnete die Tür und trat ins Freie.

Kevin ging Emma und Ben voraus über den Parkplatz. „Das mit der Felslawine tut mir übrigens leid. Ich bin heilfroh, ist euch nichts passiert.“

Ben und Emma wechselten einen fragenden Blick. Als von ihnen keine Reaktion kam, blieb Kevin stehen und drehte sich zu ihnen um.

„Ben, du hast die Sprengladung sicher gehört.“

Sprengladung?

Emma konnte nicht mehr folgen.

„Ich dachte, ich hätte mir das eingebildet. Unter dem Helm, laufender Motor, du weisst schon. Aber dann war’s kein Irrtum?“

„Nein. Wir haben Sprengungen durchgeführt. Aber auf der anderen Seite, weiter oben. Als wir von dem Fels hörten, der auf die Strasse abging, sind wir losgefahren. Das war aber erst heute Morgen der Fall. Die Jungs haben das Gestein untersucht. Es muss anhand der Erschütterung abgebrochen sein, die unsere Sprengungen ausgelöst haben. Dass die Ecke instabil war, wussten wir, aber wie instabil, das haben wir unterschätzt. Jedenfalls entdeckten wir dann auf der anderen Seite eure Fahrzeuge. Wir funkten ins Dorf und bekamen zum Glück Entwarnung.“

„Ihr sprengt nachts?“, fragte Emma erstaunt.

„Nur, wenn’s sein muss“, gab Kevin zurück, ohne weitere Erklärungen folgen zu lassen.

„Wir haben uns in Deckung gebracht und sind dann drüber geklettert und zurück ins Dorf gelaufen“, nahm Ben den Faden wieder auf.

„Das war ziemlich unverantwortlich. Ein ganz schönes Risiko über eine Felslawine zu klettern.“

„Sagt der, der sie ausgelöst hat?“

Sofort brodelte wieder dieser unterschwellige Hass auf. Woher kam der bloss?

Emma wollte es genau wissen. Also entschloss sie sich zu fragen. „Was ist eigentlich los mit euch beiden? Ihr scheint euch gegenseitig aufzuladen wie elektrische Teilchen. Woher kommt das?“

Sie erhielt keine Antwort. Noch nicht. Denn Kevin suchte am Bund einen Schlüssel aus und steckte ihn die Tür eines beeindruckenden Chalets. Ben blieb fassungslos davor stehen.

„Warum hast du einen Schlüssel zum Haus des Polizeichefs?“

„Weil ich seine Tochter heiraten werde.“

Ben fiel die sprichwörtliche Kinnlade herunter. „Ist das dein Ernst?“

„Schätze ja. Obwohl sie sich kaum Bonuspunkte ergattern konnte, nachdem sie so einen Affentanz um deine Rückkehr veranstaltet hat.“

Ben konnte nicht folgen. Dafür war Emma jetzt einiges klar.

Liss.

Es musste Liss sein. Aufgedreht, wie sie gewesen war, als Ben im Dorf auftauchte, verärgert, wie Kevin reagiert hatte… Und hatte nicht Mara etwas in die Richtung verlauten lassen?

„Liss ist die Tochter von Jens?“, fragte Emma interessiert dazwischen.

„Allerdings. Und mir gehört jetzt, was Ben hätte gehören können, hätte er sie vor fünf Jahren nicht im Regen stehen lassen.“

„Dann hast du ja doch noch gekriegt, was du schon immer wolltest. Gratuliere.“

„Ich meinte es zumindest ernst. Du hast sie nur haben wollen, weil ich in sie verliebt war. Gekriegt hast du sie und dann wurdest du ihr überdrüssig und hast sie abserviert. Nein, nicht einmal abserviert hast du sie, du bist einfach verschwunden. Nicht die feine Art. Aber die hast du ja noch nie beherrscht.“

Die Funken sprühten wieder. Emma glaubte die Hitze förmlich zu spüren. Die Situation war kurz davor, zu eskalieren. Diesmal wechselte sie das Thema aber nicht.

So war das also. Der ganze Hass wegen einer Frau. Weswegen denn sonst.

„Seid ihr vor der Geschichte mit Liss Freunde gewesen?“ Unschuldig blickte Emma vom Einem zum Anderen.

Kevin antwortete zuerst. „Nein. Ben wollte immer das, was ich hatte. Meist gelang ihm das auch. Das, was er am meisten wollte, bekam er aber nicht.“

Bevor Emma fragen konnte, was das war, was Ben nicht bekam, blieb Kevin vor einer weiteren Tür stehen.

Ganz untypisch für Emma hatte sie die Räume, durch die sie gegangen war, kaum wahrgenommen. So fasziniert war sie von der Diskussion der Männer gewesen. Sie hatten sich aber sicher vier Stockwerke in die Höhe gearbeitete und standen nun unter dem Dach. Der Raum war nicht isoliert und es war entsprechend kühl. Rund herum standen alte Möbel und Kisten, die allesamt mit einer dicken Staubschicht überzogen waren.

Hier hatte schon ewig keiner mehr etwas angefasst.

Kevin langte auf einen Holzbalken und zauberte einen grossen, alten Schlüssel hervor, den er in die Tür vor sich steckte. Mit einem Quietschen gab das Schloss nach und eröffnete den Weg in einen weiteren Raum. Zielsicher steuerte Kevin auf eine Holztruhe zu und klappte den Deckel auf.

„Abgeschlossene Fälle, die zehn Jahre oder älter sind, landen im Schredder. Nicht so diese hier.“ Kevin trat einen Schritt zurück.

Als Emma den Namen auf dem ersten Schiffchen des Hängeregisters erkannte, gab sie einen leisen Jauchzer von sich.

„Von diesen Akten konnte er sich nicht trennen. Jens hat damals alle Fälle bearbeitet. Bei jedem Todesfall wurde er gerufen. Diese Familie und ihr Schicksal haben ihn nie losgelassen. Es war das prägendste, was diese Region jemals erlebt hat.“ Kevin richtete sich auf und ging zurück zur Tür. „Seht sie euch an und legt sie dann zurück. Ich werde wieder ins Büro gehen. Wenn ihr fertig seid, sagt mir Bescheid, dann schliesse ich wieder zu.“

Emma wurde mulmig zumute. „Aber wenn Jens…?“

„Jens wird nicht auftauchen. Du hast ihn ziemlich aufgeregt. Er wird sich bei seiner Tochter zuschütten.“

„Oh…“ Schuldbewusst senkte Emma den Kopf. Ihre freudige Erregung über das, was sie vor sich sah, konnte sie aber nicht ganz verbergen.

„Mach dir nichts draus.“ Damit schloss Kevin die Tür hinter sich und Emma blieb alleine mit Ben zurück.

 

„Hier sind also alle unsere Schreckgeschichten aus der Kindheit niedergeschrieben.“ Wahllos zog Ben eine Akte hervor und schlug sie auf.

„Na, sieh an.“ Trotz all der Tragik zuckte ein Lächeln um Bens Lippen. „Das ist also die Grundlage für die Geschichte darüber, was mit uns passieren würde, wenn wir zu faul oder frech waren.“

Emma kippte den Schalter neben der Tür um und eine einzelne Glühbirne, die von der Decke hing, brachte spärliches Licht. „Der Tod wurde euch angedroht, wenn ihr nicht gehorsam wart? Bei uns gab‘s nur Schokoladenverbot.“

„Eigentlich war es mehr eine Mahnung an uns, wie auch an unsere Eltern.“

Unscheinbar
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