Strang 2 / Kapitel 12

 

Das geschäftige Treiben auf dem Hof liess langsam nach. Der Tag neigte sich dem Ende und Bernard war dankbar dafür. Seine Muskeln brannten und er war durstig. Dennoch, er würde jederzeit wieder einspringen. Ruth hatte seine Hilfe gebraucht und wenn seine Schwester rief, eilte Bernard herbei. Das war schon immer so gewesen. Abgesehen davon lenkte die harte Arbeit von den traurigen Vorfällen der letzten Zeit ab. Innert Kürze waren der Familie auf grausame Weise drei geliebte Mitglieder genommen worden. Seither hatte sich die Stimmung auf dem Hof verändert. Verständlicherweise.

Trauer lag in den Herzen eines jeden. Die Frage nach dem Warum hing in der Luft. Aber die Reichs zusammen mit den Knechts hielten eisern an ihrer positiven Einstellung fest. Bernard war sich sicher, sie würden diesen herben Schicksalsschlag wegstecken. Und die tägliche Arbeit, die keinen Aufschub duldete, half ihnen dabei.

Er legte den Hammer beiseite und trat einige Schritte zurück um sich sein Werk anzusehen. Morgen würde er das Dach beenden, sofern das Wetter mitspielte. Bald würde Antonius wieder Schnaps brennen können.

„Und, wwwie sieht es aus?“ Als hätte er Bernards Gedanken gelesen, trat Antonius neben ihn. Er klopfte ihm fest auf die Schulter. Im Gesicht ein breites Grinsen.

„Gut, mein Junge. Gut. Dass deine alte Brennerei dem Feuer zum Opfer gefallen ist und damit die ganzen Vorräte, ist ein Jammer, aber ich glaube, die neue wird dir genauso Freude bereiten. Komm, sieh’s dir an!“ Bernard ging voraus und Antonius folgte ihm in die kleine Hütte. Die beiden Männer hatten kaum Platz nebeneinander.

„Hier“, Bernard zeigte mit je einer Hand nach links und rechts, „werde ich dir einen Tisch nach Mass anfertigen. Daneben werde ich dir Platz für einen grösseren Brennkessel lassen. Und hier“, Bernard drehte sich um seine eigene Achse und kam vor einem schmalen Durchgang zu stehen, „ist der Anbau, den ich dir mit stabilen Regalen ausstatten werde. Dann hast du endlich Platz, alles zu lagern. Was denkst du?“

Antonius strahlte, wie eigentlich immer. „Eees ist toll!“

Diesmal war es Bernard, der Antonius freundschaftlich auf die Schulter klopfte. „Gut. Dann lass uns essen! Meine Schwester hat gesagt, sie hätte heute mit Käthe zusammen einen Hackbraten gezaubert. Den wollen wir uns kaum entgehen lassen, oder?“

„Nnein!“

Lachend schob Bernard Antonius vor sich her aus der Hütte und geradewegs auf das Haupthaus zu. Aus dem offenen Fenster der Küche waberten unwiderstehlich die würzigen Düfte von Kartoffelstock, Bohnen und Fleisch. Gerüche, die alle anlockten. Beinahe gleichzeitig mit Bernard und Antonius trafen auch Gregor und Martin ein. Während die Männer darum wetteiferten, wer zuerst an der Tür war, wurde jene bereits von innen geöffnet und eine milde lächelnde Sandrine stand im Rahmen.

„Dacht‘ ich mir‘s doch, dass ihr keine Sekunde zu spät kommen würdet! Wo habt ihr Erwin?“

Wie auf Kommando tauchte auch der Hausherr aus dem Schuppen auf und trat zu der restlichen hungrigen Meute.

Nein, dachte Bernard, während er das Treiben beobachtete, kein Schmerz dieser Welt könnte diese Familie unterkriegen.

Wie sehr er sich doch in dieser Annahme irrte...

 

Obwohl der Alltag in wenigen Stunden wieder sein Recht fordern würde, stand die letzte Flasche von Antonius‘ Selbstgebranntem vor glühenden Gesichtern offen auf dem Tisch. Schüsseln und Pfannen waren allesamt leergegessen und die Herde entsprechend gesättigt.

Eine Hand betont auf den vollen Bauch klatschend, erhob sich Bernard nach einer Weile schwerfällig. Ein letztes Mal griff er nach dem kleinen Schnapsglas, das auf wundersame Weise schon wieder voll war, baute sich mit ausgestrecktem Arm vor seiner Familie auf und brachte einen Tost aus. „Auf unsere verstorbenen Familienmitglieder. Sie werden ewig in unseren Herzen weiterleben. Mögen sie in Frieden ruhen.“

Diese Worte fanden Anklang. Alle Anwesenden hoben ihre Gläser, prosteten sich gegenseitig zu und leerten den Inhalt in einem Zug.

Bernard setzte das Glas schwungvoll auf dem Tisch ab und machte Anstalten aufzubrechen. „Jungs, Mädels, ich danke für das Essen und die immer wieder gute Unterhaltung in diesem amüsanten Kreis der Familie, aber meine Stunde hat geschlagen.“

 

Wie Recht er damit hatte, sollte er bald erfahren.

 

Bernard und seine Frau Käthe verabschiedeten sich von allen Anwesenden. Sie gingen zu ihrem Wagen und stiegen ein. Bernard steckte den Schlüssel ins Zündschloss und drehte ihn. Nichts. Er versuchte es erneut. Ein knappes Stottern, dann nichts mehr.

Die Panne blieb im Haus nicht unbemerkt. Die Haustür öffnete sich erneut und Antonius wackelte lächelnd auf das Auto zu.

„Wweisst du nicht mehr, wie wie man ein Auto startet?“

„Scheint, als hätte mir dein Kirsch die letzten Hirnzellen weggeschwemmt! Offenbar sollen wir noch nicht gehen!“ Bernard lachte sein tiefes, grollendes Lachen.

„Bbblödsinn. Das bekommen wir schon hin.“ Sofort holte Antonius das Auto seines Vaters, zog das Überbrückungskabel aus dem Kofferraum und öffnete die Motorhaube beider Fahrzeuge. Dann schloss er die Kabel an den Batterien an, hiess Bernard Gas zu geben und den Zündschlüssel zu betätigen.

Es dauerte kaum zwei Minuten, da schnurrte der Wagen wieder wie neu. Zufrieden schlug Antonius die Motorhaube von Bernards Auto zu.

„Solltest deinem Mann mal eine neue Batterie schenken, was, Käthe?“ Gregor hatte sich unbemerkt an die beiden Autos herangeschlichen. Jetzt beugte er sich durch das heruntergelassene Fahrerfenster und lächelte Käthe, die entnervt in ihrem Sitz zusammengesunken war, über Bernard hinweg aufmunternd zu. Sofort erhellte sich ihre düstere Miene.

„Nana, pack dein Grinsen hübsch wieder ein, mein Lieber!“ Bernard schob Gregors Kopf freundschaftlich wieder aus dem Seitenfenster hinaus. Fröhlich winkend drückte er das Gaspedal durch.

Dann war er weg, eine wild durch die Luft wirbelnde Staubwolke und zwei Brüder zurücklassend.

Einer der beiden schlenderte mit den Händen in den Hosentaschen davon, der andere stand noch immer neben dem Auto seines Vaters. Die Umrisse schwach vom Scheinwerferlicht beleuchtet. Gedankt hatte ihm niemand.

 

 

Unscheinbar
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