Strang 1 / Kapitel 6

 

Eine Dusche, einen Anruf im Büro und einige Autobahnkilometer später fand sie sich in der herrlichen Landschaft des Berner Oberlandes wieder. Obwohl die Aussentemperatur noch keine 15 °C erreichte, liess sie das Seitenfenster ihres Mini Coopers hinunter. Kühle, frische Luft strömte ins Innere und erfüllte den Wagen mit einem Geruch nach grünen Wiesen und klaren Quellen.

Ein Heimatfilm. Und sie steckte mittendrin.

Sie wollte es lächerlich finden, stellte aber fest, dass sie diese Illusion von Frieden genoss. In tiefen Zügen atmete sie gierig die Heimatfilmluft. Gleichzeitig lenkte sie den Wagen durch die passende Kulisse. Am Horizont standen unerschütterlich die felsigen Zeitzeugen, die mit ihrem weissen Überzug einen krassen Kontrast zu dem Grün der davorliegenden Landschaft bildeten. Der Frühling schien seine Arme nach allen Seiten auszustrecken, doch die unbeugsamen Alpen vermochte er kaum zu erreichen.

Emma traf auf den See, den sie aus Martins Beschreibung wiedererkannte. Sie fuhr dem Gewässer entlang und nahm dann die erste kurvenreiche Steigung in Angriff. Von da an ging es nur noch bergauf. Sie liess das letzte Dorf hinter sich und tauchte in den Wald ein, durch den sich die Strasse schlängelte.

Eine herrliche Gegend. Und so still.

Der Gedanke war kaum zu Ende gedacht, da hallte ein Geräusch wie ein Donnerschlag durch die Strassenschlucht. Von den Felsen zurückgeschleudert wurde es zu einem ohrenbetäubenden Lärm, der von überall her zu kommen schien.

„Was zum…?“ Emma sah der Reihe nach in den Innenspiegel, dann in die beiden Aussenspiegel. Nichts. Irritiert bog sie um die nächste Kurve. Immer wieder warf sie einen Blick in den Innenspiegel. Aber da war nichts. Sie war allein. Doch beim nächsten Blick in den Rückspiegel wäre ihr beinahe das Lenkrad aus der Hand gerutscht.

Er war aus dem Nichts gekommen. Und er fuhr ein rabenschwarzes Ungeheuer. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen. Das Visier des Helms war verdunkelt. Genauso wie alles andere an ihm ebenfalls dunkel war. Der Helm, die Lederkombi, die Stiefel, die Handschuhe.

Er scherte nach links aus, auf die Gegenfahrbahn. Dann drehte er erneut am Gas. Der Motor seiner Yamaha heulte auf und er verschwand hinter der nächsten Kurve.

Emma schluckte leer.

Motorradfahrer. Stimmt. Berge, Kurven, genau ihr Revier. Das hatte sie vergessen.

Wie leichtsinnig.

Ihr Puls beruhigte sich allmählich, während sie die Abzweigung auf der anderen Seite des Passes beinahe verpasst hätte. Grob trat sie auf die Bremse und bog ein. Einige Kilometer und Kurven weiter tauchte vor ihr eine erste Häusergruppe auf. Wie geheissen folgte sie der Strasse bis ins Dorfzentrum. Links und rechts der Strasse erhob sich eine gesunde Mischung aus traditionellen und modernen Bauten. Neben alten Steinhäusern reihten sich dunkle Holzchalets. Dazwischen gab eine Querstrasse den Blick auf einen modernen kleinen Bahnhof und ein dezentes Bürogebäude neueren Datums frei. Emma war fasziniert. So sehr, dass sie ihr Auto auf dem nächstbesten Parkplatz abstellte.

Staunend stieg sie aus. Sie kannte Bergdörfer. Natürlich. Aber jedes hatte seinen eigenen Charme. So auch dieses. Und dieser Charme wollte erkundet werden. Also schlenderte sie los. Vorbei an einer Konditorei mit anschliessendem Café. Sie konnte nicht widerstehen. Begeistert trat sie ein und setzte sich. Sie bestellte einen Cappuccino und sah sich um. Da entdeckte sie zwischen den Zimmerpflanzen eine schwarze Lederjacke. Sie hing über einem Stuhl, auf dem niemand sass. Ohne darüber nachzudenken regte Emma den Hals, um besser sehen zu können. Aber die Ecke schien leer. Ausserdem war der Raumtrenner zu hoch.

Was tat sie da eigentlich? Einem Möchtegern nachspionieren? Soweit kam‘s noch. Ausserdem war es bestimmt nicht derselbe. Schwarze Lederjacken gab es doch zuhauf. Und was interessiert es sie?

Emma trank ihren Kaffee aus und winkte die Kellnerin zu sich. Sie nutzte die Gelegenheit und versicherte sich bei der Kellnerin, dass ihr geplanter Weg der richtige war. Während Emma und die Kellnerin sich über die Landkarte beugten, trat ein grossgewachsener Mann mit hellbraunem, halblangem Haar aus dem Toilettenbereich. Er ging zu der Lederjacke und streifte sie sich über. Dann marschierte er zum Ausgang. Als er an der Bar vorüberging nickte er der älteren Dame dahinter zum Gruss zu. Diese verabschiedete sich mit einem breiten Grinsen.

Emma bekam davon nichts mit. Die Kellnerin ging und Emma erhob sich. Als sie ihre Handtasche schulterte, zuckte sie zusammen. Draussen heulte ein Motor auf.

Emma fuhr herum und erhaschte eben noch einen Blick auf das rote Rücklicht eines pechschwarzen Motorrades. Kopfschüttelnd, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen verliess sie das Café. Sie setzte sich in ihren roten Mini Cooper und nahm das letzte Streckenstück in Angriff.

Guten Mutes fuhr sie über das Gebirge, das sie von ihrem Ziel trennte. Doch je näher sie ihrem Bestimmungsort kam, desto seltsamer fühlte sie sich. Sie passierte die Anhöhe und fuhr hinunter ins Tal. Ein schmales, beengtes Tal. Links und rechts erhoben sich bedrohlich die Felsen. Unweigerlich fragte sich Emma, ob die Menschen hier jemals die Sonne zu Gesicht bekämen. Sie bezweifelte, dass dies der Ort sein sollte, an den Martin sie geschickt hatte. Ein Blick auf das Schild am Ortseingang erstickte ihre Zweifel aber sofort im Keim. Langsam fuhr sie weiter und sah aufmerksam durch die Frontscheibe, um die richtige Liegenschaft nicht zu verpassen. Doch sie gab die angestrengte Suche sogleich wieder auf. Es war hier kaum möglich, etwas zu verfehlen. Sie parkte ihr Auto und stieg aus. Skeptisch sah sie sich um. Hier sollte es also sein? Fantastisch. In diesem Schattenloch etwas zu verkaufen glich einem Sechser im Lotto. Da war die Villa ein Zuckerschlecken gewesen. Aber versprochen war versprochen. Sie wollte es sich zumindest ansehen. Doch zuerst brauchte sie etwas zu Essen. In Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit zog sie es zudem in Betracht, nicht wie geplant gleichentags zurückzufahren. Also musste eine Übernachtungsmöglichkeit her. Sie trat ins erstbeste Lokal ein. Und fand sich in einem rustikal eingerichteten Gastraum wieder. Der leer war.

„Hallo?“ Emma sah sich zögernd um. Dann wagte sie ein paar weitere Schritte. Hinter der Theke an der Wand entdeckte sie einige Schlüssel, die nummerierte Anhänger hatten. Ein potentielles Nachtlager also. Das war schon mal gut. Nur wo waren die Vermieter? Emma ging noch etwas weiter, wanderte die gesamte Gaststube ab und kam schliesslich durch einen Eingang in einen hellbeleuchteten Korridor. Am Ende des Wegs fand sich eine Tür mit der Aufschrift „Bar“. Emma drückte die Türklinke nieder. Entgegen ihrer Erwartung fand sie die Tür offen. Sie trat in einen weiteren Raum ein, der dem Geruch und der Optik nach zu urteilen eindeutig eine Art Pub darstellte. Und da fand sie auch die ersten Menschen. Einen an und einen hinter der Theke, welche den Raum dominierte. Die beiden unterhielten sich derart angeregt, dass sie Emmas Eintreten nicht bemerkten.

„Hallo?“ Emma trat näher. „Entschuldigung?“

Endlich sah die Frau hinter dem Thresen auf. Sie war schon etwas in die Jahre gekommen, wie die Bar auch. Emma sah sich die Frau an. Sie trug ihr Haar lang. Ursprünglich war es bestimmt einmal natürlich blond gewesen, jetzt leistete mit Sicherheit die Farbtube ihren Beitrag. Falten überzogen ein nach wie vor attraktives Gesicht, in dem zwei wache helle Augen sassen. Sie war kleiner als Emma und gut proportioniert.

„Die Bar ist noch geschlossen. Wir öffnen erst um sechs.“

„Tut mir leid. Das wusste ich nicht. Beim Gasthof war die Tür offen, da dachte ich, Sie hätten geöffnet.“

„Was den Gasthof anbelangt, trifft deine Annahme zu.“

„Aber da war niemand.“

„Tatsächlich?“ Die Frau wirkte ernsthaft erstaunt, während der Mann auf der anderen Thekenseite teilnahmslos ins Leere starrte. Emma warf auch einen kurzen Blick auf ihn. Gutaussehend. Dunkles Haar, dunkle Augen. Er musste etwa im gleichen Alter sein wie sie selbst.

„Mädchen? Bist du noch bei uns?“

„Bitte?“ Verwirrt sah Emma auf. Und errötete. Der Frau war Emmas Musterung des männlichen Anwesenden nicht entgangen.

Natürlich nicht.

„Schon gut. Komm her und setz dich. Zuerst was trinken, dann reden wir. Ich bin übrigens Martha. Aber so nennt mich hier eigentlich keiner.“

Seltsame Art sich vorzustellen. „Wie nennt man dich dann?“

„Mara.“

„Emma.“ Sie reichte Mara die Hand und schob sich dann auf einen der Barhocker.

„Der Schweigsame da ist Kevin.“ Mara deutete auf den Dunkelhaarigen.

Emma wagte kaum hinzusehen. Sie deutete nur ein leichtes Nicken an.

„Hier.“ Ohne Emmas Wunsch abzuwarten servierte ihr Mara eine bräunliche, dampfende Flüssigkeit. „Wir haben noch nicht geöffnet, also gibt’s auch kein Wunschkonzert. Gesundheit.“

Emma roch an der Flüssigkeit. „Ich habe doch noch gar nicht genossen.“

Da prustete der Mann namens Kevin los. Er hatte also die ganze Zeit zugehört.

Von wegen abwesend starren.

„Stadtkind, was? Woher?“

„Ist doch egal.“ Emma war beleidigt. Weshalb, wusste sie selbst nicht.

„Korrektur. Stadtzicke. Gesundheit bedeutet Prost, zum Wohl, Cheers, Santé…“

Emma sah genervt auf. „Ich habe verstanden, vielen Dank.“ Vorsichtig trank sie einen Schluck und musste sofort husten.

War ja wohl klar.

„Pfefferminztee und Zwetschgenschnaps.“ Mara lächelte Emma mütterlich an. „Was sucht ein Küken wie du denn hier?“

Emma wollte bereits zu einer Rechtfertigung ansetzen. Aber sie wurde unterbrochen. Von einem Geräusch, das ihr verdächtig bekannt vorkam. Motorengeheul. Mara und Kevin tauschten einen Blick. „Kann der Kerl keine Schilder lesen? Der Pass ist doch noch immer geschlossen.“

Resigniert warf Mara ihr Geschirrtuch in die Spüle. Kevin zog eine Zigarette aus dem Päckchen vor sich und trat zusammen mit Mara an die Tür der Bar. Kevin ging nach draussen, während Mara die Tür nur aufhielt und im Durchgang stehen blieb. Emma konnte nur schwer an Mara vorbeischauen. Doch sie erhaschte einen kurzen Blick auf ein Motorrad, das auf der gegenüberliegenden Strassenseite stand. Dann schienen da noch Gliedmassen und ein Oberkörper zu sein. Alles war in schwarz gehalten.

Das konnte einfach nicht wahr sein.

Ob sie wollte oder nicht, Emma hatte ihren Puls nicht mehr im Griff.

Sie versuchte den letzten Baustein zum vollständigen Körper zu erkennen, doch der Kopf war verdeckt. Kevin stand im Weg.

Eine ganze Weile sprach niemand ein Wort.

Schliesslich fand Mara die Sprache wieder. „Brat mir doch einer einen Gaul. Wo kommst du denn auf einmal her?“

Wie jetzt, die kannten den Typen, der da so lässig an seinem Motorrad lehnte? Der, der sie schon die längste Zeit zu verfolgen schien?

„Was willst du hier?“ Das war Kevin. Und er klang keineswegs erfreut. „Verschwinde.“ Er schnippte die Zigarette auf die Strasse. Er hatte kaum zwei Züge genommen. Dann wandte er sich ab und ging davon. Durch das gefärbte Fensterglas konnte Emma seine Umrisse erkennen. Und dass Kevin sich entfernte.

Wenn er ging…

Sofort richtete Emma den Blick wieder dorthin, wo vorhin Kevin gestanden hatte. Jetzt war die Sicht frei. Ein durchaus netter Anblick. Es wäre schade gewesen, wenn er ihr noch länger verborgen geblieben wäre.

Hellbraunes, halblanges, vom Helm verwuscheltes Haar. Die Augenfarbe konnte sie nicht erkennen. Stattdessen liess der Sitz der Lederkombi einen gut definierten Körper erahnen. Belustigt registrierte Emma, dass es ein Kleidungsstück gab, das nicht schwarz war. Um den Hals trug er ein leuchtendrotes Tuch. Mit Edelweissaufdrucken. Das musste Emma nicht sehen, das wusste sie. Denn sie kannte diese Tücher. Man fand sie in der Schweiz vor allem in Souvenirshops. Und in ihrem Kleiderschrank.

Emmas Verfolger sah Kevin wortlos nach. Dann hatte Mara seine Aufmerksamkeit.

„Kevin hat Recht. Hier aufzutauchen war eine blöde Idee.“ Er legte die Hand auf den Helm, der neben ihm am Lenker hing.

„Wag es nicht, diesen Helm aufzusetzen und dich wieder aus dem Staub zu machen. Nicht, bevor du deine Mutter besucht hast.“

Er zog den Helm vom Lenker.

„Wann hast du sie das letzte Mal gesehen?“

Er drehte die Öffnung des Helms nach oben, damit er hineinschlüpfen konnte.

„Du fehlst ihr.“

Es war nur kurz, doch Emma konnte sehen, wie er zögerte. Dann stülpte er den Helm über den Kopf. Er griff nach dem Lenker, schwang sein rechtes Bein in einer fliessenden Bewegung über das Motorrad, richtete es mit dem Schwung gleichzeitig in eine gerade Position, drehte den Zündschlüssel, zog die Kupplung und bediente den Startknopf. Das Motorrad schnurrte wie eine Katze. Er legte den Gang ein und war verschwunden.

Mara atmete schwer ein. Als sie sich umdrehte, stand ihr das Bedauern ins Gesicht geschrieben. „Fünf Jahre ist’s her. Fünf lange Jahre…“ Mara wurde jäh unterbrochen. Über ihnen polterte es. Das Poltern zog sich weiter auf die andere Seite des Gebäudes, bis es im Erdgeschoss ankam. Dann flog die Tür auf, durch die zuvor Emma eingetreten war.

Eine abgehetzt wirkende Brünette stürmte in die Bar. Noch bevor sie Mara lokalisierte und bemerkte, dass jene nicht alleine war, rief sie laut aus: „War er das? Ist er das gewesen? Mara?“ Sie rannte schier an die Theke, griff nach Maras Händen und zog sie zu sich, um sich ihrer Aufmerksamkeit sicher zu sein. „Mara, war das wirklich Ben? Oder habe ich geträumt?“

Die Falten um Maras Mundwinkel vertieften sich. Sie schien sich beherrschen zu müssen. Fasziniert beobachtete Emma die Seifenoper, von der sie offensichtlich gerade Zeugin wurde.

„Ja, Liss, er war’s. Und jetzt ist er wieder weg. Genauso wie dein Verlobter. Nur so nebenbei.“

Autsch.

Liss machte grosse Augen. „Kevin war hier? Hat er ihn gesehen?“

„Was glaubst du, warum Kevin gegangen ist?“ Mara entzog Liss ihre Hände und griff nach dem Geschirrtuch. Damit wischte sie kräftig über die Theke, obwohl diese längst spiegelsauber war. Dann hielt sie inne und sah auf.

„Liss?“

Erwartungsvoll schaute Liss zu Mara. „Ja?“

„Wir haben einen Gast.“

Enttäuscht lenkte Liss ihre Aufmerksamkeit auf Emma. Emma wurde mulmig zumute.

Können Blicke wirklich nicht töten?

„Sie wünschen?“

Emma schluckte. „Nun, eigentlich ein Bett und etwas zu essen, aber der hier“, sie zeigte auf das Getränk vor sich, „hat im Moment ausgereicht.“ An Liss vorbei suchte Emma Maras Augen. „Wie viel schulde ich dir dafür?“

Mara nickte leicht. „Lass gut sein.“ Und an Liss gewandt fügte sie hinzu: „Liss, zeig ihr Zimmer 3. Das ist frisch gemacht.“ Dann sah sie wieder zu Emma. „50 die Nacht, Frühstück inklusive. Wenn du noch was zu Essen möchtest, dann sagst du Bescheid. Okay?“

Emma mochte diesen Verschnitt einer Altrockerin. „Hervorragend. Vielen Dank.“

Damit erhob sie sich und beeilte sich Liss zu folgen, die beleidigt davon zog.

 

Zurück im Restaurant trat Liss hinter die Theke und reichte Emma einen Zimmerschlüssel. Mürrisch fügte sie an: „Hinter mir die Treppe rauf, die nächste Treppe rechts, durch die Tür. Das erste Zimmer auf der rechten Seite ist Ihres.“ Noch während sie sprach senkte sie den Blick auf den Thresen vor sich, auf die Zeitschrift, die dort lag. Weitere Fragen waren wohl nicht erwünscht. Leider aber notwendig.

Emma drehte unsicher den Schlüssel in ihrer Hand. „Ich will ja nicht aufdringlich wirken, aber wie komme ich denn nach Hinten zu der Treppe?“

Wie ein genervter Teenager rollte Liss nur die Augen von der Zeitschrift hoch zu Emma. Den Kopf hielt sie gesenkt. Emma fühlte sich an den Exorzisten erinnert.

„Entweder hinter mir durch oder aussen rum.“

Emma haderte nicht lange mit ihrer Entscheidung. Flugs schnappte sie ihre Tasche, zog den Autoschlüssel raus und wandte sich dem Ausgang zu. Auf halben Weg drehte sie sich noch einmal um. Einfach, weil es ihr Spass machte, Liss noch ein wenig zu ärgern.

„Ich hätte da noch eine Frage.“

Nach Liss‘ Blick zu urteilen, würde sie im nächsten Augenblick wie ein Stier schnauben.

Emma kicherte innerlich.

„Ich bin auf der Suche nach dem Haus der Familie Reich. Können Sie mir da helfen?“

Auf einmal veränderte sich die unterkühlte Stimmung grundlegend. Von einer Sekunde auf die andere waren der Trotz und der ungeduldige Ärger, den Liss nicht verbergen konnte oder wollte, aus ihrer Haltung und aus ihren Gesichtszügen verschwunden. Interessiert beugte sie sich vor. Erstaunt registrierte Emma, dass ihre Gastgeberin mit gesenkter Stimme zu sprechen begann.

„Das Haus der Reichs? Was wollen sie von denen?“

Emma trat unweigerlich wieder etwas näher. Irgendwie kam sie sich kindisch vor. Was sollte diese Geheimnistuerei? Sie waren vollkommen alleine im Raum. Und es handelte sich um ein Haus. Ein stinknormales Haus. „Ein Freund hat mir gesagt, ich soll es mir mal ansehen.“

Skeptisch kniff Liss die Augen zusammen. „Warum?“

„Ich bin Immobilienmaklerin.“

Jetzt riss sie die Augen wieder auf. „Immobilienmaklerin? Und Sie interessieren sich für diese Bruchbude?“

„Eine Bruchbude? Nun, das will ich mir lieber mal selbst ansehen und mir mein eigenes Urteil darüber bilden. Aber Sie scheinen zumindest zu wissen, wo es sich befindet?“

Emma wusste es auch. Zumindest soweit Martin es ihr auf der Landkarte gezeigt hatte.

Liss schien kurz zu überlegen, ob sie Emma ihr Wissen anvertrauen sollte. Dann hob sie die Hand und zeigte in Richtung Dorfzentrum. „Folgen Sie der Strasse. An der Kreuzung geht’s geradeaus weiter. Immer weiter den Kurven folgen, bis Sie am linken Strassenrand einen verwitterten Briefkasten entdecken. Ein paar Meter weiter führt ein Weg zum Grundstück. Es liegt ziemlich abseits. Gehen Sie also besser nicht mehr jetzt, sondern morgenfrüh. Und passen Sie auf, dass Sie den Abzweiger nicht verfehlen, es ist alles ziemlich verwildert.“

„In Ordnung, danke.“ Das wurde ja immer noch geheimnisvoller. Emma spürte ein Prickeln der Spannung in den Fingerspitzen. Sie konnte kaum erwarten, Martins Familiensitz zu erkunden. Jetzt, da sie derart seltsame Reaktionen auf dessen Erwähnung erlebt hatte, steigerte sich ihr Interesse nur noch weiter. Emma ergriff gerade die Türklinke, als sie Liss‘ Stimme erneut vernahm.

„Sie wissen aber schon um das seltsame Schicksal der Familie, oder?“

Emma zögerte. Dann drehte sie sich langsam um. „Sagen wir, dieser Freund hat etwas darüber verlauten lassen. Warum?“ Falsche Frage. Liss‘ Gesicht leuchtete förmlich auf. Dabei war Emma doch so müde. Und morgen wollte sie früh los, um sich ihr eigenes Bild von der Sache zu machen. So wie es aussah, hatte Liss aber andere Pläne. Emma wünschte sich die schweigsame und mürrische Variante der Brünetten zurück.

„Kommen Sie. Setzen Sie sich.“ Unaufgefordert zapfte Liss zwei Bier und stellte sie auf dem dominantesten Tisch im Raum ab. Er war robust gezimmert, rund und von einer Holzbank umgeben. Auf der Mitte stand ein grosser Aschenbecher mit der Aufschrift ‚Stammtisch‘. So schnell konnte es also gehen. Erst zum Teufel gewünscht, dann am Stammtisch. Seufzend schob sich Emma auf die Bank und prostete Liss zu. Diese tat es ihr gleich. Dann senkte Liss vertrauensvoll den Kopf und begann mit düsterer Miene zu erzählen.

Auf einmal nahm Emma den Wind wahr, der draussen um die Hausecken pfiff und das Gebälk zum Knarren brachte. War dieser Wind vorhin schon dagewesen?

Plötzlich hörte sie laut und deutlich das Knacken im alten Holz und hie und da ein Rascheln.

Lächerlich. Vollkommen lächerlich.

Dennoch fröstelte Emma. Und ehe sie sich‘s versah, steckte sie inmitten von Liss‘ Geschichte.

 

Unscheinbar
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