Strang 1 / Kapitel 8
Am nächsten Morgen wachte Emma mit Kopfschmerzen auf. Am Bier konnte es nicht liegen. Wie sie gestern noch erfahren hatte, hatte sie lediglich zwei, wie nannten sie es noch? Minis. Ja, zwei Minis hatte sie getrunken. Wieviel waren da drin? 2dl pro Glas? Keine Ahnung, jedenfalls nicht genug, um diesen pochenden Schädel zu verursachen. Die Bergluft? Litt sie unter Smog-Entzug? Oder lag es an dem seltsamen Traum der letzten Nacht? Sie hatte alle Geschichten, die sie bisher über diesen Ort und diese Familie gehört hatte, irgendwie durcheinandergemixt und einen ganz eigenen Traum daraus kreiert.
Aber was es auch war, der Schmerz musste weg. Sie rollte sich unter der weichen Daunendecke hervor und setzte die Füsse neben das Bett. Der Teppichboden war zwar nicht das, was Emma als hygienisch bezeichnete, aber sie musste gestehen, die Berührung der Zehen mit dem warmen, weichen Untergrund hatte was. Da konnte der Parkettboden der modernen Innenausstattung nicht mithalten.
Sie erhob sich, suchte ihre Toilettentasche und ging in ihr kleines Badezimmer.
Nach einer Kopfschmerztablette und einer heissen Dusche ging Emma wesentlich besser gelaunt und schmerzfreier hinunter in das Restaurant.
Kaum hatte sie sich an einen Tisch gesetzt, wirbelte auch schon Liss herbei. Sie schien bessere Laune zu haben als am Vortag. Vielleicht guter Versöhnungssex.
„Guten Morgen. Gut geschlafen und bereit für das Haus der Reichs?“ Fröhlich lächelnd stand Liss an Emmas Tisch. Sie schien nicht zu bemerken, wie die wenigen Anwesenden teils zusammenzuckten, teils neugierig aufsahen. Emma hingegen bemerkte es sehr wohl. Kein Wunder, wussten alle hier im Nu Bescheid über ihr Vorhaben. Dass dieser Umstand an unüberlegten Fragen der Kellnerin liegen könnte, hatte Liss am Vorabend natürlich nicht erwähnt.
Emma riss sich zusammen. „Bis auf die Kopfschmerzen ist alles bestens. Danke der Nachfrage.“
„Ah, die Föhnwinde.“ Liss nickte wissend. Dann wechselte sie das Thema. „Kaffee?“
„Klingt toll. Habt ihr auch was zum Frühstück?“
Liss grinste. „Sicher. Aufschnitt, frisches Brot, Käse, Confitüre, Butter, Honig. Auf Wunsch gibt’s noch ein Ei. Möchten Sie ein Ei?“
„Das klingt fantastisch. Ein Dreiminutenei wäre hervorragend.“
„Wird geliefert.“ Damit wirbelte sie wieder weg.
Emma sah sich um. Ein paar wenige Gestalten sassen schweigend auf ihren Holzstühlen und nippten an ihrem Kaffee. Ab und an stand einer auf, wünschten einen schönen Tag und ging. Mehr wurde nicht gesprochen. Obwohl die meisten der wenigen Anwesenden um den Stammtisch versammelt sassen. Man kannte sich, aber Worte wechseln musste man dennoch nicht. Das war irgendwie schön. Emma erinnerte sich an die Besuche in den Restaurants der Stadt. Das war wie in einem Bienenschwarm. Überall wurde geplappert, gestritten, gelacht und gelärmt. Geschirr klapperte, Handys surrten und die Menschen gaben sich die grösste Mühe extrem schlecht oder übertrieben gut gelaunt zu sein. Hier schien sich keiner zu verstellen. Kämen diese Menschen mit einem Leben in der Stadt klar? Wahrscheinlich nicht. Da stellte sich natürlich unweigerlich die Folgefrage. Wie viele von ihnen hatten denn ihre kleine Welt schon verlassen und über die Bergwipfel hinausgeschaut? Wohl die wenigsten.
Gleichzeitig musste Emma aber auch selbstkritisch sein. Wie oft hatte sie sich in den Bergen aufgehalten und nicht nur die Schönheit genossen, sondern sich mit dem Leben dort auseinandergesetzt? Nun, die Antwort lag auf der Hand. Eigentlich nie.
Dann wurde es höchste Zeit. Zumindest in diesem besonderen Fall.
Sie stieg in ihren Mini und fuhr nach Liss und Martins Beschreibung. Dabei fuhr sie über eine hübsche Brücke, dann zum Dorfausgang. Dort zögerte sie kurz. Ob sie hier rechts abbiegen oder weiter geradeaus fahren musste? Sie entschied sich dann aber für geradeaus. Nach einem kurvigen Anstieg, bei dem sie die Häuser bald hinter sich gelassen hatte, kam sie zu der besagten Abzweigung. Und fuhr prompt daran vorbei. Emma bemerkte ihren Fehler, fluchte kurz und wendete. Sie bog ab und fand sich auf einem verwucherten Schotterweg wieder. Sie hoffte inständig, dass ihr kleines Fahrzeug nicht zu viele Steine aufwerfen würde, die den Lack zerkratzen konnten. Auch dieser Weg bestand nach einer längeren Geraden aus einer Aneinanderreihung von Kurven. Die Umgebung glich einem Märchenwald. Vereinzelte Sonnenstrahlen verirrten sich durch das Blätterdickicht der hohen Bäume und durchbrachen die Luft mit Pfeilen aus Licht. Kleine Partikel tanzten in den Sonnenstreifen wie kleine Elfen. Alles lag in einer angenehmen Ruhe. Nur der Wind rauschte ab und an durch das Laub und hie und da raschelte es im Unterholz. Anzeichen dafür, dass man nicht alleine war, obwohl man es in dieser Idylle leicht glauben könnte. Hie und da durchbrachen die Rufe von Vögeln die Stille auf erfrischende Weise. Und natürlich das Motorengeräusch eines roten Mini Coopers. Nur war das etwas weniger erfrischend. Um nicht zu sagen unpassend und störend. Und genauso sollte sich Emma auch bald fühlen.
Langsam begann sie sich zu fragen, ob sie richtig war. Der Weg war zwar eindeutig da. Aber war das Haus wirklich so weit abseits? Da würde sie nur schwer Intressenten finden. Vielleicht ein Hotelier? Die standen doch darauf mit Abgeschiedenheit für die perfekte Erholung gestresster Gemüter zu werben. Zudem konnte man von hier sicherlich gut wandern gehen. Vielleicht könnte man sich auch die Spukgeschichten zunutze machen. Das könnte hinhauen. Mal sehen, wie gross das Grundstück und das Haus waren.
Emma begann sich mit dem Gedanken bereits anzufreunden, als sich der Wald hinter einer weiteren Biegung plötzlich lichtete. Sie drosselte das Tempo und blickte sich staunend um. Ein geräumiger Platz, der wie eine Art Kehrplatz wirkte, lag vor ihr. Zur Rechten stand so etwas wie eine Bretterruine, die vielleicht einmal ein Schuppen gewesen war. Den grössten Teil dieses Etwas hatte sich die Pflanzenwelt geholt. Aus den Brettern ragten einige rostige Metallteile heraus.
Emma ahnte, dass sie am Ziel war. Nur handelte es sich irgendwie nicht um das, was sie erwartet hatte. Sie beschloss, sich alles zu Fuss anzusehen. Also stellte sie an Ort und Stelle den Motor des Wagens ab und stieg aus. Natürlich hatte sie bei ihrer Schuhwahl nicht an unwegsames Gelände gedacht. Aber immerhin trug sie Stiefel mit breitem, nicht allzu hohem Absatz.
Emma marschierte geradewegs auf das ehemalige Gebäude zu. Bei genauerem Hinsehen konnte sie den Sinn der scheinbar wirr durcheinanderragenden, verrosteten Stangen erahnen. Die Stangen schienen einmal Regale gewesen zu sein. Zwischen Steinen und Pflanzen fand Emma einen Schraubenschlüssel, ebenfalls von einer Schicht Rost überzogen. Dann entdeckte sie noch einigen Abfall, wie leere Bierdosen, die kaum zum ursprünglichen Bild dazu gehörten. Der demolierte Werkzeugwagen, der unter einem grossen Steinbrocken hervorlugte und teils von Erde verschüttet war, hingegen schon. Emma vermutete sich in einer Art Werkstatt.
Aus diesem Ort war nichts mehr herauszuholen. Sie wandte sich ab und sah sich um. Ein Trampelpfad führte noch etwas weiter bergan und verlor sich hinter dichten Büschen und Bäumen. Emma folgte dem Pfad und verfluchte ihre Gedankenlosigkeit. Die Erde war feucht und bald waren ihre Stiefel von einer anständigen Schmutzkruste überzogen.
Mürrisch auf den Boden starrend hätte sie sie beinahe nicht gesehen.
Zwischen den Büschen einige Schritte von Emma entfernt, blitzte auf einmal etwas auf. Überrascht sah Emma auf, doch da war nichts. Neugierig und vor allen Dingen weit aufmerksamer ging Emma weiter. Und da entdeckte sie sie. Zwischen den Büschen stand sie. Schwarz glänzend und fröhlich die Sonne reflektierend.
Emma war irritiert. Was machte er denn hier?
Sie ging an dem Motorrad vorbei, immer weiter dem Weg folgend. Hier und da entdeckte sie auf der linken und rechten Seite zwischen den Bäumen Anordnungen von Steinen, die Fundamenten glichen. Sollten das alles Gebäude gewesen sein?
Die Menschen hatten alles hier verlassen und die Natur hatte sich den Ort zurückgeholt. Diese Tatsache stimmte Emma nachdenklich. Was hatte die Menschen dazu gebracht, das hier aufzugeben?
Bei jedem Schritt wurde ihr mulmiger zumute. Das Spiel der Sonnenstrahlen und die Ruhe verloren auf einmal ihre entspannende Wirkung. Die Stille wirkte jetzt eher unheimlich. Emma sehnte sich in diesem Augenblick den städtischen Trubel herbei, wie sie ihn sich noch selten gewünscht hatte. Aber sie ging weiter.
Da knackte es im Unterholz. Emma zuckte unweigerlich zurück. Ein leiser Schrei entschlüpfte ihrer Kehle, als ein Vogel mit wildem Flügelschlag zum Himmel empor flog. Emma schloss kurz die Augen und atmete tief ein.
„Ganz schön schreckhaft.“
Wieder schrie Emma auf, diesmal etwas lauter. Sie öffnete die Augen und erkannte, dass ihr gerade Mal ein mildes Lächeln geschenkt wurde. Blau also. Die Augen des mysteriösen Motorradfahrers waren blau. Und was für ein Blau. Eigentlich hatte Emma Angst vor dem Ertrinken. Jetzt nicht mehr. Oder konnte es schlimm sein in diesen Augen zu ersaufen?
„Ich habe Sie wohl mehr erschreckt, als ich dachte. Geht es Ihnen gut?“
Emma tauchte wieder auf. Wie peinlich. Sie spürte, wie ihre Wangen von einem roten Schatten überzogen wurden. Im Boden versinken wäre jetzt ideal. Aber leider nicht machbar. Mist.
Sie räusperte sich. „Ja. Alles klar. Natürlich. Es ist nur, ich habe an diesem gottverlassenen Ort niemanden erwartet.“
„Gottverlassen? Interessante Wortwahl. Nun, es geht mir ebenso. Obwohl ich geahnt habe, dass Sie früher oder später hier auftauchen.“
Emma legte die Stirn in Falten. „Ah, das Buschtelefon hat bereits die volle Wirkung entfaltet.“
„Es ist ein kleiner Ort. Fremde fallen auf. Vor allem solche mit ungewöhnlichen Plänen.“
„So? Was sind denn meine Pläne?“
„Darüber sind sich die Dorfbewohner noch nicht ganz einig. Klar ist, Sie interessieren sich für die Reichs und das gibt eine Menge Stoff für wilde Spekulationen.“
„Ja, das habe ich schon gehört. Ihr Auftauchen hat aber auch deutliche Spuren hinterlassen.“
Jetzt war es an ihm, überrascht aufzuschauen. „Sie haben sich hier wohl schon ganz gut eingelebt, was? So schnell wird normalerweise niemand ins Vertrauen gezogen.“
„Richtige Zeit, richtiger Ort und ein wenig mathematisches Geschick reicht aus. Denn wie Sie wissen sollten, dürften mich die Menschen hier wegen meiner Interessen meiden und nicht ins Vertrauen ziehen.“
„Richtig.“ Er nickte. „Willkommen in der Welt der Ausgestossenen.“ Er reichte ihr die Hand. „Ben.“
Nun hatte der mysteriöse Motorradfahrer also offiziell einen Namen. Na sieh an. „Emma.“
Und tolle Hände. Handwerker? So, wie er zudrückte, lautete die Antwort klar ja.
Aua.
„Nun, Ben, ist es erlaubt, zu fragen, was du hier tust?“
Er musterte sie von oben bis unten. Bei den schmutzigen Stiefeln blieb er hängen. Kein Landei. Stadthuhn. Und hübsch noch dazu. Schwarz getuschte Wimpern, die ein graublaues Augenpaar betonten, nicht überschatteten, wie bei seiner allzu netten Nachbarin. Die dunkelblonden, langen Haare wehten in leichten, natürlichen Wellen um ihr Gesicht. Kein aufwendiges Styling. Sie strich sie mit langen, schlanken Fingern schlicht hinters Ohr, wenn sie sie störten. Eine erfrischende Abwechslung zu den penibel hergerichteten Damen, mit denen er es sonst zu tun bekam.
„Interessiert mich bei dir auch. Ist also ausgleichende Gerechtigkeit. Ich bin hier aufgewachsen, war aber schon eine ganze Weile nicht mehr zu Besuch. Jetzt klappere ich alle Orte aus meiner Kindheit und Jugend ab. Jetzt du.“
„Ich bin Immobilienmaklerin und habe den Tipp eines Freundes erhalten, mich hier mal umzuschauen. Aber je länger ich hier bin, desto mehr habe ich das Gefühl, der Gute hat mich veräppelt.“
Wieder dieses milde Lächeln.
Süsse Lachfältchen um die Augen. Mist, nicht schon wieder.
„Nun, Immobilien sind hier tatsächlich Mangelware. Hat er dich wegen dem Grundstück selbst hierher geschickt?“
„Wenn ich ihn nicht komplett falsch verstanden habe nicht, nein. Wo ist denn das Haus?“
Ben zögerte kurz, dann wies er sie an, ihm zu folgen. Sie gingen nicht mehr weit. Der Trampelpfad führte durch dichtes Gestrüpp. Freundlicherweise hielt Ben ihr die grössten Äste zurück und sie konnte ungehindert passieren. Das Gebüsch spuckte sie auf einer weitläufigen Lichtung aus. Rundherum ragten die Berge in die Höhe. Stille Zeugen der hiesigen Geschehnisse. Der geräumige Platz war gesäumt von weiteren Gebäuderuinen. Besonders von einer. Die Front des mächtigen Bauernhauses schien noch gut erhalten. Gleichermassen imposant wie gespenstisch ragte sie in die Höhe. Als wollte sie krampfhaft versuchen zu verbergen, was für ein trauriges Bild sich dahinter bot. Es gelang ihr aber nicht. Der Abhang hinter dem Haus hatte sich offensichtlich gelöst. Eine mächtige Felslawine war direkt auf das Haus zugerast und hatte alles unter sich begraben. Bis auf die Frontfassade.
Fassungslos starrte Emma auf das skurrile Bild, das sich ihr bot.
Ben trat neben sie. „Beeindruckend, nicht wahr?“
„Eher beängstigend.“ Emma wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Woher die auf einmal gekommen war, wusste sie nicht.
Ben schien es trotz ihrer Bemühung nicht entgangen zu sein. Aber entgegen Emmas Erwartung lachte er nicht. „Auch wenn man nicht besonders übernatürlich angehaucht ist, spürt man diese seltsame Stimmung hier deutlich. Ich glaube nicht an Gespenster. Aber auch ich musste kapieren, dass das Leid, das hier geschehen ist, an diesem Ort hängt, wie ein Schatten.“
„Was ist hier passiert? Alle sprechen von dem tragischen Schicksal dieser Familie. Ich habe auch schon einige schier fantastische Geschichten gehört. Da stellt sich mir automatisch die Frage, ob diese Felslawine das Haus zerstörte, nachdem die Bewohner gegangen waren, ob diese Lawine Teil des entsetzlichen Schicksals war?“ Sie sah mit traurigem Ausdruck in den Augen zu ihm hoch. Er spürte unwillkürlich ein leichtes ziehen in der Magengrube. Verflucht. Dabei wollte er doch Abstand zu Stadthühnern gewinnen. Aber sie schienen ihn bis in die ländlichsten Gegenden zu verfolgen.
„Klug kombiniert. Wer war nochmal dein Auftraggeber? Es interessiert sich seit etwa 30 Jahren keiner mehr für dieses Grundstück. Den Menschen hier wäre es recht, wenn es auch so bleiben würde. Also haben sie die Angelegenheit zu vergessen versucht. Was auch lange funktioniert hat. Bis heute. Also, wer schickt dich?“
Diese Stimmungsänderung kam für Emma überraschend. Sofort stellte sie auf Verteidigung. „Das sind Kundendaten, die kann ich nicht preisgeben.“
„Natürlich. Wie wärs mit einem Vornamen?“
Emma dachte kurz nach. Dann antwortet sie: „Martin.“
Emma wich innerlich zurück. Denn Bens Augen verdunkelten sich auf einmal bedrohlich. „Martin? Mein liebes Stadtpflänzchen, ich denke, du solltest wieder dahingehen, wo du hergekommen bist und die Sache hier vergessen. Es ist das Beste, für uns alle und für dich.“
Damit drehte Ben sich um und ging. Er verschwand durch die Büsche aus Emmas Blickfeld. Sie hörte noch den Motor aufheulen, dann entfernte sich das Geräusch. Auf einmal war sie mutterseelenalleine an diesem unheimlichen Ort. Allerdings war das kein Problem. Ihre Wut überschattete jeden Gedanken an Furcht.
Verärgert zog sie ihr Handy aus der Tasche und traktierte das Display mit ihren Fingern. Als sie Martins Nummer suchen wollte, verweigerte das Telefon seinen Dienst. Entnervt warf sie einen Blick auf die Empfangsanzeige. Ein Funkloch. Natürlich. Wer würde hier oben auch eine Antenne aufstellen.
Resigniert machte sie sich auf den Weg zurück zum Auto. Sie trat auf das dicht wuchernde Gebüsch zu, durch das sie zuvor auf diesen Platz getreten war und schob es beiseite. Da hörte sie ein Geräusch hinter sich. Erschrocken fuhr sie herum. Kein Lebewesen weit und breit. Sie sah sich konzentriert um, aber nichts bewegte sich. Ausser einem einzelnen, einsamem Stein, der über die Gerölllawine auf den Platz holperte und schliesslich in das hohe Gras plumpste und dort verschwand. Dann war es wieder still.
Emma verharrte eine Weile an Ort und Stelle, aber es bewegte sich nichts mehr. Sie drehte ihren Kopf weg, als sie im Augenwinkel eine schattenhafte Bewegung erhaschte. Sofort sah sich wieder um. Doch wieder schien da nichts zu sein. Sie war sich aber fast sicher, dass da etwas gewesen war. Langsam wurde Emma doch mulmig zumute. Diese Hausfassade, die verlassen und tot in den Himmel ragte, diese verwucherten Fundamente überall, diese Lawine, die mitten in das Haupthaus gekracht war, diese Nutzgegenstände, die man da und dort noch entdecken konnte. Zeugen, die denkmalsgleich an fröhliche Betriebsamkeit, aber genauso an deren seltsamen Untergang erinnerten. Das gab der Fantasie bereits genug Nahrung. Begann sich auf diesem Schauplatz auch noch etwas zu bewegen, obwohl sie sich alleine wähnte, war das definitiv zuviel. Emma stürzte sich in die Büsche. Ohne sich noch einmal umzublicken hastete sie davon. Sie eilte den Weg zurück, den sie gekommen war. Für die Umgebung hatte sie keinen Blick mehr übrig. Sie wollte einfach weg. An ihrem Auto angelangt, begann sie wild in der Tasche zu wühlen. In ihrer Aufregung glaubte sie überall seltsame Geräusche zu hören und Bewegungen wahrzunehmen. Sie wusste, dass ihre Nerven ihr einen Streich spielten. Übersensibel. Hatte nicht ihr Ex-Freund sie so genannt? Vielleicht hatte er damit nicht einmal so falsch gelegen. Und wenn schon. Sie wollte weg. Sofort.
Endlich fand sie ihren Autoschlüssel. Ihre Hand zitterte leicht, als sie den Schlüssel ins Türschloss steckte. Die Verriegelung gab nach. Dankbar setzte sie sich in den Wagen und riss die Tür zu. Mit einem lauten Knall fiel sie ins Schloss. Den Schlüssel im Zündschloss, den Fuss auf der Kupplung, wollte Emma das Auto starten. Aber es tat sich nichts. Der Motor gluckste kurz, dann ging gar nichts mehr. Sie versuchte es erneut. Ohne Erfolg.
Scheisse.
Nochmal, diesmal mit Gas. Der Motor startete nicht. Hektisch suchte sie nach ihrem Telefon. Auch hier, kein Empfang. Sie versuchte nachzudenken. Dabei strich sie mit beiden Händen nervös über das Lenkrad. Da fiel ihr Blick auf die Armaturen. Das Lämpchen für das Abblendlicht brannte.
Sie hatte das Licht angelassen. Dann war wohl die Batterie leer.
Scheisse. Scheisse. Scheisse.
Wann war ihr das zum letzten Mal passiert? Klar, im Tessin. Das war ein Ärger. Danach musste sie nicht nur die Batterie wechseln lassen, sondern auch den linken Kotflügel. Wut ist eben nicht rational.
Was nun? Sie war alleine im Nirgendwo. Ohne Telefon, ohne Auto, ohne Hilfe. Aber mit einer Menge Schiss. Das half nicht.
Emma atmete mehrfach tief ein und wieder aus. Der Herzschlag beruhigte sich allmählich und das leichte Zittern der Hände verebbte vollständig.
Vorsichtig öffnete sie die Autotür. Zögernd schob sie zuerst den einen Fuss, dann den anderen aus dem Wagen. Schliesslich erhob sie sich. Sie zog ihre Hose zurecht und sah sich vorsichtig um. Keine auffälligen Geräusche, keine seltsamen Bewegungen. Gut.
Da heulte etwas auf. Und kurz darauf rauschte eine schwarze Schönheit heran. Elegant wie eine Raubkatze vollendete sie die letzte Kurve und kam direkt neben Emma zu stehen.
Ben richtete sich auf und klappte das verdunkelte Visier seines schwarzen Helms auf.
Verdutzt starrte Emma ihn an.
Er hob eine seiner behandschuhten Hände und streckte sie wortlos nach ihr aus.
Emma wich leicht zurück ohne ihn aus den Augen zu lassen.
Ben griff nach ihrem Haar. Sie verspürte ein leichtes ziehen. Am Kopf, wie auch im Bauch. Störrisch legte sie die Stirn in Falten.
Was sollte das?
Als seine Hand wieder in ihrem Blickfeld auftauchte, hielt er darin ein beachtliches Stück Holz fest, das sogar noch frische, grüne Blätter trug.
„Sag mal, was hast du getan, als ich gegangen bin? Hast du dich vor Gram auf den Boden geworfen und dich hin und her gewälzt?“
Beschämt legte Emma ihre Hand dorthin, wo er den Zweig aus ihrem Haar gefischt hatte.
„Nein. Ich bin etwas schnell durch die Büsche gelaufen. Da kam der da wohl mit.“ Vorwurfsvoll deutete sie auf das Holz. „Und du? Warum bist du zurückgekommen? Schlechtes Gewissen?“
„Nein.“ Er zögerte. „Ja. Du kennst dich hier nicht aus, hier oben hast du keinen Handyempfang, das Gelände kann gefährlich werden und ich lass dich einfach stehen. Der Weg zu Fuss zurück ist ziemlich lang. Ich wollte mich versichern, dass du zumindest heil zurück auf die befestigte Strasse kommst. Meine Mutter hat mich nicht dazu erzogen, jemanden einfach im Regen stehen zu lassen.“
„Die hilflose Stadttussi retten? Du siehst dich wohl gerne als Ritter in der schimmernden Rüstung.“
„Stadthuhn. Und nein, ich wäre bei jedem zurückgekommen. Es geht hier ums Prinzip, nicht um Heldentum.“
„Wie ehrenhaft. Nun, wie es der Zufall so will, bist du jedenfalls genau zum richtigen Augenblick erschienen. Mein Mini hier hat mich nämlich im Stich gelassen.“
Er schien ernsthaft betroffen. Sofort stellte er sein Motorrad auf den Seitenständer, stieg ab und zog den Helm aus.
„Symptome?“
„Wahrscheinlich die Batterie. Ich habe das Licht vergessen auszumachen.“
Ben blickte auf die Scheinwerfer. Und das milde Lächeln hielt ein weiteres Mal Einzug.
„Öffnest du mir mal die Motorhaube?“
„Klar.“ Emma schwang sich auf den Sitz und zog den Hebel. Mit einem leisen Plopp sprang die Haube auf.
„Okay, jetzt versuch ihn bitte zu starten. Aber schalte vorher das Licht aus, ja?“
Gesagt, getan. Nichts.
Prüfend sah Ben in den Motorraum. „Emma?“
„Ja?“
„Wann hast du dieses Gefährt das letzte Mal in der Werkstatt gehabt?“
„Keine Ahnung. Vor drei Monaten vielleicht. Warum?“
„Die Batterie ist neu. Wir waren nicht lange hier. Die leert sich nicht so schnell.“ Ben liess seinen Blick über die Schläuche und Kabel schweifen. „Emma?“
„Ja?“
„Ist dein Mechaniker ein Versicherungsvertreter?“
Ben erhielt keine Antwort. Stattdessen tauchte Emmas Kopf neben seinem auf. „Wie bitte?“
„Die Zündkabel sind lose und eines ist sogar ausgerissen. Kein Wunder läuft er nicht an.“
„Aber…? Das versteh ich nicht. Wie ist es möglich, dass ich bis hierher gekommen bin? Wie kann das passieren?“
„Schlamperei?“ Ben richtete sich auf und schloss die Motorhaube. „Oder irgend ein Getier, obwohl ich keine Bissspuren entdecken kann. Möglich, dass sich der Defekt über die Zeit, die Beanspruchung und die Erschütterung verschlimmerte, bis das Material schliesslich ganz den Geist aufgab. Kann vorkommen. Ich kann es dir reparieren. Aber dafür brauche ich Ersatzteile und Werkzeug, was ich angesichts meines Fortbewegungsmittels nicht unbedingt dabei habe. Soll ich dich mitnehmen?“
Sie sah ihn an, als wäre er nicht ganz bei Trost.
Ben schwang sich auf sein Motorrad. Emma kam es eher vor wie eine Höllenmaschine.
„Ist das dein Ernst? Ich, da drauf?“ Sie deutete nur mit einem Kopfnicken auf das schwarze Gefährt.
„So wär‘s gedacht. Ja. Aber wenn du deinen Zwergenwagen nicht alleine lassen willst, kannst du hier warten. Ich fahre zurück ins Dorf, organisier mir die notwendigen Dinge und komme zurück.“
Emma zögerte. „Hier warten?“
Alleine?
„Hast du denn da irgendwo einen zweiten Helm versteckt?“
Wieder ein kritischer Blick auf die schlanke Maschine. Doch auch wenn sie sich noch so bemühte, ein Staufach, in dem ein zweiter Helm Platz gefunden hätte, konnte Emma nicht entdecken.
„Nein, den habe ich nicht. Also musst du wohl wirklich hier warten. Alleine.“ Er grinste.
Emma warf ihm aus zwei schmalen Schlitzen einen bösen Blick zu, blieb aber an Ort und Stelle stehen.
Ben reichte das als Antwort. Er richtete das Motorrad auf, zog sich seinen Helm über und startete den Motor. Er drehte nur ein kleines Bisschen am Gashebel, ohne überhaupt die Bremse losgelassen zu haben. Aber es reichte aus. Emma gab den Widerstand auf. Sie rannte förmlich auf das Motorrad zu. Ben schmunzelte in seinen Helm hinein. Er griff kurzerhand nach den Soziusfussrasten und klappte sie hinunter.
Ohne zu zögern schwang sich Emma hinter Ben auf die Maschine.
„Aber wehe, wenn du zu schnell fährst, uns in eine Wand setzt oder dir den Vortritt nehmen lässt!“
„Herzchen, du trägst keinen Helm. Wofür hältst du mich?“
Emma atmete tief ein und schaute unauffällig um sich. Durch die Sitzposition war er ihr definitiv schon nah genug. Sie wollte ihn nicht noch mehr berühren. Nur, wo hielt man sich fest, wenn nicht am Fahrer? Da entdeckte sie hinten an den Seiten der Maschine die Halterungen. Zufrieden griff sie danach. Bis Ben das erste Mal Gas gab. Sofort riss sie die Arme nach vorne und umklammerte seinen Oberkörper.
Ben konnte es sich nicht verkneifen. Noch eine schnelle Drehung aus dem Handgelenk und mit einem Ruck bewegte sich die Maschine ein Stück vorwärts.
Emma gab einen Schreckenslaut von sich, der dem Quieken eines Meerschweinchens ähnelte, währenddessen sich Ben köstlich auf ihre Kosten amüsierte.
Noch bevor sie ganz hinter der ersten Kurve verschwunden waren, kam er aus seinem Versteck im Wald. Er sah ihnen nach, wie sie zwischen den Bäumen verschwanden.
Er hatte alles beobachtet.
Wie leicht es doch gewesen war, sie zu verängstigen. Ein bisschen Rascheln da, ein wenig Knacken dort, zwei, dreimal durch den Rand ihres Blickfeldes gehuscht und sie rannte los wie gehetztes Wild. Und Wild musste man erlegen. Es war so reizvoll gewesen. Er war ihnen so nahe gekommen. Es hatte ihn in den Fingern gejuckt, sofort loszulegen. Aber das hätte nur alles ruiniert.
Er mahnte sich zur Geduld. Das Spiel hatte erst begonnen.
Wie hatten die beiden zuvor gesagt? Sie würden zurückkehren. Und das schon bald.
Also höchste Zeit für einen weiteren Zug auf dem Spielbrett.
Mit einem zurechtgebogenen Draht in der Hand trat er auf den hübschen, roten Mini zu - und brach die Fahrertür erneut auf.